1945-1990: Zwei Filmgeschichten – getrennt und aufeinander bezogen
Bilderstellung mit ChatGPT – 24.09.2026
Gemeinsame Erfahrungen – getrennte Entwicklungen – bleibende Beziehungen
Redaktion Lernwerkstatt (09/2026)
Nach 1945 beginnt die deutsche Filmgeschichte zunächst noch in einem gemeinsamen historischen Erfahrungsraum. Krieg, Nationalsozialismus, Zerstörung, Flucht, Vertreibung, Heimkehr und Besatzung prägen die Lebenswirklichkeit, auf die Filme in allen Besatzungszonen reagieren. Mit der politischen und gesellschaftlichen Teilung entwickeln sich daraus jedoch zwei unterschiedliche Filmkulturen in der SBZ/DDR und in den westlichen Besatzungszonen beziehungsweise der Bundesrepublik. Sie entstehen unter unterschiedlichen politischen, ökonomischen, institutionellen und kulturellen Bedingungen und entwickeln jeweils eigene filmhistorische Rhythmen und Zäsuren.
Dabei entstehen zugleich zwei unterschiedliche Erinnerungskulturen. Der Umgang mit Nationalsozialismus, Krieg, Widerstand, Verfolgung und deutscher Schuld entwickelt sich in beiden deutschen Staaten unterschiedlich. Filme sind Teil dieser Erinnerungskulturen: Sie greifen gesellschaftliche Deutungen auf, prägen sie mit und lassen zugleich erkennen, was zu bestimmten Zeiten erzählt werden konnte, was erzählt werden sollte – und was ausgeblendet blieb.
Zugleich wird das Verhältnis beider Filmkulturen durch den Kalten Krieg strukturiert. Film ist nicht nur Kunst und Unterhaltung, sondern auch Medium gesellschaftlicher Selbstverständigung und politischer Auseinandersetzung. Bundesrepublik und DDR beobachten und deuten einander; Selbstbilder entstehen auch in der Abgrenzung vom jeweils anderen Gesellschaftssystem. Antikommunismus im Westen und Antifaschismus beziehungsweise die Kritik am Kapitalismus im Osten bilden dabei wichtige politische und ideologische Bezugspunkte. Die deutsch-deutsche Filmgeschichte ist deshalb immer auch eine Geschichte konkurrierender Gesellschaftsbilder.
Grundlegend verschieden sind schließlich die Produktionssysteme. In der DDR entwickelt sich mit der DEFA eine staatlich organisierte Filmproduktion, in der politische Vorgaben, institutionelle Kontrolle und unterschiedliche Formen staatlicher Zensur unmittelbar auf die Entstehung und Aufführung von Filmen einwirken können. In der Bundesrepublik entsteht dagegen eine privatwirtschaftlich organisierte Filmindustrie. Auch hier bedeutet dies keineswegs uneingeschränkte künstlerische Freiheit. Produzenten, Verleiher, Kinobetreiber, Finanzierungssysteme, erwartete Zuschauerzahlen und später zunehmend das Fernsehen entscheiden darüber, welche Filme realisiert werden und ihr Publikum erreichen. Vereinfacht ließe sich von unterschiedlichen Selektions- und Kontrollmechanismen sprechen: hier wesentlich die „Zensur des Marktes“, dort wesentlich die politische und administrative Einflussnahme des Staates. Beide Begriffe dürfen allerdings nicht gleichgesetzt werden – gerade ihre unterschiedlichen Funktionsweisen gehören zu den Fragen, die an die beiden Filmgeschichten zu stellen sind.
Diese beiden Filmgeschichten verliefen dennoch niemals unabhängig voneinander. Teilung bedeutete nicht Beziehungslosigkeit. Es gab Abgrenzungen und Konkurrenz, gegenseitige Wahrnehmungen und Ausblendungen, personelle Wechsel, ästhetische Anregungen, parallele Entwicklungen und gegenläufige Bewegungen. Filme, Stoffe, Genres, Schauspielerinnen und Schauspieler, Regisseure und andere Filmschaffende können deshalb Verbindungslinien sichtbar machen, die eine ausschließlich getrennte Betrachtung leicht übersieht. Dabei entstanden Möglichkeiten – und andere gingen verloren.
Nach 1989/90 begann schließlich eine neue gemeinsame Filmgeschichte, allerdings weder voraussetzungslos noch unter symmetrischen Bedingungen. Die institutionellen Strukturen der DDR-Filmproduktion verschwanden weitgehend, während sich die westdeutschen Produktions-, Finanzierungs- und Verleihstrukturen im vereinigten Deutschland fortsetzten. Damit stellt sich auch die Frage, was von den beiden Filmkulturen in die gemeinsame Filmgeschichte einging, was neu entdeckt wurde und was aus dem kulturellen Gedächtnis verschwand oder an den Rand gedrängt wurde.
Die folgenden beiden Übersichten versuchen nicht, diese komplexe Beziehungsgeschichte bereits zu schreiben. Sie stehen bewusst nebeneinander und orientieren sich zunächst an den jeweiligen filmhistorischen Entwicklungen. Auch die Phasen der DDR- und der bundesdeutschen Geschichte und die Phasen ihrer Filmgeschichten sind nicht einfach deckungsgleich.
Berührungen, Wechselwirkungen, Spannungen, Befruchtungen und Verluste werden deshalb hier nicht in einer zusätzlichen Synthese aufgelöst. Sie können an anderer Stelle untersucht oder – ganz im Sinne der Lernwerkstatt – aus den Materialien selbst erschlossen werden.
Dafür bieten die anderen Rubriken unter „Filme in ihrer Zeit“ Material: einzelne Filme und Filmgruppen, Produktionsbedingungen, gesellschaftliche Kontexte, zeitgenössische Wahrnehmungen und spätere Deutungen. Die beiden Übersichten sind daher keine Kurzfassung einer fertigen deutsch-deutschen Filmgeschichte. Sie sind Orientierungskarten für die weitere Spurensuche.
Sie sollen nicht vorwegnehmen, welche Zusammenhänge zu erkennen sind, sondern dabei helfen, die Fragen zu stellen, mit denen solche Zusammenhänge überhaupt erst sichtbar werden.
Film im deutschen Kaiserreich 1895 bis 1918
Film in der Weimarer Republik 1919 bis 1933
Film im Faschismus 1933 bis 1945
Film im Nachkriegsdeutschland 1945 bis 1949/1950
Zwei Filmgeschichten – getrennt und aufeinander bezogen – 1949/50 – 1990
Film in der BRD 1949/50 bis 1989/90
Film in der DDR 1949/50 bis 1989/90
Film im vereinten Deutschland seit 1990