100 Jahre Geschichte – Filmische Zugänge zu historischen Langzeitentwicklungen
Langzeitthemen, Kapitalismus und Gesellschaftskompetenzen
Detlef Endeward (01/2026)
Die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist eine zentrale Voraussetzung für historisches Verständnis, politische Urteilsfähigkeit und gesellschaftliche Orientierung. In besonderer Weise eignen sich filmische Darstellungen als Zugang zu dieser Epoche, da sie Geschichte nicht nur vermitteln, sondern als erzählte, gedeutete und emotional verdichtete Vergangenheit erfahrbar machen. Filme prägen historische Vorstellungen, kollektive Erinnerungen und gesellschaftliche Selbstbilder und sind damit eigenständige Akteure historischer Sinnbildung.
Begegnung mit Geschichte im Film
Der theoretische und methodische Ausgangspunkt dieses Konzepts ist die Begegnung mit Geschichte im Film. Spielfilme, Dokumentarfilme und Fernsehproduktionen bilden historische Realität nicht neutral ab, sondern konstruieren Bedeutungen durch Auswahl, Dramatisierung und Perspektivierung. Die Analyse filmischer Geschichtsbilder ermöglicht es, historische Prozesse in ihrer sozialen, politischen und kulturellen Dimension zu erfassen und zugleich zeitgenössische Deutungsmuster kritisch zu reflektieren. Film wird damit sowohl Quelle als auch Medium historischer Erkenntnis.
Warum bei der Geschichte des 20. Jahrhunderts vom Kapitalismus gesprochen werden muss
Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts ist ohne den analytischen Bezug auf den Kapitalismus nicht angemessen zu verstehen. Kapitalismus bezeichnet dabei nicht lediglich ein ökonomisches System, sondern eine umfassende gesellschaftliche Ordnung, in der Produktionsweisen, Eigentumsverhältnisse, politische Macht, soziale Ungleichheit und kulturelle Deutungen miteinander verschränkt sind. Industrialisierung, Imperialismus, Weltkriege, Faschismus, Wiederaufbau, Konsumgesellschaft und Medienkultur sind Phänomene, die nur im Zusammenhang kapitalistischer Dynamiken erklärbar werden.
Filmische Darstellungen greifen diese Zusammenhänge häufig implizit auf, etwa in der Darstellung von Arbeitswelten, sozialen Konflikten, Aufstiegsversprechen oder Ausschlussmechanismen. Die explizite Thematisierung des Kapitalismus ermöglicht eine strukturelle Analyse historischer Prozesse und verhindert eine Verkürzung von Geschichte auf individuelle Schuld, Zufall oder moralische Abweichung. Geschichte wird so als Ergebnis gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse sichtbar.
Klassengesellschaft im Kapitalismus
Ein zentrales Strukturmerkmal kapitalistischer Gesellschaften ist ihre Ausprägung als Klassengesellschaft. Auch im 20. Jahrhundert – trotz politischer Systemwechsel – blieben soziale Ungleichheiten prägend, wenn auch in veränderter Form. Besitzverhältnisse, Zugang zu Bildung, Arbeitsbedingungen, Geschlechterrollen und kulturelles Kapital bestimmten maßgeblich Lebens- und Handlungsspielräume.
Filme machen Klassengesellschaft besonders anschaulich: in Wohnverhältnissen, Arbeitsmilieus, Sprache, Körperbildern und biografischen Handlungsmöglichkeiten. Sie können soziale Ungleichheit naturalisieren, individualisieren oder kritisch hinterfragen. Die Analyse dieser Darstellungen fördert ein strukturelles Verständnis sozialer Ungleichheit und stärkt die Fähigkeit, individuelle Erfahrungen in größere gesellschaftliche Zusammenhänge einzuordnen.
Langzeitthemen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts
Auf dieser Grundlage strukturieren neun epochenübergreifende Langzeitthemen die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie verbinden unterschiedliche politische Systeme – vom Kaiserreich über Weimarer Republik und Nationalsozialismus bis zur Nachkriegszeit – und ermöglichen es, Kontinuitäten, Brüche und Ambivalenzen sichtbar zu machen.
Das Verhältnis von Politik und Ökonomie im Kapitalismus
Dieses Langzeitthema untersucht die wechselseitige Abhängigkeit von staatlicher Macht und wirtschaftlichen Interessen im Kapitalismus. Im Fokus stehen Industrialisierung, Großkapital, Kriegswirtschaft, soziale Ungleichheit, Klassenkonflikte sowie staatliche Eingriffe in Krisenzeiten (z. B. Weltwirtschaftskrise, Wiederaufbau, Sozialstaat). Filmische Zugänge können zeigen, wie ökonomische Interessen politische Entscheidungen beeinflussen und wie sich diese auf Lebensrealitäten verschiedener sozialer Gruppen auswirken.
Kulturelle Hegemonie und Gegenkultur im Kapitalismus
Dieses Thema analysiert, wie dominante Werte, Normen und Weltbilder gesellschaftlich durchgesetzt werden und wie sich dagegen Gegenkulturen formieren. Von wilhelminischem Nationalismus über NS-Propaganda bis zu Konsumkultur, 68er-Bewegung und alternativen Milieus der Nachkriegszeit lassen sich Konflikte zwischen Anpassung und Widerstand untersuchen. Filme machen sichtbar, wie Kultur zur Stabilisierung von Machtverhältnissen beiträgt oder diese infrage stellt.
Antisemitismus in der bürgerlichen Gesellschaft
Der Fokus liegt auf der langen Kontinuität antisemitischer Denk- und Handlungsmuster – von strukturellem Antisemitismus im Kaiserreich über radikale Eskalation im Nationalsozialismus bis zu Formen des Nachkriegsantisemitismus. Filmische Darstellungen können zeigen, wie Antisemitismus gesellschaftlich verankert war, wie er normalisiert wurde und welche Rolle bürgerliche Milieus bei Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung spielten.
Die Rolle der Frauen in Gesellschaft, Politik und Ökonomie
Untersucht werden Wandel und Kontinuität weiblicher Lebenswelten: von patriarchalen Strukturen im Kaiserreich über politische Partizipation in der Weimarer Republik, Instrumentalisierung im Nationalsozialismus bis zu Emanzipationsbewegungen und neuen Rollenbildern der Nachkriegszeit. Filmische Zugänge erlauben es, Frauen sowohl als handelnde Subjekte als auch als Objekte gesellschaftlicher Erwartungen sichtbar zu machen.
Flucht und Vertreibung in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts
Flucht und Vertreibung sind kein singuläres Nachkriegsphänomen, sondern ein wiederkehrendes Strukturmerkmal deutscher Geschichte seit dem späten 19. Jahrhundert. Deutsche Politik war dabei wechselweise Auslöser, Betroffene und Gestalter von Fluchtbewegungen – von kolonialer Gewalt über den Nationalsozialismus bis zur Rolle Deutschlands als zentrales europäisches Zielland globaler Migration.
Formen des Imperialismus und deutscher Machtanspruch
Dieses Langzeitthema behandelt deutsche Expansions- und Dominanzbestrebungen in unterschiedlichen historischen Kontexten: Kolonialismus im Kaiserreich, imperialistische Kriegführung im Ersten Weltkrieg, nationalsozialistischer Vernichtungs- und Eroberungskrieg sowie wirtschaftliche und politische Einflusszonen in der Nachkriegszeit. Filme können imperialistische Ideologien, Gewaltpraktiken und deren Auswirkungen auf Beherrschte und Tätergesellschaften thematisieren.

Vom Kaiserreich bis in die zweite Nachkriegszeit: Kontinuitäten und Brüche
Dieses Thema fragt nach langfristigen Entwicklungen und Strukturkontinuitäten über politische Systemwechsel hinweg. Bürokratie, Eliten, Mentalitäten, Autoritätsvorstellungen und soziale Hierarchien können epochenübergreifend analysiert werden. Filme bieten hier besonders dichte Narrative, um Brüche (Revolutionen, Niederlagen) und zugleich fortbestehende Muster darzustellen.
Das Erbe des Faschismus in der Nachkriegsgesellschaft
Dieses Langzeitthema befasst sich mit der Frage, wie die faschistische Vergangenheit nach 1945 verarbeitet, verdrängt oder fortgeschrieben wurde. Entnazifizierung, Schuldabwehr, Täterkontinuitäten, Opferdiskurse und Erinnerungskultur stehen im Mittelpunkt. Filmische Darstellungen ermöglichen eine kritische Auseinandersetzung mit individueller Verantwortung, kollektiver Erinnerung und dem langen Schatten des Faschismus bis in die zweite Nachkriegszeit.
Gründungsmythen der Bundesrepublik und ihre identitätsstiftende Funktion bis in die Gegenwart
Das Thema beschäftigt sich damit, wie politische Mythen nach 1945 halfen, Legitimität, Identität und Abgrenzung der jungen Bundesrepublik zu formen. Narrative wie Währungsreform, Luftbrücke, Marshallplan oder Antikommunismus stabilisierten Ordnung, verschleierten Kontinuitäten und wirken bis heute diskursprägend.
Wandel der medialen Kommunikationskultur im 20. Jhr.
Dieses Langzeitthema untersucht den Wandel von Kommunikations- und Leitmedien im 20. Jahrhundert – vom Kino über Rundfunk und Fernsehen bis hin zu digitalen Medien am Jahrhundertende. Dabei stehen Fragen nach Reichweite, politischer Instrumentalisierung, Kommerzialisierung und kultureller Prägung im Zentrum. Filmische und mediale Produkte können zeigen, wie sich Wahrnehmung von Politik, Krieg, Konsum und Identität mit dem jeweiligen Medienumfeld veränderte und wie Medien selbst zu historischen Akteuren wurden.
1999 – Das Jahrhundert im Visier der TV-Sender
Anlässlich der Jahrtausendwende wurde das 20. Jahrhundert in zahlreichen Fernsehformaten retrospektiv erzählt, bewertet und verdichtet. Dieses Thema analysiert die mediale Konstruktion von „Jahrhundertgeschichten“ durch TV-Dokumentationen, Rankings, Zeitzeugenformate und Archivbilder. Im Fokus stehen Auswahlmechanismen, Narrative, Personalisierungen und Emotionalisierungen, mit denen Geschichte für ein Massenpublikum aufbereitet wurde. Filme und Fernsehsendungen fungieren hier als Spiegel zeitgenössischer Erinnerungskultur und historischer Selbstvergewisserung.
Geschichte der Stadt Hannover – Lokal- und Regionalgeschichte im Film
Die Einbindung der Geschichte der Stadt Hannover als Ergänzungsbereich erweitert die epochenübergreifenden Langzeitthemen um eine lokal- und regionalgeschichtliche Perspektive. Lokalgeschichte fungiert dabei nicht als bloße Illustration der „großen Geschichte“, sondern als eigenständiger analytischer Zugang, in dem gesellschaftliche Strukturen, Konflikte und Transformationsprozesse konkret erfahrbar werden.
Hannover bietet als Industrie-, Verwaltungs- und Messestadt vielfältige Anknüpfungspunkte: Industrialisierung und Arbeiterbewegung, Nationalsozialismus und Verfolgung, Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, Wiederaufbau, Migration, Stadtentwicklung, Protestkulturen und Mediengeschichte. Filmische Quellen – Dokumentationen, Stadtfilme, Fernsehbeiträge oder Spielfilme mit lokalem Bezug – machen diese Prozesse anschaulich und ermöglichen die Verbindung von individueller Lebenswelt und historischer Analyse.
Die Begegnung mit Geschichte im Film erhält durch den lokalen Bezug eine besondere didaktische Qualität: Geschichte wird räumlich verortet, emotional nähergerückt und als Teil der eigenen gesellschaftlichen Umwelt erfahrbar. Damit fördert der Ergänzungsbereich Hannover nicht nur historisches Wissen, sondern auch Identitätsbildung, Partizipationsbereitschaft und die Fähigkeit, gesellschaftliche Entwicklungen im eigenen Lebensumfeld kritisch zu reflektieren.
Gesellschaftskompetenzen und historische Bildung
In ihrer Gesamtheit sind die Langzeitthemen auf den Erwerb zentraler Gesellschaftskompetenzen ausgerichtet: historisches Urteilsvermögen, politische Mündigkeit, Medienkritik, Empathiefähigkeit, Perspektivenwechsel sowie die Fähigkeit, gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse zu analysieren. Die Begegnung mit Geschichte im Film verbindet kognitives Lernen mit emotionaler und ästhetischer Erfahrung und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zu einer reflektierten, demokratischen und verantwortungsbewussten gesellschaftlichen Bildung.
Vom Kaiserreich bis in die zweite Nachkriegszeit
Das Jahrhundert der Frau
Das Erbe der Nazis
1999: Das 20. Jahrhundert im Visier der TV-Sender
Kaiserreich, Imperialismus und Erster Weltkrieg
Die 50er Jahre: Kalter Krieg und Wiederaufbau
Umbrüche und Aufbrüche seit der Mitte der 60er Jahre
Die 80er Jahre in Ost und West
Deutschland nach der Wiedervereinigung
- Was ist und bedeutet Kapitalismus?
- Klassengesellschaft im Kapitalismus
- Das Verhältnis von Politik und Ökonomie
- Kulturelle Hegemonie im Kapitalismus
- Geschichte der Arbeiterbewegung
- Antisemitismus in der bürgerlichen Gesellschaft
- Die Rolle der Frauen in Gesellschaft, Politik und Ökonomie
- Formen des Imperialismus und deutscher Machtanspruch
- Flucht und Vertreibung in der deutschen Geschichte des 20. Jhr.
- Vom Kaiserreich bis in die zweite Nachkriegszeit: Kontinuität und Umbrüche
- Das Erbe des Faschismus im Nachkriegsdeutschland
- Gründungsmythen der Bundesrepublik und ihre identitätsstiftende Funktion bis in die Gegenwart
- Wandel der medialen Kommunikationskultur im 20. Jhr.
- Utopien im Wandel der Zeit
- Geschichte der Stadt Hannover – Lokal- und Regionalgeschichte im Film





Filmische Erzählungen, die den Alltag von Menschen über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren verfolgen und dabei die politischen Veränderungen kommentieren und reflektieren. Sie tun dies zu verschiedenen Zeiten, aus unterschiedlicher Perspektive und formulieren unterschiedliche Konsequenzen für ihre jeweilige Zukunft, die für uns heute bereits Geschichte ist.
Themen
- Nicht nur Familiengeschichten
Materialzusammenstellungen
Themen
- City-Bildung – Hannovers Entwicklung zu einer Großstadt
Materialzusammenstellungen
Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ist ein Lebenselexier der deutschen Demokratie.
