Bilder des „Dritten Reiches“

„Typische Erfahrungsmomente, Sicht- und Interpretationsweisen und spezifische Bewertungen von Haltungen und Handlungsweisen“

Bettina Greffrath (1993)

Welches Bild zeichnen die untersuchten deutschen Spielfilme von der unmittelbaren Vergangenheit? Zeigt es die Bereitschaft und die Fähigkeit zu kritischer Selbstreflexion? Wie werden die eigene Position und Haltung gegenüber den Zielen und der alltäglichen Realität des Hitlerfaschismus bestimmt? Gibt es realistisch-aufklärende Analysen dieses Unrechtsstaates, die die Massenzustimmung des deutschen Volkes mit in den Blick nehmen? Wird der Anteil des Einzelnen an der Etablierung und dem Fortbestehen des Dritten Reiches Thema? Wie werden seine Handlungsmöglichkeiten gekennzeichnet? Welche Verhaltensmodelle werden für die Situation im NS-Staat als vernünftige und welche als ethisch positive propagiert? Welches Bild zeichnen die Filme von den Opfern der NS-Zeit: den verfolgten Juden, den überfallenen Polen, den in die Emigration getriebenen Deutschen?

Die Antworten auf diese Fragen lassen der Ausgangshypothese nach Vermutungen darüber zu, ob es den Deutschen – Filmemachern wie Kinozuschauern, die in den filmischen Ansichten über das Dritte Reich eigene oder gewünschte Anschauungen wiedererkannten – gelang, die Vergangenheit ohne Tabus zu betrachten. Wie die Diskussion soziologischer und sozialpsychologischer Studien und Erklärungsmodelle zur Ausbildung kollektiver Formen politischer Identität zeigen sollte, hätten idealerweise einer positiven demokratischen Entwicklung nach Ende des Dritten Reiches spezifische Prozesse des Erinnerns, der gefühlsmäßigen wie auch intellektuellen Verarbeitung des eigenen Erlebens zu Erfahrungen vorausgehen müssen: So sah Adorno als Voraussetzung für die Überwindung des „Prinzips von Auschwitz“[2] im Fühlen und Denken der Menschen eine tabulose Betrachtung der Vergangenheit als Teil der eigenen Lebensgeschichte: Die eigene unterstützende oder zumindest duldende Haltung gegenüber einem inhumanen und kriegstreibenden Regime hätte danach erkannt werden müssen, um unheilvolle und eventuell fortwirkende psychische Mechanismen durchbrechen zu können.[3]

Die Untersuchungen dieses ersten Kapitels gelten deshalb den Bildern der Vergangenheit, den optischen wie auch verbalen Behauptungen über wirksame Kräfte und inhärente Gesetze des Lebens im nationalsozialistisch geprägten Deutschland. Die Einzelstudien konzentrieren sich dabei auf typische Erfahrungsmomente, Sicht- und Interpretationsweisen und spezifische Bewertungen von Haltungen und Handlungsweisen. Die Einzelaspekte in ihrer Folge beschreiben dabei bezeichnenderweise einen Kreis: Sie gehen von der Alltagserfahrung des Einzelnen aus[4] und kehren über die Untersuchung der Bewertungen, die eigene und „fremde“ Haltungen gegenüber dieser Wirklichkeit in den Filmen erfahren,[5] schließlich zu Selbstbildern zurück, die als Antworten auf das eigene Erinnern wie auf die an die Nachkriegsdeutschen durch Aufklärung und Anklage „Fremder“[6] herangetragenen Einsichten über das eigene historische Handeln anzusehen sind.


Anmerkungen

[1] Vgl. hierzu Kapitel I dieser Arbeit.

[2] Adorno 1966, a. a. O.

[3] Z. B. das Bedürfnis nach Verschmelzung mit einem übermächtig scheinenden Führer zum Zwecke der narzisstischen Selbsterhöhung. Vgl. hierzu Mitscherlich/Mitscherlich, 1967, a. a. O.

[4] Abschnitte 5.1.1 und 5.1.2.

[5] Abschnitte 5.1.3 und 5.1.4.

[6] D. h. sowohl der zuvor (zwischen 1933 und 1945) ausgegrenzten Opfer wie auch der „feindlichen“ Ausländer. Abschnitte 5.1.5 und 5.1.6.


Auszug aus: Bettina Greffrath: Verzweifelte Blicke, ratlose suche, erstarrende Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945 – 1949. Diss. Universität Hannover 1993, S. 223/24

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