Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken! – Willi Bleicher (1978)

Annotation

Der Dokumentarfilm porträtiert den Gewerkschafter Willi Bleicher (1907–1981) als antifaschistischen Widerstandskämpfer und prägenden Vertreter der Arbeiterbewegung. In persönlichen Erinnerungen und Redenausschnitten verbindet er seine Lebensgeschichte mit zentralen Erfahrungen deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Titel: … du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken!
Bundesrepublik Deutschland 1978, Dokumentarfilm.

Regie: Hannes Karnick, Wolfgang Richter
Konzept/Drehbuch: Hannes Karnick, Wolfgang Richter
Kamera: Wolfgang Richter
Schnitt: Wolfgang Richter
Produktion: docfilm Karnick & Richter oHG, Darmstadt
Produzenten: Hannes Karnick, Wolfgang Richter
Erstverleih: Unidoc Film & Video GmbH, Berlin
Produktionsjahr: Bundesrepublik Deutschland 1978

Format: 16 mm, 1:1,33
Bild/Ton: Farbe und Schwarzweiß, Ton
Länge: 35 Minuten

Uraufführung: 15. März 1978, Düsseldorf (Rheinisch-Bergische Druckerei)
Festivalaufführung: 25. April 1978, Oberhausen (Internationale Kurzfilmtage Oberhausen)
Fernseherstausstrahlung: 30. April 1980, Bayern 3

Preise und Auszeichnungen: Preis der Filmkritik für den besten deutschen Kurzfilm 1978, Kurzfilmtage Oberhausen 1978,  Filmfestival Lille 1978, Dokumentarfilmwoche Leipzig 1978, Filmfestival Moskau 1979

Der Film wurde 1977 produziert. Willi Bleicher, langjähriger Funktionär der IG Metall, wurde 1907 geboren. Er erzählt die Geschichte seines Lebens, ein Siebzigjähriger, der schwierige Zeiten deutscher Geschichte (Arbeitslosigkeit in der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre, Machtübernahme der Nazis und Verfolgung der politisch Andersdenkenden im KZ, Zusammenbruch des NS-Regimes, Wiederaufbau nach 1945) aus der Sicht eigener Erfahrungen kritisch kommentiert.

Bleicher beginnt damit, das Motto seines Lebens – gleichzeitig auch Titel des Films – zu erläutern:

„Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken!“

Dieser Spruch eines Meisters während seiner Schlosserlehre bei Daimler war für ihn entscheidend. Er galt nicht nur dem Betriebsleiter des damaligen Betriebes, sondern seinen lebenslangen gewerkschaftspolitischen Gegnern, den Unternehmern bzw. den Unternehmerfunktionären. Hier blendet der Film Dokumentaraufnahmen der späteren Zeit ein: Tarifverhandlungen.

Willi Bleicher weiß, dass er seine tiefsten Eindrücke in der Schule empfing. Er erinnert sich an die Zeit, an gefüllte Schaufenster mit Spielsachen, die niemand aus seinem Arbeitermilieu sich leisten konnte:

„Da mußten doch Leute sein, die das kaufen konnten.“

Bleicher vergegenwärtigt den von ihm empfundenen Widerspruch in den Realschülern, gegen die er Fußball spielte. Er war so hart gegen diese Realschüler, dass sie ihn fürchteten und weggingen, wenn er an den Ball kam.

Bleicher:

„Ich glaube, ich habe damals einen primitiven Klasseninstinkt irgendwie abreagiert.“

Weitere Daten werden eingeblendet:

1923–1925

Schlosserlehre bei Daimler

1925

Eintritt in den Deutschen Metallarbeiter-Verband

1926

Jugendleiter der Metallarbeiter Stuttgart

Mitglied im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) und in der KPD

1929

Wegen Differenzen über die „Revolutionäre Gewerkschaftsopposition“ Ausschluss aus der KPD

Eintritt in die KPO (Kommunistische Partei-Opposition)

1929–1933

Arbeitslosigkeit

Umrahmt von einem Protestlied der damaligen Zeit:

„Ohne Arbeit, ohne Bleibe bist du null und nischt …“

zeigen die Produzenten Bilder von Schlangen der Arbeitslosen vor den Arbeitsämtern u. ä.

Bleicher:

„Wir erlebten diese Weimarer Republik nicht als ein Hosianna.“

Die Machteroberung des Faschismus am 30. Januar 1933 ist Bleichers „traurigstes Erlebnis“, und zwar unter anderem deswegen, weil die Nazifahnen auch in den Arbeitervierteln heraushingen.

Hier wird Hitler mit einer Rede zum 1. Mai eingeblendet:

„Der Mai ist gekommen. Es war eine Zeit, die diesen Tag des kommenden Lebens und hoffnungsvoller Freude verwandelte in einen Tag der Proklamation der Fehde und des Streikes und des inneren Kampfes. Der Mai ist seinem inneren Sinn wiedergegeben worden!“

(Heilrufe einer jubelnden Menge.)

Bleicher beklagt, dass die politische Arbeiterbewegung und die Gewerkschaftsbewegung zerstritten waren und resignierten.

Eingeblendet wird eine Titelseite des Berliner Börsen-Couriers mit der Schlagzeile:

„Alle Führer der freien Gewerkschaften in Schutzhaft“

Dazu ein Zitat von Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (an Hitler gerichtet, 15. Oktober 1933):

„… steht die deutsche Industrie hinter dem Führer des deutschen Volkes.“

In diesem Zusammenhang beurteilt Bleicher die Funktion des Faschismus.

Veranschaulicht wird „Deutschland über alles“ mit Bildern von Gefangenen, auch jüdischen Kindern mit erhobenen Händen, sowie mit Kriegsbildern.

Widerstand, KZ und Neubeginn nach 1945

Es folgen Schrifttafeln mit weiteren Daten aus Bleichers Leben:

1933–1935

Widerstandsarbeit in der Illegalität

1936

Verhaftung durch die Gestapo

1937–1945

Gefangener im Konzentrationslager Buchenwald

Mitarbeit in der Widerstandsorganisation des Lagers. Gemeinsam mit anderen Häftlingen versteckt er ein jüdisches Kind vor der SS.

Bleicher kommentiert diese Zeit rückblickend und erinnert sich daran, wie seine Schilderungen nach 1945 auf Zuhörer wirkten:

„… hab‘ ich gespürt, daß ich unglaubhaft wirkte, daß meine Zuhörer der Meinung waren: Das kann nicht sein, das kann man nicht durchstehen … Sie begriffen nicht, daß es zuweilen der Geist ist, der den Körper baut – zuweilen, nicht absolut, um Gottes willen … So war es selbstverständlich, daß wir als politische Häftlinge zusammenhielten. Und wir machten keinen Unterschied zwischen Sozialdemokraten, Kommunisten, KPO-Leuten, Bibelforschern oder was weiß ich …“

Das Bild einer Straßenkreuzung mit einem Wirrwarr amerikanischer Wegweiser leitet zur Nachkriegszeit über.

Bleicher schildert die Versuche politisch aktiver Gewerkschafter, aus dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus eine grundlegend neue Gesellschaft zu entwickeln.

1945

Mitarbeit beim Aufbau der Gewerkschaften in Stuttgart

Mitglied der KPD

1946

Hauptamtlicher Sekretär der IG Metall Stuttgart

1947

Sekretär im Bezirksvorstand der IG Metall Baden-Württemberg

1948

Wahl in den Vorstand der IG Metall

Bleicher erinnert sich daran, dass die Entwicklung zunächst vielversprechend erschien:

„Wir hatten Narrenfreiheit als Gewerkschafter damals in den Betrieben. Wenn ich zum Beispiel in einen Betrieb kam, dann wurde ich empfangen vom Chef. Alle Unterredungen und Sitzungen wurden abgebrochen, wenn der Gewerkschaftsvertreter kam. Und dort beteuerten sie, daß sie gelernt hätten aus der gegenwärtigen Situation.“

Eingeblendet wird ein Film von der Übergabe des Gewerkschaftshauses in Hamburg. Ein alter Gewerkschafter meißelt ein Hakenkreuz aus dem Mauerwerk heraus.

Bleicher erklärt die Begrenztheit dieses Neubeginns vor allem damit, dass die alten Eigentums- und Machtverhältnisse weitgehend erhalten blieben. Die Besitzer der Produktionsmittel seien trotz ihrer Verstrickung in das NS-Regime im Wesentlichen an ihren gesellschaftlichen Positionen geblieben.

Filmaufnahmen vom Nürnberger Krupp-Prozess, bei dem der Industrielle verurteilt wurde, sowie Bilder seiner vorzeitigen Freilassung wenige Jahre später sollen diese Einschätzung illustrieren.

Unterstützt worden sei diese Entwicklung durch die amerikanische Besatzungspolitik. Als Beispiel wird die Ablehnung von Sozialisierungsforderungen in den Schlüsselindustrien angeführt.

Hinzu kam die Währungsreform vom 20. Juni 1948, die nach Bleichers Auffassung vor allem den Besitzern von Produktionsmitteln zugutekam.

Auch die politischen Parteien hätten ihre ursprünglichen gesellschaftlichen Reformziele weitgehend aufgegeben. Zwar habe die SPD zeitweise die Losung vertreten, der Sozialismus sei die Aufgabe der Gegenwart, doch letztlich habe man sich den bestehenden Verhältnissen angepasst.

Bleicher resümiert:

„Es war nirgendwo eine Aufbruchstimmung nach neuen Ufern.“

Eingeblendete Filmaufnahmen eines eleganten Mercedes-Cabriolets, in das eine junge Frau steigt, symbolisieren die zunehmende Orientierung auf Wohlstand und Konsum in der Nachkriegsgesellschaft.


Kalter Krieg und gewerkschaftliche Kämpfe

Gleichzeitig war dies die Zeit eines ausgeprägten Antikommunismus im Zeichen des Kalten Krieges.

Auch Bleichers gewerkschaftliche Laufbahn wurde davon betroffen:

1950

Ausscheiden aus dem Vorstand der IG Metall wegen seiner KPD-Mitgliedschaft

Weitere Stationen:

1951

Bevollmächtigter der IG Metall Göppingen

1952

Beteiligung am Kampf gegen die Wiederaufrüstung

1953

Eintritt in die SPD

1958

Wahl zum Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg

1963, 1967 und 1971

Führung großer Arbeitskämpfe

1968

Unterstützung der Kampagne gegen die Notstandsgesetze

Diese Phase wird vor allem durch Originalaufnahmen von Tarifauseinandersetzungen und Streiks dokumentiert.

Bleicher erklärt:

„Ich weiß nicht eine einzige Lohnverhandlung, an deren Beginn nicht der Bankrott der schwäbischen Wirtschaft gestanden wäre, die Währung gefährdet, die Preise ins Unendliche und der Export in Frage gestellt worden wäre. Und diese Wirtschaft wuchs von Lohnverhandlung zu Lohnverhandlung.“

Zu seiner Haltung gegenüber Streiks sagt er:

„Streik – nein, das ging nie leicht von den Lippen.“

Gleichzeitig betont er:

„Wenn ich von den Funktionären die Meinung hatte, daß sie die Belegschaften mobilisieren würden, dann hab‘ ich das Wort Streik laut ausgesprochen. Dann haben wir nicht gefackelt.“

Bleicher vermeidet jede Harmonisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Gewerkschafter müssten ihren Kollegen die Wahrheit sagen:

„Wir leben in einer Klassengesellschaft, in der die Härte des Kampfes zählt.“

Hermann Beddig, NLVwA – Landesbildstelle, Hannover 1979

Willi Bleicher (1907–1981) war einer der bedeutendsten Gewerkschafter der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik Deutschland. Der gelernte Schlosser schloss sich bereits in jungen Jahren der Arbeiterbewegung an und engagierte sich in Gewerkschaften sowie kommunistischen Organisationen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten leistete er Widerstand, wurde 1936 von der Gestapo verhaftet und verbrachte mehrere Jahre im Konzentrationslager Buchenwald, wo er an der illegalen Widerstandsarbeit der Häftlinge beteiligt war.

Nach 1945 wirkte Bleicher maßgeblich am Wiederaufbau der Gewerkschaften mit. Innerhalb der IG Metall stieg er zu einem der einflussreichsten Gewerkschaftsführer auf und wurde 1959 Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg. Bekannt wurde er insbesondere durch seine Rolle in den großen Tarifauseinandersetzungen der 1960er und frühen 1970er Jahre sowie durch seine konsequente Verteidigung von Arbeitnehmerrechten.

Politisch verstand sich Bleicher als Sozialist. Er vertrat die Auffassung, dass Demokratie nicht nur politische, sondern auch soziale und wirtschaftliche Mitbestimmung umfassen müsse. Sein Leitmotiv, das auch einem Dokumentarfilm über ihn den Titel gab, lautete:

„Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken.“

Bis heute gilt Willi Bleicher als Symbol für gewerkschaftliche Unabhängigkeit, antifaschistischen Widerstand und das Engagement für soziale Gerechtigkeit.


Materialien

Ulrich Huber: „Willi Bleicher (1907–1981) durch die Benennung eines repräsentativen Gebäudes und durch Aufnahme in die Ehrenbürgerliste ehren!“ (Hrsg. DKP Baden-Württemberg) Broschüre, 2015.

Hermann G. Abmayr: Buch „Wir brauchen kein Denkmal“. 1991/1992. Film: „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ 2007 (DVD mit elfstündigem Tonbandinterview von 1973)

Georg Benz, Kurt Georgi, Leonhard Mahlein, Willy Schmidt (Hrsg.): „Willi Bleicher – ein Leben für die Gewerkschaften.“ 1983/1984

Rainer Fattmann: „Und wenn die Welt voll Teufel wär“. (Hrsg. IG Metall Baden-Württemberg) 2007/2011

Hannes Karnick, Wolfgang Richter (docfilm): „Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken.“ 1977

Zacharias Zweig/Stefan Jerzy Zweig: Tränen allein genügen nicht. 2005/2006 (www.stefanjzweig.de)

Kritik

Der Film zeigt ein politisches Lebensschicksal von besonderer Bedeutung. Wesentliche Perioden der jüngsten deutschen Geschichte werden aus dem Erfahrungshorizont eines Aktiven beleuchtet. Das gilt sowohl für die Umbruchsituation von 1933 als auch für die von 1945: die Entstehung des deutschen Faschismus aus der wirtschaftlichen Notsituation der Weltwirtschaftskrise ebenso wie den Wiederaufbau aus den Trümmern des „Dritten Reiches“.

Das Motto des Films – „Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken!“ – ist das Motto des Nonkonformisten. Es verwundert daher nicht, dass Bleicher die gegenwärtige Phase unserer Gesellschaft sehr kritisch sieht. Unsere Gesellschaft habe sich, so sagt er, von der Phase der Restauration zu der der Reaktion bewegt. Er sieht diese Entwicklung aus der Sicht eines Sozialisten, dem als höchstes gesellschaftliches Ziel gilt, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beenden.

Dieses Ziel sei gegenwärtig weitgehend aus dem Blick geraten. In einer Gesellschaft, die die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer mache, seien die ursprünglichen Hoffnungen der Arbeiterbewegung in Vergessenheit geraten.

Auf der anderen Seite fehlt es Bleicher jedoch nicht an positiven Ausblicken. Zum einen äußert er die Überzeugung, dass „Millionen Arme noch stärker als Millionäre“ seien. Zum anderen verweist er auf ein fortbestehendes „Sehnsuchtspotential“ der Menschen. Trotz aller Niederlagen und zeitweiliger Unterdrückung überlebe die „Freiheitsgöttin“ in den Herzen der Unterdrückten.

Willi Bleicher erzählt. Damit ist die Struktur dieses Films gegeben. Dominant ist der Erzähler und Redner Bleicher. Die Erzählbeiträge werden mehr oder weniger durch Fotos der jeweiligen Zeit oder durch Dokumentaraufnahmen illustriert, die Bleichers Aussagen belegen und veranschaulichen sollen.

Den Betrachter beeindruckt vor allem Bleichers Ausstrahlung. Er wirkt kritisch, engagiert und unbeugsam, ohne selbstgerecht oder selbstzufrieden zu erscheinen. Allerdings erscheint er auch nicht besonders selbstkritisch. Dabei gäbe es durchaus Lebensphasen, zu denen weiterführende Informationen von Interesse wären, etwa der Ausschluss aus der KPD und der Übertritt zur KPO oder später der Austritt aus der KPD und der Eintritt in die SPD. Hier bleibt der Zuschauer weitgehend auf die knappen Hinweise der eingeblendeten Schrifttafeln angewiesen.

Insgesamt ist der Film weniger eine historisch-analytische Untersuchung als vielmehr das politische Selbstzeugnis eines Gewerkschafters und Sozialisten, dessen Biographie eng mit den Erfahrungen der deutschen Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert verbunden ist.


 Verwendung

Wenn Zeitgeschichte Thema eines Kurses der Sekundarstufe II ist, sollte es möglich sein, den Bleicher-Film in den Unterricht einzubeziehen.

Die ansonsten oft schwer überschaubare Fülle zeitgeschichtlichen Materials wird hier aus einer klaren Perspektive strukturiert: aus der Sicht derjenigen, die nicht über Produktionsmittel verfügen und deren Erfahrungen in vielen historischen Darstellungen eher am Rand erscheinen.

Gerade dadurch eröffnet der Film einen Zugang zur Geschichte der Weimarer Republik, des Faschismus, des Widerstandes, des Wiederaufbaus nach 1945 sowie zur Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland.

Darüber hinaus bietet Bleicher als Gewerkschafter vielfältige Diskussionsanlässe. Dies betrifft insbesondere Fragen der Gewerkschaftspolitik, der Tarifauseinandersetzungen und der innergewerkschaftlichen Demokratie. Auch die Problematik politischer Konflikte innerhalb der Arbeiterbewegung kann anhand seiner Biographie thematisiert werden.

Von besonderem Interesse erscheint die Analyse der gesellschaftlichen Rolle wirtschaftlicher Eliten aus Bleichers Perspektive. Seine Einschätzungen können Anlass sein, über die Funktion von Unternehmertum, Eigentum und wirtschaftlicher Macht in der modernen Industriegesellschaft nachzudenken.

Charakteristisch dafür ist eine von Bleicher zitierte Bemerkung:

„Mein Sohn, du ahnst es nicht, mit wie wenig Verstand diese Wirtschaft bewerkstelligt wird.“

Der Film eignet sich daher nicht nur als historische Quelle, sondern auch als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen von Demokratie, sozialer Gerechtigkeit, wirtschaftlicher Macht und gesellschaftlicher Entwicklung.


Hermann Beddig, NLVwA – Landesbildstelle, Hannover 1979

Der Film wird in der Begleittext ausdrücklich als Beitrag zur politischen Bildung verstanden. Die Lebensgeschichte von Willi Bleicher dient dabei nicht nur als individuelle Biographie, sondern als Zugang zur Geschichte der Arbeiterbewegung, des Faschismus und der Bundesrepublik aus einer sozialistischen und gewerkschaftlichen Perspektive. Im Gegensatz zu vielen traditionellen Darstellungen, die Geschichte vor allem aus Sicht von Parteien, Regierungen oder Institutionen erzählen, rückt der Film die Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten eines politischen Akteurs aus der Arbeiterbewegung in den Mittelpunkt und kann damit als frühes Beispiel einer „Geschichte von unten“ gelten.

Zugleich entwickelt der Film die zentrale These, dass die Bundesrepublik zwar demokratische und soziale Fortschritte erreicht habe, die grundlegenden Eigentums- und Machtverhältnisse jedoch weitgehend bestehen geblieben seien. Die persönliche Lebensgeschichte Bleichers wird so mit einer gesellschaftskritischen Interpretation der deutschen Nachkriegsgeschichte verbunden.

Bemerkenswert ist zudem die zeitgenössische Rezeption: Die Begutachtung durch Hermann Beddig bewertet den Film trotz seiner ausdrücklich sozialistischen Perspektive positiv. Diese wird nicht als Indoktrination verstanden, sondern als legitimer Beitrag zur politischen Bildung. Darin zeigt sich ein Bildungsverständnis der 1970er Jahre, das kontroverse gesellschaftliche Positionen als wichtigen Bestandteil demokratischer Auseinandersetzung und historisch-politischer Bildung betrachtete.

Als historische Quelle ist der Film außerordentlich wertvoll. Als Darstellung der deutschen Geschichte ist er bewusst parteiisch. Seine besondere Stärke liegt gerade in dieser Subjektivität: Er dokumentiert die Sicht eines Gewerkschafters, Antifaschisten und Sozialisten auf das 20. Jahrhundert.

Aus heutiger Perspektive erscheint weniger die Frage entscheidend, ob man Bleichers Deutungen vollständig teilt. Interessanter ist, dass der Film an eine politische Tradition erinnert, die in der gegenwärtigen Geschichts- und Politikvermittlung oft nur noch am Rand vorkommt: die Vorstellung, dass Demokratie nicht nur eine Staatsform, sondern auch eine soziale und wirtschaftliche Ordnung sein sollte und dass historische Bildung immer mit der Frage verbunden ist, wie Menschen ihre gesellschaftlichen Verhältnisse verändern können. Damit besitzt der Film auch fast fünfzig Jahre nach seiner Entstehung noch ein erhebliches Anregungspotential.

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