Film in den beiden deutschen Staaten der 50er und frühen 60er Jahren

Film in der BRD der 50er und frühen 60er Jahre

Filmproduktion nach den Gesetzen des Marktes

Detlef Endeward (11/2023 – aktuelisiert 01/2026)

Ab etwa 1950 lassen sich in Deutschland zwei unterschiedliche Filmkulturen unterscheiden. In der DDR, auf die an anderer Stelle eingegangen werden soll, setzte sich eine starke staatliche Kontrolle des Filmschaffens durch, die sich am Prinzip des „sozialistischen Realismus“ orientierte.

Demgegenüber waren die Produktionsbedingungen in der Bundesrepublik Deutschland im Wesentlichen durch die Gesetze des Marktes bestimmt. Staatliche Einflussnahme erfolgte vor allem indirekt, etwa durch Finanzierungshilfen und Kredite (1. Bürgschaftsaktion 1950, 2. Bürgschaftsaktion 1953, ab 1955 ein Prämiensystem). Diese Förderinstrumente orientierten sich an erwarteten oder bereits erzielten Einspielergebnissen und Gewinnen. Hinzu kamen Landesbürgschaften; bis 1955 wurde etwa ein Drittel der Filme mit Bundesbürgschaften produziert.

Mit dem UFI-Entflechtungsgesetz von 1953 kam es zur Gründung der Bavaria Filmkunst AG, der Universum Film AG und der UFA-Theater AG. Zwei dieser Unternehmen (Bavaria und Universum) gingen 1962 in Konkurs. Ab 1949 löste die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) die alliierte Zensur ab, 1951 nahm die Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW) ihre Arbeit auf. Ebenfalls seit 1951 finden jährlich die Berlinale sowie die Verleihung des Bundesfilmpreises statt.

Übergangsphase und wirtschaftliche Rahmenbedingungen

In einer Übergangsphase, die mit der Währungsreform im Juni 1948 begann und etwa bis 1950 dauerte, erlitt die westdeutsche Filmwirtschaft zunächst einen erheblichen Einbruch. Die neue Deutsche Mark war knapp, ein Kinobesuch für den Durchschnittsbürger gut zu überlegen, und auch die Beschaffung von Produktionsfinanzierungen gestaltete sich schwierig. Gleichzeitig wuchs jedoch der Wunsch, mit Film wieder Geld zu verdienen.

Der westdeutsche Film hatte zu diesem Zeitpunkt jedoch noch keine Themen gefunden, mit denen er eine ernsthafte Konkurrenz zu den attraktiven ausländischen – insbesondere amerikanischen – Produktionen hätte darstellen können. Ab Beginn der 1950er Jahre stabilisierte sich die Filmwirtschaft allmählich. Die Besucherzahlen, die nach der Währungsreform drastisch gesunken waren, stiegen wieder deutlich an: 1951 wurden 555 Millionen Kinobesuche gezählt, 1957 bereits 817 Millionen (zum Vergleich: 1983 waren es nur noch 127 Millionen).

Auch die Produktionszahlen nahmen zu. Bereits 1954 entstanden wieder über 142 westdeutsche Spielfilme. Produziert wurde vor allem das, was nach Einschätzung der Produzenten auf breite Publikumsresonanz hoffen ließ.

Themen und Leitmotive der frühen 1950er Jahre

Ein Blick auf die bundesdeutsche Spielfilmproduktion der Jahre 1950 bis 1955 – insbesondere auf die kommerziell erfolgreichen Filme – zeigt eine klare thematische Ausrichtung. Charakteristisch waren:

  • die Darstellung einer „heilen Welt“ ohne Trümmer und Nachkriegselend
  • das weitgehende Ausblenden politischer Probleme
  • keine Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Krieg
  • Betonung von Sauberkeit, Ordnung und Hygiene
  • intakte Autoritäten bzw. deren Wiederherstellung
  • stabile „innere Werte“, die nicht durch Geld oder Beziehungen ersetzbar waren

Diese Bedürfnisse artikulierten sich vor allem in bestimmten Genres.

Zentrale Genres der frühen Bundesrepublik

Der Heimatfilm
Er bildete die erfolgreichste und prägendste Welle der 1950er Jahre und trug maßgeblich zur wirtschaftlichen Stabilisierung der Filmbranche bei. Beispiele sind:
Schwarzwaldmädel (Deppe, 1950; bis 1959 ca. 19 Mio. Zuschauer),
Grün ist die Heide (Deppe, 1951),
Wenn die Abendglocken läuten (A. Braun, 1951),
Der Förster vom Silberwald (Deppe, 1954; bis 1958 ca. 22 Mio. Zuschauer),
Die Trapp-Familie (Liebeneiner, 1956).
In diesem Bereich war der westdeutsche Film weitgehend vor ausländischer Konkurrenz geschützt.

Der Arzt- und Priesterfilm
Beispiele: Dr. Holl (Hansen, 1951), Die große Versuchung (Hansen, 1952),
Sauerbruch – Das war mein Leben (Hansen, 1954), Die Landärztin (May, 1958)
sowie Priesterfilme wie Nachtwache (Braun, 1949) oder Der Kaplan von San Lorenzo (Ucicky, 1953).

Musikfilm / Schlagerfilm (Revuefilm)
Beispiele hierfür sind Sensation in San Remo (Jacoby, 1951), Die Czardasfürstin (Jacoby, 1951) und Die Dritte von rechts (V. Cziffra, 1950).

Der Familienfilm
Darunter Das doppelte Lottchen (Baky, 1950), Vater braucht eine Frau (Braun, 1952),
Wenn der Vater mit dem Sohne (Quest, 1955), Meine Kinder und ich (Schleif, 1955).

Öffnung der Tabus ab Mitte der 1950er Jahre

Ab Mitte der 1950er Jahre begannen sich die thematischen Tabus des westdeutschen Films allmählich aufzulösen. Nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Remilitarisierung der Bundesrepublik entstanden zunehmend Kriegsfilme. Der Zweite Weltkrieg und – indirekt – auch der Nationalsozialismus wurden wieder „kinofähig“.

Wichtige Beispiele dieses Genres sind:
08/15 (May, 1954), Canaris (Weidenmann, 1954),
Des Teufels General (Käutner, 1955), Haie und kleine Fische (Wisbar, 1957),
U 47 – Kapitänleutnant Prien (Rinl, 1958) sowie Die Brücke (Wicki, 1959).

Ästhetische und personelle Kontinuitäten

Inhaltlich wie formal knüpften viele Filme der frühen Bundesrepublik an Traditionen des Unterhaltungsfilms aus der Zeit des Nationalsozialismus an. Häufige Motive waren autoritäre Figuren, Dorf- und Heimatmilieus, Revuefilme, musikalische Lustspiele sowie Gesellschaftsfilme in gehobenen Kreisen.

Auch filmästhetisch setzte sich der UFA-Stil der 1930er und 1940er Jahre fort: eine glatt inszenierte Scheinrealität, Schnitt-Gegenschnitt-Technik, starre Einstellungen, Kulissen- und Atelierdominanz, ausgeprägte Theatralik und Starkult.

Risse im harmonischen Weltbild

Trotz der dominierenden harmonischen Familien- und Heimatwelt entstanden auch Gegenbilder. Die sogenannten Halbstarkenfilme thematisierten Generationskonflikte und Wertewandel, etwa Die Halbstarken (Tressler, 1956) oder Endstation Liebe (Tressler, 1957).

Ansätze zu offener Gesellschaftskritik finden sich in Filmen wie Das Mädchen Rosemarie (Thiele, 1958) sowie vor allem im Werk des filmpolitischen Außenseiters Wolfgang Staudte. Filme wie Der Untertan (1951), der in der Bundesrepublik bis 1957 verboten war, setzten sich ungewöhnlich kritisch mit der deutschen Vergangenheit auseinander. Weitere Beispiele sind Rosen für den Staatsanwalt (1959) und Kirmes (1960).

Daneben entstanden vereinzelt experimentelle Filme wie Nicht mehr fliehen (Vesely, 1955) oder Jonas (Domnick, 1957), die jedoch weitgehend folgenlos blieben und meist auf Unverständnis stießen.

Personelle Kontinuität vom NS-Film zur Bundesrepublik

Abschließend ist auf die bemerkenswerte personelle Kontinuität im deutschen Film hinzuweisen. Betrachtet man die am Filmschaffen beteiligten Personen, so gab es kaum einen Regisseur, Drehbuchautor oder Schauspieler aus der Zeit des Nationalsozialismus, der nicht bald wieder arbeiten konnte.

Beispiele sind Veit Harlan (Jud Süß, 1940; Kolberg, 1944), der ab 1950 wieder inszenierte, Wolfgang Liebeneiner (Bismarck, 1940; Ich klage an, 1941), der bereits 1949 mit Liebe 47 zurückkehrte, sowie Karl Ritter (Verräter, 1936; Stukas, 1941), der 1953 Staatsanwältin Corda drehte.

Film in der Weimarer Republik 1919 bis 1933

Film im Faschismus 1933 bis 1945

Film im Nachkriegsdeutschland 1945 bis 1950

Film in der BRD der 50er und frühen 60er Jahre

Film in der DDR der 50er und frühen 60er Jahre

Film in der BRD der 60er Jahre

Film in der DDR der 60er Jahre

Film in der BRD der 70er Jahre
Film in der DDR der 70er Jahre

Film in der BRD der 80er Jahre

Film in der DDR der 80er Jahre

Film nach der Wiedervereinigung 1990

Grundlagen

Die Beiträge zu Film in der BRD der 50er und frühen 60er Jahren sind auf der Grundlage der folgenden Arbeiten und Materialien erstellt worden:

Christa Bachmann/Joe Hembus: Klassiker des deutschen Tonfilms 1930-1960, München 1980

Peter Stettner: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die ‚Junge Film-Union‘ 1947 – 1952, Hildesheim 1992

Irmgard Wilharm: Bewegte Spuren. Studien zur Zeitgeschichte im Film. Hannover 2006

Lichtspielträume. Kino in Hannover 1896-1991. Hrsg. von der Gesellschaft für Filmstudien, Hannover 1991

Wir Wunderkinder. 100 Jahre Filmproduktion in Niedersachsen. Hrsg. von der Gesellschaft für Filmstudien. Hannover 1995

Firmennachlass der Junge Film-Union im Filminstitut Hannover

Firmennachlass der Filmaufbau GmbH Göttingen im Filminstitut Hannover

Auswahl, Zusammenstellung und Einordnung der Materialien: Detlef Endeward (2021ff)