Aspekte der politisch-ökonomischen Nachkriegsentwicklung in Deutschland

Detlef Endeward (2018)

Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges prägten zwei sich feindlich gegenüberstehende Lager die neue Weltordnung. Die unterschiedlichen Ziele und Interessen der USA und der UdSSR beim Kampf um Einflusszonen in Europa beeinflussten die politische und wirtschaftliche Neugestaltung Deutschlands wesentlich.

 

Politischer Neubeginn

Den Menschen in Deutschland sind  ersten Nachkriegsjahre sind bis heute als „Trümmerjahre“ in Erinnerung geblieben, überlagert  durch die Erinnerung an die Wiederaufbauleistungen und in der Folge das sog. Wirtschaftswunder der 50er Jahre. Aber das Jahr 1945 war nicht die „Stunde Null“, gleichwohl war es eine Zäsur. Die Befreiung verband sich mit der Besatzung. „Der deutsche Faschismus  war besiegt. Die Deutschen, die ihn gestützt oder erduldet hatten, waren politisch entmündigt. Für die überlebende Bevölkerung und die zurückkehrenden Soldaten war das besiegte und zertrümmerte Deutschland ein politisches und wirtschaftliches Chaos, in dem jeder nach Überlebenschancen suchte.“[1]

Der „Zusammenbruch“ war aber keineswegs so total, wie es zunächst schien – weder politisch noch ökonomisch.

Politik war für die meisten Menschen „eine Sache der Siegermächte.“ Für viele, die sich politisch engagierten in Gewerkschaften und Parteien war ihr Engagement getragen von der Hoffnung, dass mit dem Faschismus auch der Kapitalismus besiegt sei. „Gewerkschaften und Parteien hatten ihre Vorstellungen einer gesellschaftlichen und politischen Neuordnung schon im Widerstand und Exil in Umrissen formuliert. Inmitten der Desorientierung der Zusammenbruchgesellschaft besaßen sie somit Konzepte, wie es weitergehen sollte. Diese Konzepte in konkrete Strategien umzusetzen, wurde ihnen jedoch durch die alliierten Auflagen zunächst erheblich erschwert.“ [2]

Unmittelbar nach Kriegsende waren nach den Erfahrungen mit dem Faschismus, zunächst sozialistische Ideen der Wirtschaftsplanung und -lenkung – bis in die bürgerlichen Parteien hinein – bedeutsam. Der politische Neuanfang wurde aber mit Zuspitzung des Kalten Krieges schnell von kräftigen Tendenzen der Restauration, d. h. der Wiederherstellung alter Strukturen, der Wiedereinsetzung alten Personals und der Entstehung alter und noch verschärfter Konflikte, überlagert.[3] Im Laufe des Jahre 1947  konnten so  zunehmend neoliberale Vorstellungen bestimmend werden und sich schließlich unter der gängigen Parole „soziale Marktwirtschaft“ durchsetzen.

Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit der veränderten amerikanischen Politik. Anfang 1947 hatten sich in den USA die Ziele und Methoden der Eindämmungspolitik endgültig durchgesetzt. Deindustrialisierungs- und Bestrafungsvorstellungen (zunächst gemeinsame alliierte Position) wurden abgelöst von Vorstellungen zur kapitalistischen Reorganisation der Wirtschaft und Einbindung  der Westzonen in das westliche Bündnissystem – entsprechend mit anderen Vorzeichen auch auf Seiten der Sowjetunion. Dem Kalten Krieg um Einflusszonen fiel in Europa nationale Souveränität zum Opfer.

Ökonomische Ausgangssituation in den Nachkriegsjahren

Im Zweiten Weltkrieg war die deutsche Wirtschaft, trotz aller Schäden, nicht in ihrer Substanz vernichtet worden. Weniger die Industriebetriebe als vielmehr das Transport- und Verkehrsnetz sowie vor allem die Wohngebiete in den großen Städten waren getroffen. Der Anlagepark der deutschen Industrie war nach dem Krieg größer als vorher. Es musst nicht von „Null“ aufgebaut werden.[4]

Die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen nach Kriegsende waren somit trotz Kriegszerstörungen, Demontage- und Reparationslasten sowie der wirtschaftlichen Teilung des Landes erstaunlich gut. Bei unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Konzepten (im weiten Spektrum zwischen Liberalismus, Keynesianismus, Gemein- und Planwirtschaft) und unterschiedlichen materiellen Rahmenbedingungen kam bereits im „Entscheidungsjahr 1947“ in allen vier Besatzungszonen ein nachhaltiger Wiederaufbau in Gang. Der Übergang zu anhaltendem und schnellem Wachstum gelang im Wesentlichen ohne Hilfe von außen.[5]

Die weitere wirtschaftliche Entwicklung wurden durch eine Reihe wirtschaftspolitischer Entscheidungen unterstützt, u.a. der sog. Marshall-Plan und die Währungsreform. Sie alle zeigten auf, dass die Westalliierten an einer grundlegenden Änderung der Wirtschaftsverfassung nicht interessiert, dagegen jedoch bestrebt waren, die Wirtschaft in der hergebrachten Weise zu reorganisieren. Die vorhandenen Eigentumsstrukturen wurden nicht angetastet. Die Sozialisierung der Grundstoffindustrie und der Großbanken wurde zwar diskutiert, niemals aber ernstlich umzusetzen versucht. Die Demokratisierung in den Betrieben kam nie über Ansätze hinweg, die lediglich an die Regelungen der Betriebsverfassungen aus der Weimarer Republik anknüpften, ohne die Mitbestimmung der Lohnabhängigen auszuweiten.[6]

 

European Recovery Program (ERP) – Marshall-Plan 

1947 vollzog sich in Amerika endgültig die Wende zu einer neuen Deutschlandpolitik. Die bisherige Demontagepolitik, die im Zusammenhang mit der alliierten Zielsetzung nach einer grundlegenden Zerschlagung des Militarismus und damit auch der Vernichtung der deutschen Rüstungsindustrie stand, wurde aufgegeben. Die Amerikaner stellten die Demontagen als erste ein, die Briten reduzierten den Umfang mit der Eskalation des Ost-West-Konflikts. In der sowjetischen Besatzungszone wurden die Demontagen durchgeführt um die enormen Kriegsschäden in der UdSSR zumindest teilweise zu kompensieren.

Im Juni 1947 propagierte der amerikanische Außenminister George C. Marshall ein umfassendes Hilfsprogramm für Europa.[7] Das ERP, der sog. Marshall-Plan, war ein Element der Kalte-Kriegs-Politik der USA zur Eindämmung des Einflusses der UdSSR in Europa und weltweit. Der  Marshall-Plan hatte den Zweck, die europäische Wirtschaft nach den Kriegszerstörungen zu stabilisieren und für die von Umstellungsproblemen von Kriegs- auf Zivilwirtschaft betroffene amerikanische Wirtschaft Absatzmärkte zu schaffen.

Beim Marshall-Plan (ERP) handelte es sich um ein „Mehrzweckinstrument“, das sowohl von außen- und wirtschaftspolitischen als auch von strategischen Zielsetzungen motiviert war:[8i]

  1. Das ERP war wirtschaftspolitisches Pendant zur Truman-Doktrin und als Instrument gegen den Einfluss der UdSSR in Europa im Zuge des beginnenden Kalten Krieges gedacht, mit dem Europa in das westlich-kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem integriert werden sollte
  2. Mit dem ERP wurden auch strategisch-militärische Ziele verfolgt, um im Konfliktfall Verbündete gegenüber der UdSSR zu haben.
  3. Das ERP war ein Konzept, durch das sich die Reorganisation der drei von den Westalliierten administrierten Besatzungszonen und der Bildung einer zentralen deutschen Wirtschaftsverwaltung, teilweise lösen ließ.
  4. Zur Sicherung der US-Wirtschaft war auf längere Sicht eine reorganisierte europäische Wirtschaft notwendig. Europa war der wichtigste Exportmarkt der USA.

Bei all diesen Motiven und Überlegungen spielten die Vorstellungen des ehemaligen Verbündeten keine Rolle bzw. nur insofern, dass sich diese Maßnahmen gegen die UdSSR wandten.

Den USA kam der Marshallplan in mehrfacher Hinsicht zugute: Ein Wiederaufbau Europas als wichtiger Absatzmarkt half auch der eigenen durch den Krieg geschwächten Wirtschaft. Gleichzeitig gelang es dank der engen wirtschaftlichen Anbindung, Westeuropa erfolgreich vor der Sowjetunion abzuschirmen. Die Teilnahme am Marshall-Plan war – noch vor der Gründung der Bundesrepublik – der erste Schritt zur Integration Westdeutschlands in das westliche Wirtschaftssystem.

Mit Hilfe des Marshallplans flossen Kapital- und Devisenhilfen zur Finanzierung von Investitionen und Einfuhren in die Westzonen Deutschlands.  „Indirekt“ kam es im Zusammenhang mit dem Marshall-Plan zum  Abbau von Handelshemmnissen und zum Aufbau eines Freihandelssystems.

„Während Jahrzehnte unbestritten war, dass der Marshall-Plan wesentlich zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas und zur Stabilisierung der europäischen Wirtschaft beigetragen hat, mehren sich in den letzten Jahren Stimmen, die die ökonomische Wirkung des Marshall-Plans für überschätzt erachten. Diese Relativierung des ökonomischen Erfolgs des ERP wird heute immer mehr akzeptiert.“[9]

Nicht zuletzt diente die Hilfe auch der „Imagepflege:  Aus US-Besatzern wurden Verbündete. „Die Bewilligung des Marshallplans wurde in den USA mit massiver Öffentlichkeitsarbeit vorbereitet. Auch in Europa war sie fester Bestandteil des Programms: Knapp 100 Millionen Dollar wurde allein in Deutschland von 1950 bis 1953 für „sachliche Information“ über das ERP ausgegeben.“[10]

Diese außergewöhnliche Propaganda-Offensive war insbesondere  in der Bundesrepublik Deutschland sehr wirkmächtig und begründete den Mythos des Marshall-Plans im öffentlichen Bewusstsein bis heute.

 

Währungsreform

Die Währungsreform war einerseits Glied in der Reorganisation alter Wirtschaftsstrukturen, verlieh einem wirtschaftlichen Aufschwung andererseits zusätzliche Schubkraft. Sie war notwendig geworden, weil die nationalsozialistische Wirtschafts- und Finanzpolitik die deutsche Währung zugrunde gerichtet hatten. [11]

Der Zweite Weltkrieg wurde vom Dritten Reich vor allem über die Notenpresse finanziert, so dass nach Kriegsende eine gigantische Geldmenge einer geringen Menge produzierter Güter gegenüberstand. Die aus diesem Missverhältnis resultierende Inflation wurde zwar durch die rigorose staatliche Preiskontrolle äußerlich zurückgestaut, äußerte sich aber in der Verlagerung des Warenaustausches auf den „Schwarzmarkt“ und währungspolitisch im Funktionsverlust der Reichsmark, die partiell durch die „Zigarettenwährung“ – amerikanische Zigaretten als Tauschmittel und Rechnungseinheit – ersetzt wurde.

Um das Gleichgewicht zwischen Geldmenge und Warenangebot wieder herzustellen, war eine Währungsreform unumgänglich.  Mit der Währungsreform wurde aber zugleich die Gründung eines westdeutschen Staates forciert. „Das Modell dazu existierte schon seit Anfang 1947 in Gestalt der >Bizone<, dem Zusammenschluss des amerikanisch und des britisch besetzten Territoriums zum >vereinten Wirtschaftsgebiet<“. [12]

Die USA bestimmten, wie die Währungsreform ablaufen sollte – eine wirkliche Beteiligung deutscher Währungsexperten gab es nicht, ihre Vorschläge wurden schlicht ignoriert. Auch Ludwig Erhard war in die Planungen nicht eingebunden – er hatte allerdings das politische Geschick, sich als erster deutscher Politiker öffentlich zur Währungsreform zu äußern.[13]

In der Art, wie sie durchgeführt wurde, brachte sie aber auch große Ungerechtigkeiten für die Bevölkerung mit sich. An diesem Tag waren die Deutschen alles andere als ,,gleich“: Bargeldbesitzer wurden in einer bis dahin nicht gekannten Größenordnung enteignet, Produktionsmittelbesitzer in ihrem Eigentum dagegen nicht berührt. Diejenigen, die weder das eine noch das andere besaßen, waren nach wie vor darauf angewiesen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Gleichzeitig mit der Währungsreform wurden auch zahlreiche Bewirtschaftungs- und Preisvorschriften außer Kraft gesetzt – der Lohnstopp erst neun Monate später.

Der größte Teil der Bevölkerung hatte am Aufschwung zunächst nur geringen Anteil. Die Arbeitsbedingungen in all diesen Jahren waren sehr schlecht: lanqe Arbeitszeit, überwiegend harte Arbeit und niedrige Löhne (Lohnstopp) prägten den Alltag der Arbeiter und Angestellten.

Die privaten Versorgungsmängel blieben noch lange in vielen Bereichen lebensbestimmend. Rationierungen waren z. T. noch bis 1950 notwendig und viele von den Waren, die nach der Währungsreform plötzlich wieder regulär gekauft werden konnten, waren so teuer, dass die meisten Menschen sie sich nicht leisten konnten. Vor allem in den Monaten nach der Geldreform liefen die Preise den Löhnen davon, Alle Preiskontrollen und Appelle an die Produzenten und Händler nutzten wenig.

Der Wirtschaftsaufschwung war zudem mit einer hohen Zahl von Arbeitslosen verbunden. Solange die Produktionskapazitäten noch nicht voll ausgelastet werden konnten, mussten Millionen Menschen auf einen Arbeitsplatz warten. Zahlreiche Proteste gegen die hohen Preise und gegen die Arbeitslosigkeit sowie Streiks kündeten von der verbreiteten Unzufriedenheit. Erst in den 50er Jahren erfasste der Aufschwung auch die Masse der Bevölkerung und deren Lebensverhältnisse verbesserten sich deutlich.

„Ungeachtet zeitweiliger wissenschaftlicher Kontroversen über die reale Bedeutung der Währungsreform für das „Wirtschaftswunder“ in der BRD muss die Schaffung einer soliden Währungsbasis als ein Schlüsselfaktor für die  Soziale Marktwirtschaft angesehen werden.“[14]


Anmerkungen

[1] Huster u.a.(1972), S. 69
[2] Kleßmann (1985), S. 207. Vgl auch Huster u.a.(1972), S. 120ff Gewerkschaften….
[3] Vgl. Huster u.a.(1972), S. 69fff; Kleßmann (1985), S. 201f
[4] Die Bilder von der Zerstörungen der deutschen Innenstädte haben  sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt – bis heute. Die Bilder in den Wochenschauen haben dazu wesentlich beigetragen, „aber man hätte nur die Kamera um 180 Grad drehen müssen und Bilder von wenig zerstörten Vorstädten eingefangen.“ Aussagen des Wirtschaftshistorikers Albrecht Ritschl im Film „Unser Wirtschaftswunder –  Die wahre Geschichte“
[5] Vgl. Abelshauser (1981)
[6] Huster u.a. (1972)
[7] Vgl. Benz (2005)
[8] Vgl. Wirth
[9] Vgl. Wirth, unter Berufung auf Untersuchungen von Werner Abelshauser und Charles C. Maier. Auch im Film „ Unser Wirtschaftswunder –  Die wahre Geschichte“ wird diese Aussage vertreten.
[10] Vgl. Dossier der bpb: Der Marshallplan – selling democracy
[11]Andersen (2013)
[12] Benz (1995), S.5
[13] Vgl. die entsprechende Sequenz im Film „ Unser Wirtschaftswunder –  Die wahre Geschichte“ 
[14] Andersen (2013)

Aspekte der politisch-ökonomischen Nachkriegsentwicklung in Deutschland

Deutschland nach dem Krieg – Alltag der Menschen

Politischer Neubeginn

(Re)Organisation der Arbeiterbewegung

Ökonomische Entwicklung

Grundlagen der Spaltung Deutschlands

Literatur

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