Diese Nacht vergess‘ ich nie (1949)
von GFS-Admin_2021 · Veröffentlicht · Aktualisiert
Filmszene mit Winie Markus und Paul Henckels aus DIESE NACHT VERGESS ICH NIE (Filminstitut Hannover)
Annotation
Die Verwechslungskomödie „Diese Nacht vergess’ ich nie“ verbindet Elemente des deutschen Gesellschaftsfilms mit der amerikanischen Screwball-Comedy. Die historisch-kritische Analyse untersucht Erzählstruktur, Figuren, Geschlechterrollen, Raumgestaltung und das dargestellte Wirtschaftsleben. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Vorstellungen von Wohlstand, Familie und gesellschaftlicher Normalität der Film 1949 vermittelt – und wie sich diese von der damaligen Lebenswirklichkeit unterscheiden..
Filmdaten
Titel: Diese Nacht vergeß ich nie
Produktionsjahr: 1948/1949
Produktionsland: Deutschland (Britische Besatzungszone)
Länge: 2918 m · 106/107 Min.
Bild/Ton: Schwarzweiß · Tonfilm
Produktion und Verleih
Produktionsfirma: Junge Film-Union Rolf Meyer, Hamburg
Produzent: Rolf Meyer (Gesamtleitung)
Produktionsleitung: Helmuth Volmer
Aufnahmeleitung: Georg Mohr
Erstverleih: Schorcht-Filmgesellschaft mbH (Westdeutschland/West-Berlin)
Prüfung/Zensur: April 1949 · Westalliierte Militärzensur; 5. August 1949 · FSK, ab 16 Jahre, nicht feiertagsfrei
Uraufführung: 3. Mai 1949 · Hamburg, Harvestehuder Lichtspiele
Erstaufführung Berlin-West: 16. Juni 1949
Austauschfilm der DEFA: Affäre Blum
Künstlerische Leitung
Regie: Johannes Meyer
Regieassistenz: Greta Oexle
Drehbuch: Bobby E. Lüthge, Rolf Meyer; nach einer Idee von Gustav Fröhlich
Kamera: Albert Benitz
Musik: Werner Eisbrenner
Gesang: Detlev Lais
Liedtexte: Günter Neumann
Technische Gestaltung
Schnitt: Martha Dübber
Ton: Emil Papenfuß
Bauten: Erich Grave
Maske: Heinz Fuhrmann, Walter Wegener
Kostüme: nicht ermittelt
Standfotos: nicht ermittelt
Darsteller/innen
| Darsteller/in | Rolle |
| Paul Henckels | Dr. Max Schröter |
| Gustav Fröhlich | Dr. Paul Schröter |
| Hardy Krüger | Eugen Schröter |
| Winnie Markus | Eva Surén |
| Albert Florath | Hendrick Surén |
| Willy Schaeffers | Hugo Morall |
| Hans Richter | Dick Jaefferson |
| Hans Schwarz Jr. | Franz Bauer |
| Charlotte Witthauer | Josefa Bauer |
| Inge Landgut | Lucie |
| Ernst Waldow | Camillo Brause |
| Jester Naefe | Yvonne Rödern |
| Elise Aulinger | Therese |
| Ludwig Dose | Attila Kornewitz |
| Carl Voscherau | Gemeindevorsteher Kußmaul |
| Herbert A. E. Böhme | Polizist |
| Detlev Lais | Sänger |
| Ludwig Röger | – |
| Hans Harloff | – |
| Karl-Heinz Peters | – |
Drehorte
Drehzeit: November 1948 – Februar 1949
Außenaufnahmen: Winsen/Luhe · Hamburg
Innenaufnahmen: –
Atelieraufnahmen: Bendestorf
Inhalt
Drei Generationen einer Anwaltsfirma in Scheidungssachen – Großvater Max Schröter, Vater Paul Schröter und Sohn Eugen – geraten in einer Nacht in amouröse Abenteuer. Der Großvater, Gourmet und Mann von Welt, und Sohn Eugen, Referendar und ein noch etwas „grüner“ Draufgänger, sind im Landhaus der Familie Rivalen um die Gunst der schönen Yvonne, einer geschiedenen Klientin. Paul Schröter wiederum, der an diesem Abend eigentlich nur zu einer Angeltour aufbrechen wollte, muß sich auf dem Weg dorthin noch um die ordnungsgemäße Überführung einer LKW-Ladung kümmem, die eigentlich sein Freund, der Spediteur und Ringkämpfer Franz Bauer erledigen soll. Dabei wird Paul auf der Landstraße in einen Autounfall mit Eva verwickelt, die gerade von zu Hause ausgerissen ist, um ihrem geschäftstüchtigen Vater, einem Hamburger Kaffeehändler, zu entkommen, der sie gewinnbringend unter die Haube bringen möchte. lnfolge des Autounfalls lemen sich Paul und Eva kennen und, nach ersten gegenseitigen Vorwürfen, bald auch lieben. Die LKW-Ladung erreicht schließlich noch rechtzeitig ihr Ziel in Hamburg, und Franz Bauer gewinnt sowohl die dortige Ringkampfmeisterschaft als auch die Liebe von Lucie, die er unterwegs kennengelemt hatte. Nach unzähligen Verwechslungen gelingt es auch Paul, Eva zum Traualtar zu führen. Großvater Max und Sohn Eugen indes müssen auf Yvonne verzichten, die
einen vermögenden jungen Mann, der eigentlich Eva zugedacht war, für sich entdeckt
hat.
Aus: Peter Stettner: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die „Junge Film-Union“ 1947-1952, Hildesheim 1992, S. 67
Produktionsbedingungen nach der Währungsreform
Redaktion Lernwerkstatt (09/2026)
Diese Nacht vergess’ ich nie entstand 1948/49 als vierter Spielfilm der Jungen Film-Union (JFU) Rolf Meyer. Die Produktion fiel in eine Phase veränderter wirtschaftlicher Bedingungen für die westdeutsche Filmwirtschaft. Nach der Währungsreform vom Juni 1948 musste sich auch die JFU auf die neuen Finanzierungs- und Verwertungsbedingungen einstellen.[1]
Rolf Meyer reagierte mit einer Ausweitung der Produktion. Innerhalb weniger Monate entstanden drei Spielfilme unterschiedlicher Genres: Diese Nacht vergess’ ich nie, Das Fräulein und der Vagabund und Der Bagnosträfling. Die Filme wurden über den Schorcht-Verleih ausgewertet.[2]
Peter Stettner beschreibt diese Produktionsphase ausführlich in seiner Untersuchung zur Geschichte der Jungen Film-Union. Die drei Filme waren Teil einer Produktionsstrategie, mit der das Unternehmen seine wirtschaftliche Grundlage unter den veränderten Marktbedingungen sichern wollte.[3]
Produktionsstab und Besetzung
Produziert wurde der Film von der Jungen Film-Union Rolf Meyer, Hamburg-Bendestorf. Die Gesamtleitung lag bei Rolf Meyer, die Produktionsleitung bei Helmuth Volmer. Regie führte Johannes Meyer.[4]
Mehrere Mitglieder des Produktionsstabs waren bereits an früheren JFU-Filmen beteiligt gewesen. Albert Benitz hatte unter anderem Menschen in Gottes Hand und Die Söhne des Herrn Gaspary fotografiert. Bei der folgenden Produktion Das Fräulein und der Vagabund übernahm er selbst die Regie.
Dreharbeiten in Bendestorf, Winsen und Hamburg
Die Dreharbeiten fanden von November 1948 bis Februar 1949 statt.[6]
Die Innenaufnahmen entstanden in den Ateliers der Jungen Film-Union in Bendestorf. Für Außenaufnahmen nutzte die Produktion Winsen an der Luhe und Hamburg.
Damit standen dem Film die Bendestorfer Atelierhallen und unterschiedliche Außenmotive im regionalen Umfeld zur Verfügung. Die Nähe zu Hamburg ermöglichte zugleich den Rückgriff auf dort ansässige Filmschaffende, Dienstleister und weitere Produktionsressourcen.
Die Herstellung von Diese Nacht vergess’ ich nie fiel in eine Phase, in der die JFU ihren Atelierbetrieb ausbaute und mehrere Produktionen in vergleichsweise kurzer Folge realisierte.[7]
Interzonaler Filmaustausch
Zur Produktions- und Verwertungsgeschichte gehört auch der Filmaustausch zwischen der Jungen Film-Union und der DEFA.
Nach der Währungsreform war der Erwerb von Filmen zwischen den westlichen Besatzungszonen und der sowjetischen Besatzungszone durch die unterschiedlichen Währungen erschwert. Eine Möglichkeit, Filme dennoch in beiden Währungsgebieten auszuwerten, bot der gegenseitige Austausch von Verleihrechten.
Peter Stettner dokumentiert anhand der JFU-Unterlagen, dass Rolf Meyer sich im Februar 1949 den DEFA-Film Affaire Blum für die britische Zone und den britischen Sektor Berlins sicherte. Im Gegenzug sollte die DEFA Diese Nacht vergess’ ich nie erhalten.[8]
Weitere vorgesehene Austauschpaarungen waren:
|
Produktion der JFU |
Produktion der DEFA |
|
Diese Nacht vergess’ ich nie |
Affaire Blum |
|
Das Fräulein und der Vagabund |
Die Kuckucks |
|
Der Bagnosträfling |
Der Biberpelz |
Ralf Schenk behandelt diese Austauschbeziehungen in seinem Beitrag über den interzonalen Filmverkehr. Die Junge Film-Union gehörte zu den westdeutschen Produktionsunternehmen, die mit der DEFA entsprechende Vereinbarungen trafen.[9]
Fertigstellung, Zensur und Uraufführung
Nach Abschluss der Dreharbeiten im Februar 1949 erfolgten Fertigstellung, Zensur und Vorbereitung der Kinoauswertung.
Die wichtigsten Produktions- und Aufführungsdaten im Überblick:[10]
|
Zeitpunkt |
Produktions- und Aufführungsgeschichte |
|
November 1948 |
Beginn der Dreharbeiten |
|
Februar 1949 |
Ende der Dreharbeiten |
|
April 1949 |
Westalliierte Militärzensur |
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3. Mai 1949 |
Uraufführung in den Harvestehuder Lichtspielen, Hamburg |
|
16. Juni 1949 |
Erstaufführung in West-Berlin |
|
5. August 1949 |
FSK-Prüfung |
Zwischen dem Ende der Dreharbeiten und der Hamburger Uraufführung lagen etwa zwei bis drei Monate.
Die Kinoauswertung erfolgte über den Schorcht-Verleih. Nach Stettners Darstellung hatte Diese Nacht vergess’ ich nie zunächst einen vielversprechenden Start. Die Einspielergebnisse der drei 1949 herausgebrachten JFU-Filme blieben insgesamt jedoch hinter den Erwartungen zurück. Ende des Jahres kam es darüber zu Auseinandersetzungen zwischen Rolf Meyer und dem Verleih.[11]
Anmerkungen und Belege
[1] Peter Stettner: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die „Junge Film-Union“ 1947–1952, Hildesheim 1992, insbesondere S. 61–67. Zur Produktionsentwicklung nach der Währungsreform.
[2] Stettner 1992, S. 61–78. Zur Herstellung der ersten drei JFU-Filme nach der Währungsreform und ihrer Auswertung durch den Schorcht-Verleih.
[3] Ebenda, insbesondere S. 64–67.
[4] Stettner 1992, Filmografie, S. 185. Produktionsangaben und Stabliste. Ergänzend: Filmportal – Diese Nacht vergeß ich nie .
[5] Stettner 1992, S. 185. Besetzung und Stabangaben.
[6] Stettner 1992, S. 185. Drehzeit November 1948 bis Februar 1949.
[7] Zur Entwicklung der Bendestorfer Ateliers und den frühen Produktionen der JFU vgl. Stettner 1992 sowie die Materialien der Lernwerkstatt Film und Geschichte .
[8] Stettner 1992, S. 59. Als archivalischen Beleg nennt Stettner unter anderem die Mitteilung der Film Section an die JFU vom 11. Februar 1949 (JFU 64).
[9] Ralf Schenk: „Zwischen den Zonen. ‚Ehe im Schatten‘ und andere Filme zwischen Ost und West“, in: film-dienst, Nr. 21/1997. Online bei der DEFA-Stiftung .
[10] Stettner 1992, S. 185. Produktions-, Zensur- und Aufführungsdaten.
[11] Stettner 1992, insbesondere S. 75–78. Zur Auswertung der JFU-Produktionen des Jahres 1949 und zum Konflikt mit dem Schorcht-Verleih.
Mit dieser Verwechslungskomödie setzte sich die JFU sehr gründlich von den frühen Zeitfilmen ab

Filmszene aus DIESE NACHT VERGESS ICH NIE (Filminstitut Hannover)
Die Nachkriegszeit der Jahre 1948/49 mit den noch bestehenden Nöten aller Art ist im Bild nicht mehr zu erkennen, stattdessen beherrscht ein gehobener Wohlstand die Szenerie, das vorherrschende Milieu ist das der so-genannten Gesellschaft, wie man es aus zahllosen Unterhaltungsfilmen der 30er und frühen 40er Jahren in Deutschalnd kennt. Die Rechtsanwaltsfamilie verfügt nicht nur über Dienstmädchen, sondern auch über ein Landhaus, und der junge Referendar kommt bereits am Vormittag vom Hockeyspielen. Praktisch alle Beteiligten verfügen über Automobile, mit denen rasante Fahrten unternommen werden. Wenn in DIESE NACHT VERGESS’ICH NIE im Prinzip an ein traditionelles „Gesellschaftsmilieu“ angeknüpft wird, so erscheinen Wohlstand und Luxus in dieser Verwechslungskomödie doch mitunter in einer Weise, die an amerikanische Verhältnisse denken läßt. Dazu tragen etwa die zahlreichen Verfolgungsfahrten bei sowie der betont sportliche Referendar, aber auch das modeme Hochhaus, in dem die Anwälte residieren und in dem sie mit einem Fahrstuhl in die Höhe befördert werden.
Die große Distanz, die diese Filmwelt zur Alltagswelt in der deutschen Nachkriegszeit aufwies, wurde auch in der Presse bemerkt. „Ein Märchen der Nachwährungsreform-Prosperity“, meinte ein Rezensent anläßlich der Münchner Uraufführung. „Geht es uns wirklich schon wieder so gut?“135) Dem Publikum jedenfalls gefiel diese Märchenwelt. Es „freut sich des üppig blühenden Klamauks und lacht aus vollem Halse, wenn das erotisch furiose Töchterchen des Hamburger Kaffeeimporteurs in einer Nacht gleich zwei Luxuskabriolets zu Bruch fährt.“136) Auch in Hamburg lief der Film mit großem Publikumserfolg an.137) Wenn in den Presseberichten über DIESE NACHT VERGESS‘ ICH NIE nach Griünden für den zumindest anfänglich guten Erfolg des Films nachgedacht wurde, so sprach man von „altbewährten Rezepten, mit denen sich die Fihnindustrie einstmals hochge’schwankt‘ hat: man nehme eine Anzahl Stars, lasse sie von einer komischen Situation in die andere purzeln, gebe etwas Liebe und Sport hinzu (…).“138) Auch an anderer Stelle konstatierte man ein „Wiedersehen mit alten Bekannten. Man hatte für ein Massenaufgebot gesorgt – an prominenten Schauspielern und bewährten Gags.“139) Diese beiden Aspekte, das Staraufgebot der Schauspieler, von Paul Henckels über Gustav Fröhlich bis zu Winnie Markus, und die zahlreichen komischen Situationen, die die Darsteller durchleben, bestimmen in der Tat den Film in wesentlichen Teilen. Dabei rücken die sogenannten Gags den Film immer wieder in Schwanknähe: so z.B. wenn die wütende Eva eine Flasche auf den Boden knallt und dabei unbeabsichtigt den Fuß des Managers Camillo Brause trifft oder wenn die beiden Schwerenöter Max und Eugen Schröter beide angetrunken ins Bett der begehrten Yvonne springen, die dort allerdings nicht mehr weilt, so daß Großvater und Enkel unsanft aufeinanderprallen. Solche Szenen gehörten zum Standardrepertoire eines Komödienschwanks, wie ihn auch die Drehbuchautoren Rolf Meyer und Bobby Ε. Lürhge mehr als einmal vor 1945 verfaßt hatten.
Komischen Einlagen dieser Art stehen jedoch auch andere Gestaltungsmittel gegenüber, vor allem in der Charakterisierung der Figuren sowie in der filmästhetischen Organisation des gesamten Handlungsablaufs. Hier zeigen sich deutliche Einflüsse der amerikanischen Komödie, der sogenannten Screwball-Comedy, ein Aspekt, der in der zeitgenössischen Pressekritik nicht so deutlich gesehen wurde. Der Typ der amerikanischen Srewball-Comedy wurde in den 30er und 40er Jahren entwickelt, vor allem die Namen der Regisseure Howard Hawks und Frank Capra sind hier zu nennen. Der letztere kreierte mit dem ähnlich klingenden Titel IT HAPPENED ONE NIGHT (1934) eine der ersten Komödien dieser Gattung. Vor allem die folgenden Stilmerkmale sind es, die DIESE NACHT VERGESS‘ ICH ΝIΕ als von der ScrewballComedy beeinflußt zeigen.140
Zu Beginn des Films werden mehrere Handlungsfäden entwickelt. Dabei gibt es zunächst zwei Hauptlinien: einmal diejenige um den alten Max Schröter und den Enkel Eugen, die beide um die Gunst der jungen Yvonne buhlen. Zum anderen die Handlungslinie Paul Schröter, um die herum sich weitere Handlungsfäden spinnen: Paul hilft seinem Freund Franz Bauer, die LKW-Ladung nach Hamburg zu bringen. Franz Bauer selbst muß in Hamburg außerdem noch eine wichtige Ringkampfmeisterschaft bestehen. Die junge Lucie, die Franz unterwegs kennen und lieben lernt, behindert in dieser Hinsicht seine Erfolgsaussichten, da sie ihn zu sanft und versöhnlich stimmt. Dagegen bemüht sich der Franz hinterhereilende Manager Camino Brause, Franz in Form, das heißt zornig zu halten. Als weiterer Handlungsfaden, der sich zur eigentlichen Hauptlinie entwickelt, kommt hinzu, daß Paul die junge Eva kennenlernt, die wiederum von ihrem Vater mitsamt Onkel verfolgt wird. Diese verschiedenen Handlungsfäden werden in Form von szenenweise ineinander geschnittenen Parallelmontagen vorgetragen. Dadurch „passiert viel auf einmal“, und der Film legt über weite Strecken ein beachtliches Tempo vor. Wie in der klassischen Screwball-Comedy werden die verschiedenen Handlungsfäden am Ende wieder zusammengeführt.
Ein weiteres typisches Merkmal der amerikanischen Komödie jener Jahre im Unterschied zum traditionellen deutschen Lustspiel bestand in der Typisierung und Profilierung vieler Nebenfiguren. So auch in DIESE NACHT VERGESS‘ ICH NIE: neben den Hauptpersonen Paul, Max und Eugen Schröter sowie Eva gewinnen vor allem Yvonne Rödern und Franz Bauer, der massiv und etwas dümmlich den starken Mann spielt, Profil. Aber auch der Ringkampfmanager Camino Brause als nicht unterzukriegender, großschnäuziger Promotor, Evas geschäftstüchtiger Vater sowie ein immer die Ruhe bewahrender Polizist – die Reihe ließe sich fortsetzen – sind als eigenständige Charaktere typisiert.
Doch in der Typisierung der Figuren zeigt sich gleichzeitig auch wieder eine Differenz zum amerikanischen Vorbild. Wenn es für die amerikanischen Filme dieser Gattung der 30er und 40er Jahre als typisch galt, daß „die weiblichen Hauptfiguren (…) selbstbewußt und energisch, auch eigensinnig bis zum Exzentrischen“ waren,141 so gilt dies für die Frauenfiguren in DIESE NACHT VERGESS‘ ICH NIE nur sehr eingeschränkt: am ehesten noch für Yvonne, für Lucie ganz und gar nicht und Eva, die wichigste Frauenfigur, erscheint nur anfangs etwas störrisch und eigensinnig. Doch nach wenigen Minuten versorgt sie Paul, der aufgrund eines Mißverständnisses mit Handschellen gefesselt wurde, mit Zigaretten, Obst usw. Wenn sie sich im folgenden noch das eine oder andere Mal von Paul abwendet, dann nur, weil sie wieder einmal etwas verwechselt. Aber im Grunde ist sie sehr schnell eine fürsorgliche Frau, die nur noch den gehebten Paul bzw. dessen Treue im Auge hat. In das letzte Drittel des Films mischen sich in diesem Zusammenhang mehr und mehr sentimentale Szenen, etwa wenn Paul und Eva bei Mondenschein vor einer Fischerhütte sitzen und auf einer Bank Händchen halten oder wenn sich Eva in der Schlußszene aus unglücklicher Liebe und in Sorge um ihren Paul, den sie als Ringkämpfer in der Arena wähnt, in Tränen aufgelöst auf ihr Bett wirft. Doch Paul kommt hinzu und erlöst sie, indem er sie zum Traualtar führt. Diesen Weg zum Glück deutet der Film auch für die beiden anderen jungen Frauen Yvonne und Lucie an.
So dokumentiert der erste nach dem Ende der britischen Vorzensur hergestellte Spielfilm der JFU sowohl ein Anknüpfen an einige alte „Rezepte“ des deutschen Unterhaltungsfilms zur Zeit des Nationalsozialismus samt einer personellen Kontinuität als auch den Versuch, erfolgreiche Vorbilder des amerikanischen Unterhaltungskinos zu imitieren.
Anmerkungen
140 Vgl. zur SrewballComedy: Ulrich Kurowski, Lexikon Film, München 1973, S. 130ff; LizAnne Bawden (Hg.), rororo Film Lexikon, Bd.2, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 587ff
141 Ulrich Kurowski, a.a.O., S. 130
Quelle
Auszug aus: Peter Stettner: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die „Junge Film-Union“ 1947-1952, Hildesheim 1992, S. 67-71
Um das Wohl „ihrer“ Männer besorgte Wesen
Peter Stettner (1992)

Winnie Markus als Eva in DIESE NACHT VERGESS‘ ICH NIE (Filminstitut Hannover)
Abschließend soll noch einmal die Entwicklung der Regine in DAS FRÄULEIN UND DER VAGABUND und auch diejenige von Eva, der Hauptdarstellerin in DIESE NACHT VERGESS‘ ICH ΝIΕ, vor dem Hintergrund realer gesellschaftlicher Prozesse im Nachkriegsdeutschland betrachtet werden. In beiden Filmen fallt auf, daß die weiblichen Hauptfiguren sich im Verlauf der Handlung zunehmend zu fürsorglichen, ausschließlich um das Wohl „ihrer“ Männer besorgten Wesen entwickeln. Eigene Interessen und Bedürfnisse treten demgegenüber völlig in den Hintergrund. Der Versuch, eigenen Bedürfnissen zu folgen und in diesem Zusammenhang aus der traditionellen Ordnung auszubrechen, bringt in einem Fall die junge Frau sogar in Lebensgefahr.
Diese Rollenzuweisung, die im Film als glücklich machend beschrieben wird, zeigt deutliche Bezüge zu derjenigen, wie sie sich in der realen gesellschaftlichen Entwicklung vom Kriegsende bis in die 50er Jahre darstellt. Nachdem zunächst viele Frauen schon in den letzten Kriegsjahren „Männeraufgaben“, etwa in der Rüstungsproduktion übernommen hatten, waren nach der militärischen Niederlage die „patriarchalisch-autoritären Ideologie- und Organisationsmuster (…) weitgehend zusammengebrochen, ein Großteil der Männer nicht zu Hause (gefallen, verschollen, kriegsgefangen, untergetaucht, unterwegs), arbeitslos, ‚aus der Bahn geworfen‘, moralisch verunsichert.“154 In dieser Situation vollzog sich eine zum Teil durch die Umstände erzwungene, vielfach als befreiend empfundene, massenhafte gesellschaftliche Emanzipation von Frauen, die in der alltäglichen Praxis das „Leben“ wieder in Gang brachten, Trümmer beiseite räumten und in sogenannten Männerberufen arbeiteten. Eine soziologische Untersuchung spricht von „Hunger nach Erfahrung“.155 Auch in der Gestaltung ihres privaten Lebens überschritten viele Frauen traditionelle Grenzen bürgerlichen Familienlebens.
Mit der allmählichen Rückkehr vieler Männer ins gesellschaftliche Leben sowie infolge einer gewissen ökonomischen Konsolidierung nach der Währungsreform stellte sich dann zunehmend die Frage, inwieweit diese Frauen wieder in ihre traditionellen Rollen zurückkehren würden. In diesem Zusammenhang mehrte sich die Kritik an der gesellschaftlichen Emanzipation vieler Frauen, die für zahlreiche familiäre und soziale Mißstände verantwortlich gemacht wurde.156 Das Ergebnis dieses Prozesses, wie es sich in den 50er Jahren darstellt, ist bekannt: es fand eine Restauration des traditionellen Rollenverhaltens statt, die den Frauen vor allem Aufgaben im Rahmen der Hausarbeit sowie der kleinbürgerlich-privaten Familienfürsorge zuwies.
Vor dem Hintergrund dieser Restauration der traditionellen Frauenrolle erscheinen die weiblichen Hauptfiguren in DIESE NACHT VERGESS‘ ICH NIE und DAS FRÄULEIN UND DER VAGABUND als Projektionen dieses Prozesses: Sie zeigen, daß die Überschreitung der traditionellen Rollengrenzen auf keine verbreitete gesellschaftliche Akzeptanz stieß. Gleichzeitig dürften die Filme in diesem Zusammenhang eine prägende Wirkung gehabt haben. Es kann als sicher gelten, daß für derartige Prozesse in einer modernen Gesellschaft massenmedial „vorgelebte“ Muster und Identifikationsangebote eine erhebliche Bedeutung besitzen – der Spielfilm war zu einer Zeit, als das Fernsehen noch nicht verbreitet war, hierfür geradezu prädestiniert.
Anmerkungen
154 Hermann Glaser, Kulturgeschichte der Bundesrepublik. Zwischen Kapitulation und Währungsreform, 1945-1948, München, Wien 1985, S. 61.
155 Inge Stolten (Hg.), Der Hunger nach Erfahrung. Frauen nach ’45, Berlin, Bonn 1981.
156 vgl. Angela Vogel, Familie, in: Wolfgang Benz, Die Bundesrepublik Deutschland. Geschichte in drei Bänden, Band 2: Gesellschaft, Frankfurt/M. 1983, S. 98f
Quelle
Auszug aus: Peter Stettner: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die „Junge Film-Union“ 1947-1952, Hildesheim 1992, S. 7
Die Nachkriegszeit verschwindet aus dem Bild
Detlef Endeward (09/2026)
1. Ausgangspunkt: Eine andere Gegenwart
Diese Nacht vergess’ ich nie gehört zu den frühen Unterhaltungsfilmen der Jungen Film-Union (JFU). Der Film entstand 1948/49, also in einer Gesellschaft, deren Alltag weiterhin von den Folgen des Krieges geprägt war. Seine Handlung führt jedoch in eine weitgehend intakte bürgerliche Welt: ein Landhaus, eine Anwaltsfamilie, berufliche Unternehmungen, Automobile, Liebesbeziehungen und sportliche Ereignisse.[1]
Gerade dieser Abstand zwischen Entstehungszeit und dargestellter Welt macht den Film zu einer aufschlussreichen historischen Quelle. Er zeigt nicht einfach, wie die Menschen 1949 lebten. Er entwirft eine Vorstellung davon, wie gesellschaftliche Normalität wieder aussehen könnte.[2]
2. Filmrealität: Figuren, Handlung und gesellschaftliche Ordnung
Im Mittelpunkt steht die Familie Schröter mit drei Generationen von Männern: Max, Paul und Eugen. Ihre unterschiedlichen Vorstellungen und Verhaltensweisen werden nicht als grundsätzlicher gesellschaftlicher Konflikt ausgetragen, sondern in die komödiantische Handlung eingebunden. Auch Franz gehört zu dieser Männerwelt, in der berufliche Tätigkeit, familiäre Bindung, Konkurrenz und Liebesbeziehungen miteinander verschränkt sind.
Den Männern stehen Eva, Yvonne und Lucie gegenüber. Die Frauen sind keineswegs nur schmückendes Beiwerk. Sie setzen Handlungen in Gang, treffen Entscheidungen und beeinflussen die Beziehungen der Figuren. Zugleich bleibt zu untersuchen, wie weit ihre Selbstständigkeit reicht und welche Bedeutung Liebe, Ehe und familiäre Bindung für die Auflösung der Konflikte erhalten.[3]
Die Komik entsteht wesentlich aus Verwechslungen, Missverständnissen und dem unterschiedlichen Wissen von Figuren und Publikum. Berufliche, familiäre und romantische Konflikte überlagern sich. Was zunächst Unordnung erzeugt, wird im Verlauf der Handlung wieder in überschaubare Beziehungen überführt. Die Komödie stellt damit nicht nur Unterhaltung her: Sie führt eine zeitweilig gestörte gesellschaftliche Ordnung zu einem versöhnlichen Abschluss.[4]
3. Filmrealität: Räume, Bewegung und filmische Gestaltung
Die Handlung bewegt sich zwischen Landhaus, Landstraße und Hamburg. Diese Räume stehen für unterschiedliche Bereiche des dargestellten Lebens: Familie und bürgerliche Häuslichkeit, Mobilität und Begegnung sowie städtisches Wirtschafts- und Geschäftsleben.
Automobile und Lastwagen sind dabei mehr als Requisiten. Sie ermöglichen Ortswechsel, treiben die Handlung voran und gehören zu den sichtbaren Zeichen einer beweglichen, geschäftigen Gesellschaft. Unfall, Verfolgung und Ringkampf erweitern die Liebes- und Familienkomödie um körperliche Aktion und Spannung.
Auch die Tongestaltung trägt zur Erzählweise bei. Dialoge und Geräusche strukturieren die komischen Situationen; die Musik von Werner Eisbrenner begleitet die Handlung. Die Radioübertragung des Ringkampfs verweist zudem auf ein zeitgenössisches Massenmedium, durch das ein Ereignis über seinen unmittelbaren Schauplatz hinaus präsent wird. Bild, Bewegung, Sprache, Geräusch und Musik sind deshalb gemeinsam zu beachten – nicht nur die erzählte Geschichte.[5]
4. Bedingungsrealität: Die JFU nach der Währungsreform
Diese Nacht vergess’ ich nie entstand zwischen November 1948 und Februar 1949. Die Innenaufnahmen wurden in Bendestorf gedreht, Außenaufnahmen unter anderem in Winsen an der Luhe und Hamburg. Die Uraufführung fand am 3. Mai 1949 in Hamburg statt.[6]
Der Film gehört zu einer Produktionsphase, in der die JFU nach der Währungsreform unterschiedliche Unterhaltungsstoffe realisierte. Neben der Gegenwartskomödie entstanden mit Das Fräulein und der Vagabund ein weiterer Liebes- und Unterhaltungsfilm sowie mit Der Bagnosträfling ein historischer Stoff. Diese Vielfalt verweist auf die Suche nach publikumswirksamen Filmen unter veränderten Produktions- und Verleihbedingungen.[7]
Peter Stettner ordnet Diese Nacht vergess’ ich nie in diesen Zusammenhang ein und untersucht auch die Annäherung an Formen der amerikanischen Screwball-Comedy. Die filmische Leichtigkeit ist damit nicht allein eine Eigenschaft der Handlung, sondern gehört zur produktionsgeschichtlichen Neuorientierung der JFU.[8]
5. Bezugsrealität: Familie, Geschlechterverhältnisse und Normalität
Die im Film entworfene Familie lässt sich nicht ohne Weiteres als Abbild der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft lesen. Sie bietet vielmehr ein Modell bürgerlicher Normalität an. Mehrere Generationen leben und handeln in einem Zusammenhang, der trotz Konflikten Bestand hat. Die Liebesgeschichte führt auf eine Ordnung hin, in der persönliche Beziehungen und gesellschaftliche Erwartungen miteinander vereinbar erscheinen.
Das ist vor dem Hintergrund der Nachkriegsjahre bedeutsam. Krieg, Tod, Gefangenschaft, Flucht und die veränderte Erwerbs- und Familienarbeit hatten die Lebensverhältnisse und Geschlechterbeziehungen tiefgreifend verändert. Der Film greift diese Erfahrungen nicht ausdrücklich auf. Dennoch können seine Vorstellungen von Männlichkeit, weiblicher Selbstständigkeit, Ehe und Familie gerade im Vergleich mit der historischen Situation untersucht werden.[9]
Dabei ist zwischen der Zeit der Handlung, der Entstehungszeit des Films und der heutigen Analyseperspektive zu unterscheiden. Fragen nach Geschlechterrollen sind für die heutige Untersuchung aufschlussreich; sie dürfen aber nicht unbesehen als zeitgenössische Absichten der Filmschaffenden ausgegeben werden.
6. Bezugsrealität: Wirtschaft, Wohlstand und Mobilität
Die Welt des Films ist von beruflicher Tätigkeit und wirtschaftlicher Bewegung geprägt. Anwaltskanzlei, Kaffeehandel, Gütertransport und professioneller Sport eröffnen Einblicke in verschiedene Tätigkeitsfelder. Autos und Lastwagen verknüpfen diese Bereiche mit einer Vorstellung von Mobilität und geschäftlicher Aktivität.
Damit erscheint eine Gesellschaft, die bereits wieder über Handlungsspielräume und materielle Möglichkeiten verfügt. Dem standen 1948/49 vielerorts Wohnungsnot, Versorgungsprobleme und soziale Unsicherheit gegenüber. Der Film zeigt also keine repräsentative Alltagssituation, sondern eine ausgewählte, privilegierte Welt.
Auch der Begriff „Wirtschaftswunder“ ist für die Einordnung vorsichtig zu verwenden: Der Film entstand vor jener Entwicklung, die später mit diesem Begriff bezeichnet wurde. Er lässt sich eher als früher filmischer Entwurf einer auf Konsum, Bewegung und wirtschaftliche Normalisierung ausgerichteten Gesellschaft betrachten.[10]
7. Bezugsrealität: Das Auffällige ist auch das Fehlende
Nationalsozialismus, Krieg, Besatzung und die materiellen wie seelischen Folgen der Zerstörung bestimmen die Handlung nicht. Diese Abwesenheit ist für die historische Analyse ebenso wichtig wie die sichtbaren Gegenstände, Figuren und Schauplätze.
Daraus folgt allerdings nicht, dass den Filmschaffenden ohne weitere Belege eine bestimmte Absicht zur Verdrängung zugeschrieben werden kann. Feststellen lässt sich zunächst, was der Film zeigt und was er nicht zeigt. Die Frage, welche gesellschaftlichen Wünsche nach Unterhaltung, Entlastung und wiedergewonnener Normalität darin zum Ausdruck kommen, muss im Zusammenhang mit Produktion und zeitgenössischer Rezeption untersucht werden.[11]
Gerade im Vergleich mit anderen Filmen von 1948/49 wird deutlich, dass die unmittelbare Nachkriegswirklichkeit keineswegs zwangsläufig aus einer Komödie verschwinden musste.
8. Wirkungsrealität: Unterhaltung und zeitgenössische Rezeption
Der Film richtete sich an ein Kinopublikum, für das Unterhaltung nach Jahren von Krieg und Mangel eine besondere Bedeutung gewinnen konnte. Seine Wirkung lässt sich jedoch nicht allein aus seiner heiteren Handlung ableiten. Dafür sind zeitgenössische Kritiken, Werbung, Verleihbedingungen und – soweit überliefert – Besucher- und Einspielergebnisse heranzuziehen.
Die zeitgenössische Wahrnehmung ist von späteren filmhistorischen Deutungen zu unterscheiden. Stettner betrachtet den Film 1992 im Zusammenhang der JFU-Geschichte und des Übergangs zu publikumsorientierten Unterhaltungsformen. Bettina Greffrath untersucht ihn aus einer anderen Perspektive: als Quelle für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder der Nachkriegszeit. Sie hebt insbesondere das Zurücktreten der unmittelbaren Nachkriegswirklichkeit zugunsten einer wiederhergestellten bürgerlichen Welt hervor.[12]
Beide Zugänge ergänzen sich, sind aber nicht mit der zeitgenössischen Zuschauererfahrung gleichzusetzen.
9. Ein Film als Quelle für gesellschaftliche Vorstellungen
Diese Nacht vergess’ ich nie ist gerade deshalb eine aufschlussreiche Quelle für die Nachkriegszeit, weil er deren unmittelbare Probleme weitgehend ausspart. Seine Filmwelt verbindet familiäre Stabilität, Liebesglück, berufliche Tätigkeit, Mobilität und Wohlstand zu einem Bild gesellschaftlicher Normalität.[13]
Die vier Realitätsebenen verhindern dabei eine vorschnelle Gleichsetzung von Film und Geschichte:
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Realitätsebene |
Erkenntnisinteresse |
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Filmrealität |
Wie werden Figuren, Beziehungen, Räume, Konflikte und ihre Lösung durch Handlung, Bild und Ton gestaltet? |
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Bedingungsrealität |
Unter welchen Produktions-, Wirtschafts- und Verleihbedingungen entstand diese Komödie? |
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Bezugsrealität |
Auf welche gesellschaftlichen Verhältnisse verweist die Filmwelt – und welche Erfahrungen bleiben außerhalb des Bildes? |
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Wirkungsrealität |
Wie wurde der Film zeitgenössisch angeboten und aufgenommen, und wie verändert sich seine Deutung im historischen Abstand? |
10. Mehrfachzeitlichkeit: 1949 – 1992 – heute
Die Analyse bewegt sich zwischen mehreren Zeiten: der dargestellten Gegenwart, der Produktion und Aufführung 1948/49, der späteren filmhistorischen Untersuchung und unseren heutigen Fragen.
Die zeitgenössische Kinowerbung, Stettners Untersuchung von 1992, Greffraths Analyse von 1993 und die heutige Beschäftigung mit Geschlechterverhältnissen, gesellschaftlicher Normalität und der Ausblendung von Kriegserfahrungen erschließen unterschiedliche Bedeutungen desselben Films.
Keine dieser Perspektiven sollte die anderen ersetzen. Gerade ihre Gegenüberstellung macht sichtbar, wie sich Fragen an einen Film mit der Zeit verändern.[14]
Kernaussage: Diese Nacht vergess’ ich nie dokumentiert die Nachkriegsgesellschaft nicht durch eine möglichst vollständige Darstellung ihrer Lebensverhältnisse. Der Film ist vielmehr eine historische Quelle dafür, welche gesellschaftliche Welt 1949 im Kino vorstellbar, erzählbar und als unterhaltsame Normalität präsentierbar war.
Anmerkungen und Belege
[1] Filmdokumentation und Inhaltsangabe; ergänzend filmportal.de: Diese Nacht vergeß ich nie . Die Gegenüberstellung von Filmwelt und historischer Lebenswirklichkeit ist eine analytische Einordnung.
[2] Bürgerliche Normalität als filmischer Entwurf. Bettina Greffrath: Verzweifelte Blicke, ratlose Suche, erstarrte Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945–1949. Dissertation, Universität Hannover 1993, besonders S. 453–454. Vgl. den Auszug „Erdenschwere – Vom Misslingen eskapistischer Phantasien“ .
[3] Figuren und Geschlechterverhältnisse. Zur weiterführenden Interpretation Peter Stettner: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die „Junge Film-Union“ 1947–1952. Hildesheim 1992, Abschnitt über den Film, S. 65 ff. Digitalisierte Ausgabe .
[4] Komödienhandlung und Screwball-Comedy. Stettner 1992, S. 65 ff.
[5] Räume, Aktion und Ton. Filmbeobachtungen; zur Musik von Werner Eisbrenner und zu weiteren Stabangaben vgl. filmportal.de . Zur Produktion und zu den Drehorten Stettner 1992, Filmografie, S. 185.
[6] Dreharbeiten und Aufführung. Stettner 1992, Filmografie, S. 185; vgl. die Produktionsdokumentation der Lernwerkstatt .
[7] Produktionsphase nach der Währungsreform. Stettner 1992, S. 61–78; Lernwerkstatt: „Die Spielfilmproduktion im ersten Jahr nach der Währungsreform“ . Dort werden die drei Produktionen als zusammenhängende Phase behandelt und die veränderten ökonomischen und politischen Produktionsbedingungen erläutert.
[8] Dramaturgische Neuorientierung. Stettner 1992, besonders S. 61–67. Die Untersuchung bezieht auch die zeitgenössischen Stoffentscheidungen und die Orientierung am vermuteten Publikumsgeschmack ein. Digitalisierte Ausgabe .
[9] Familie und Frauen nach 1945. Stettner 1992, Abschnitt zu Diese Nacht vergess’ ich nie; Greffrath 1993, besonders S. 453–454. Als weiterführende sozialgeschichtliche Literatur: Inge Stolten (Hg.): Der Hunger nach Erfahrung. Frauen nach ’45. Berlin/Bonn 1981; Angela Vogel: „Familie“, in: Wolfgang Benz (Hg.): Die Bundesrepublik Deutschland, Bd. 2: Gesellschaft. Frankfurt am Main 1983, S. 98 f. Beide Titel werden auch im Anmerkungsapparat bei Stettner herangezogen.
[10] Wirtschaftliche Bezugsrealität. Die genannten Tätigkeitsfelder und Verkehrsmittel ergeben sich aus der Filmhandlung. Zur Einordnung der Jahre nach der Währungsreform vgl. Stettner 1992, Kapitel 2.1 „Die veränderte ökonomische Situation“, S. 46 ff. Digitalisierte Ausgabe .
[11] Ausblendung und Stoffpolitik. Stettner 1992, S. 61–65, dokumentiert anhand von JFU-Korrespondenz die Abkehr von zeitnahen Stoffen. Dazu gehören Stellungnahmen zu Heimkehrer- und Flüchtlingsgeschichten sowie zu Stoffen über nationalsozialistische Verbrechen. Dokumentierter Auszug in der Lernwerkstatt . Diese Produktionsbelege ermöglichen eine weitergehende Einordnung, ohne aus der Filmhandlung allein auf individuelle Motive schließen zu müssen.
[12] Rezeptions- und Forschungsperspektiven. Stettner 1992, besonders S. 65–78 sowie das folgende Kapitel zur Filmauswertung 1949/50; Greffrath 1993, S. 453–454.
[13] Historische Gesamteinordnung. Zusammenführende Interpretation der Filmbeobachtungen unter Bezug auf Stettner 1992 und Greffrath 1993. Besonders relevant ist Greffraths Untersuchung des Verhältnisses von unmittelbarer Nachkriegswirklichkeit und wiederhergestellter bürgerlicher Normalität. Online-Auszug .
[14] Mehrfachzeitlichkeit. Die Gegenüberstellung von Film, zeitgenössischen Materialien, Stettner 1992, Greffrath 1993 und heutiger Analyse ist der methodische Zugang der Lernwerkstatt. Als Ausgangsmaterial dienen die Filmdokumentation und die dort zugänglichen historischen und späteren Deutungen.
Redaktioneller Hinweis: Der Text wurde mit Unterstützung von ChatGPT strukturiert und sprachlich bearbeitet. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim Autor.
Ausgangspunkt: Eine Nacht im Jahr 1949
Diese Nacht vergess’ ich nie lässt sich zunächst einfach als turbulente Verwechslungskomödie ansehen: drei Generationen einer Anwaltsfamilie, mehrere Liebesgeschichten, schnelle Autos, ein Lastwagentransport, ein Ringkampf und zahlreiche Missverständnisse.
Gerade diese scheinbar leichte Unterhaltung eröffnet historische Fragen.
Der Film entsteht 1948/49 – wenige Jahre nach Kriegsende, während Wohnungsnot, Versorgungsschwierigkeiten, Flüchtlingsintegration und die Folgen des Krieges weiterhin den Alltag vieler Menschen bestimmen. Davon ist im Film kaum etwas zu sehen.
Die Arbeit mit dem Film kann deshalb von einer einfachen Frage ausgehen:
Welche Welt zeigt uns dieser Film – und was erfahren wir dadurch über die Zeit, in der er entstanden ist?
Dabei sollte nicht vorschnell nach einer „Botschaft“ gesucht werden. Zunächst gilt es, genau hinzusehen, Beobachtungen festzuhalten und daraus Fragen zu entwickeln.
1. Einstieg: Was für eine Welt sehen wir?
Vor der historischen Einordnung kann zunächst die dargestellte Welt untersucht werden.
Beobachtungsauftrag
Während des Films oder anhand ausgewählter Sequenzen werden Hinweise gesammelt zu:
- Wohnen und Lebensstandard,
- Kleidung und Konsum,
- Berufen und Arbeitswelt,
- Autos und anderen Verkehrsmitteln,
- Freizeit und Vergnügen,
- Beziehungen zwischen Männern und Frauen,
- Beziehungen zwischen den Generationen.
Anschließend werden die Beobachtungen gebündelt.
Wie würden wir die Gesellschaft beschreiben, die der Film zeigt?
Erst danach kommt die historische Gegenfrage:
Wie sah die westdeutsche Gesellschaft 1948/49 tatsächlich aus?
Aus der Differenz zwischen beiden Beobachtungen entsteht die weitere Untersuchung.
2. Drei Generationen – drei Männerbilder?
Im Mittelpunkt stehen Großvater Max, Vater Paul und Sohn Eugen Schröter.
Die drei gehören derselben wohlhabenden Anwaltsfamilie an, verhalten sich aber unterschiedlich.
Arbeitsauftrag
Erstellt für jede Figur ein kurzes Profil:
| Max | Paul | Eugen | |
|---|---|---|---|
| Beruf / gesellschaftliche Stellung | |||
| Auftreten | |||
| Verhältnis zu Frauen | |||
| Umgang mit Geld und Wohlstand | |||
| Freizeit | |||
| Was erscheint „männlich“? |
Danach kann gefragt werden:
Zeigt der Film tatsächlich drei unterschiedliche Generationen – oder ähneln sich die Männer stärker, als es zunächst scheint?
Ergänzend kann Franz Bauer einbezogen werden. Mit dem Ringkämpfer tritt ein weiteres Männerbild hinzu: körperliche Stärke, Wettbewerb und Aggressivität.
Interessant wird es dort, wo seine Beziehung zu Lucie mit dieser Rolle in Konflikt gerät.
Was geschieht mit dem „starken Mann“, wenn er sich verliebt?
3. Eva, Yvonne und Lucie – welche Möglichkeiten haben Frauen?
Die drei Frauen sollten zunächst getrennt betrachtet werden.
Eva
Am Anfang widersetzt sich Eva den Heiratsplänen ihres Vaters und verlässt ihr Elternhaus.
Zu untersuchen ist ihre Entwicklung im Verlauf des Films:
Was will Eva am Anfang? Was tut sie selbst? Was geschieht mit ihr? Was will sie am Ende?
Dabei kann eine einfache Verlaufslinie angelegt werden:
Aufbruch → Begegnung mit Paul → Konflikte und Missverständnisse → Annäherung → Schluss
An jeder Station wird notiert, wer handelt und wer auf das Handeln anderer reagiert.
Yvonne
Yvonne ist geschieden und wird von Max und Eugen umworben.
Wer entscheidet darüber, mit wem Yvonne eine Beziehung eingeht?
Lucie
Lucies Beziehung zu Franz Bauer beeinflusst dessen Verhalten als Ringkämpfer.
Welche Eigenschaften werden Lucie zugeschrieben? Was bewirkt ihre Zuneigung bei Franz?
Erst nach der Einzeluntersuchung werden die drei Frauen verglichen:
Welche unterschiedlichen Frauenbilder zeigt der Film – und was haben sie gemeinsam?
4. Eine Nacht voller Missverständnisse – wie funktioniert die Komödie?
Die Handlung eignet sich besonders gut für eine grafische Rekonstruktion.
Mehrere Geschichten beginnen getrennt und werden im Verlauf der Nacht miteinander verbunden.
Die Lerngruppe kann auf einem großen Blatt die Handlungsstränge eintragen:
Schröter-Familie – Yvonne – Eva – Franz Bauer/Lucie – Lastwagentransport – Ringkampf
Begegnungen werden durch Verbindungslinien markiert.
Anschließend wird gefragt:
Welche Begegnung setzt welche neue Entwicklung in Gang?
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Verwechslung Paul/Franz Bauer.
Hier kann zwischen dem Wissen der Figuren und dem Wissen des Publikums unterschieden werden:
| Situation | Was weiß Paul? | Was weiß Eva? | Was wissen andere Figuren? | Was weiß das Publikum? |
|---|
Damit lässt sich konkret untersuchen, wie Verwechslungskomik entsteht.
5. Immer unterwegs – was bedeuten Auto, Lastwagen und Straße?
Autos sind im Film nicht bloß Ausstattung.
Ohne Mobilität würde ein erheblicher Teil der Handlung nicht funktionieren.
Die Lernenden sammeln zunächst:
Wer fährt wann wohin – und warum?
Danach werden einzelne Situationen untersucht:
- Autofahrt,
- Unfall,
- Lastwagentransport,
- Verfolgung,
- Fahrt zum Ringkampf.
Aus der Beobachtung entsteht die Frage:
Was verändert sich durch Bewegung?
Die Landstraße kann dabei mit dem Landhaus der Familie Schröter verglichen werden.
Das Haus steht für einen festen sozialen Raum. Auf der Straße treffen Menschen aufeinander, die sich sonst möglicherweise nie begegnet wären.
Eine mögliche These zur Prüfung lautet deshalb:
Im Haus ist die gesellschaftliche Ordnung festgelegt – auf der Straße gerät sie durcheinander.
Die These muss am Film überprüft und kann bestätigt, verändert oder verworfen werden.
6. Landhaus – Landstraße – Hamburg
Die Räume können auf einer einfachen Karte oder Skizze angeordnet werden.
Landhaus
Wer gehört hierher?
Wer verfügt über den Raum?
Was erfahren wir über den Lebensstandard der Familie?
Landstraße
Wer begegnet sich hier?
Welche Zufälle und Konflikte entstehen?
Hamburg
Welche Rolle spielen Geschäft, Transport, Unterhaltung und Ringkampf?
Danach kann gefragt werden:
Verändern die Figuren nur ihre Orte – oder verändern sie sich auch selbst?
7. Hören statt sehen – Musik, Geräusche und Radio
Für eine kurze Sequenz kann das Bild bewusst ausgeschaltet werden.
Die Lernenden hören nur:
- Sprache,
- Musik,
- Verkehrsgeräusche,
- andere Geräusche.
Danach rekonstruieren sie, was vermutlich geschieht und welche Stimmung erzeugt wird.
Anschließend wird dieselbe Sequenz mit Bild betrachtet.
Was hat der Ton bereits erzählt? Was kommt erst durch das Bild hinzu?
Besonders geeignet ist die Schlussphase mit der Radioübertragung des Ringkampfs.
Eva hört den Kampf, ohne ihn zu sehen. Aufgrund ihrer falschen Informationen deutet sie das Gehörte falsch.
Hier lässt sich unmittelbar zeigen:
Medien vermitteln Wirklichkeit – aber die Bedeutung entsteht auch aus dem Wissen derjenigen, die sie hören oder sehen.
8. Arbeiten – aber unter welchen Bedingungen?
Im Film begegnen uns mehrere wirtschaftliche Tätigkeiten:
Anwaltskanzlei – Kaffeehandel – Spedition – professioneller Ringkampf.
Die Lerngruppe untersucht zunächst nur den Film:
Was erfahren wir tatsächlich über diese Arbeitswelten?
Danach folgt die historische Recherche.
Mögliche Gruppenaufträge:
Gruppe 1: Kaffee 1948/49 – Verfügbarkeit, Preise, Währungsreform.
Gruppe 2: Güterverkehr und Lastwagen – welche Bedeutung hatte der Straßentransport für den Wiederaufbau?
Gruppe 3: Automobile – wie viele Menschen verfügten 1949 tatsächlich über einen eigenen Pkw?
Gruppe 4: Wohnen – wie lebte die Bevölkerung im Vergleich zur Familie Schröter?
Die Ergebnisse werden dem Film gegenübergestellt.
Nicht gefragt wird: „Ist der Film realistisch?“
Die produktivere Frage lautet:
Was wählt der Film aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit aus – und was lässt er weg?
9. 1949 schon Wirtschaftswunder?
Die zahlreichen Automobile, die moderne Kanzlei, das Landhaus und der selbstverständliche Konsum können aus heutiger Perspektive schnell als Bilder des „Wirtschaftswunders“ gelesen werden.
Aber der Film entstand 1948/49.
Deshalb bietet sich eine kleine historische Überprüfung an:
Wann beginnt das, was später als „Wirtschaftswunder“ bezeichnet wurde?
Anschließend:
Zeigt der Film bereits eine vorhandene Wohlstandsgesellschaft – oder entwirft er ein Bild davon, wie Normalität und Wohlstand aussehen könnten?
Damit wird zugleich deutlich, warum historische Begriffe nicht einfach rückwirkend auf einen Film übertragen werden sollten.
10. Was fehlt im Film?
Eine ungewöhnliche Quellenarbeit beginnt nicht mit dem Sichtbaren, sondern mit dem Fehlenden.
Die Lernenden sammeln Themen, die sie aufgrund ihres Wissens über Deutschland 1948/49 erwarten könnten:
Kriegszerstörungen, Flüchtlinge und Vertriebene, Wohnungsnot, Lebensmittelversorgung, Besatzungsmächte, Entnazifizierung, ehemalige Nationalsozialisten, Kriegsgefangene und Heimkehrer, politische Neuordnung.
Danach wird geprüft:
Was davon kommt tatsächlich im Film vor?
Wichtig ist der zweite Schritt:
Aus dem Fehlen eines Themas lässt sich nicht unmittelbar auf die politische Absicht der Filmschaffenden schließen.
Deshalb lautet die weiterführende Frage:
Warum könnte ein Unterhaltungsfilm von 1949 gerade eine Welt erzählen, in der diese Probleme kaum vorkommen?
Dafür werden Produktionsgeschichte, zeitgenössische Filmkritiken und Informationen zur Entwicklung der Jungen Film-Union herangezogen.
11. Wunschbild oder Wirklichkeit?
Nun können Filmrealität und Bezugsrealität systematisch gegenübergestellt werden.
| Filmrealität | Historische Recherche 1948/49 | Fragen |
| Landhaus | Wohnsituation | Für wen war solches Wohnen möglich? |
| mehrere Automobile | Motorisierung | Wie verbreitet waren Pkw? |
| Kaffeehandel | Versorgung/Konsum | Was bedeutete Kaffee 1949? |
| Spedition | Wiederaufbau/Warenverkehr | Welche Rolle spielte Transport? |
| moderne Kanzlei | Arbeitswelt | Welche gesellschaftliche Gruppe wird gezeigt? |
| Liebes- und Heiratsprobleme | Familie/Geschlechterverhältnisse | Welche Konflikte fehlen? |
Das Ergebnis sollte keine einfache Gegenüberstellung „Film = falsch / Geschichte = richtig“ sein.
Ein Spielfilm muss keinen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft liefern.
Gerade deshalb lautet die historische Frage:
Warum wird 1949 diese gesellschaftliche Welt erzählenswert?
12. Eine zeitgenössische Kritik lesen
Nach der eigenen Filmuntersuchung erhalten die Lernenden eine zeitgenössische Rezension.
Besonders geeignet ist die von Peter Stettner dokumentierte Kritik, die den dargestellten Wohlstand bereits 1949 problematisierte.
Drei Arbeitsschritte:
1. Was beobachtet der Kritiker?
2. Was bewertet er?
3. Welche Kenntnisse über die damalige Gesellschaft setzt seine Kritik voraus?
Danach werden die eigene Wahrnehmung und die zeitgenössische Wahrnehmung verglichen.
Sehen wir 2026 denselben Film wie ein Zuschauer 1949?
Natürlich sehen wir dasselbe Filmmaterial – aber wir sehen es aus einer anderen Zeit.
13. Stettner lesen – und überprüfen
Erst jetzt wird ein Ausschnitt aus Peter Stettners Analyse von 1992 hinzugezogen.
Geeignet sind seine Überlegungen zu:
- Wohlstand und Nachkriegswirklichkeit,
- deutschem Gesellschaftsfilm und Screwball-Comedy,
- Eva und den weiblichen Rollenbildern,
- der Entwicklung der JFU nach der Währungsreform.
Der Auftrag lautet ausdrücklich nicht:
„Fasst Stettner zusammen.“
Sondern:
Welche seiner Beobachtungen könnt ihr am Film nachvollziehen? Wo würdet ihr ergänzen, anders gewichten oder widersprechen?
Damit wird die wissenschaftliche Literatur selbst zum Gegenstand historisch-kritischer Arbeit.
14. Vier Realitäten – ein Film
Am Ende können die Ergebnisse im Modell der historisch-kritischen Filmanalyse gebündelt werden.
Filmrealität
Welche Geschichte erzählt der Film?
Welche Figuren, Räume und gesellschaftlichen Verhältnisse zeigt er?
Wie erzeugt er Komik, Spannung und Romantik?
Bedingungsrealität
Warum produziert die Junge Film-Union 1948/49 diesen Film?
Welche Rolle spielen Währungsreform, Produktionsbedingungen, Bendestorf und die Orientierung auf den Kinomarkt?
Bezugsrealität
Wie lebten Menschen 1948/49 tatsächlich?
Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen lassen sich nachweisen?
Was davon greift der Film auf – was nicht?
Wirkungsrealität
Wie wurde der Film 1949 aufgenommen?
Was sagen zeitgenössische Kritiken?
Was lässt sich über Publikumserfolg und Kinoauswertung feststellen?
15. Mehrfachzeit: 1949 – 1992 – heute
Zum Abschluss werden drei Perspektiven nebeneinandergestellt:
1949: zeitgenössische Filmkritik
1992: Peter Stettners Analyse
heute: eigene Untersuchung
Die Aufgabe besteht nicht darin zu entscheiden, welche Perspektive „richtig“ ist.
Gefragt wird:
Welche Fragen stellt jede Zeit an den Film?
Was konnte 1949 gesehen werden, das wir heute leicht übersehen?
Welche Fragen stellen wir heute, die 1949 möglicherweise kaum gestellt wurden?
Warum verändert sich die Bedeutung eines Films, obwohl der Film selbst unverändert bleibt?
Damit wird Diese Nacht vergess’ ich nie nicht nur zur Quelle für das Jahr 1949.
Der Film wird zugleich zum Beispiel dafür, dass historische Erkenntnis selbst eine Geschichte besitzt.
Möglicher Ertrag
Am Ende muss keine einheitliche Interpretation stehen.
Die Lernenden sollten vielmehr begründet darüber sprechen können,
- welche gesellschaftliche Welt der Film entwirft,
- wie diese Welt filmisch hergestellt wird,
- wie sie sich zu den Lebensverhältnissen von 1948/49 verhält,
- welche Vorstellungen von Männern, Frauen, Familie, Arbeit und Wohlstand darin sichtbar werden,
- warum politische und materielle Probleme der Nachkriegszeit weitgehend fehlen,
- und warum wir den Film heute mit anderen Fragen betrachten als sein Publikum 1949.
Die abschließende Frage kann deshalb wieder die Ausgangsfrage sein:
Was erfahren wir aus einem Film über eine Gesellschaft, wenn er gerade nicht versucht, diese Gesellschaft vollständig abzubilden?
Für die historisch-kritische Filmanalyse von Diese Nacht vergess’ ich nie bieten sich drei Vergleiche besonders an:
1. Wege im Zwielicht (1948) – Der Wandel innerhalb der Jungen Film-Union: von sozialer Unsicherheit und Nachkriegserfahrungen zur weitgehend sorgenfreien Unterhaltungswelt.
2. Liebe 47 (1949) – Zwei unterschiedliche Bilder derselben Gegenwart: Hier Kriegserfahrungen, Heimkehr und Schwierigkeiten des Weiterlebens, dort Wohlstand, Liebesverwicklungen und die Ausblendung der unmittelbaren Nachkriegswirklichkeit.
3. Das Fräulein und der Vagabund (1949) – Frauenbilder und gesellschaftliche Normalität: Der Vergleich von Eva und Regine eröffnet Fragen nach Selbstständigkeit, Liebe, Fürsorge und traditionellen Geschlechterrollen.
Übergreifende Leitfrage: Wie verändern sich die filmischen Bilder der Nachkriegsgesellschaft zwischen 1948 und 1949 – und welche Vorstellungen von Normalität treten an die Stelle der unmittelbaren Kriegserfahrungen?
Literatur
Stettner, Peter: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die „Junge Film-Union“ 1947–1952. Hildesheim 1992.
Stettner, Peter: Das Heide-Dornröschen“. Die Geschichte der Filmateliers in Bendestorf. In:Wir Wunderkinder. 100 Jahre Filmproduktion in Niedersachsen. Hrsg. von der Gesellschaft für Filmstudien. Hannover 1995, S. 147-157
Greffrath, Bettina: Verzweifelte Blicke, ratlose Suche, erstarrte Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945–1949. Dissertation, Universität Hannover 1993.
Greffrath, Bettina: Gesellschaftsbilder der Nachkriegszeit. Deutsche Spielfilme 1945-1949. Pfaffenweiler 1995
Stolten, Inge (Hg.): Der Hunger nach Erfahrung. Frauen nach ’45. Berlin/Bonn 1981.
Online-Quellen
Lernwerkstatt Film und Geschichte: Junge Film Union
Lernwerkstatt Film und Geschichte: Gesellschaftsbilder und Nachkriegsmentalitäten in den Filmen
Diese Nacht vergess ich nie! bei Wikipedia
Diese Nacht vergess ich nie! bei filmportal.de
