Regierung des Franz von Papen: Autoritäre Blockade und faschistische Option

Die Verschiebung der Machtarithmetik in der späten Weimarer Republik

Detlef Endeward (aktualisiert: 04/2026)

Die Regierung des Franz von Papen markierte einen entscheidenden Umschlagpunkt in der politischen Ökonomie der späten Weimarer Republik, an dem sich die Macht- und Einflussarithmetik innerhalb der herrschenden Klassen neu konfigurierte. Sie war Ausdruck einer sich verfestigenden Allianz zwischen Schwerindustrie und großagrarischen Interessen, die eine autoritär-korporatistische Krisenlösung anstrebten. Dieses Bündnis zielte auf Lohnsenkung, die Schwächung organisierter Arbeiterinteressen und eine stärker binnen- bzw. agrarisch orientierte Wirtschaftsstruktur, ohne dabei die Interessen exportorientierter Industriezweige vollständig zu gefährden (vgl. Stegmann 1978; Petzina 1978; Turner 1985; Flemming u.a.).

Gleichzeitig verlor die exportorientierte, stärker weltmarktabhängige Industrie erheblich an politischer Handlungsfähigkeit. Ihre eher auf internationale Kooperation, Währungsstabilisierung und Nachfragebelebung gerichteten Strategien waren unter den Bedingungen der Weltwirtschaftskrise und der innenpolitischen Polarisierung kaum durchsetzbar (vgl. Kolb 2002; Winkler 2010). Diese strukturelle Schwächung erzeugte ein politisches Machtvakuum, das durch die schwerindustriell-agrarische Fraktion gefüllt wurde.

Die Papen-Regierung fungierte dabei weniger als autonomer politischer Akteur denn als Instrument dieser dominanten Interessengruppen. Ihr fehlte jedoch eine tragfähige parlamentarische und gesellschaftliche Basis. Insbesondere die Sozialdemokratische Partei Deutschlands verweigerte jede Tolerierung, sodass eine gegen die organisierte Arbeiterklasse gerichtete Politik nicht auf legal-parlamentarischem Wege abgesichert werden konnte. Die autoritäre Krisenlösung blieb daher strukturell blockiert, da sie ohne Massenbasis nicht durchsetzbar war (vgl. Stegmann; Bracher 1974; Broszat 1981).

Vor diesem Hintergrund bemühte sich Papen, die selbständige Mittelschicht stärker in das herrschende Bündnis einzubinden. Diese durch die Krise besonders verunsicherte soziale Gruppe suchte nach politischer Repräsentation ihrer ökonomischen und kulturellen Interessen. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei hatte sich bereits als Sammelbecken solcher mittleren Schichten etabliert und verband antimarxistische mit antiliberalen Deutungsmustern (vgl. Falter 1991; Peukert 1987).

Im Verlauf des Jahres 1932 verschob sich die Machtarithmetik erneut: Bedeutende Teile der Industrie begannen, sich strategisch an der NSDAP zu orientieren. Diese Annäherung beruhte weniger auf vollständiger ideologischer Übereinstimmung als auf funktionalen Erwägungen. Die NSDAP erschien als jene politische Kraft, die bereit und fähig war, militant gegen Arbeiterparteien und Gewerkschaften vorzugehen und damit Aufgaben zu übernehmen, die das Präsidialregime Papens mangels gesellschaftlicher Verankerung nicht erfüllen konnte (vgl. Broszat 1981; Lüdtke 1984).

Damit schrumpfte die Differenz zwischen autoritärem und faschistischem Entwicklungsweg aus Sicht der industriellen und agrarischen Eliten erheblich. (Vgl. Lüdtge 1978) Beide Optionen zielten auf die Ausschaltung der Arbeiterbewegung und die Suspendierung demokratischer Verfahren; der faschistische Weg bot jedoch zusätzlich die entscheidende mobilisierende Massenbasis. Die Regierung Papen erscheint somit als Übergangsregime, das den Weg für eine radikalere, massenpolitisch fundierte Herrschaftsform bereitete, ohne selbst über die Mittel zu verfügen, diese vollständig zu realisieren (vgl. Winkler 2010; Broszat 1981).


Literatur (Auswahl)

  • Bracher, K. D. (1971): Die Auflösung der Weimarer Republik.
  • Broszat, M. (1981): Der Staat Hitlers.
  • Falter, J. W. (1991): Hitlers Wähler.
  • Kolb, E. (2002): Die Weimarer Republik.
  • Lüdtke, A. (1984): Polizei und politische Gewalt.
  • Petzina, D. (1978): Deutsche Wirtschaftsgeschichte 1918–1945.
  • Peukert, D. (1987): Die Weimarer Republik.
  • Stegmann, D. (1978): Studien zur Rolle der Schwerindustrie.
  • Turner, H. A. (1985): German Big Business and the Rise of Hitler.
  • Winkler, H. A. (2010): Der Weg in die Katastrophe.

Die Regierung von Papen war zugleich ein  Ausdruck der sich verändernden politischen Gewichte innerhalb der industriellen Klasse wie auch der Versuch, die schwerindustriell-
agrarische Krisenlösungsstrategie durchzusetzen ohne die anderen Industriebereiche zu schädigen – und dass ohne politische Massenbasis.(1) Die Regierung kam auf Grundlage
des Bündnisses von Schwerindustrie und Agrarwirtschaft bei gleichzeitiger politischer Handlungsunfähigkeit der Exportindustrie zustande.(2)

Mit einer Tolerierung ihrer Politik durch die SPD konnte die Regierung v. Papen nicht rechnen, was ihrer Handlungsfähigkeit Grenzen setzte. Eine gegen die organisierte Arbeiterklasse gerichtete Krisenlösungsstrategie ließ sich ohne Massenbasis nicht durchführen. (3) Durch die Einbindung der (selbständigen) Mittelkasse, bisher nur am Rande des „Bündnisverhandlung“ vertreten, sollte versucht werden, eine solche zu finden.

So fand im Lauf des Jahres 1932 bei bedeutenden Kreisen der Industrie eine stärkere Orientierung hin auf die NSDAP, in der mittständische Forderungen eine „politische Heimat“ gefunden hatten, statt. Die NSDAP bekam eine politische Funktion für die Krisenlösungsstrategien in Industrie, Agrarwirtschaft und (selbständigem) Mittelstand. Sie hatte sich ausgewiesen als eine Organisation, die Willens und in der Lage war, massiv und gewalttätig gegen die Arbeiterparteien und Gewerkschaften vorzugehen.

Detlef Endeward


Anmerkungen

  1. Vgl. D. Stegmann, a.a.O., S. 49f
  2. Vgl. zur Wirtschaftspolitik der Regierung von Papen: J. Flemming u.a.. (Hrsg.), a.a.O., Bd. 2, S. 330f
  3. Vor diesem Hintergrund schrumpfte die Differenz zwischen autoritärem und faschistischem Weg jedenfalls für die industriellen und vorindustriellen Eliten.“ A. Lüdtke: a.a.O.. S. 6

 

 

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …