Zur Interessenlage der verschiedenen Klassen
BVG-Streik 1932: Straßenbahnschienen in Berlin-Schöneberg werden blockiert, um von Streikbrechern gefahrene Straßenbahnen aufzuhalten (Bundesarchiv, Bild 183-B0527-001-789 / CC-BY-SA 3.0)
Klasseninteressen, Machtverschiebungen und der Aufstieg des Faschismus in der Endphase der Weimarer Republik
Detlef Endeward (03/2022)
Klassenbegriff
Als „Klassen“ (1) werden hier also Personenvielheiten bezeichnet, die durch den Besitz bzw. Nicht-Besitz an (Verfügungsmacht bzw. Nicht-Verfügungsmacht über) Kapital und daraus folgende gemeinsame bzw. entgegengesetzte Interessen definiert sind, die sich der Tendenz nach aufgrund dieser Merkmale als zusammengehörig bzw. einander entgegengesetzt begreifen und die sich – wieder der Tendenz nach – auf dieser Grundlage zu gemeinsamen bzw. entgegengesetzten Aktionen zusammenschließen und organisieren.
Aus: Lern- und Arbeitsbuch deutsche Arbeiterbewegung, Bd. 1.- Texte und Materialien, Bonn 19882, S. 18
Siehe auch: Widersprüche und Dynamik der Klassenverhältnisse
Am Ende der Weimarer Republik lassen sich die politischen Dynamiken nur vor dem Hintergrund der unterschiedlichen ökonomischen Lagen der sozialen Klassen und der daraus hervorgehenden Interessenlagen angemessen analysieren. Dabei ist entscheidend zu berücksichtigen, dass soziale Klassen weder homogene Gebilde noch automatisch politisch einheitlich mobilisierte Akteure darstellen. Wie die Forschung wiederholt betont hat, existiert „keine automatische Tendenz zur Vereinheitlichung sozialer Lagen, Bewusstseinsformen und Handlungsperspektiven“ innerhalb einer Klasse.² Vielmehr sind Klassen durch interne Differenzierungen, widersprüchliche Interessen und unterschiedliche politische Artikulationsformen gekennzeichnet.
Gerade diese Heterogenität bildet eine zentrale Voraussetzung für das Verständnis der politischen Entwicklung der frühen 1930er-Jahre. Die Durchsetzung latenter, strukturell angelegter Klasseninteressen ist nicht allein von objektiven ökonomischen Bedingungen abhängig, sondern von den institutionellen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen ihrer Artikulation.
Erst vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung der faschistischen Massenbewegung innerhalb der sozioökonomischen Struktur der Weimarer Republik interpretierbar.
Ein zentrales Strukturmerkmal der Endphase der Republik bestand in der schrittweisen Verlagerung des interessenpolitischen Machtkampfes von der parlamentarischen auf die außerparlamentarische Ebene. Damit verschob sich der politische Entscheidungsmodus grundlegend: Nicht mehr Mehrheiten im Reichstag, sondern Einflussmöglichkeiten, personelle Netzwerke, ökonomische Machtpositionen und direkte Zugriffsmöglichkeiten auf staatliche Entscheidungszentren gewannen an Bedeutung.³ Diese Entwicklung ging einher mit der zunehmenden Aushöhlung parlamentarischer Verfahren und der Etablierung autoritärer Regierungsformen seit 1930.
Für die organisierten Teile der Arbeiterklasse bedeutete diese Verschiebung einen erheblichen Machtverlust. Gewerkschaften und sozialdemokratische sowie kommunistische Parteien hatten ihre politische Stärke wesentlich aus der Verbindung von Massenorganisation und parlamentarischer Repräsentation bezogen. Mit der Marginalisierung des Parlaments und der Repression gegen außerparlamentarische Arbeiteraktivitäten wurde ihnen ein zentraler Hebel politischer Einflussnahme entzogen. Gleichzeitig rückten die Spitzenverbände von Industrie, Großlandwirtschaft und Teilen des Mittelstands in eine strategisch entscheidende Position. Innerhalb dieser Eliten – und zwischen ihnen – verliefen nun die maßgeblichen Konfliktlinien um wirtschaftspolitische Strategien und deren Umsetzung in staatliche Politik.⁴
Die zunehmende politische Wendung gegen die Arbeiterorganisationen ging dabei weit über den Versuch hinaus, kurzfristig die wirtschaftliche Notlage infolge der Weltwirtschaftskrise zu bewältigen. Vielmehr handelte es sich um eine qualitative Erweiterung des Interessenkampfes: Aus der Verteidigung ökonomischer Positionen wurde ein umfassender Angriff auf das demokratische System der Weimarer Republik selbst.⁵ In diesem Sinne zielten autoritäre Lösungsmodelle auf die dauerhafte Ausschaltung der politischen und sozialen Kräfte, die das republikanische System trugen.
In diesen Auseinandersetzungen gewann die NSDAP eine zentrale Funktion. Sie fungierte weniger als unmittelbarer Ausdruck einheitlicher Klasseninteressen denn als politische Massenbewegung, die unterschiedliche soziale Gruppen – von deklassierten Mittelstandsschichten über Teile der Bauernschaft bis hin zu Teilen desillusionierten Arbeitern – unter einem nationalistischen, antidemokratischen und antisemitischen Programm bündelte. Wie Franz Neumann und später Nicos Poulantzas herausgearbeitet haben, bestand ihre historische Rolle darin, die Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung mit der Mobilisierung plebejischer Energien zu verbinden und so den Übergang zu einer autoritären Herrschaftsform abzusichern.
Der Aufstieg des Faschismus ist daher nicht als zwangsläufige Folge ökonomischer Krisen zu verstehen, sondern als Resultat einer spezifischen Konstellation aus Klassenstruktur, institutioneller Erosion, strategischen Entscheidungen ökonomischer Eliten und der politischen Instrumentalisierung sozialer Desintegration. Erst diese Perspektive erlaubt es, die faschistische Massenbewegung als Teil – und nicht als Gegenpol – der sozioökonomischen Machtverhältnisse am Ende der Weimarer Republik zu begreifen.
- Zur Begrifflichkeit siehe auch: Gerhard Kleining: Soziale Klassen, soziale Schichten, soziale Mobilität, in L. Roth (Hrsg.), Pädagogik: Handbuch für Studium und Praxis (S. 204-209). München: Ehrenwirth 1991 und
Michael Vester, Ulf Kadritzke und Jakob Graf: Klassen – Fraktionen – Milieus. Beiträge zur Klassenanalyse (1). Manuskripte Neue Folge 22. Rosa Luxemburg Stiftung, Berlin 2019 - M. Vester: Von Marx bis Bourdieu. Klassentheorie als Theorie der Praxis, in: Klassen – Fraktionen – Milieus. Beiträge zur Klassenanalyse (1), S. 10
- Vgl. K. D. Bracher; a.a.O., S. 271
- Es entwickelten sich z.T. enge Kooperationen zwischen der Ministerialbürokratie und den Interessenverbänden. Die Machtkärnpfe drückten sich auch in der Kumulierung von Ämtern und Posten in den Verbänden und den Behörden. Vgl. zur Rolle der Verbände in der Weimarer Republik: H. Mommsen u.a. (Hrsg.): Industrielles System, Bd 2, S. 611ff und J. Flemming u.a. (Hrsg.), Die Republik von Weimar, Bd. 1, S. 179ff und Bd. 2, S. 283ff und S. 349ff
- Vgl. K.D. Bracher, a.a.O., S: 271
Bedingungen der Wirtschaftskrise in Deutschland
Der Charakter der Krise 1929 bis 1933: eine Systemkrise
Zur wirtschaftlichen Interessenlage der verschiedenen Klassen
- Zur Interessenlage der (Groß-)Industrie
- Zur Interessenlage der (groß)agrarischen Produzenten
- Zur Interessenlage der Mittelklasse
- Zur Interessenlage der organiserten Arbeiterklasse
Politik und Ökonomie in der Endphase der Weimarer Republik