Ausgewählte Kinos in Hannover

Hier wird die Geschichte ausgewählter hannoverscher Kinos näher beleuchtet. Zur Zeit sind zu folgenden Kinos Informationen abrufbar:

Weltspiele (1924-1992)

Palast-Theater (1948-2003)

Theater am Thielenplatz (Filmstudio am Thielenplatz) (1953 – (2002?)


Einige hannoversche Kinos, die es heute noch gibt, bieten auf ihren Internetseiten auch Informationen zu Ihrer Geschichte an:

Apollo, Limmerstraße 50, 30451 Hannover

Kino im Künstlerhaus, Sophienstraße 2, 30159 Hannover

Hochhaus-Lichtspiele, Goseriede 9,30159 Hannover


Vor der Zerstörung

Palast-Theater (1948-2003)Das Filmtheater Weltspiele wurde im Jahr 1924 in der Georgsstraße in einem eigens errichteten Gebäude eröffnet. Schon in den zwanziger Jahren wurden hier zahlreiche große Stummfilme erstaufgeführt. Die Premieren wurden durch Gastspiele damals populärer Schauspieler wie z. B. Henny Porten bereichert.

Seit Beginn der Tonfilmära führte das Kino hauptsächlich ausländische Filme auf und blieb einer der wichtigsten Filmtheater Hannovers. In den dreißiger Jahren folgte ein erster Umbau des Gebäudes: der Eingang wurde verlegt und es wurde eine große Lichtreklame angebracht.

Seit 1936 war das Theater im Besitz der UFA, die es wiederum renovierte und die aktuellen deutschen und ausländischen Spielfilme zeigte. Der erste deutsche Farbfilm Frauen sind doch bessere Diplomaten erreichte eine Zuschauerzahl von fast 250.000. Im letzten Spieljahr vor ihrer Zerstörung durch den Bombenangriff vom 9. Oktober 1943 hatten die Weltspiele über eine Million Besucher.

Wiedereröffnung nach dem Krieg

Zur Wiedereröffnung der Weltspiele schrieben die Hannoverschen Neuesten Nachrichten:

Seit langem klagt der Filmbesucher in Hannover darüber, dass langerwartete neue Filme so spät in die Landeshauptstadt kommen. Beachtenswerte Neuerscheinungen sind oftmals bereits lange an anderen Orten diskutiert worden, ehe sich der Filmfreund in Hannover selber ein Urteil bilden kann. Jetzt soll dieser Zustand, der durch die geringe Zahl der Filmkopien und durch die Zerstörung der ehemaligen großen hannoverschen Lichtspielhäuser veranlasst wurde, gebessert werden.

Die Weltspiele wurden als drittes hannoversches Großkino (nach dem Capitol und der Schauburg Linden) am 24. März 1949 wiedereröffnet. Das Gebäude wurde in nur fünfeinhalb Monaten Bauzeit wiedererrichtet und vom neuen Direktor Billerbeck mit dem US-Film Clara Schumanns große Liebe eingeweiht.

Das Kino bot nunmehr Platz für 1160 Zuschauer und war damit das größte Hannovers. Die Hannoversche Allgemeine berichtete:

Die technischen Einrichtungen, nämlich die Projektionsapparate der Firma Bauer, Stuttgart, und die Klangfilmverstärker- und Lautsprecherkombinationen, System Eurodyn, sind das Modernste, was es auf diesem Gebiet gibt. Auch Entlüftung und Luftbeheizung entsprechen allen Anforderungen. Einige musikalische Proben bewiesen, dass auch die Akustik einwandfrei und wundervoll warme Klangwirkungen gewährleistet.

Es gab die ganze Woche hindurch fünf Vorstellungen pro Tag, und zwar um 11 Uhr, 13.15 Uhr, 15.45 Uhr, 18.15 Uhr und 20.45 Uhr.

Die fünfziger Jahre

In den fünfziger Jahren erlebten die Weltspiele ihre Blütezeit als Erst- und Uraufführungstheater. Zahlreiche Uraufführungen deutscher Unterhaltungsfilme wie Der Theodor im FußballtorDie CzardasfürstinBlaubart u.a. fanden hier im Beisein der Hauptdarsteller und unter großem Zuschauerandrang statt. In seinen besten Zeiten beschäftigte das Kino 22 Platzanweiserinnen, fünf Kassiererinnen, vier Vorführer, zwei Portiers und einen Pagen in Uniform.

Die Uraufführungen wurden von der Kinoleitung durch sogenannte Premierenbücher dokumentiert, die einen Eindruck vom Starrummel und der Begeisterung während dieser Erstvorstellungen vermitteln. Auf der Seite Eine Premiere in den 50ern wird mit Hilfe eines solchen Premierenbuches die „Welturaufführung“ des Films Schlagerparade näher betrachtet.

Im Sommer 1954 wurde das Kino für drei Wochen geschlossen und nochmals gründlich modernisiert. Neben der Bühne wurde auch der gesamte Innenraum erneuert.

Wenn sich jetzt der neue Vorhang aus stahlblauem Brokat öffnet, wird eine Breitbildspielwand sichtbar, die für alle Breitspielfilme, kurzum für die neuzeitliche Stereophonie, geeignet ist. Die Bildwand wurde von 9 Meter auf 13 Meter verbreitert. Mit der Bühnenumgestaltung wurde selbstverständlich auch die Tonanlage erneuert […].

(Hannoversche Allgemeine, 14.7.1954)


Ende der großen Zeit

Mit dem Siegeszug des Fernsehens war auch die große Zeit der Weltspiele vorbei. Im März 1969 blickte die Hannoversche Allgemeine zwar noch positiv auf das zwanzigjährige Bestehen der neuen Weltspiele zurück („Der Erfolg hat ihnen recht gegeben.“).

Doch die Existenz des Kinos war spätestens seit 1975 bedroht, nachdem der auf 25 Jahre befristete Mietvertrag der Billerbeck-Filmtheaterbetriebe mit dem Eigentümer des Gebäudes ausgelaufen war und dieser es an die Kaufhauskette Woolworth verkauft hatte. Woolworth, so die HAZ vom 22.1.1975, „hat das Grundstück zwischen Georg-, Kleiner Packhof- und Heiligerstraße von der Erbengemeinschaft Sasse erworben, um die relativ bescheidene hannoversche Filiale vergrößert in den Konkurrenzkampf mit den anderen Kaufhaus-Giganten zu schicken.“ Eine Einbeziehung eines Kinos in den Neubau schloss Woolworth aus.

Diese Entwicklung wurde sowohl von den Billerbeck-Betrieben, die im mit 1101 Plätzen größten Kino Niedersachsens immer noch „überdimensional lange Besucherschlangen“ erzielen konnte, als auch von den hannoverschen Stadtplanern mit großer Sorge betrachtet: „Im Innenstadtkern gebe es bereits Kaufhäuser genug.“

Zwar ließ die Erweiterung des Woolworth-Kaufhauses auf sich warten, aber auch andere Faktoren trugen zum Niedergang der Weltspiele bei. Nachdem Billerbeck das Kino 1980 an den Hamburger Kinozaren Heinz Riech übergeben hatte und sich auf das erst 1974 eröffnete Gloria-Center konzentrierte, verkamen die Räumlichkeiten mangels Investitionen zusehends. So vermeldete die HAZ am 1.8.1987, das Kino steuere „sichtlich aufs Ende zu“:

Jetzt bröckelt sein Glanz ab wie der Putz an der haushohen Saaldecke, die in ihren vier Fassungen nur noch eine funktionierende Tausendwattbirne trägt, und der Goldrahmen um die Riesenleinwand weist sehr symbolische Risse auf.

Die Belegschaft war auf vier Mitarbeiter – eine Kartenabreißerin, ein Vorführer, eine Kassiererin und eine Süßwarenverkäuferin – geschrumpft. Diese waren verantwortlich für den großen Hauptsaal und die zwei anderen kleinen Säle (74 und 136 Plätze).


Schließung

1991 wurden die Pläne des Woolworth-Konzerns vom Bauordnungsamt der Stadt Hannover genehmigt, das Weltspiele-Gebäude abzureißen und einen Erweiterungsbau für die Innenstadt-Filiale zu errichten. Das Stadtplanungsamt hatte zwei Jahre lang vergeblich versucht, den Konzern dazu zu bewegen, im neuen Gebäude auch ein Kino einzuplanen. „Zur Belebung der Innenstadt haben wir ja jetzt das Cinemaxx“, lautete die Begründung für das Umdenken der Stadt laut HAZ vom 2.4.1991.

Die Weltspiele als Kino mussten im Sommer 1992 endgültig schließen, nachdem zunächst von einer vorübergehenden Sommerpause aufgrund des Zuschauerschwunds durch die Fußball-Europameisterschaft und die Olympischen Spiele die Rede gewesen war.

Der Abriss des Gebäudes ließ auch jetzt noch auf sich warten: die Weltspiele machten noch einige Zeit als Techno-Location von sich reden. Erst 1994 (?) errichtete Woolworth sein neues Gebäude, aus dem es sich 2002 aus Rentabilitätsgründen zurückziehen musste.

Premiere am 3.11.1953
Oberes Foyer 1951 (Bildquelle: Filmwoche 46/1951)
Palast-Filmtheater 1952 (Bildquelle: Filmblätter 15/1952)
Palast-Filmtheater 1952 (Bildquelle: Filmblätter 15/1952)

Das Palast-Theater wurde Anfang der zwanziger Jahre unter dem Namen Palast-Lichtspiele gegründet. Nachdem es im 2. Weltkrieg zerstört worden war, wurde das Kino vom Unternehmer Friedrich Mehmel wieder aufgebaut und am 21.2.1948 mit dem Jugert-Film Film ohne Titel wiedereröffnet.

In der Folge avancierte das Palast-Theater mit seinen 1000 Sitzplätzen neben den Weltspielen zum bedeutendsten Premierenkino Hannovers. Zu den Uraufführungsfeiern der fünfziger Jahre erschienen Stars wie Paul Hörbiger, Olga Tschechowa, Grethe Weiser und Willy Birgel.

Schon in den ersten Jahren nach der Wiedereröffnung wurden die Räumlichkeiten mehrfach renoviert. Die Hannoversche Allgemeine berichtete am 25.7.1951:

In warmem, leuchtendem Rot zeigt sich der Zuschauerraum, der Bühnenrahmen ist in sattem Rot und Silber gehalten, und die Decke, die eine Einfassung bekommen hat, ist gleichmäßig in einem sanften Grau getönt. Auch die Vor- und Nebenräume haben ein neues, freundlicheres Gesicht erhalten. Die Eingangshalle mit den Kassenschaltern wurde mit Marmorplatten ausgekleidet. Besonders vorteilhaft hat sich das Foyer im Erdgeschoss verändert. Helles, mildes Licht strömt aus unsichtbar montierten Leuchtstofflampen und unterstreicht den Kontrast zwischen den beigefarbenen Wänden und den dunkelroten Kunststoffplatten der vergrößerten Garderobe aufs beste. Ein kleines Schmuckstück für sich ist ein schwungvoll geformter kaffeebohnenförmiger Verkaufstresen, der sich dem Raum mit unaufdringlicher Eleganz anschmiegt.

Fünf Jahre später folgten weitere Modernisierungen: eine Cinemascope-Breitwand, neue Projektoren und eine Vier-Kanal-Magnet-Tonanlage wurden installiert. Am 27.7.1956 wurde das Kino, dessen Zuschauerraum und Bühne außerdem einen neuen Anstrich erhalten hatten, mit dem Film König der Safari wiedereröffnet.

Ende der fünfziger Jahre besaß der Palast einen großen Saal mit Balkon (852 Plätze) und ein Kinderkino „Prinzess“ (47 Plätze). 1960 wurden Foyer und Kassenhalle erneuert und die Großbildleinwand um drei Meter nach hinten verlegt.

Das Kinosterben der sechziger und siebziger Jahre überlebte das Palast-Theater zwar, doch war auch seine große Zeit vorbei. Im März 1972 berichtete die Neue Hannoversche Presse über die Kassiererin Marie Faßbender, die schon seit 1948 zur Belegschaft des Kino gehörte:

18 Theaterleiter hat sie inzwischen überlebt oder überdauert – manchmal tauscht sie mit einer ehemaligen Kollegin an deren Käsestand in der Markthalle Erinnerungen aus. Zum Beispiel an den liebenswürdigen Gustav Fröhlich, der zur Uraufführung seiner im Bahnhofsbunker gedrehten Wege im Zwielicht gekommen war oder an Otto Gebühr, hochgeehrten ständigen Gast des Hauses.
Erinnerungen an das Schwarzwaldmädel, zu dessen Start das ganze Personal die Besucher – „Das sind die Menschen, die uns das Brot bringen!“ – in Tracht begrüßte.

Nach dem Tod Friedrich Mehmels wurde das Kino 1981 an die Ufa-Theater-AG des Hamburger Filmkaufmanns Heinz Riech verkauft. Die HAZ schrieb dazu am 9.9.1981:

Das traditionsreiche Haus ist jetzt Teil des bundesweit mehr als 200 Kinos zählenden Imperiums, das der Hamburger Geschäftsmann Heinz Riech in den letzten zehn Jahren aufgebaut hat. In Hannover herrscht Riech damit über 24 Kinos, darunter sämtliche Erstaufführungstheater.
Wie ein Sprecher des Hamburger Unternehmens auf Anfrage mitteilte, seien im Moment weder Pläne aktuell, den großen Saal des Palast-Theaters nach dem Vorbild vieler anderer Riech-Kinos in mehrere kleine Spielstätten aufzuteilen, noch beabsichtige man, die bestehende Programmkonzeption des Hauses als „Familienkino“ ohne allzu ausgeprägtes Sex-and-Crime-Angebot zu verändern.

Nachdem Riech das Kino zunächst in einen großen Saal mit 886 Plätzen und einen kleinen Raum mit 96 Plätzen aufgeteilt hatte, wurde es durch einen weiteren Umbau 1982-1984 entgegen früherer Aussagen in ein 12 Einzelsäle umfassendes „Schachtelkino“ umgewandelt.

In den achtziger und neunziger Jahren gab es immer wieder Gerüchte bezüglich des Palast-Theaters, die sich schließlich nicht bestätigten: Im April 1983 meldete die HAZ, im Kino schließe sich „endgültig der Vorhang“, weil die Ufa ihr Kino-Imperium aufgrund sinkender Umsatzzahlen verkleinern wolle.

Der Umsatzrückgang in der Branche wird indessen für 1982 auf 20 bis 25 Prozent geschätzt, der Videomarkt spielt eine Rolle. Davon ist auch Riechs Monopol nicht verschont geblieben.

Das Schließungsgerücht bewahrheitete sich ebensowenig wie die Ankündigung der Ufa vom Juli 1993, das Palast-Theater solle „völlig umgewandelt und modernisiert“ werden (HAZ, 27.7.1993):

Nur die Fassade solle erhalten bleiben. Der hintere Teil des Gebäudes werde abgerissen oder „entkernt“. […] Mit der beabsichtigten Umwandlung reagiert die UFA-Kette nun offensichtlich auf die veränderte Kinolandschaft. Obwohl [die Pressesprecherin der Ufa] Tanja Güß keine Besucherzahlen nennen wollte, ist auch für sie das Konzept des Schachtelkinos tot. Kinogänger verlangten heute einfach mehr Komfort und größere Leinwände.

Im April 1998 wurde der Palast 50 Jahre alt. Die HAZ vom 17.4.1998 berichtete:

Kino acht. Die Treppe hoch. Den Gang entlang. Links um die Ecke. Gradlinig verläuft hier kaum ein Weg ins Kino. Die Holzdielen knarren. Der Teppich ist nicht mehr der neueste. Für die einen ist es Flair, für die anderen Muff. Trotzdem: Das Palast-Kino in der Bahnhofstraße wird am Montag 50 Jahre alt, und neben all den Multiplex-Theatern ist es eines der Raritäten-Kinos, die übriggeblieben sind. Keine Leidensgeschichte über die „armen, alten Kinos“. Denn sie haben durchaus ihre Vorteile und fangen an, sie im Kampf um die Quoten zu benutzen.
Wenn die Filme aus den großen Kinos längst von der Rolle sind, sind sie meist im Palast noch zu sehen. In den kleineren Sälen rentiert es sich eher, einen Film weiter zu zeigen. Bestes Beispiel: Romeo und Julia lief noch neun Monate länger im Palast als in den Multiplex-Kinos. Dann kommen nicht nur die Leute, die dort den Film verpasst haben, sondern auch Leute wie die 16jährige Beate Chwalewitz, die noch etwas anderes am Palast schätzen: „Das Kino hat einfach mehr Ambiente und Flair.“

Die Zuversicht der Kinoleitung spiegelte sich auch in Investitionen wieder:

Die Renovierungsarbeiten im Palast gehen weiter: Im vergangenen Jahr wurden das Foyer für rund 50.000 Mark aufgemöbelt und der Service verbessert. Zusätzlich rekrutierte Theaterleiter Joachim Schumann einen Festangestellten und vier Aushilfskräfte. Sein vorrangiges Ziel: das Theater in den schwarzen Zahlen zu halten.

Mit der Eröffnung weiterer Multiplex-Kinos in der hannoverschen City sowie in Langenhagen und Garbsen erwuchs dem Palast-Theater in den folgenden Jahren neue Konkurrenz.

Im Jahr 2002 musste die Ufa-Theater-AG, einst Marktführer in Deutschland, Insolvenz anmelden. Das Palast-Theater wurde schon 2001 von der benachbarten Textilkette Olymp & Hades gekauft und schließlich mit der letzten Vorstellung am 18. Juni 2003 geschlossen. Cinemaxx-Chef Hans-Joachim Flebbe erinnerte sich in der HAZ:

Früher konnte man zum Palast noch Kino sagen. Es war immer spannend, in einen Film ab 16 zu gehen, wenn man erst 14 war.

Und wie schon vorher bei den Schließungen anderer Ufa-Kinos wurde das Inventar zum Verkauf angeboten:

Alles muss raus: Das Palast-Filmtheater, Bahnhofstraße 5, verkauft am Donnerstag und Freitag von 10 bis 18 Uhr alle Kinosessel. Die Stühle sind in verschiedenen Farben und Altersklassen erhältlich, die Preise liegen zwischen zwei und fünf Euro das Stück. Hilfreich ist es, Werkzeug mitzubringen. Das Personal ist bei der Demontage behilflich.

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