Zur Interessenlage der (groß)agrarischen Produzenten

Forderungen nach umfassender Staatshilfe

Detlef Endeward (03/2022 – aktualisiert: 05/2026)

Die Agrarkrise der späten Weimarer Republik war Ausdruck einer umfassenden strukturellen Krise des deutschen Kapitalismus. Besonders betroffen waren die agrarischen Produzenten, deren wirtschaftliche Lage sich seit dem Ende der 1920er Jahre rapide verschlechterte. Der Preisverfall landwirtschaftlicher Produkte, die hohe Verschuldung vieler Betriebe sowie die Konkurrenz auf dem Weltmarkt führten zu einer tiefgreifenden Destabilisierung des Agrarsektors. Zugleich entwickelten die agrarischen Interessenverbände politische Strategien, die auf eine weitreichende staatliche Intervention zugunsten der Landwirtschaft zielten. Die Forderung nach umfassender Staatshilfe verband dabei ökonomische Interessen mit autoritären und nationalistischen Ordnungsvorstellungen.

Der Begriff „Agrarier“ bezeichnete im Deutschen Reich und in der Weimarer Republik vor allem die politisch organisierten Vertreter der Großgrundbesitzer und großbetrieblichen Landwirtschaft. Ihre soziale Basis lag insbesondere in den ostelbischen Junkergütern Preußens. Bereits unter Reichskanzler Otto von Bismarck hatten sich diese Interessen politisch konsolidiert und erheblichen Einfluss auf die staatliche Wirtschafts- und Zollpolitik gewonnen. Einen organisatorischen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung mit der Gründung des Bundes der Landwirte im Jahr 1893, dessen Nachfolgeorganisation in der Weimarer Republik der Reichslandbund wurde.^1 Politisch standen diese Kräfte der konservativen und nationalistischen Rechten nahe und vertraten ein autoritär-nationales Gesellschaftsmodell.

Die Weltagrarkrise traf die deutsche Landwirtschaft Ende der 1920er Jahre mit besonderer Härte. Zwischen 1928 und 1932 sanken die Preise landwirtschaftlicher Produkte um etwa vierzig Prozent. Obwohl zahlreiche Produzenten versuchten, ihre Verluste durch Produktionssteigerungen auszugleichen, brachen die Bruttoerträge erheblich ein.^2 Besonders problematisch war dabei die hohe Belastung durch feste Pachtzahlungen, Hypothekenzinsen und Kreditschulden. Viele Betriebe gerieten dadurch in eine strukturelle Überschuldung. Die Zwangsvollstreckungen der Banken und Kreditgeber führten nicht nur zu Betriebsaufgaben, sondern zugleich zu einem drastischen Wertverlust von Boden und landwirtschaftlichen Geräten.

Das zentrale Problem der Agrarwirtschaft bestand dabei weniger in Absatzschwierigkeiten als vielmehr in der mangelnden Rentabilität der Produktion. Bereits während des Preisverfalls für Fleischprodukte in den Jahren 1927/28 hatte sich gezeigt, dass zahlreiche Betriebe unter den Bedingungen des kapitalistischen Marktes kaum noch kostendeckend wirtschaften konnten.^3 Die Krise verschärfte somit die grundlegenden Widersprüche einer Landwirtschaft, die einerseits in den Weltmarkt integriert war, andererseits aber auf nationale Schutzmaßnahmen angewiesen blieb.

Trotz erheblicher Unterschiede zwischen kleinbäuerlicher Veredelungswirtschaft und großbetrieblich organisierter Getreideproduktion gelang es den agrarischen Interessenverbänden zunehmend, eine gemeinsame politische Linie zu formulieren. Im Zentrum stand die Sicherung der landwirtschaftlichen Renditen durch staatlich garantierte Preise und protektionistische Maßnahmen.^4 Ausdruck dieser Interessenvereinheitlichung war die organisatorische Zusammenfassung der agrarischen Spitzenverbände im Jahr 1929. Die politische Stoßrichtung dieser Verbände kulminierte in der Forderung nach einer umfassenden Staatshilfe zugunsten der Landwirtschaft.^5

Die agrarischen Interessenvertretungen verlangten insbesondere Schutzzölle gegen ausländische Agrarimporte, staatlich regulierte Mindestpreise für Getreide, Steuererleichterungen sowie eine massive Ausweitung staatlicher Kredite und Subventionen. Hinzu kam die Forderung nach einem staatlichen Getreidemonopol, das die Preisbildung dem Markt entziehen sollte. Ziel dieser Maßnahmen war es, die Einkommens- und Besitzverhältnisse insbesondere der Großagrarier zu stabilisieren und die Auswirkungen des internationalen Preisverfalls auf die deutsche Landwirtschaft abzufedern.^6

Allerdings wirkten sich die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen keineswegs gleichmäßig auf alle agrarischen Produzenten aus. Während Großgrundbesitzer und kapitalkräftige Großbauern überproportional von günstigen Krediten, Schuldenregelungen und Subventionen profitierten, blieben Klein- und Mittelbauern vielfach existenziell bedroht.^7 Die Krise beschleunigte dadurch den Konzentrationsprozess des Bodeneigentums: Zahlreiche kleinere Betriebe gingen bankrott oder mussten ihr Land verkaufen, während größere Besitzkomplexe weiter expandierten. Die soziale Differenzierung innerhalb der Landwirtschaft verschärfte sich erheblich.

Die agrarischen Interessenverbände entwickelten im Verlauf der Krise zunehmend eine nationalökonomische Krisenstrategie, die auf eine Stärkung des Binnenmarktes setzte. Durch die Förderung der Landwirtschaft sollte die Binnenkaufkraft stabilisiert und damit ein Rückgang des Exports kompensiert werden.^8 Diese Strategie geriet jedoch in Konflikt mit den Interessen der exportorientierten Industrie, die auf internationale Handelsbeziehungen und niedrige Lebensmittelpreise angewiesen war. Der Agrarprotektionismus verschärfte somit die Spannungen innerhalb der herrschenden ökonomischen Eliten der Weimarer Republik.^9

Zugleich radikalisierte sich ein erheblicher Teil der agrarischen Interessenvertretungen politisch. Die Krise wurde zunehmend nicht mehr als Folge kapitalistischer Marktmechanismen verstanden, sondern nationalistisch und antidemokratisch interpretiert. Die Forderung nach einem „starken Staat“, nach autoritärer Führung und nach der Unterordnung wirtschaftlicher Interessen unter nationale Zielsetzungen gewann an Bedeutung. Damit trugen Teile der agrarischen Eliten wesentlich zur Erosion der parlamentarischen Demokratie bei und unterstützten jene politischen Kräfte, die schließlich den Übergang zur nationalsozialistischen Diktatur ermöglichten.^10

Die Agrarkrise der Weimarer Republik war somit weit mehr als eine sektorale Wirtschaftskrise. Sie verweist auf die strukturellen Widersprüche der kapitalistischen Entwicklung Deutschlands zwischen Weltmarktintegration, sozialer Polarisierung und staatlicher Krisenintervention. Die Forderungen der Agrarier nach umfassender Staatshilfe zeigen zugleich, dass selbst jene gesellschaftlichen Gruppen, die sich ideologisch häufig auf Markt, Eigentum und nationale Ordnung beriefen, in Krisenzeiten in hohem Maße auf staatliche Sicherungsmechanismen angewiesen waren.


Anmerkungen

  1. Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3: Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849–1914, München 1995, S. 931ff.
  2. Vgl. Eugen Varga, Die Krise des Kapitalismus und ihre politischen Folgen, Frankfurt am Main 1974, S. 291ff.; Charles Bettelheim, Die deutsche Wirtschaft unter dem Nationalsozialismus, München 1974, S. 2ff.
    Die Klein- und Mittelbauern waren – abgesehen von den Landarbeitern – in dieser Situation am ärgsten betroffen. Die Belastungen waren  für sie relativ zu ihren Einkommen und Produktionsmöglichkeiten erheblich höher  als bei den Großbauern und Großgrundbesitzern, zumal die staatlichen Hilfen – billige Kredite, Schuldsanierungen und Subventionen – in weit überwiegendem Ausmaß nur den Letzteren zu Gute kamen. Die Folge war, dass der Prozess der Differenzierung – wenige Bauern „steigen auf“, sehr viele verlieren ihre bäuerliche Existenz – voranschritt. Infolge dessen erhöhte sich zugleich die Bodenkonzentration in den Händen weniger Großgrundbesitzer.
  3. Vgl. Detlev Geßner, „Industrie und Landwirtschaft 1928–1930“, in: Hans Mommsen u.a. (Hg.), Industrielles System und politische Entwicklung in der Weimarer Republik, Bd. 2, Düsseldorf 1977, S. 762ff.
  4. Vgl. ebenda, S. 766f.
  5. Ebenda, S. 778.
  6. Vgl. Tim P. Koops, „Zielkonflikte der Agrar- und Wirtschaftspolitik in der Ära Brüning“, in: Hans Mommsen u.a. (Hg.), Industrielles System und politische Entwicklung in der Weimarer Republik, Bd. 2, Düsseldorf 1977, S. 852ff.
  7. Vgl. Heinrich August Winkler, Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie, München 1993, S. 413ff.
  8. Vgl. Geßner, „Industrie und Landwirtschaft“, S. 778f.
  9. Vgl. Koops, „Zielkonflikte der Agrar- und Wirtschaftspolitik“, S. 860ff.
  10. Vgl. Hans Mommsen, Die verspielte Freiheit. Der Weg der Republik von Weimar in den Untergang 1918 bis 1933, Berlin 1989, S. 471ff.

Literaturverzeichnis

Bettelheim, Charles. Die deutsche Wirtschaft unter dem Nationalsozialismus. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1974.

Geßner, Detlev. „Industrie und Landwirtschaft 1928–1930.“ In: Hans Mommsen u.a. (Hg.), Industrielles System und politische Entwicklung in der Weimarer Republik, Bd. 2, Düsseldorf 1977, S. 762–781.

Koops, Tim P. „Zielkonflikte der Agrar- und Wirtschaftspolitik in der Ära Brüning.“ In: Hans Mommsen u.a. (Hg.), Industrielles System und politische Entwicklung in der Weimarer Republik, Bd. 2, Düsseldorf 1977, S. 852–874.

Mommsen, Hans. Die verspielte Freiheit. Der Weg der Republik von Weimar in den Untergang 1918 bis 1933. Berlin: Propyläen, 1989.

Varga, Eugen. Die Krise des Kapitalismus und ihre politischen Folgen. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, 1974.

Wehler, Hans-Ulrich. Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3. München: C.H. Beck, 1995.

Winkler, Heinrich August. Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. München: C.H. Beck, 1993.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten der agrarischen Interessen in der Weimarer Republik

Aspekte Großagrarier / Großgrundbesitzer Klein- und Mittelbauern
Gemeinsame Interessen Schutz vor Preisverfall landwirtschaftlicher Produkte Schutz vor Preisverfall landwirtschaftlicher Produkte
  Forderung nach staatlicher Unterstützung Forderung nach staatlicher Unterstützung
  Schutzzölle gegen billige Importe Schutzzölle gegen billige Importe
  Kredithilfen und Entlastung von Schulden Kredithilfen und Entlastung von Schulden
  Ablehnung eines „freien“ Weltmarktes ohne staatliche Regulierung Ablehnung eines „freien“ Weltmarktes ohne staatliche Regulierung
Zentrale Unterschiede Sicherung großer Besitz- und Kapitalinteressen Sicherung der bäuerlichen Existenz
  Interesse an hohen Getreidepreisen und Exportschutz Interesse an tragfähigen Lebens- und Produktionsbedingungen
  Profitieren überdurchschnittlich von Subventionen und Staatskrediten Erhalten oft nur begrenzte staatliche Hilfen
  Orientierung auf großbetriebliche Rationalisierung Erhalt kleiner Familienbetriebe
  Konzentration von Bodenbesitz wird teilweise akzeptiert oder gefördert Ablehnung zunehmender Bodenkonzentration
  Enge Verbindung zu Banken, Verwaltung und konservativen Eliten Häufig stärkere lokale und genossenschaftliche Orientierung

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …