Kapitalfraktionen in der Krise: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Zur Interessenlage der (Groß-)Industrie
Detlef Endeward (05/2025)
Die Weltwirtschaftskrise traf die deutsche Industrie am Ende der Weimarer Republik nicht als einheitlichen Block, sondern als ein komplex strukturiertes Gefüge unterschiedlicher Kapitalfraktionen. Diese unterschieden sich sowohl hinsichtlich ihrer Stellung im kapitalistischen Verwertungsprozess als auch in Bezug auf ihre Marktpositionen, politischen Präferenzen und strategischen Optionen. Damit bestätigt sich – im Anschluss an Karl Marx, aber auch in der differenzierten Weiterführung etwa bei Nicos Poulantzas – die Annahme, dass ökonomische Strukturbedingungen zwar handlungsprägend sind, jedoch keine einheitlichen oder linear ableitbaren Interessenlagen hervorbringen. (1)
Gemeinsame strukturelle Problemlagen der Industrie
Ausgehend von den beiden Seiten des kapitalistischen Verwertungsprozesses – Produktion und Realisierung – lassen sich zunächst grundlegende Gemeinsamkeiten feststellen. Auf der Ebene der Produktion waren die Krisenbedingungen branchenübergreifend ähnlich:
Erstens führte der hohe Anteil fixer Kosten zu einer erheblichen strukturellen Unflexibilität. Investitionen in Anlagen, Maschinen und Infrastruktur konnten kurzfristig nicht angepasst werden, sodass Produktionsrückgänge unmittelbar zu Verlusten führten. Zweitens hatten Rationalisierungsprozesse und Konzentrationsbewegungen der 1920er-Jahre zu erheblichen Überkapazitäten geführt, die unter Krisenbedingungen nicht ausgelastet werden konnten. Drittens erwiesen sich die Lohnkosten – trotz steigenden Drucks auf die Arbeiterorganisationen – kurzfristig als weniger flexibel, als es aus Sicht des Kapitals zur Stabilisierung der Profitabilität notwendig gewesen wäre.
Diese Konstellation erzeugte einen allgemeinen Druck zur Kostensenkung, insbesondere zur Reduktion der Lohnkosten, zur Intensivierung der Arbeit und zur Verlängerung der Arbeitszeiten. In diesem Punkt bestand eine grundlegende Interessenübereinstimmung innerhalb der industriellen Kapitalfraktionen. (2)
Differenzen entlang der Marktstellung
Die entscheidenden Unterschiede ergaben sich jedoch auf der Ebene der Realisierung, also der Absatzmöglichkeiten am Markt. Hier lassen sich idealtypisch mehrere Kapitalfraktionen unterscheiden: (3)
Die Schwerindustrie – insbesondere Bergbau sowie Eisen- und Stahlproduktion – war primär binnenmarktorientiert. Ihre Absatzmöglichkeiten hingen stark von der inländischen Nachfrage ab, die infolge der Krise massiv einbrach. Demgegenüber waren die Elektro- und Chemieindustrie stark exportorientiert und konnten zunächst auf bestehende Weltmarktpositionen zurückgreifen. Der Maschinenbau nahm eine intermediäre Stellung ein, da er sowohl vom Binnenmarkt als auch vom Export abhängig war.
Diese unterschiedlichen Marktstellungen führten zu divergierenden Krisenstrategien. Während die Produktionsbedingungen eine gewisse Angleichung der Interessen bewirkten, erzeugte die Realisierungsebene eine strukturelle Differenzierung innerhalb des Kapitals.
Krisenstrategien der Schwerindustrie
Die Schwerindustrie entwickelte früh eine besonders offensive und konfliktorientierte Strategie. Sie zielte erstens auf eine drastische Senkung der Produktionskosten durch Lohnkürzungen, Arbeitszeitverlängerung und Arbeitsintensivierung. Zweitens strebte sie stabile Absatzbedingungen auf dem Binnenmarkt an, möglichst zu relativ hohen Preisen.
Diese Strategie implizierte eine zunehmende Konfrontation mit der organisierten Arbeiterbewegung. Bereits früh wurden in den Kreisen der Ruhrindustrie Maßnahmen diskutiert, die auf eine nachhaltige Schwächung oder Zerschlagung gewerkschaftlicher Strukturen hinausliefen.(4) Gleichzeitig bedeutete die Orientierung auf den Binnenmarkt eine Abkehr von der deflationären Wirtschaftspolitik der Präsidialregierung unter Heinrich Brüning. Stattdessen wurden Forderungen nach staatlicher Nachfragepolitik, insbesondere durch öffentliche Aufträge, sowie nach protektionistischen Maßnahmen laut.
Diese Position lief letztlich auf eine Revision der bisherigen wirtschaftspolitischen Leitlinien hinaus: Haushaltskonsolidierung trat gegenüber expansiver Staatsintervention zurück, und internationale Handelsbindungen sollten zugunsten nationaler Abschottung gelockert oder aufgehoben werden. (5)
Strategien der exportorientierten Industrie
Demgegenüber verfolgten exportorientierte Industrien zunächst eine moderatere Strategie. Zwar strebten auch sie Kostensenkungen an, jedoch in einem Rahmen, der Konflikte mit den Arbeiterorganisationen begrenzen sollte. Ihre vergleichsweise stabile Position auf dem Weltmarkt erlaubte es ihnen, vorerst auf radikale innenpolitische Eskalationen zu verzichten.
Zugleich setzten sie auf staatliche Unterstützung zur Förderung des Exports, etwa durch Kreditpolitik, Währungsmaßnahmen oder handelspolitische Abkommen. Diese Strategie war eng mit der Politik der Regierung Brüning verbunden, die auf Deflation, Haushaltsdisziplin und die Wiederherstellung internationaler Wettbewerbsfähigkeit setzte.
Der Umschlagpunkt: Krise des Weltmarkts und Durchsetzung der Binnenmarktorientierung
Mit dem massiven Einbruch des internationalen Handels ab 1931 verlor die exportorientierte Strategie jedoch ihre Grundlage. Die Weltmarktintegration, die zuvor als Ausweg aus der Krise erscheinen konnte, wurde nun selbst zum Krisenfaktor. In dieser Situation gewann die binnenmarktorientierte Strategie der Schwerindustrie zunehmend an Gewicht.
Damit verschob sich das Kräfteverhältnis innerhalb des industriellen Kapitals. Die Forderungen nach autoritären politischen Lösungen, staatlich gelenkter Nachfrage – insbesondere im Bereich der Rüstung – sowie nach einer repressiven Politik gegenüber der Arbeiterbewegung gewannen an Durchsetzungskraft. Wie bereits Franz Neumann analysiert hat, verband sich hier ökonomische Krisenstrategie mit einer grundlegenden Transformation der politischen Ordnung.
Zugleich kam es zu einer partiellen Konvergenz der Interessen: Die Verbesserung der Kostensituation durch Lohnsenkungen und gesteigerte Arbeitsleistung wurde nun fraktionsübergreifend zum Konsens. Daraus resultierte eine verschärfte Konfrontation mit den Arbeiterorganisationen, die zunehmend als strukturelles Hindernis für die Krisenbewältigung wahrgenommen wurden. (6)
Konvergenz und Radikalisierung
Im weiteren Verlauf kam es zu einer partiellen Angleichung der Interessen innerhalb der Industrie. Die Notwendigkeit drastischer Kostensenkungen wurde fraktionsübergreifend anerkannt. Damit verband sich eine zunehmende Bereitschaft, autoritäre politische Lösungen zu akzeptieren oder aktiv zu unterstützen.
Wie auch Nicos Poulantzas argumentiert, ist dieser Prozess nicht als direkte „Ableitung“ aus ökonomischen Interessen zu verstehen, sondern als Resultat eines politischen Kräfteverhältnisses, in dem sich bestimmte Fraktionen durchsetzen. (7)
Binnenmarktausweitung und Expansion
Die zunehmende Orientierung auf den Binnenmarkt stieß jedoch auf dessen strukturelle Begrenztheit. Daraus ergab sich eine weitere strategische Konsequenz: die Notwendigkeit seiner Ausweitung. Diese konnte kurzfristig durch staatliche Nachfrageprogramme – insbesondere im Bereich der Rüstung – erfolgen. Langfristig implizierte sie jedoch eine territoriale Expansion des Wirtschaftsraums.
Hier zeigt sich die Verbindung zwischen ökonomischer Krisendynamik und politischer Radikalisierung besonders deutlich. Die ökonomischen Interessen bestimmter Kapitalfraktionen übersetzten sich – vermittelt über politische Prozesse – in Strategien, die eine autoritäre und schließlich faschistische Neuordnung begünstigte und auf expansionistische Politik hinausliefen.
Fazit
Die Analyse der Kapitalfraktionen in der Krise verdeutlicht, dass die industrielle Bourgeoisie der späten Weimarer Republik keineswegs als homogener Akteur verstanden werden kann. Vielmehr war sie durch strukturelle Gemeinsamkeiten und strategische Differenzen zugleich geprägt. Erst im Verlauf der Krise – und unter dem Druck sich verschärfender ökonomischer und politischer Bedingungen – kam es zu einer partiellen Angleichung der Interessen, die letztlich autoritäre Lösungsmodelle begünstigte.
Im Anschluss an Alfred Sohn-Rethel lässt sich festhalten: Der Nationalsozialismus war nicht der „Ausdruck“ einer einheitlichen Klasseninteressenlage, sondern das Ergebnis einer spezifischen Konstellation, in der sich bestimmte Kapitalfraktionen mit ihren Strategien politisch durchsetzten – vermittelt über staatliche Institutionen, ideologische Formierungen und die Zerschlagung der Arbeiterbewegung.
Anmerkungen
(1) Diese Perspektive wird in klassischer Weise von Alfred Sohn-Rethel in Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus herausgearbeitet.
(2) In diesem Punkt bestand – wie auch Franz Neumann hervorhebt – eine strukturelle Interessenkonvergenz innerhalb der Industrie.
(3) Hier setzt die zentrale Differenzierung bei Sohn-Rethel ( a.a.O., S. 53ff) an. Vgl. dazu auch: D. Stegmann: Kapitalismus und Faschismus in Deutschland 1929-1934, in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 6, S. 27ff; ; J. Flemming u.a. (Hrsg.): a.a.O., insbesondere Bd. 1, S. 85 ff und Bd. 2, S. 270ff und S. 349ff
(4) Vg1. allgemein zur Wirtschafts- und Sozialpolitik am Ende der Weimarer Republik die Aufsätze in: H. Mommsen u.a. (Hrsg.), Industrielles System, Bd. 1, S. 375ff, Bd. 2. S. 847
(5) Sohn-Rethel interpretiert diese Position als Übergang zu einer autoritären Krisenlösung, die ökonomische und politische Ziele verbindet.
(6) Hier sieht Sohn-Rethel den entscheidenden Zusammenhang von ökonomischer Struktur und politischer Entwicklung: Die Interessen der Schwerindustrie drängten auf eine politische Form, die ihre Strategie durchsetzen konnte – und fanden diese schließlich im Nationalsozialismus.
(7) Nicos Poulantzas (1974): Faschismus und Diktatur.


