Film in der DDR 1949/1950 bis 1989/1990
Erste vorläufige zeitliche Gliederung
Redaktion Lernwerkstatt (09/2026)
Zur historischen Einordnung der Spielfilme und ihrer gesellschaftlichen Bezugsrealität
Die zeitliche Gliederung der DDR-Spielfilmproduktion dient als erste Orientierung, um einzelne Filme in ihren historischen Entstehungszusammenhang einzuordnen und auf ihre gesellschaftliche Bezugsrealität beziehen zu können.
Die vorgeschlagenen Zeitabschnitte orientieren sich an politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, Veränderungen der Produktionsbedingungen sowie filmästhetischen und thematischen Schwerpunkten. Sie sind nicht als starre Epochengrenzen zu verstehen. Filmhistorische Entwicklungen überschneiden sich, und einzelne Filme können gesellschaftliche Veränderungen vorwegnehmen, auf sie reagieren oder sich ihnen widersetzen.
Die Gliederung bildet damit einen vorläufigen Rahmen für die weitere Erschließung der Filme. Sie soll schrittweise durch Filmbearbeitungen, zeitgenössische Quellen, retrospektive Untersuchungen und vergleichende Analysen konkretisiert und gegebenenfalls verändert werden.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen der gesellschaftlichen Wirklichkeit, auf die sich ein Film bezieht, und der filmischen Wirklichkeit, die er daraus gestaltet. Gerade das Verhältnis zwischen beiden eröffnet Möglichkeiten historischer Erkenntnis.
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Zeitraum |
Bezeichnung |
Kurze Charakteristik |
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1949–1955 |
Aufbau des sozialistischen Filmwesens |
Konsolidierung der DEFA als staatlicher Produktionsbetrieb; antifaschistische Tradition, Aufbaufilme, sozialistischer Realismus und Unterhaltung. |
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1956–1965 |
Gesellschaftliche Wirklichkeit und filmische Erneuerung |
Zunehmende Auseinandersetzung mit Alltag, Jugend, Arbeit und gesellschaftlichen Widersprüchen; Entwicklung neuer realistischer Erzählweisen. |
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1965–1971 |
Filmverbote und Neuorientierung |
Das 11. Plenum des ZK der SED 1965 führt zu weitreichenden Verboten; Einschränkung gesellschaftskritischer und experimenteller Filmproduktion. |
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1971–1980 |
Alltag und gesellschaftliche Konflikte |
Differenzierte Gegenwartsfilme, Literaturverfilmungen und historische Stoffe; individuelle Lebensentwürfe und gesellschaftliche Erwartungen. |
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1981–1989 |
Späte DEFA und gesellschaftlicher Wandel |
Auseinandersetzung mit Generationenkonflikten, Geschichte, Alltag und gesellschaftlichen Widersprüchen bis zum Ende der DDR. |
Die Zäsur von 1965 ist hier besonders wichtig: Das 11. Plenum unterbrach Entwicklungen, die in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre neue Möglichkeiten des DEFA-Spielfilms eröffnet hatten.
Die DEFA-Chronik und Ralf Schenks kleine DEFA-Spielfilmgeschichte bieten eine gute erste Grundlage für die weitere Ausarbeitung.
Eine alternative zeitliche Strukturierung
Spielfilmgeschichte in der SBZ/DDR 1945–1990
Phasen, Zäsuren und ausgewählte Filme
| Phase | Filmgeschichtlicher Schwerpunkt | Vorschläge zur Bearbeitung | Gesellschaftsgeschichtliche Spuren |
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| 1. 1946–1949: Das offene Nachkriegsfeld | DEFA entsteht noch vor der DDR; unterschiedliche Vorstellungen einer neuen Gesellschaft | Die Mörder sind unter uns (1946); Freies Land (1946); Irgendwo in Berlin (1946); Ehe im Schatten (1947); Grube Morgenrot (1948); Die Buntkarierten (1949); Rotation (1949); Unser täglich Brot (1949) | NS-Erbe, Heimkehr, Ruinen, Flüchtlinge, Antisemitismus, Arbeit, Eigentum, Familie, konkurrierende Zukunftsvorstellungen |
| 2. 1950–1956: Formierung einer sozialistischen Filmkultur | zunehmende kulturpolitische Steuerung; Aufbau- und Geschichtserzählungen | Der Rat der Götter (1950); Der Untertan (1951); Das verurteilte Dorf (1952); Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse (1954); Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse (1955) | Staatsgründung, Kalter Krieg, Antifaschismus als Legitimationsgeschichte, Arbeiterbewegung, Klassen- und Geschichtsbild |
| 3. 1956–1961: Tauwetter, Widersprüche und neue Wirklichkeitsbeobachtung | vorsichtige ästhetische und gesellschaftliche Öffnung, zugleich Grenzen | Berlin – Ecke Schönhauser… (1957); Sonnensucher (1958); Das Lied der Matrosen (1958); Der schweigende Stern (1960); Der Fall Gleiwitz (1961) | Jugend, Arbeit, Uranbergbau, deutsch-sowjetische Beziehungen, Antifaschismus, Wissenschaft und Fortschrittsutopie |
| 4. 1961–1965: Die vielleicht spannendste Öffnungsphase | Nach dem Mauerbau paradoxerweise stärkere Hinwendung zu inneren DDR-Widersprüchen | Beschreibung eines Sommers (1962); Der geteilte Himmel (1964); Das Kaninchen bin ich (1965); Karla (1965); Denk bloß nicht, ich heule (1965); Berlin um die Ecke (1965); Jahrgang 45 (1966) | Mauer und Republikflucht, Generationen, Justiz, Schule, Arbeit, Liebe, Individualität, Verhältnis von Individuum und Institution |
| 5. 1965/66: Der abgebrochene Aufbruch | 11. Plenum als massive filmgeschichtliche Zäsur | Spur der Steine (1966) zusammen mit Das Kaninchen bin ich, Karla und Jahrgang 45 | Besonders ergiebig: Was konnte über die DDR gerade sichtbar werden – und warum durfte es dann nicht mehr sichtbar sein? |
| 6. 1966–1971: Neuorientierung nach dem Kahlschlag | Verunsicherung; Ausweichen auf andere Stoffe und Genres | Chingachgook, die große Schlange (1967); Die Fahne von Kriwoj Rog (1967); Ich war neunzehn (1968); Zeit zu leben (1969); Signale – Ein Weltraumabenteuer (1970) | Antifaschismus, Internationalismus, Indianerfilm, Arbeit, Fortschritt, Erinnerung an Krieg und Befreiung |
| 7. 1971–1976: Neue Öffnung und Alltag als gesellschaftlicher Konfliktraum | Honeckers kulturpolitisches Öffnungsversprechen; stärkere Individualisierung der Geschichten | Der Dritte (1972); Die Legende von Paul und Paula (1973); Die Schlüssel (1974); Der nackte Mann auf dem Sportplatz (1974); Bankett für Achilles (1975); Jakob der Lügner (1974/75) | Liebe, Frauenemanzipation, Arbeit, Künstler und Gesellschaft, deutsch-polnische Beziehungen, Holocaust |
| 8. 1976–1981: Nach Biermann – Gesellschaftsbeobachtung unter enger werdenden Bedingungen | kein einfacher erneuter „Kahlschlag“; gesellschaftskritische Filme bleiben möglich | Mama, ich lebe (1977); Ein Katzensprung (1977); Sabine Wulff (1978); Solo Sunny (1980); Bürgschaft für ein Jahr (1981) | Individualisierung, Geschlechterrollen, soziale Randlagen, NVA, Selbstverwirklichung, Spannungen zwischen Individuum und Kollektiv |
| 9. 1981–1985: Ernüchterung, Rückzug, historische und metaphorische Formen | kulturpolitische Kritik an „negativen“ Gegenwartsbildern; teilweise Verlagerung ins Historische | Dein unbekannter Bruder (1982); Das Luftschiff (1983); Insel der Schwäne (1983); Erscheinen Pflicht (1984); Die Grünstein-Variante (1985) | Stadtentwicklung, Jugend, Antifaschismus neu befragt, Institutionen, Anpassung, historische Selbstverständigung |
| 10. 1986–1989: Späte DDR – zunehmende gesellschaftliche Entfremdung | Filme registrieren gesellschaftliche Probleme immer deutlicher, ohne den Zusammenbruch vorauszusehen | Der Traum vom Elch (1986); Einer trage des anderen Last… (1988); Die Schauspielerin (1988); Coming Out (1989); Die Architekten (1990) | Beziehungskrisen, Religion und Sozialismus, Antisemitismus, Homosexualität, Stadtplanung, berufliche Resignation, gesellschaftliche Erstarrung |
| 11. 1989–1992: Filme einer verschwundenen Produktionsgesellschaft | Produktionsbeginn noch in der DDR, Fertigstellung/Aufführung in einer anderen Gesellschaft | Die Architekten (1990); Letztes aus der DaDaeR (1990); Der Tangospieler (1991); Stein (1991); Verfehlung (1992) | Zusammenbruch, Rückblick, Desillusionierung, Übergangsgesellschaft – zugleich Quellen für das Ende der DEFA selbst |