Das ergibt für die Beschäftigung mit „80 Jahre Niedersachsen – Die Anfangsjahre nach 1945“ eine sinnvolle Dreifachperspektive. Entscheidend wäre, die drei Ebenen nicht einfach nebeneinanderzustellen, sondern ihre Wechselwirkungen sichtbar zu machen:
| Analyse- und Darstellungsebene | Leitfragen | Beispiele für die Anfangsjahre nach 1945 |
| 1. Geschichte Deutschlands in globalen Beziehungen | Welche internationalen und gesamtdeutschen Entwicklungen bestimmen den Rahmen? | Kriegsende und Besatzung; alliierte Deutschlandpolitik; Potsdamer Abkommen; Flucht und Vertreibung; beginnender Kalter Krieg; Bizone; Währungsreform; Gründung von BRD und DDR; Westintegration |
| 2. Landesgeschichte Niedersachsen | Wie wirken diese Entwicklungen auf das neu entstehende Land, und welche besonderen Strukturen prägen Niedersachsen? | Britische Besatzungszone; Gründung Niedersachsens 1946 aus Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe; Hinrich Wilhelm Kopf; Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen; Ernährung und Landwirtschaft; Demontagen und Wiederaufbau; politische und administrative Neuordnung |
| 3. Stadtgeschichte Hannover | Wie werden die großen politischen und gesellschaftlichen Prozesse im konkreten städtischen Raum erfahrbar? | Zerstörte Stadt; Wohnungsnot; Schwarzmarkt und Versorgung; Flüchtlinge und Heimkehrer; Wiederaufbau; Entnazifizierung; Wiederbeginn politischen und kulturellen Lebens; Verkehr und Stadtplanung; Hannover als künftige Landeshauptstadt |
Interessant wird das Raster aber erst durch die Bewegung zwischen den Ebenen. Die Stadtgeschichte Hannovers ist dann nicht die kleine lokale Ergänzung zur „großen Geschichte“. In Hannover lassen sich vielmehr Spuren globaler und nationaler Entwicklungen konkret beobachten: Einquartierungen verweisen auf Besatzungspolitik, Flüchtlingsunterkünfte auf die europäischen Folgen von Krieg und Grenzverschiebungen, Lebensmittelkarten auf die Nachkriegsökonomie, Entnazifizierungsakten auf alliierte Demokratisierungspolitik und der Wiederaufbau auf gesellschaftliche Zukunftsvorstellungen.
Umgekehrt lässt sich von Hannover aus fragen: Was sieht man anders, wenn man die Geschichte von unten bzw. vom konkreten Ort aus betrachtet? Die abstrakte Formulierung „Deutschland nach 1945“ zerfällt dann in sehr unterschiedliche Lebenswirklichkeiten.
Für das Konzept der Gesellschaftskompetenz und des Spurenlesens könnte deshalb eine vierte, quer zu den drei räumlichen Ebenen liegende Dimension wichtig sein:
Global/Deutschland ↔ Niedersachsen ↔ Hannover ↔ konkrete Spuren und Erfahrungen von Menschen
Damit ließe sich beispielsweise von einer einzelnen Fotografie, einem Film, einer Zeitung, einem Gebäude, einer Lebensmittelkarte oder einer Biografie ausgehen und schrittweise fragen:
Was sehe ich? → Was geschieht in Hannover? → Wie hängt es mit der Entwicklung Niedersachsens zusammen? → Welche deutschlandpolitischen und globalen Zusammenhänge werden darin sichtbar?
So würde „80 Jahre Niedersachsen“ nicht primär zu einer chronologischen Jubiläumsgeschichte, sondern zu einer mehrskaligen historischen Analyse, bei der dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Entfernungen betrachtet wird.