Menschen in Gottes Hand (1947/48)
von GFS-Admin_2021 · Veröffentlicht · Aktualisiert
Filmszene aus MENSCHEN IN GOTTES HAND (Filminstitut Hannover)
Annotation
Der Film „Menschen in Gottes Hand“ (1948) von Rolf Meyer zeigt Bauer Renken, der nach Kriegsflucht bei seinem Sohn Karl in Niedersachsen neu beginnt. Karl steht zwischen zwei Frauen, Lena und Marianne. Nach tragischen Ereignissen kehrt er zur Familie zurück. Ein Drama über Neuanfang und Moral.
Der Film war die erste Produktion der neugegründeten Junge Union-Film

Filmdaten
Titel: Menschen in Gottes Hand
Produktionsjahr: 1947/1948
Produktionsland: Deutschland (Britische Besatzungszone)
Länge: 2366 m · 86 Min.
Bild/Ton: Schwarzweiß · Tonfilm
Produktion und Verleih
Produktionsfirma: Junge Film-Union Rolf Meyer, Hamburg
Produzent: Rolf Meyer (Gesamtleitung)
Produktionsleitung: Helmuth Volmer
Aufnahmeleitung: Rudolf Fichtner
Erstverleih: noch zu überprüfen
Prüfung/Zensur: Januar 1948 · westalliierte Militärzensur; 17. September 1948 · sowjetische Militärzensur
Uraufführung: 27. Januar 1948 · Hamburg, Harvestehuder Lichtspiele
Weitere Erstaufführungen: Berlin-West: 8. April 1948 · Berlin-Ost: noch zu überprüfen
Künstlerische Leitung
Regie: Rolf Meyer; begonnen von Erich Waschneck
Regieassistenz: Walter Fredersdorf
Drehbuch: Gustav Kampendonk
Kamera: Albert Benitz
Kameraassistenz: Emil Eisenbach, Eberhard Köner
Musik: Werner Eisbrenner
Technische Gestaltung
Schnitt: Martha Dübber
Ton: Fritz Schwarz
Bauten: Gabriel Pellon
Kostüme: nicht ermittelt
Maske: nicht ermittelt
Standfotos: nicht ermittelt
Darsteller/innen
| Darsteller/in | Rolle |
| Paul Dahlke | Vater Renken |
| Marietheres Angerpointner | Lena |
| Gerty Soltau | Marianne |
| Rainer Penkert | Karl Renken |
| Richard Lauffen | Lehrer Lührs |
| Justus Ott | Professor Bracht |
| Walter Kohls | Oberarzt Dr. Winter |
| Hedwig Wangel | Alte Dame |
| Karl Kramer | Petermann |
| Gerhard Ritter | Bauer Maack |
6. Drehorte
Drehzeit: Juli bis November 1947
Außenaufnahmen: Brakel · Lüneburger Heide · Hamburg
Atelieraufnahmen: Behelfsatelier „Zum Schlangenbaum“, Bendestorf
Der Film beginnt mit der Rückkehr des Bauern Renken aus einem Flüchtlingslager auf den Hof seines durch den Krieg aus der Bahn geratenen Sohnes Karl. Seine Schwiegertochter Lena versucht, den Hof über Wasser zu halten, indem sie Land an Nachbarn verpachtet und Flüchtlinge aufnimmt. Karl lebt überwiegend in Hamburg bei seiner Geliebten Marianne, die in einem in Schwarzmarkthandel verwickelten Fuhrunternehmen arbeitet. Karls Vater will den Hof wieder auf Vordermann bringen und versucht, zuerst Marianne zur Aufgabe Karls, dann diesen zur Rückkehr auf den Hof zu bewegen, bleibt aber in beidem erfolglos. Schliesslich fährt Lena in die Stadt, um Karl zu überreden. Sie trifft ihn eher zufällig und sie verbringen die Nacht zusammen in einem Bunkerhotel. Karl möchte danach mit Lena auf den Hof zurückkehren. Zuvor begegnet er jedoch noch einmal Marianne. Er stösst sie im Laufe ihres Gespräches unsanft von sich und sie schlägt mit dem Kopf unglücklich auf eine Kante auf. Sie sagt noch aus, dass es ein Unfall war, bevor sie im Krankenhaus stirbt. Nachdem Karl seine Strafe abgesessen hat, trifft er in einem Bunkerhotel zufällig einen Professor wieder, der früher auf dem Hof wohnte. Sie unterhalten sich über den Hof und der Professor berichtet ihm, dass Karls Vater den Hof wieder bewirtschaftet. Karl fährt daraufhin nach Hause und findet bei seiner Frau und seinem in der Zwischenzeit geborenen Sohn endlich seinen Platz.
Foto: Bruno Knoche (Filmisntitut Hannover)
Foto: Bruno Knoche (Filmisntitut Hannover)
Foto: Bruno Knoche (Filmisntitut Hannover)
Foto: Bruno Knoche (Filmisntitut Hannover)
Zwischen Tanzsaal und der Heide – mit und ohne Strom

Gasthof „Zum Schlangenbaum“ um 1950
Die Dreharbeiten zu Menschen in Gottes Hand, dem ersten Spielfilm der Jungen Film-Union (JFU), fanden von Juli bis November 1947 statt. Ein eigentliches Filmstudio gab es in Bendestorf zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die späteren Ateliers entstanden erst 1948. Für die Innenaufnahmen wurde deshalb der Tanzsaal des Gasthauses „Zum Schlangenbaum“ als Behelfsatelier genutzt.[1]
Bereits die Vorbereitung des Films verlief nicht reibungslos. Im Mai 1947 war zunächst Gustav Fröhlich als Regisseur vorgesehen. Am 23. Mai beantragte die JFU bei der britischen Film Section Rohfilmmaterial für Menschen in Gottes Hand und Das Fräulein und der Vagabund. Am 3. Juni wurden die Drehentwürfe eingereicht.[2]
Am 10. Juni verpflichtete Rolf Meyer Erich Waschneck als Regisseur von Menschen in Gottes Hand. Nur drei Tage später meldete Aufnahmeleiter Fichtner, dass „durch Drehbuchschwierigkeiten alles in Frage gestellt“ sei. Das Drehbuch wurde grundsätzlich genehmigt, musste aber verändert werden. Gustav Kampendonk übernahm die Drehbucharbeit von Kurt E. Walter. Am 15. Juli 1947 erteilte die Film Section schließlich die schriftliche Genehmigung und stufte das Drehbuch als „A“-Script ein.[3]
Über den genauen Beginn der Dreharbeiten gibt es unterschiedliche Angaben. In der Bendestorfer Überlieferung wird bereits der Juni 1947 genannt, andere Angaben setzen den Drehbeginn im Juli an. Die von Stettner ausgewerteten Unterlagen zeigen, dass sich Drehbuch und Regie noch im Juni und Juli veränderten. Als realtiv gesichert kann deshalb Juli 1947 als beginn der Drehzeit gelten.[4]
Die Produktion fand unter schwierigen materiellen Bedingungen statt. Für Kulissen und Ausstattung fehlte es an Baumaterial. In der Überlieferung zur frühen Geschichte der JFU wird berichtet, dass selbst Nägel aus Weidezäunen gewonnen wurden. Probleme bereitete außerdem die Stromversorgung. Das örtliche Netz war für den Energiebedarf einer Filmproduktion nicht ausgelegt. Stromausfälle beziehungsweise Überlastungen führten dazu, dass teilweise nachts oder am frühen Morgen gedreht werden musste.[5]
Neben den Innenaufnahmen im „Schlangenbaum“ entstanden Außenaufnahmen in Brakel, in der Lüneburger Heide und in Hamburg.[6] Damit nutzte die Produktion sowohl die unmittelbare Umgebung des neuen Produktionsstandortes als auch Hamburg für die städtischen Szenen.
Auch während der Produktion kam es zu einem Wechsel bei der Regie. Erich Waschneck hatte die Regie übernommen und war an der Überarbeitung des Drehbuchs beteiligt. Fertiggestellt wurde der Film unter der Regie von Rolf Meyer. Wann Meyer die Regie vollständig übernahm und aus welchen Gründen Waschneck ausschied, lässt sich aus den bisher ausgewerteten Unterlagen nicht eindeutig bestimmen.[7]
Am 27. Januar 1948 wurde Menschen in Gottes Hand in Hamburg uraufgeführt.[8] Zu diesem Zeitpunkt plante die JFU bereits den weiteren Ausbau des Produktionsstandortes Bendestorf. 1948 wurden dort die ersten eigentlichen Atelierbauten errichtet.
Anmerkungen
[1] Historischer Rundweg Bendestorf: Tafel 30 – Gasthaus „Zum Schlangenbaum“ und Tafel 31 – Bendestorfer Filmateliers / Filmmuseum; Lernwerkstatt Film und Geschichte: Die Anfänge in Bendestorf. Die eigentlichen Bendestorfer Filmateliers entstanden erst 1948. Für Menschen in Gottes Hand diente der Tanzsaal des Gasthauses „Zum Schlangenbaum“ als Behelfsatelier.
[2] Peter Stettner: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die „Junge Film-Union“ 1947–1952. Eine Fallstudie zur westdeutschen Filmproduktion, Hildesheim/Zürich/New York 1992, S. 34 f.
[3] Ebd., S. 34–36. Stettner dokumentiert die Verpflichtung Waschnecks am 10.6.1947, die „Drehbuchschwierigkeiten“ vom 13.6., den Wechsel von Kurt E. Walter zu Gustav Kampendonk sowie die Genehmigung des Drehbuchs durch die Film Section am 15.7.1947.
[4] Der Historische Rundweg Bendestorf – Tafel 30 nennt Juni 1947 als Beginn.
[5] Lernwerkstatt Film und Geschichte: Die Anfänge in Bendestorf. Die Angaben zu Materialmangel, Nägeln und den besonderen Produktionsbedingungen gehören zur späteren Überlieferung zur Entstehung des Filmstandortes und sind nicht den hier ausgewerteten Stettner-Seiten entnommen.
[6] Lernwerkstatt Film und Geschichte: Filmschauplätze in Niedersachsen – Filmtitel nach Orten: Außenaufnahmen in Brakel, Lüneburger Heide und Hamburg.
[7] Stettner, Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik, S. 34–36, belegt die Verpflichtung Waschnecks und dessen Beteiligung an der Drehbuchbearbeitung. Siehe ergänzend Lernwerkstatt Film und Geschichte: Menschen in Gottes Hand. Dort wird die Regie als „Rolf Meyer (begonnen von Erich Waschneck)“ angegeben. Zeitpunkt und Ursache des Regiewechsels sind anhand der bislang herangezogenen Quellen nicht eindeutig zu bestimmen.
[8] Uraufführung am 27.1.1948 in Hamburg. Siehe Lernwerkstatt Film und Geschichte: Menschen in Gottes Hand.
Literatur und Quellen
Peter Stettner: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die „Junge Film-Union“ 1947–1952. Eine Fallstudie zur westdeutschen Filmproduktion, Hildesheim/Zürich/New York 1992, S. 33–37.
Historischer Rundweg Bendestorf – Tafel 30: Gasthaus „Zum Schlangenbaum“
Historischer Rundweg Bendestorf – Tafel 31: Bendestorfer Filmateliers / Filmmuseum
Lernwerkstatt Film und Geschichte: Menschen in Gottes Hand
Lernwerkstatt Film und Geschichte: Die Anfänge in Bendestorf
Lernwerkstatt Film und Geschichte: Filmschauplätze in Niedersachsen – Filmtitel nach Orten
Der erste Spielfilm der ‚Junge Film-Union‘
Peter Stettner (1992)
Zunächst erfolgt eine Inhaltsangabe des Film
Der ostpreußische Bauer und Pferdezüchter Renken wird aus einem Flüchtlingslager entlassen und kommt auf den Heidehof seines Sohnes Karl, wo er desolate Verhältnisse vorfindet. Die Schwiegertochter Lena versucht den Hof über Wasser zu halten, indem sie Flüchtlinge aufnimmt und Land an den Nachbarn vermietet.
Der durch den Krieg haltlos gewordene Karl lebt überwiegend in Hamburg bei seiner Stadtfreundin Marianne, einer ehemaligen Wehrmachtshelferin, die jetzt in einem Fuhrunternehmen arbeitet, das in Schwarzmarktgeschäfte verwickelt ist. Der resolute Vater Karls bringt den Hof auf Vordermann und versucht, den Sohn zur Rückkehr zu bewegen, aber vergebens.
Schließlich macht sich die Schwiegertochter auf den Weg in die Stadt. Lena trifft Karl und sie verbringen eine Nacht gemeinsam in einem Bunkerhotel. Der junge Mann entdeckt erneut die Liebe zu seiner Ehefrau und möchte jetzt zurückkehren.
Doch da stellt sich noch einmal die Großstadtfreundin in den Weg. Karl stößt sie unsanft von sich, die Frau fällt unglücklich und schlägt mit dem Kopf auf den Betonfußboden. Bevor sie im Krankenhaus stirbt, sagt sie noch aus, dass es ein Unfall war.
Doch Karl gibt sich die Schuld an ihrem Tod und schlägt sich, von Gewissensbissen geplagt, zwei Jahre lang in Hamburg als Gelegenheitsarbeiter durch. Als er in Hamburg zufällig einen Professor trifft, der früher Untermieter auf dem Bauernhof war, erzählt ihm dieser von dem heimatlichen Gehöft. Daraufhin fährt Karl noch einmal nach Hause und findet dort endgültig seinen Platz.

Die Handlung dieses Films ist deutlich in der frühen Nachkriegszeit der Jahre 1946–1948 angesiedelt. Dies wird gleich in der ersten Einstellung klar, die zeigt, wie der alte Renken aus einem Flüchtlingslager entlassen wird. Die Kamera bewegt sich in einer Parallelfahrt zu dem Gitterzaun, hinter dem Flüchtlinge aus dem Osten auf eine Einreiseerlaubnis in die Westzonen warten.
Aufnahmen wie diese haben einen dokumentarisch beobachtenden Charakter. Dazu zählt auch die Einstellungsfolge, die Menschen in einer überfüllten Straßenbahn in Hamburg zeigt. Aber in MENSCHEN IN GOTTES HAND gibt es nicht viele Einstellungen oder gar Szenen, die so gestaltet sind. Es sind gerade die Szenen, die man braucht, um ein typisches Zeitkolorit zu schaffen.
Die Inszenierung und Charakterisierung der handelnden Personen, die Erzählung der eigentlichen Geschichte, ist demgegenüber nicht dokumentarisch-beobachtend, sondern nach den Mustern „bewährter“ Konfliktstellungen und entsprechend typisierter Figuren gestaltet.
Im Zentrum steht ein verunsicherter junger Mann, hin und her gerissen zwischen zwei Frauen, der braven und häuslichen Gattin einerseits und der verführerischen Stadtfreundin andererseits. Nachdem die reizvolle, aber auch verdorbene Stadtfreundin den Tod gefunden hat, kann er zu der guten Frau zurückkehren.
Über diesen nicht gerade neuen Plot hinaus sind den Figuren jeweils eindeutige Eigenschaften zugeschrieben, die sie die Grenzen bekannter Klischees kaum überschreiten lassen. Karl Renken ist ein im Herzen guter, etwas eigensinniger Kerl, der nur vorübergehend nicht weiß, wohin er gehört. Sein Vater, der alte Großbauer, erscheint als resoluter und bodenständiger alter Haudegen. Lena ist Karls brave, hausbackene, verständnisvolle, nie fordernde Ehefrau, deren ordnende Hand permanent über irgendwelche Tischdecken oder Bettbezüge streicht. Marianne ist die selbstsüchtige, dämonische femme fatale, die sterben muss. Ein Herr Petermann stellt einen Fuhrunternehmer dar, der schon durch sein gestreiftes, hochgekrempeltes Hemd und seinen in den Nacken geschobenen Hut als Ganove zu erkennen ist.
Neben den Personen sind auch die wichtigsten Handlungsorte nicht dokumentarisch beobachtet, sondern überdeutlich als „typische“ Lokalitäten inszeniert. An der Stadtwohnung Mariannes, die vor allem durch ein „Lotterbett“ mitsamt Spiegel charakterisiert ist, rattert ständig ein Zug vorbei, Lichtquellen von außen und innen werfen harte, dämonische Schatten.
Demgegenüber scheint auf dem Bauernhof meist die Sonne, Lena verrichtet ordentlich ihre Hausarbeit, ein Pferdepflug zieht über den Acker. Abends sitzen die Bewohner in der gemütlichen Stube.
Wenig Interesse an einer realistischen Beobachtung zeigt auch die Inszenierung des Bunkerhotels. Wenn Karl und Lena hier eine Nacht verbringen, ist der Raum bis auf die beiden Hauptpersonen menschenleer – für die Handlungszeit im Jahre 1946 sehr unrealistisch, der Bunker hat schon eine sterile „Atelierqualität“.
Als zwei Polizisten das junge Paar dort kontrollieren, symbolisiert ein Plakat im Hintergrund, das „Die zehn Gebote“ zeigt, die moralische Dimension der Szene. Solche Einstellungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie dem Zuschauer die „Botschaft“ vorsichtshalber überdeutlich erklären.
In diesen Zusammenhang gehört auch, dass der Film es nicht dabei belässt, Karl Renken als hin und her gerissen zwischen Bauernhof und Großstadtfreundin zu zeigen. Karl muss es dem Zuschauer auch noch verbal übermitteln: „Was bin ich denn eigentlich?“, sagt er zu seinem Vater (und dem Zuschauer), als er wieder einmal nachdenklich wird.
In der Charakterisierung der handelnden Personen sowie der Handlungsorte zeigt sich der Film so nicht „realistisch“ inspiriert im Sinne einer beobachtenden oder auch künstlerisch verdichteten Realität, sondern aufgrund klischeehafter Vorstellungen und „Ideen“ sind die Figuren des Films und die wichtigsten Handlungsräume überdeutlich-eindeutig gestaltet.
Dies fiel auch einem Rezensenten auf, der meinte: „Die Schicksale, die Gustav Kampendonk für den Film zusammengetragen hat, sind zu schöne Musterexemplare von Zeit und Schicksal, um auf die Dauer glaubhaft zu wirken.“[83]
Ein weiteres, für den Film entscheidendes Merkmal ist die Art und Weise, wie der Hauptkonflikt, das Schwanken Karls zwischen Bauernhof und Großstadtfreundin, gelöst wird. Weder der alte Renken noch Karls Frau Lena schaffen es zunächst, den jungen Mann zu einem geordneten Bauernleben zu bewegen. Argumente allein reichen nicht.
Erst als Karl später zufällig Lena in der Stadt trifft, wird die Wende eingeleitet. Doch endgültig vollzogen werden kann diese erst nach zwei weiteren schicksalhaften Ereignissen: Das Großstadtliebchen Marianne, das einer Lösung im Wege steht, fällt unglücklich und stirbt. Und erst nachdem Karl Jahre später zufällig den Professor trifft und mit ihm über den Bauernhof spricht, kehrt er noch einmal zurück.
An den eigentlichen Wendepunkten sind es stets schicksalhafte Ereignisse, die den Verlauf bestimmen.
Auch in der Lösung eines Nebenkonfliktes spielt der Zufall eine Rolle. Der Professor, das Klischee eines liebenswerten, etwas schrulligen Genies, der unter schwierigsten Bedingungen sein Lebenswerk vollenden möchte – die Herausgabe des siebten Bandes seiner „Kosmologie“, auf den die ganze Wissenschaftswelt wartet –, dieser alte Professor sieht sein Lebenswerk vernichtet, da das Manuskript auf dem Postweg verschollen ist.
In seiner Verzweiflung will er Selbstmord begehen. In diesem Moment überrascht ihn zufällig der alte Renken und eröffnet ihm, dass er den Hof verlassen müsse, da jetzt die Bauernarbeit wieder neu beginne und man Platz brauche. Dass der alte Renken noch einmal anfangen will, gibt auch dem Professor neuen Lebensmut, sein Werk noch einmal zu vollenden.[84]
Neben der Schicksalshaftigkeit des Geschehens gibt es ein weiteres zentrales Motiv in dem Film: den bereits angedeuteten Stadt-Land-Gegensatz.
Die Stadt erscheint als ein Ort des Verbrechens und der Sünde. Dies geschieht vornehmlich durch die Charakterisierung von Karls Stadtfreundin Marianne und deren Wohnung, die als eine wahre Lasterhöhle erscheint. Dazu kommt der bis zur Karikatur negativ gezeichnete Fuhrunternehmer, der einen Schwarzhandel betreibt.
Die Charakterisierung der Stadt erfolgt interessanterweise vor allem mittels Innenaufnahmen, der Film zeigt nur in einer einzigen Szene Trümmer und Ruinen, als Lena vergeblich vor der Stadtwohnung Mariannes auf Karl wartet.
Insgesamt spielt die Handlung überwiegend in einer ländlichen Gegend. Das Leben ist hier als ein positives Gegenbild zur Stadt gezeichnet. Es dominiert die ehrliche und anständige Arbeit, hier lebt auch die ordentliche Lena, und hier findet schließlich auch das Happy End statt, nachdem Karl zurückgekehrt ist.
Die Schlusssequenz erscheint geradezu als ein Sinnbild des schönen und guten Lebens. Vorbeigeführte Pferde und Kühe sowie ein voller Heuwagen demonstrieren einen wiedergewonnenen Wohlstand. Karl wird von seinem kleinen blonden Sohn empfangen, der ihm in seiner zweijährigen Abwesenheit geboren wurde und der – eine der Drehbuchunwahrscheinlichkeiten – redet und läuft wie ein Vierjähriger.
Sein Sohn, den Karl zum ersten Mal sieht, ist es, der den letzten Ausschlag für das Bleiben des jungen Mannes gibt. Karl folgt der „Stimme des Blutes“.[85]
Um das Glück vollkommen zu machen, muss noch dramaturgisch völlig unbegründet ein Kinderchor an dem Bauernhof vorbeiziehen. „Schau dir die anderen Kinder an“, sagt Lena zu ihrem Sprössling, „wie schön artig die sind.“
MENSCHEN IN GOTTES HAND besitzt in diesem Zusammenhang als einer der ersten deutschen Nachkriegsfilme deutliche Merkmale eines Heimatfilms. Solch ein Kinderchor als ein Sinnbild der Harmonie stellte in den Heimatfilmen der 50er Jahre einen nicht wegzudenkenden Bestandteil dar.
Rolf Meyer selbst hat in einem Brief aus dem Sommer 1948 gewisse Grundmuster für seine ersten Spielfilme angedeutet. Auf die nach seinen Worten von den alliierten Stellen geforderten Umerziehungs- bzw. Aufbautendenzen Bezug nehmend heißt es:
„Es hat sich nun jeder Produzent, Regisseur oder Autor um diese Aufgabe herumgewunden, die ja nicht gerade als künstlerisch anzusprechen ist. Der eine mit kabarettistischem Geschick, der andere indem er sich mehr auf die einfachen, menschlichen, immer gültigen Gefühle verlassen hat.“[86]
Der zuletzt beschriebene Weg ist offensichtlich derjenige, den die JFU/Rolf Meyer zu verwirklichen gedachte. Wenn Rolf Meyer hier von „einfachen, menschlichen, immer gültigen Gefühlen“ spricht, so lassen sich die beschriebenen Merkmale von MENSCHEN IN GOTTES HAND doch durchaus vor dem soziokulturellen Hintergrund der frühen Nachkriegszeit verstehen.
Da ist zunächst die Betonung des Schicksals, die sich nicht aus den Intentionen der britischen Besatzungsmacht erklären lässt. Diese hatte ja gerade deutlich gemacht, dass sie die Eigeninitiative der deutschen Bevölkerung fördern wollte.
Das Schicksalsmotiv hat allerdings eine gewisse Tradition im deutschen Spielfilm. Dieses Motiv war besonders dann virulent, wenn große gesellschaftliche Veränderungen die Menschen verunsicherten und gleichzeitig die Bereitschaft zur rationalen Auseinandersetzung mit diesen Veränderungen, ihren Ursachen und Folgen nicht vorhanden war. Siegfried Kracauer hat dieses Phänomen für die frühen zwanziger Jahre der Weimarer Republik beschrieben.[87]
In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war eine solche Situation der gesellschaftlichen Verunsicherung ohne Frage vorhanden. Dazu zählte auch, dass das Gros der Deutschen nicht in der Lage bzw. nicht willens war, sich mit dem Nationalsozialismus (und der eigenen Verstrickung in denselben) als Ursache des Nachkriegselends auseinanderzusetzen.
Zwei kurze Dialogstellen in dem Film MENSCHEN IN GOTTES HAND weisen auch in diese Richtung. Im ersten Teil des Films unterhalten sich Karl und seine Frau über „Schuld“:
Karl: „Ich hab’ eben zu viel mitgemacht.“
Lena: „Und daran bin ich schuld?“
Karl: „Schuld, Schuld, du bist nicht schuld und ich bin nicht schuld. Ach, Schuld, weiß der Teufel, wer Schuld hat!“
Wenngleich es hier zunächst um die Schuld für Karls Befindlichkeit und Verhalten geht, so im Kontext der Nachkriegszeit wohl implizit auch um die (Kollektiv-)Schuldfrage an den nationalsozialistischen Verbrechen.
Deutlicher wird Marianne in einem Gespräch mit dem alten Renken. Als dieser die junge Frau in der Stadt aufsucht, entspinnt sich ein Streitgespräch. Marianne sagt zu Renken, dass er ihr wohl auch am liebsten „eine ‚runterhauen‘“ würde wie schon seinem Sohn.
„Heute noch“, antwortet der Alte, „wozu? Das hätte ‚mal lieber ihr Vater vor zehn Jahren machen sollen. Das hat er nämlich versäumt.“
„Unsere Väter haben noch mehr versäumt als das!“, kontert Marianne.
Auf die Versäumnisse wird aber nicht weiter eingegangen, stattdessen schildert Marianne kurz, was sie für Karl im Krieg getan hat (u. a. sich mit einem fremden Offizier eingelassen, weil Karl sonst vors Standgericht gekommen wäre).
Das hier momentan aufkommende Mitgefühl für die junge Frau wird jedoch sofort wieder zunichtegemacht, wenn Marianne sagt: „Es wird meine glücklichste Stunde, wenn ich mit ihm kaputtgehe“ und „Es gibt nur einen Ausweg – bringen Sie mich um.“
Im Verlauf der Filmhandlung ist Mariannes Tod dann tatsächlich eine wichtige Etappe auf dem Weg in ein geordnetes Leben. Karls Vergangenheit und auch die Frage nach „Versäumnissen“ verschwinden mit Mariannes Tod.
So ist es für den Film bezeichnend, dass das Stellen von Fragen nach Schuld und Versäumnissen in der Vergangenheit als unangemessen und nicht sinnvoll dargestellt wird. Die Zuflucht zum alles lenkenden Schicksal lag in diesem Zusammenhang sehr nahe.
Die Inszenierung der Überlegenheit des bäuerlichen Lebens gegenüber der Stadt lässt sich ebenfalls nicht aus Intentionen der britischen Besatzungsmacht erklären. Ja, die unterschiedliche Bewertung steht geradezu im Gegensatz zu diesen Intentionen, wie sie die Film Section mit dem von ihr gesponserten Kurzfilm STADTMEIER UND LANDMEIER deutlich machte: nämlich für ein gegenseitiges Verständnis der Probleme in der Stadt und auf dem Land wirken zu wollen.
Auch hier scheinen eher Einflüsse des soziokulturellen Hintergrundes durch. Mit der Darstellung der Schönheit der Dorflandschaft knüpfte die JFU/Rolf Meyer an gewisse Traditionen des „unpolitischen“ Unterhaltungsfilms vor 1945 an, etwa an sogenannte Volksstücke mit dörflichem Charakter. Rolf Meyer selbst hatte Erfahrung in der Darstellung dieses Milieus.[88]
Doch in dem Film MENSCHEN IN GOTTES HAND zeigen sich noch weitergehende Entsprechungen. Der Filmhistoriker Toeplitz zitiert in seiner „Geschichte des Films“ eine im nationalsozialistischen Deutschland des Jahres 1943 erschienene Broschüre mit dem Titel „Trugbild und Wirklichkeit“, in der der Autor Peter Werder forderte, das Bauerntum noch stärker in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie zu stellen.
Nach Toeplitz zielten Werders Überlegungen auf eine moralische Einstellung, „die bei einem Dorfbewohner und einem Stadtmenschen genau entgegengesetzt ist. Für Werder ist die Stadt ein Symbol für verdorbene Einflüsse orientalisch-christlicher Kultur, die den germanischen Idealen widerspricht (…) Man muss die Überlegenheit der Bauern zeigen, und das Dorf als eine Quelle für die Tiefe und die Beständigkeit menschlicher Gedanken und Gefühle.“[89]
Diese Forderungen, die nach Toeplitz im NS-Unterhaltungsfilm so nicht mehr realisiert wurden, weisen erstaunliche Entsprechungen zu den Aussagen auf, die in MENSCHEN IN GOTTES HAND für das Verhältnis von Stadt und Land getroffen werden.
Es ist nun nicht anzunehmen, dass Gustav Kampendonk (Drehbuch), Rolf Meyer oder auch Erich Waschneck, der am Drehbuch dieses Films ebenfalls mitarbeitete und auch mit der Führung der Regie begann, hier bewusst nationalsozialistische Ideologie verarbeiten wollten.
Aber die Entsprechungen ließen sich dadurch erklären, dass eine kulturhistorisch rückwärtsgewandte, zivilisationskritische Mentalität das Ende des Nationalsozialismus überdauerte und sich in der frühen Nachkriegszeit bemerkbar machte, so auch in dem Film MENSCHEN IN GOTTES HAND.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der erste Spielfilm der JFU nicht so stark, wie dies für die Kurz- und Dokumentarfilme gilt, von der britischen Filmpolitik bestimmt worden ist. Unterhalb einer zeitnahen Oberfläche ist MENSCHEN IN GOTTES HAND durch konventionelle Konflikte und klischeehafte Figuren geprägt.
Knüpft der Film in dieser Hinsicht an den deutschen Unterhaltungsfilm vor 1945 an, so gibt es eine Ausnahme: Bei den Schauspielern wagte die „Junge Film-Union“ das Experiment, neben dem bekannten Paul Dahlke die weiteren Hauptrollen mit Nachwuchsschauspielern zu besetzen: Marietheres Angerpointner, Gerty Soltau und Rainer Penkert.
Der übrige Stab, vor allem natürlich Drehbuch und Regie, war allerdings mit „bewährten“ Kräften besetzt.
Besonders deutlich werden gesamtgesellschaftlich-kulturelle Einflüsse in der Betonung der Schicksalshaftigkeit und in der Kontrastierung von Stadt und Land. Dass dies den Bedürfnissen vieler Zuschauer entgegenkam, wird in der Betrachtung der Rezeption des Films offensichtlich.
Anmerkungen
[83] Der Spiegel, Nr. 5, 2. Jg., 31.1.1948, S. 24.
[84] Diese kleine Szene ist die einzige im Film, wo eine Person durch ein positives Beispiel einer anderen Mut zum Neuanfang gewinnt. Ich halte es für möglich, dass der Vorbildcharakter dieser Szene – eine gewisse Propaganda für die Wiederaufbauaktivität des Einzelnen – auf den Einfluss der Film Section zurückgeht, die wie gesagt kleine Veränderungen am Drehbuch wünschte. Genauer belegen lässt sich dies mit den zur Verfügung stehenden Quellen allerdings nicht.
[85] Ein Werbeprospekt pries den Film seinerzeit mit einem Vokabular an, das sehr deutlich an den Sprachgebrauch im Nationalsozialismus erinnert. Es hieß dort unter anderem: „Stärker als die Pflicht ist die Stimme des Blutes, die in diesem Film den Menschen zum Schicksal wird.“ Vgl. Werbeprospekt für MENSCHEN IN GOTTES HAND, in: JFU 677.
[86] Schreiben Rolf Meyers an Doris Eckert vom 20.9.1948, in: JFU 27.
[87] Vgl. Siegfried Kracauer, Von Caligari zu Hitler, a. a. O., S. 96 ff.
[88] Vgl. Kapitel 1.1.1.
[89] Jerzy Toeplitz, a. a. O., S. 1563.
Quelle und Bearbeitung
Quelle: Peter Stettner: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die „Junge Film-Union“ 1947–1952, Hildesheim/Zürich/New York 1992, S. 38–44.
Bearbeitung für die Online-Veröffentlichung: Der Text wurde auf Grundlage der gedruckten Fassung rekonstruiert. Inhalt, Argumentation, Wortwahl und Satzbau wurden nicht verändert. Korrigiert wurden offensichtliche Fehler der Texterfassung, fehlerhafte Worttrennungen und die Orthografie. Die Anmerkungen wurden den entsprechenden Textstellen neu zugeordnet; die Absatzgliederung wurde für die Online-Lektüre angepasst.

Rezeption und Publikumserfolg
MENSCHEN IN GOTTES HAND wurde vom Schorcht-Verleih ausgewertet, die Uraufführung fand am 27.1.1948 statt.[90]
Die professionelle Kritik verriss den Film weder einhellig, noch lobte sie ihn besonders. Es wurde bemerkt, dass MENSCHEN IN GOTTES HAND „sauber“ gemacht sei. Die Bauernhäuser der Heide wurden als ein angenehmer Gegensatz zur Stadt empfunden. Es wurde aber auch festgestellt, dass der Film trotz Zeitnähe an bewährte Konstellationen anknüpfe, gewisse Unwahrscheinlichkeiten wurden attestiert und auch, dass es stellenweise nach „Blut und Boden“ rieche.[91]
Den Filmbesuchern im Allgemeinen gefiel der Film, geht man von den überlieferten Zuschauerzahlen aus. Von den sechs bis Ende 1948 fertiggestellten neuen deutschen Filmen, die im Verleih der Schorcht GmbH liefen, konnte MENSCHEN IN GOTTES HAND mit 3,2 Millionen Zuschauern den 2. Platz belegen.[92]
Ein geschäftlicher Erfolg wurde der Film in jedem Fall: Bis zur Währungsreform spielte er einen Produzentenanteil von ca. 480.000 RM ein, danach noch 1.010.000 DM.[93]
Zu dem Publikumserfolg trug sicherlich auch die Vermeidung von Trümmerbildern bei, denn als die JFU den Film realisierte, war bereits deutlich, dass das Publikum die Darstellung von Trümmern in Filmen ablehnte:
„Die Klassifikation ‚Trümmerfilm‘ beinhaltete eine allgemein negative Bewertung, die bei der Filmauswahl eine bedeutende Rolle spielte. Für viele Deutsche genügte es, auf einem vor dem Kino ausgehängten Werbefoto eine Hausruine oder auf einem Verleihplakat ärmlich gekleidete Menschen zu sehen, um den angekündigten Film als Trümmerfilm zu kennzeichnen und das Filmtheater nicht zu besuchen.“[94]
Dem Publikum dürfte es auch entgegengekommen sein, dass in MENSCHEN IN GOTTES HAND den „inneren Trümmern“, wie sie vor allem bei Marianne deutlich werden, eindeutige Identifikationsfiguren wie Lena und der alte Renken gegenüberstehen, denen sich schließlich auch Karl anschließt.
Und auch die angedeutete Zurückweisung der Schuldfrage sowie der Verweis auf ein allmächtiges Schicksal boten Entlastung für ein verunsichertes Gewissen.
Anmerkungen
[90] Zu den ersten für die Bi-Zone zugelassenen freien Verleihern gehörte der Schorcht-Verleih, der im November 1947 lizenziert wurde. Vgl. Horst G. Feldt u. a., a. a. O., S. 64. Von diesem Verleih ließ Rolf Meyer seine ersten beiden Spielfilme auswerten. Anders als es später Praxis wurde, bot Rolf Meyer diese Filme dem Verleih erst an, als die Dreharbeiten bereits abgeschlossen worden waren. Die Gewinnbeteiligung lag für die JFU mit 81 % der Filmleihgebühren deutlich über derjenigen späterer Abschlüsse, was auf eine relative Stärke des Produzenten hinweist.
[91] Vgl. die Kritiken des Films in: Frankfurter Rundschau vom 28.9.1948; Der Spiegel, Nr. 5, Jg. 2, 31.1.1948, S. 24; Kritik vom 21.2.1948, o. A., im Micro-Fiche-Archiv des Deutschen Filminstituts in Frankfurt/M.
[92] Vgl. Peter Pleyer, a. a. O., S. 155.
[93] Der zweite Spielfilm der JFU, WEGE IM ZWIELICHT, erreichte nicht so viele Zuschauer, wurde aber im Zusammenhang der Währungsumstellung ebenfalls ein finanzieller Erfolg für die JFU. Auch DIE SÖHNE DES HERRN GASPARY, der erst nach der Währungsreform zur Aufführung kam, warf aufgrund des Umstellungsunterschiedes einen Gewinn für die Filmfirma ab. Zu den Umstellungsmodalitäten vgl. Kapitel 2.1.
[94] Peter Pleyer, a. a. O., S. 155. Diese Tendenz wurde bereits im Frühjahr 1947 deutlich, als die JFU ihre ersten Projekte vorbereitete. Vgl. Helmut Käutner, „Demontage der Traumfabrik“, in: Film-Echo, Juni 1947, Nr. 5, S. 1.
Quelle und Bearbeitung
Quelle: Peter Stettner: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die „Junge Film-Union“ 1947–1952, Hildesheim/Zürich/New York 1992, S. 44–45.
Bearbeitung für die Online-Veröffentlichung: Der Text wurde auf Grundlage der gedruckten Fassung rekonstruiert. Inhalt, Argumentation, Wortwahl und Satzbau wurden nicht verändert. Korrigiert wurden offensichtliche Fehler und die Orthografie aktualisiert. Die Anmerkungen wurden den entsprechenden Textstellen neu zugeordnet; die Absatzgliederung wurde für die Online-Lektüre angepasst.
„Der deutsche Nachkriegsfilm hat mutig das Problem angepackt, von der Traumfabrik billiger Illusionen wegzukommen und unsere bittere Gegenwart geistig zu röntgen und zu erhellen. Auch die Produzenten [von] … ‚Menschen in Gottes Hand‘ sind mit großem Ernst ans Werk gegangen. (…) Man glaubt tatsächlich, die Begeisterung und Filmfreudigkeit des Aufnahmestabs und der Schauspieler noch spüren zu können. Wenn trotzdem kein künstlerisches Meisterwerk zustande kam, so liegt dies keineswegs am mangelnden guten Willen, es liegt auch nicht allein an den außerordentlichen materiellen Schwierigkeiten der Herstellung, es liegt vielmehr daran, dass schon im Drehbuch die große Wahrheitsliebe hinter der kleinen Liebe zur niedlichen Verharmlosung zurücktrat. Sollte man unser Nachkriegsschicksal nicht dort anpacken, wo es am problematischsten, am grellsten und damit am dramatischsten ist, anstatt dort, wo es von Zufällen gelenkt, einigermaßen im Gleich und Mittelmaß bleibt und zum harmlosen happyend führt?“
Der Filmdienst urteilt Knapp
Ein aus Ostpreußen vertriebener Bauer findet auf dem Hof seines Sohnes bei Hamburg eine neue Heimat. Das Familienglück kann allerdings erst nach einer Tragödie gefestigt werden. „Aufbaufilm“ mit einer recht oberflächlichen Konfliktlösung, zum Ende hin zunehmend niveauloser.
Zwei Dinge machen diesen Film heute sehenswert: einmal die Bilder aus dem Jahre 1948, die Schlangen von Flüchtlingen, die für einen Platz, für ein Zimmer, für ein Bett in einem Lager anstehen, alles verloren haben und nicht wissen, was morgen ist. Da ist nichts gestellt, nichts hergerichtet. Das zerstörte Hamburg, die nackten Häuser, die Ruinen, die leeren Straßen, das Übernachten in Bunkerhotels, mit jenen fensterlosen Zimmern und den sechs bis acht Doppelstockbetten. Hier entsteht ein beeindruckender filmischer Raum. Das Zweite aber ist etwas heute ganz und gar Verlorenes:…
Menschen in Gottes Hand eignet sich besonders für eine historisch-kritische Filmanalyse. Der Film erzählt eine Geschichte aus der unmittelbaren Nachkriegszeit und wurde selbst unter den Bedingungen dieser Nachkriegszeit produziert. Zugleich greift er auf ältere filmische und gesellschaftliche Deutungsmuster zurück. Seine Wirkungsgeschichte führt schließlich bis zu unserer heutigen Betrachtung.
Der Lernweg sollte diese Ebenen nicht von Beginn an vorgeben. Sinnvoller ist es, vom Film auszugehen und die Fragen schrittweise zu entwickeln wob bei die einzelnen Schritte nicht in dieser Reihenfolge und auch nicht alle gleichgewichtig behandelt werden müssen.
Acht Schritte, aber keine Unterrichtseinheit und schon gar keine acht Unterrichtseinheiten. Die Realitätsdimensionen strukturieren die Untersuchung; sie werden nicht zum didaktischen Selbstzweck. Besonders wichtig ist hier die Mehrzeitlichkeit, weil Menschen in Gottes Hand erzählte Nachkriegszeit, reale Produktionsbedingungen und die kulturellen Kontinuitäten über 1945 hinweg eng zusammenführt.
Am Anfang steht der Film.
Dabei sollte zunächst festgehalten werden, was tatsächlich zu sehen und zu hören ist, bevor historische Informationen und vorhandene Interpretationen hinzugezogen werden.
Einige Beobachtungsfragen können dabei helfen:
- Welche Geschichte erzählt der Film?
- Welche Personen stehen im Mittelpunkt?
- Wo spielt die Handlung?
- Welche Gegensätze fallen auf?
- Welche Bilder der Nachkriegszeit zeigt der Film – und welche zeigt er kaum oder gar nicht?
- Wo wirkt das Gezeigte beobachtet, wo deutlich inszeniert?
- Welche Szenen bleiben besonders in Erinnerung?
Aus diesen ersten Beobachtungen können die weiteren Untersuchungsfragen entstehen.
Nun wird genauer untersucht, wie der Film seine Geschichte erzählt.
Stettner macht auf einen auffälligen Gegensatz aufmerksam. Einzelne Bilder – etwa das Flüchtlingslager oder die überfüllte Hamburger Straßenbahn – besitzen einen beinahe dokumentarisch-beobachtenden Charakter. Die eigentliche Handlung ist dagegen stark durch typisierte Figuren, eindeutige Räume und konventionelle Konflikte bestimmt.
Besonders ergiebig ist deshalb der Gegensatz Stadt – Land.
Der Bauernhof steht für Ordnung, Arbeit, Familie und schließlich wiedergewonnenen Wohlstand. Mariannes städtische Welt wird mit Schwarzmarkt, moralischer Unsicherheit, dunklen Räumen und bedrohlichen Schatten verbunden. Selbst die Bildgestaltung trägt zu dieser Gegenüberstellung bei.
Untersucht werden können beispielsweise:
Flüchtlingslager – Bauernhof – Hamburg – Mariannes Wohnung – Bunkerhotel – Schlusssequenz auf dem Hof.
Dabei geht es nicht nur darum, was gezeigt wird, sondern wie:
Welche Räume sind hell oder dunkel? Wie werden Personen in diesen Räumen angeordnet? Welche Bedeutung haben Ausstattung, Licht, Musik, Dialog und Kamera? Wann erklärt der Film seine Botschaft sogar ausdrücklich?
So wird sichtbar: Film bildet Wirklichkeit nicht einfach ab. Er stellt filmische Wirklichkeit her.
Jetzt wird der Blick hinter den Film gerichtet.
Menschen in Gottes Hand war der erste Spielfilm der Jungen Film-Union. Als er 1947 entstand, gab es in Bendestorf noch kein ausgebautes Filmstudio. Der Tanzsaal des Gasthauses „Zum Schlangenbaum“ wurde zum Behelfsatelier. Materialmangel und Schwierigkeiten mit der Stromversorgung gehörten zu den Produktionsbedingungen.
Hinzu kamen die Bedingungen der britischen Besatzungszone. Rohfilm war knapp und wurde kontrolliert zugeteilt. Drehbücher mussten der Film Section vorgelegt werden. Bei Menschen in Gottes Hand kam es während der Vorbereitung zu Drehbuchänderungen und Veränderungen bei der Regie.
Damit ergeben sich neue Fragen:
Was konnte 1947 überhaupt gedreht werden? Wer entschied darüber? Welchen Einfluss hatten Produzent, Autoren und Regisseure, welchen die britische Film Section? Was bedeutete „Reeducation“ praktisch für eine deutsche Filmproduktion?
Die Produktionsgeschichte verhindert damit eine einfache Vorstellung von einem einzelnen Autor, der seine Botschaft in einen Film überträgt. Der fertige Film ist das Ergebnis unterschiedlicher Interessen, Traditionen, Möglichkeiten und Begrenzungen.
Erst jetzt wird die dargestellte Nachkriegswelt systematischer mit der historischen Situation in Beziehung gesetzt.
Der Film nennt oder zeigt zahlreiche zeitgenössische Erfahrungen:
Flucht und Vertreibung, Wohnungsnot, Schwarzmarkt, Heimkehr, zerstörte Familienzusammenhänge, Kriegserfahrungen und die Suche nach einem neuen Anfang.
Doch damit stellt sich eine entscheidende Frage:
Welche Nachkriegsgesellschaft zeigt der Film – und welche zeigt er nicht?
Besonders auffällig ist die Frage nach Krieg, Nationalsozialismus und Schuld. Karl sagt:
„Schuld, Schuld, du bist nicht schuld und ich bin nicht schuld. Ach, Schuld, weiß der Teufel, wer Schuld hat!“
Marianne sagt über die Generation der Väter:
„Unsere Väter haben noch mehr versäumt als das!“
Damit öffnet der Film für einen Augenblick eine weitreichende Frage – verfolgt sie aber nicht weiter.
Hier kann die historische Recherche einsetzen. Nicht um festzustellen, ob der Film die Nachkriegszeit „richtig“ oder „falsch“ wiedergibt, sondern um herauszufinden, wie seine Darstellung zur historischen Wirklichkeit seiner Entstehungszeit steht.
Stettners Analyse eröffnet eine weitere Spur.
Die Gegenüberstellung von verdorbener Stadt und gesundem bäuerlichem Leben entstand nicht erst 1945. Sie besitzt eine längere kulturhistorische Geschichte und war auch Bestandteil von Filmen und gesellschaftlichen Vorstellungen vor 1945.
Damit verändert sich die Fragestellung:
Was ist an diesem Nachkriegsfilm tatsächlich neu – und was wird aus der Vergangenheit weitergeführt?
Untersucht werden können die Darstellung des Bauern, die Rolle der Familie, die „Stimme des Blutes“, das Schicksalsmotiv, das Frauenbild und die moralische Gegenüberstellung von Stadt und Land.
Gerade hier ist Vorsicht notwendig. Ähnlichkeiten bedeuten nicht automatisch, dass die Filmemacher bewusst nationalsozialistische Vorstellungen fortsetzen wollten. Stettner fragt vielmehr nach Mentalitäten, filmischen Konventionen und kulturellen Deutungsmustern, die den politischen Zusammenbruch von 1945 überdauerten.
Die Analyse endet nicht mit dem fertigen Film.
Menschen in Gottes Hand kam Anfang 1948 in die Kinos. Die zeitgenössische Kritik reagierte unterschiedlich. Sie erkannte die Zeitnähe des Films, bemerkte aber auch konventionelle Handlungsmuster und teilweise problematische Stadt-Land-Bilder.
Beim Publikum war der Film erfolgreich. Nach den von Stettner herangezogenen Zahlen erreichte er im Schorcht-Verleih rund 3,2 Millionen Zuschauer und wurde auch wirtschaftlich ein Erfolg.
Damit entsteht eine andere Frage:
Warum konnte gerade diese Darstellung der Nachkriegszeit 1948 erfolgreich sein?
Stettner verweist auf die damalige Ablehnung sogenannter „Trümmerfilme“. Menschen in Gottes Hand zeigt zwar die Probleme der Nachkriegszeit, bietet ihnen aber zugleich eine Ordnung an: Hof, Arbeit, Familie und Heimat stehen am Ende für einen möglichen Neuanfang.
Die damalige Wirkung darf dabei nicht mit unserer heutigen Wahrnehmung gleichgesetzt werden.
Für die abschließende Arbeit können die bisher getrennt untersuchten Ebenen auf einer Zeitleiste zusammengeführt werden:
1946747 – erzählte Zeit
Flüchtlingslager, Heimkehr, Schwarzmarkt, Wohnungsnot und Orientierungslosigkeit bilden die Welt der Figuren.
1947/48 – Produktionszeit
Die JFU dreht unter materiell schwierigen Bedingungen und unter der Kontrolle der britischen Besatzungsmacht. Gleichzeitig wirken personelle, ästhetische und gesellschaftliche Traditionen aus der Zeit vor 1945 weiter.
1948/49 – Rezeptionszeit
Der Film kommt in die Kinos. Kritiker und Millionen Kinobesucher begegnen ihm aus ihrer eigenen unmittelbaren Nachkriegserfahrung.
Heute – Betrachtungszeit
Wir sehen denselben Film mit dem Wissen um Nationalsozialismus, Nachkriegsgesellschaft, Geschlechterverhältnisse, Flucht und Vertreibung sowie die weitere Geschichte der Bundesrepublik.
Die vier Zeiten sollten nicht zu einer einzigen Perspektive verschmolzen werden.
Gerade ihre Unterschiede machen den Film als historische Quelle interessant.
Am Ende steht deshalb nicht die Frage:
„Wie war die Nachkriegszeit wirklich?“
Und auch nicht nur:
„Was wollte uns der Regisseur sagen?“
Weiter führt die Frage:
Wie entstand aus historischen Erfahrungen, gesellschaftlichen Deutungsmustern, Produktionsbedingungen und filmischer Gestaltung 1947 dieser Film – wie wurde er 1948 wahrgenommen und was können wir heute darin erkennen?
Damit werden die vier Realitätsdimensionen wieder miteinander verbunden.
Der Lernweg führt damit vom Film zu seinen Bedingungen und historischen Bezügen und von dort zurück zum Film.
Am Ende steht keine endgültige Interpretation. Aber der Film ist nun anders zu sehen als bei der ersten Begegnung. Und daraus entstehen neue Fragen – an den Film, die Geschichte und vielleicht auch an die Gegenwart.
1. Menschen in Gottes Hand – Die Mörder sind unter uns (1946)
Das ist der stärkste Kontrast. Beide Filme entstehen unmittelbar nach 1945. Aber hier Bauernhof – Arbeit – Familie – Rückkehr, dort Trümmerstadt – NS-Verbrechen – Schuld – Verantwortung. Damit lässt sich fragen, wie unterschiedlich Filme dieselbe historische Gegenwart in eine erzählbare Wirklichkeit verwandeln.
2. Menschen in Gottes Hand (1947/48) – Film ohne Titel (1948)
Dieser Vergleich führt unmittelbar zur Bedingungsrealität. Was bei Stettner analytisch rekonstruiert wird – welche Stoffe nach 1945 möglich waren, was das Publikum sehen wollte und wie man Zeitnähe mit Unterhaltung verband –, macht Film ohne Titel selbst zum Gegenstand seiner Handlung.
3. Menschen in Gottes Hand (1947/48) – Grün ist die Heide (1951)
Hier kann man nicht einfach behaupten: „1947 beginnt der Heimatfilm der fünfziger Jahre.“ Interessanter ist die Entwicklung. Bei Menschen in Gottes Hand steht die Heide noch innerhalb einer unmittelbaren Nachkriegsgeschichte mit Flüchtlingen, Schwarzmarkt und einem durch den Krieg destabilisierten Heimkehrer. Vier Jahre später kann die Landschaft viel stärker zum Heimat- und Ordnungsraum werden. Genau deshalb ist Stettners Hinweis auf frühe Heimatfilm-Merkmale so interessant.
4. Für einen Vergleich innerhalb der JFU gehören außerdem Wege im Zwielicht (1948) und Die Söhne des Herrn Gaspary (1948) unbedingt dazu. Dann ließe sich prüfen, was Stettner für die ersten drei JFU-Spielfilme insgesamt feststellt: zeitnahe Stoffe, Orientierung nach Krieg und Zusammenbruch und die Suche nach einer Rückkehr in gesellschaftliche Ordnung.
Literatur
- Peter Stettner: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die „Junge Film-Union“ 1947–1952. Eine Fallstudie zur westdeutschen Filmproduktion. Hildesheim/Zürich/New York 1992.
Besonders relevant sind S. 33–45: Einfluss der britischen Film Section auf die Stoffwahl, Entstehung und Analyse von Menschen in Gottes Hand, zeitgenössische Rezeption, Zuschauerzahlen und wirtschaftlicher Erfolg. Das ist für unsere Seite die wichtigste wissenschaftliche Darstellung. - Bettine Greffrath: Gesellschaftsbilder der Nachkriegszeit. Deutsche spielfilme 1945-1949. Pfaffenweile 1995
Zeit gleich mti Peter Stettner ein Blick auf die Nachkriegsfiolme als ein „psychologie Geschichte“ des Films. Siehe dazu auch in der Lernwerkstatt: Gesellschaftsbilder und Nachkriegsmenatalitäten - Alfred Bauer: Deutscher Spielfilm Almanach. Band 2: 1946–1955. München 1981, S. 27 f. Filmografische Angaben zu Menschen in Gottes Hand. Der Titel wird auch in der filmografischen Überlieferung zum Film als Referenz verwendet.
- Peter Pleyer: von Stettner mehrfach herangezogen, insbesondere für Zuschauerzahlen und die zeitgenössische Ablehnung des „Trümmerfilms“, dort S. 155. Für eine vollständige Literaturangabe sollten wir Stettners Literaturverzeichnis noch heranziehen, statt die bibliografischen Angaben zu ergänzen.
- Siegfried Kracauer: Von Caligari zu Hitler. Von Stettner für seine Interpretation des Schicksalsmotivs und dessen Tradition im deutschen Film herangezogen.
Online-Quellen
- filmportal.de – Menschen in Gottes Hand — die wichtigste filmografische Online-Quelle. Neben Stab, Besetzung und technischen Angaben enthält die Seite Fotos, Filmplakate und eine ausführliche Besprechung von Falk Schwarz aus dem Jahr 2020.
- filmportal.de – Verfügbarkeit und Archivnachweise — weist unter anderem Schorcht-International und das Bundesarchiv-Filmarchiv nach und enthält Angaben zur DVD-Veröffentlichung.
- Filmdienst – Menschen in Gottes Hand
- Wikipedia – Menschen in Gottes Hand — als Einstiegs- und Verweisquelle brauchbar