Gründungsmythen der Bundesrepublik und ihre identitätsstiftende Funktion bis in die Gegenwart
Politische Mythen und kollektive Identität
Detlef Endeward (01/2026)
Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland vollzog sich nicht allein als institutioneller und politischer Neubeginn, sondern zugleich als umfassender Prozess symbolischer Sinnstiftung. Angesichts der moralischen, politischen und gesellschaftlichen Diskreditierung Deutschlands durch den Nationalsozialismus bestand ein erheblicher Bedarf an neuen Deutungsangeboten, um kollektive Identität, politische Loyalität und staatliche Legitimität zu erzeugen. In diesem Kontext gewannen politische und ökonomische Mythen eine zentrale Bedeutung. Diese fungierten weniger als bewusste Falschdarstellungen denn als selektive, vereinfachende und emotional aufgeladene Narrative, die komplexe historische Prozesse deuteten, ordneten und stabilisierten (Assmann 1992).
Zentrale Mythen der frühen Bundesrepublik für die Herausbildung einer westdeutschen kollektiv-politischen und gesellschaftlichen Identität waren und sind bis heute insbesondere der Mythos der Währungsreform von 1948, die Personalisierung Ludwig Erhards als „Vater der Sozialen Marktwirtschaft“, die Erzählung der Berliner Luftbrücke, der Marshallplan, der Antikommunismus als negativer Gründungsmythos, die Vorstellung der Sozialen Marktwirtschaft als harmonischer Wirtschaftsordnung sowie die Darstellung der USA als Freund und verlässlicher Partner. Diese Narrative verdichteten sich zu einem kohärenten Deutungsrahmen, der den westdeutschen Staat als erfolgreichen, moralisch geläuterten und eindeutig westlich verankerten Neubeginn erscheinen ließ.
Politische Mythen sind nach Raoul Girardet „stabilisierende Sinngebilde“, die gesellschaftliche Ordnungen legitimieren, historische Kontinuität suggerieren und kollektive Orientierungen bereitstellen (Girardet 1986). Sie strukturieren Wahrnehmung, reduzieren Komplexität und erzeugen emotionale Bindungen. In der frühen Bundesrepublik erfüllten diese Mythen insbesondere drei zentrale Funktionen: Erstens ermöglichten sie eine partielle Entlastung von historischer Schuld, indem sie den Fokus auf Neubeginn, Erfolg und äußere Bedrohungen verschoben. Zweitens legitimierten sie die neue politische und ökonomische Ordnung, insbesondere die kapitalistische Wirtschaftsorganisation in ihrer ordoliberal geprägten Ausformung. Drittens dienten sie der Abgrenzung gegenüber der DDR und dem Sozialismus und wirkten damit identitätsstiftend durch negative Bezugnahme.
Kollektive Identität wurde in der frühen Bundesrepublik folglich weniger positiv über historische Traditionen konstruiert, die durch den Nationalsozialismus diskreditiert waren, als vielmehr negativ über Abgrenzung und performativ über wirtschaftlichen und politischen Erfolg (Wehler 2008). Die Erzählung vom „Wirtschaftswunder“, der westlichen Schutzmacht USA und der moralischen Überlegenheit der freiheitlich-demokratischen Ordnung stellte dabei eine zentrale Grundlage gesellschaftlicher Integration dar.
Die hier skizzierten Mythen bildeten ein konsistentes Deutungsensemble, das wesentlich zur politischen Stabilisierung und gesellschaftlichen Integration der Bundesrepublik beitrug. Zugleich gingen sie jedoch mit systematischen Ausblendungen von strukturellen Kontinuitäten, sozialen Konflikten und Machtverhältnissen einher. Ihre Wirkmacht beschränkte sich nicht auf die Gründungsphase der Bundesrepublik, sondern reicht bis in die Gegenwart. Auch heute noch dienen diese Mythen in öffentlichen Debatten und politischen Diskursen als argumentative Bezugspunkte zur Legitimation politischen Handelns, etwa in Fragen der Wirtschaftsordnung, der transatlantischen Beziehungen oder der Abgrenzung gegenüber alternativen Gesellschaftsmodellen.
Historische Kompetenz
Kapitalismus
Klassengesellschaft im Kapitalismus
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Wandel der medialen Kommunikationskultur im 20. Jhr.
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