Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – Zu teuer für die Wirtschaft?“


114 Tage Mut – im Kampf für eine Selbstverständlichkeit

Detlef Endeward (06/2026)

Der Metallarbeiterstreik in Schleswig-Holstein 1956/57 – oft als längster Streik der frühen Bundesrepublik bezeichnet – dauerte rund 114 Tage, also knapp vier Monate.

Er begann im Oktober 1956 und endete im Januar 1957.

Gestritten wurde vor allem um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für Arbeiter (also die Gleichstellung mit Angestellten). Trotz massiven wirtschaftlichen und politischen Drucks hielten die Beschäftigten den Streik über diese außergewöhnlich lange Zeit durch – was ihn zu einem zentralen Referenzpunkt der deutschen Gewerkschaftsgeschichte gemacht hat.

 

Warum Arbeiter in den 1950er Jahren mutig sein mussten und warum ihre Enkel heute wieder gefordert sind

Das Erstaunliche am Streik von 1956/57 ist nicht nur, wofür die Metallarbeiter kämpften. Erstaunlich ist vor allem, dass sie für etwas kämpfen mussten, was heute als Selbstverständlichkeit gilt: die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, soziale Absicherung und die Gleichbehandlung von Arbeitern und Angestellten.

Mutig mussten sie sein, weil sie sich gegen mächtige wirtschaftliche und politische Interessen stellten. Arbeitgeberverbände, Teile der Politik und zahlreiche Medien warnten vor angeblich untragbaren Belastungen für die Wirtschaft. Die Forderungen der Beschäftigten wurden als unrealistisch, gefährlich oder wirtschaftsschädlich dargestellt. Dennoch hielten die Streikenden über Monate durch und setzten sich schließlich durch.

Rückblickend fällt auf, wie vertraut viele Argumente klingen. Auch heute wird unter der Formel „Das können wir uns nicht mehr leisten“ über soziale Sicherungssysteme diskutiert. Die steigenden Kosten von Kranken- und Pflegeversicherung werden als Beleg dafür angeführt, dass Leistungen gekürzt, Eigenanteile erhöht oder die Menschen länger und intensiver arbeiten müssten. Es entsteht der Eindruck eines unausweichlichen Sparzwangs.

Doch ein Sparzwang ist niemals nur eine ökonomische Tatsache, sondern immer auch Ausdruck politischer Prioritäten. Während über die Finanzierbarkeit sozialer Sicherungssysteme gestritten wird, werden gleichzeitig gewaltige Summen für militärische Aufrüstung bereitgestellt. Milliarden für Rüstung erscheinen alternativlos, Milliarden für Gesundheit, Pflege oder soziale Sicherheit dagegen als Problem. Die Frage lautet daher nicht allein, was eine Gesellschaft finanzieren kann, sondern was sie finanzieren will.

Genau darin liegt die Aktualität der „Mutigen 56“. Sie akzeptierten nicht, dass wirtschaftliche Interessen automatisch Vorrang vor sozialen Rechten haben sollten. Sie stellten die Frage nach Gerechtigkeit, nach gesellschaftlichen Prioritäten und nach der Würde der arbeitenden Menschen.

Heute stehen andere Themen im Mittelpunkt als damals. Doch die Grundfrage ist dieselbe geblieben: Wer entscheidet darüber, was als finanzierbar gilt und was nicht? Wer bestimmt die Prioritäten einer Gesellschaft? Und wer trägt die Lasten wirtschaftlicher und politischer Entscheidungen?

Die Arbeiter von 1956 haben gezeigt, dass soziale Rechte nicht gewährt, sondern erkämpft werden. Ihre Enkel und Urenkel stehen heute vor einer ähnlichen Herausforderung. Nicht weil dieselben Konflikte zurückkehren, sondern weil erneut darüber gestritten wird, welchen Stellenwert soziale Sicherheit, Gesundheit und menschliche Würde gegenüber den Interessen von Markt, Wettbewerb und Aufrüstung besitzen.


 

Die Mutigen 56

Heute ist die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall selbstverständlich. Doch Arbeiter in den 1950er-Jahren bekommen in den ersten drei Krankheitstagen gar keinen Lohn, danach nur wenig. Ab Oktober 1956 legen daher bis zu 34.000 Metallarbeiter in Schleswig-Holsteins die Arbeit nieder. Es ist der bis heute längste Branchenstreik Deutschlands. Emma und Alfred Freese und ihre zwei Kinder sind eine fiktive Kieler Werft-Arbeiterfamilie. Durch ihre Augen und viele Zeitzeugen wird die entbehrungsreiche Zeit und der Kampf für ein menschenwürdiges Leben in diesem dreiteiligen Dokudrama erlebbar. (Text: ARD Mediathek)

Die Mutigen 56 – Deutschlands längster Streik – Staffel 1 der Serie – jetzt streamen!

Fritz Köhler: Drei gerechte Forderungen. Der Metallarbeiterstreik in Schleswig-Holstein. Verlag Tribüne, Berlin 1958.

Das Urteil des Bundesarbeitsgerichts im Schleswig-Holsteinischen Metallarbeiterstreik. Beck, München 1959.

IG Metall: Material und Stellungnahmen zum Urteil des Bundesarbeitsgerichts in Kassel vom 31. Oktober 1958 gegen die IG Metall wegen Schadenersatzforderungen der Arbeitgeber aus dem Metallarbeiterstreik in Schleswig-Holstein. Frankfurt am Main 1959.

Andreas HamannGewerkschaften und Sozialstaatsprinzip. Zugleich eine kritische Stellungnahme zu dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts über den schleswig-holsteinischen Metallarbeiter-Streik im Jahre 1956. Rechtsgutachten / erstattet von Andreas Hamann. Union-Druck, Frankfurt/M. 1959.

Lothar Schimmelpfennig: Der Metallarbeiterstreik in Schleswig-Holstein 1956/57 : eine Demonstration des Wesens und der Bedeutung der Aktionsgemeinschaft der Arbeiterklasse. Berlin 1963. (Berlin, Humboldt-Univ., Diss., 1963)

Irene Dittrich, Wilfried Kalk: „Wir wollen nicht länger Menschen zweiter Klasse sein!“ Der Metallarbeiterstreik in Schleswig-Holstein 1956/57. In: Demokratische Geschichte. 2 (1987), S. 351–393. ISSN 0932-1632

Metallarbeiterstreik 1956-1957

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