Eine Gesellschaft in Bewegung?
Gesellschaft in Bewegung – Das Beispiel MAMITSCHKA (Filminstitut Hannover)
Formen der Wahrnehmung, der Realitätsverarbeitung und des Handelns
Bettina Greffrath (1993)
Die Gegenwartsbilder der untersuchten Filme zeigten sich durch ein spezifisches Empfinden bestimmt: durch das Gefühl, in einem mitunter unwirklich anmutenden Zwischenreich zu existieren, in dem traditionell und historisch gelernte Sichtweisen und Orientierungen außer Kraft sind und die Realität dem einzelnen undurchschaubar und zumeist feindlich entgegentritt. Die Aufmerksamkeit in diesem Kapitel gilt nun der inneren Dynamik in diesem „Zwischenreich“.
Bereits in der genauen Analyse des häufigen Figurentypus des Heimkehrers zeigte sich: Menschen, die von außen in die Nachkriegsrealität versetzt werden, lässt dieses Erleben selten unverändert. Zwischen dem Gestern und dem Morgen liegen Prozesse der Wahrnehmung, Analyse, Bewertung, liegt eine Orientierung, Entscheidung, wenn auch nur selten eine personale Wandlung.
In diesem Kapitel interessieren mich zunächst typische Verläufe, Strukturen und Resultate dieser in den Filmen spezifisch gezeichneten Prozesse. Wie vollzieht sich der Schritt aus Vergangenheit und Gegenwart in die Zukunft bei den Protagonisten der Filme? Welche Verarbeitungsweisen der Gegenwart werden vorgeführt, welche propagiert? Welche konkreten Haltungen gegenüber Dingen und Menschen, welche Verhaltensweisen werden positiv bewertet?
In Erwartung – Von der Lähmung zum (gelenkten) Handeln
„Es wartet die Welt in langen Schlangen.
Sie wartet, dass man den Hunger stillt.
(Im Bild: lange Schlangen vor Lebensmittelgeschäften)
Es wartet der Angler, was zu fangen,
es wartet der Jäger auf das Wild. (…)
Der Film muss oft auf Sonne warten (Filmteam) (…)
Refrain: Im großen Wartesaal des Lebens,
(überfüller Wartesaal, z.T. unterlegt mit jazziger Musik)
da wartet jeder auf das Glück.
Die meisten warten ganz vergebens,
das hält vom Warten nicht zurück.
Und können wir das Glück nicht zwingen
und liegt die letzte Hoffnung weit,
wir sind nicht aus der Ruh‘ zu bringen.
Bald kommt die nächste Wartezeit,
(…) hier wartet ein Herr auf seine Hosen
und hier einer auf eine bessere Welt
(in Lehnstuhl ein alter Mann mit einer Decke über den Knien)
Man wartet auf die Milch mit erstem Lallen
(…) man wartet, dass die Gitter endlich fallen.
(Sträfling in Zelle, der durch die Gitter schaut)
Wir alle warten, unbeirrt.
Refrain: Im großen Wartesaal des Lebens…
Es warten Menschen und Maschinen,
daß man vom Warten sie befreit,
es rosten rastende Turbinen,
und so vergeht die schönste Zeit.
(Im Bild ruhende Fabrikhalle; Off-Kommentar mit sanfter Stimme:) „Alle Räder standen still (…)“
Einer der letzten Heimkehrerfilme und vielleicht der letzte „Trümmerfilm“ fängt die Stimmung – nun schon reflektierend, karikierend in diesem Lied ein: Die BERLINER BALLADE blendet zurück in die erste Zeit nach der Rückkehr. Dieser Film, am letzten Tag des Jahres 1948 uraufgeführt, gibt noch einmal einem Erleben Ausdruck, das, wie in der Untersuchung des Heimkehrer- und des Menschenbildes 35) bereits deutlich wurde, durch Momente wie Düsternis und Passivität in der Auseinandersetzung mit der Umwelt geprägt ist.
Die männlichen Heimkehrer wirken insbesondere in den ersten 25 Spielfilmen oft wie gelähmt. Ihre Bewegungen sind langsam, schlurfend, nicht selten stehen sie mit hängenden Armen in der Szenerie. Worte reichen als Anstoß für das Einschwenken der Männerfiguren in einen aktiven, in die Zukunft gerichteten Kurs zumeist nicht aus. Auch zeigen die Filme fast nie aktive und eigenständige Orientierungsprozesse. Vielmehr wird die neue Lebensperspektive in der Mehrzahl aller Fälle von außen, von anderen Menschen eröffnet. Andere haben für den Perspektivlosen eine Aussicht geschaffen, – wie Hans Richter in UND ÜBER UNS DER HIMMEL plötzlich eine Stadt im Wiederaufbau sieht und sich nach weiteren schockhaften Erlebnissen aktiv für einen Weg entscheiden kann. 36) Neue Perspektiven finden die Protagonisten oft durch das Vorbild und die Überredungskunst einer Frau. 57) In einer ganzen Reihe von Filmen gehen die Impulse von väterlichen Autoritäten oder anderen Führerfiguren aus. 58)
Zusammenfassung
Die Mikroanalyse der Spielfilme fragte nach der inneren Dynamik der Gegenwartsbilder: Welche typischen Formen, Strukturen und Resultate der Wahrnehmung, Bewertung, Haltung, Orientierung und des Handelns lassen sich in den Prozessen der Rückkehr und Orientierung erkennen, welche werden propagiert, welche verworfen?
Die exemplarische Analyse des Spielfilms UND UBER UNS DER HIMMEL veranschaulichte charakteristische Momente der Orientierungsverläufe, wie sie in vielen Spielfilmen des Untersuchungszeitraumes vorgesteilt werden: Am Anfang steht der Blick aus dem Fenster, das schockierende und schmerzauslösende Gewahr werden der Veränderungen und Beschädigungen der äußeren Welt. Die Konsequenzen dieses Anblicks sind durchgängig negativ: Sie bestehen in psychischem Leid und Persönlichkeitsdeformationen, in Handlungsunfähigkeit und Fehlorientierungen. Dagegen erscheinen beharrende – von den Erfahrungen der Außenwelt abgeschlossene – Menschen eher beherzt und „richtig“ handeln zu können.
In den Filmen, die etwa bis Ende 1947 produziert wurden, werden diese schmerzverzerrten Blicke in die Außenwelt und das Gesehene noch oft gezeigt, die sich am Außen orientierenden Menschen tendenziell neutral beschrieben und die Auswirkungen der Wahrnehmungen und die aus ihnen resultierenden Haltungen und Handlungen vorgeführt. Versuche der Selbstbetäubung erscheinen verständlich, auch wenn sie mitunter deutlich mit Orten des moralisch-sittlichen Abseits 1) verbunden werden. Alkoholismus und äußere Verwahrlosung erscheinen als normal-menschliche Reaktion auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit. In den später produzierten Filmen tendiert die filmische und handlungslogische Bewertung dieser „Figuren am Fenster“ dazu, solche Formen der Realitätsverarbeitung als charakterliche Schwäche zu bewerten. 2) Heilung und eine positive Lebenseinstellung lässt sich, so behaupten einige der Filme der Jahre 1948 und 1949 ausdrücklich, viele unterschwellig, nur für den erringen, dem es gelingt, sich vor der Wahrnehmung der dunklen Realität zu verschließen und zu schützen: z.B. hinter den geschlossenen Gardinen des „Heims“ oder in lichten und moralisch heil gezeichneten Arealen ländlichen Lebens.
Die Gestalten der Finsternis, die weiterhin nicht von den negativen Momenten der Vergangenheit wie der Gegenwart absehen können, werden zunehmend in das gesellschaftliche Abseits gedrängt. Die Figuren, die intellektuell und radikal in ihrem Verhältnis zur Welt gezeichnet werden, fungieren in den Filmgeschichten immer häufiger als Störer, die den Seelenfrieden und den Blick auf die positiven Momente der Existenz hindern. Gegenüber ihrer Entbindung von den Sicherheiten einer Tradition oder eines Glaubens ist bereits, ohne dass in den Filmen dieser Begriff gebraucht wird, der Vorwurf des Nihilismus spürbar. Die emotionale Aufgewühltheit dieser Figuren wird zunehmend als egozentrische und/oder theaterhafte Attitüde diskriminiert. 3)
In einer Übergangsperiode zeigt sich dieses Anwachsen der Distanz in einer Reihe von satirisch-kabarettistischen Versuchen, in denen sich außerdem eine neue Form des Gleichmuts, des Fatalismus und dies ein sehr häufiges Motiv – eines ruhigen Wartens zeigt. Im Jahr 1948 werden allein sechs Spielfilme uraufgeführt, die surreale Karikierungen von Nachkriegsproblemen enthalten. 4) Diese Handlungsmodelle – noch deutlich durch die materiellen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen der unmittelbaren Nachkriegszeit geprägt – zeigen inhärent bereits Strategien der bewussten Abtrennung der Gefühlswelt und der Alltagsexistenz des einzelnen von der äußeren Welt. 5)
Anmerkungen
- … wie es mehrfach die ungezügelte Sinnlichkeit des Rummelplatzes ist…
- B.: FINALE, NACHTWACHE
- hierzu 5.3.5
- FILM OHNE TITEL , DIE SELTSAMEN ABENTEUER DES FRIDOLIN B., DER HERR VOM ANDEREN STERN, DER APFEL IST AB, BERLINER BALLADE, DER GROßE MANDARIN; vgl. hierzu auch Pleyer, 1965, a.a.O., S. 121ff
- Diese Haltung wird in NACHTWACHE schließlich zur Voraussetzung für eine seelische Heilung und eine gefestigte und zukunftszugewandte Identität: Das Ende von Trauer, Verbitterung und Verzweiflung sei nur mit ‚verstopften Sinnen‘, einem blockierten Erinnerungsvermögen und einer starren Orientierung an außer uns liegenden Prinzipien und Glaubenssätzen erreichbar. Vgl. hierzu 5.4.3 und 5.6.9
Auszug aus: Bettina Greffrath: Verzweifelte Blicke, ratlose Suche, erstarrte Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945-1949. Diss. Universität Hannover 1993, S. 427 und S. 450-452
[Orthographie aktualisiert und Anmerkungen an die Online-Veröffentlichung angepasst. D.E.]
Orientierungsversuche im Kollektiv: Das Beispiel UND ÜBER UNS DER HIMMEL

Ein Gesamt-„Kaleidoskop“ der Nachkriegsdeutschen gestaltete Josef von Baky in UND ÜBER UNS DER HIMMEL. Die exemplarische Analyse dieses ersten unter amerikanischer Aufsicht uraufgeführten Spielfilmes erscheint deshalb als Problemaufriss für dieses Kapitel besonders geeignet.
Weitere Beispielfilme
Erstaunte Blicke in eine fremd gewordene Welt
Bilder des Dritten Reiches
Erstaunte Blicke in eine fremd gewordene Welt
Theorien der Verlässlichkeit und Eindeutigkeit – Das Menschenbild
Eine Gesellschaft in Bewegung?
Erdenschwere – vom MIsslingen eskapistischer Phantasien
Fremde und eigene Antworten – Zukunftsentscheidungen und -entwürfe
Spielfilmanalyse und sozialpsychologische Beschreibungen
Themen, Milieus, Motive, Ästhetik
Diagnose und Beschreibung der Nachkriegsdeutschen
Grundlagen
Im Folgenden veröffentlichen wir Auszüge aus einzelnen Kapiteln der Dissertation von Bettina Greffrath: Verzweifelte Blicke, ratlose Suche, erstarrte Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945-1949. Diss. Universität Hannover 1993
[Orthographie jeweils aktualisiert und Anmerkungen an die Online-Veröffentlichung angepasst. D.E.]










