Ökonomische Funktion und politische Form
Zwei Perspektiven…
Niels Kadritzke (1976)
Eine faschistische Krisenlösungsstrategie mußte auf diese extrem schwierige ökonomische Situation eine kapitalgerecht und in sich konsistente Antwort formulieren, die beiden Seiten der objektiv gegebenen Krisenursachen (der Produktions- und Realisierungsprobleme, D,E.) gerecht zu werden vermochte. Die politische Antwort der faschistischen Diktatur konnte damit nur in der Zerschlagung der Arbeiterbewegung … einerseits, und in der Vorbereitung einer erneuten imperialistischen Expansion andererseits bestehen, die ihrerseits kurzfristig eine die Realisierungslücke füllende staatliche Nachfrage nach Rüstungsgütern beinhalten, langfristig aber die Eroberung eines erweiterten Wirtschaftsraumes anstreben mußte“
Wolfgang Fach (1982)
Zwei Momente sind es, die beide Lageskizzen prägen:
- das industrielle Gesamt-Interesse ist in eine politische Krise geraten: innerhalb des par-lamentarisch-demokratischen Entscheidungsprozesses vermag es sich nicht mehr so effektiv durchzusetzen, wie es seinen Repräsentanten als unabdingbar erscheint; deshalb
- startet es eine politische Offensive mit dem Ziel, an den parlamentarisch-demokrati-schen Institutionen Korrekturen zu erreichen, die seine Einflußbahnen wieder glätten kön-nen, was vor allem heißt: Entmachtung der »Massen«.
Der faschistische »Ausnahmestaat« (Poulantzas) ist das historische Ergebnis dieser politischen Konstellation.
… und eine Analyse
Die beiden Texte bewegen sich innerhalb der marxistischen Faschismusanalyse, setzen aber unterschiedliche Akzente bei der Erklärung des Faschismus.
| Niels Kadritzke (1976) | Wolfgang Fach (1982) |
| Schwerpunkt auf der ökonomischen Krise des Kapitalismus | Schwerpunkt auf der politischen Krise der Herrschaftsausübung |
| Faschismus erscheint als Antwort auf die strukturellen Probleme von Produktion und Absatz (Realisierungskrise). | Faschismus erscheint als Antwort auf die Schwierigkeiten, kapitalistische Interessen innerhalb der parlamentarischen Demokratie durchzusetzen. |
| Zentrale Funktionen: Zerschlagung der Arbeiterbewegung und Vorbereitung imperialistischer Expansion. | Zentrale Funktion: Umgestaltung des politischen Systems zugunsten der ökonomischen Eliten und Entmachtung der Massen. |
| Krieg und Aufrüstung sind notwendige Bestandteile der Krisenlösung. | Die Errichtung des autoritären Staates steht im Mittelpunkt. |
| Stärker ökonomisch-strukturelle Argumentation. | Stärker politisch-institutionelle Argumentation. |
Gemeinsame Kernaussagen
Beide Autoren teilen mehrere grundlegende Annahmen:
- Faschismus ist keine zufällige Entwicklung, sondern eine Reaktion auf eine tiefgreifende Krise des Kapitalismus.
- Die Arbeiterbewegung stellt das zentrale Hindernis dar, das beseitigt werden muss.
- Kadritzke spricht ausdrücklich von der „Zerschlagung der Arbeiterbewegung“.
- Fach beschreibt denselben Prozess als „Entmachtung der Massen“.
- Die parlamentarische Demokratie wird als unzureichend für die Krisenbewältigung angesehen.
- Bei Fach kann das industrielle Gesamtinteresse seine Ziele nicht mehr ausreichend durchsetzen.
- Bei Kadritzke verhindert die gesellschaftliche Kräftekonstellation eine kapitalgerechte Lösung innerhalb demokratischer Rahmenbedingungen.
- Der faschistische Staat dient der Sicherung kapitalistischer Herrschaft.
Beide Autoren knüpfen damit an die Tradition von Autoren wie Nicos Poulantzas, Antonio Gramsci oder Reinhard Kühnl an.
Der entscheidende Unterschied
Der Unterschied lässt sich auf eine Formel bringen:
- Kadritzke fragt: Warum brauchte das Kapital den Faschismus ökonomisch?
- Fach fragt: Warum brauchte das Kapital den Faschismus politisch?
Kadritzke analysiert die materielle Krisendynamik (Absatzkrise, Akkumulationsprobleme, Expansionserfordernis), während Fach die Krise der politischen Vermittlung untersucht (Blockaden parlamentarischer Entscheidungsprozesse, Verlust hegemonialer Kontrolle).
Synthese beider Positionen
Zusammengeführt ergibt sich folgendes Modell:
Die Weltwirtschaftskrise erzeugte massive ökonomische Verwertungsprobleme. Zugleich verloren die traditionellen politischen Institutionen die Fähigkeit, die Interessen der herrschenden Klassen konfliktfrei durchzusetzen. Der Faschismus erschien daher als doppelte Krisenlösung: Er beseitigte durch die Zerschlagung der Arbeiterbewegung die gesellschaftlichen Widerstände gegen kapitalistische Restrukturierung und schuf durch Aufrüstung, Staatsintervention und imperialistische Expansion neue Akkumulationsmöglichkeiten. Der faschistische Ausnahmestaat war somit sowohl eine politische Herrschaftsform als auch ein ökonomisches Krisenregime.
In diesem Sinne ergänzen sich Kadritzke und Fach eher, als dass sie sich widersprechen: Der eine erklärt die ökonomische Funktion, der andere die politische Form faschistischer Herrschaft.
Literatur
Fach, Wolfgang (1982): Wer verhilft Hitler zur Macht? Das »Faschismus«potential des Atomkonflikts. PROKLA. Zeitschrift für Kritische Sozialwissenschaft, 12 (47), 55–68. https://doi.org/10.32387/prokla.v12i47.1518
Kadritzke, Niels (1976): Faschismus und Krise. Zum Verhaltnis von Politik und Ökonomie im Nationalsozialismus, Frankfurt/New York 1986
Bedingungen der Wirtschaftskrise in Deutschland
Der Charakter der Krise 1929 bis 1933: eine Systemkrise
Zur wirtschaftlichen Interessenlage der verschiedenen Klassen
Politik und Ökonomie in der Endphase der Weimarer Republik
