Das Fräulein und der Vagabund (1949)

Inhalt

Die junge Hilfslehrerin Regine lebt in einem Heidedorf. Ihr Verlobter Gerhardt, der Sekretär des Kreisdirektors ist, wohnt bei seiner Mutter, einer selbstgerechten, ehrgeizigen und ordnungsliebenden Frau. Regine leidet unter der mangelnden Spontaneität und Ausgelassenheit in ihrer Beziehung zu Gerhardt. Als sie eines Tages ihre Klasse zum Unterricht in die Heide führt, begegnet sie dem Vagabunden Hannes, der Regine am darauffolgenden Sonntag mit einer „ausgeliehenen“ Kutsche abholt. Er überredet sie mit sanftem Druck zu einem Ausflug in die Heide. Regine verliebt sich im Laufe des Tages in Hannes und verbringt die Nacht mit ihm. Am nächsten Morgen trennt sie sich von Gerhardt und gibt ihre Stelle in der Schule auf, um mit Hannes zusammen sein zu können. Doch sie ist für ihn nur eine unter vielen. Als sie dies erkennt, will sie aus dem Heideort fortgehen. Gerhardts Mutter kommt auf den Bahnhof und kann Regine überzeugen, dass Gerhardt sie braucht. Der ist nämlich verschwunden und hat seiner Mutter eine beunruhigende Nachricht hinterlassen. Inzwischen ist Gerhardt jedoch Hannes begegnet, der ihm nach einer heftigen Auseinandersetzung klar macht, dass Regine eigentlich nur Gerhardt liebt. Die wird am nächsten Morgen von ihrer Schulklasse zu einem früher versprochenen Ausflug in die Heide abgeholt. In der Heide trifft Regine Gerhardt, der als „neuer Schüler“ ebenfalls dazulernen will. Hannes zieht derweil weiter.


Relevanz für folgende Themen

Buch: Ernst Keienburg, Rolf Meyer

Regie: Albert Benitz

Regieassistenz: Fritz Westhoff

Kamera: Arndt Von Rautenfeld

Kameraassistenz: Herbert Stephan

Schnitt: Martha Dübber

Ton: Friedrich Albert

Musik: Werner Eisbrenner

Darsteller: Eva-Ingborg Scholz (Regine), John Pauls-Harding (Hannes), Dietmar Schönherr (Gerhardt), Lotte Brackebusch (Gerhardts Mutter), sowie Jaester Naefe, Werner Riepel, Hardy Krüger, Lotte Klein, Georg Eilert, Erich Dunskus

Uraufführung: 01.11.1949, Hamburg, Harvestehuder Lichtspiele; Berlin-West 26.01.1950

Die Dreharbeiten zu diesem Film begannen im April 1949, nachdem Rolf Meyer bereits Ende Mai 1947 versucht hatte, ihn als ersten Film der JFU zu realisieren. Damals scheiterte das Drehbuch jedoch an der Vorzensur durch die britische Film Section, da der Film eskapistische Tendenzen aufwies und wohl auch nicht den damaligen Moralvorstellungen entsprach. Nachdem die Aufgaben der Film Section auf die „Freiwillige Selbstkontrolle der deutsche Filmwirtschaft“ (FSK) übergegangen war, wurde der Stoff jedoch von Meyer umgesetzt. An diesem Film arbeiteten, von den Drehbuchautoren Rolf Meyer und Ernst Keienburg abgesehen, vom Regisseur bis zu den Hauptdarstellern nur Nachwuchskräfte. „Das Fräulein und der Vagabund“ wird mit 350.000 DM daher zwar der billigste Film der JFU, spielt jedoch mit 110.000 DM auch das niedrigste Ergebnis in der Firmengeschichte ein. Der Film lief am 1.11.1949 an, nachdem er am 28.10.1949 die Kontrolle durch die FSK ohne Schnittauflagen passiert hatte. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen und Institutionen beurteilten den Film jedoch anders. Die katholische Kirche riet in ihrem „Filmdienst“ vom Besuch des Films ab, die evangelische Kirche sprach sich ebenfalls gegen ihn aus und die Regierung des Saarlandes untersagte gar seine öffentliche Aufführung auf ihrem Hoheitsgebiet. Obwohl nichts daraufhinweist, dass der Film ohne diese Eingriffe ein Publikumserfolg geworden wäre, so haben sie doch zumindest dazu beigetragen, dass der Film zum grössten finanziellen Misserfolg für die JFU wurde.

DAS FRÄULEIN UND DER VAGABUND war mit 350.000 DM der billigste Film der JFU. Das Einspielergebnis von 110.000, das der Film realisierte, blieb jedoch noch darunter und war das schlechteste in der Geschichte der Filmfirma.

Schreiben der FSK an Rolf Meyer vom 31.10.1949

Der Film „Das Fräulein und der Vagabund“ ist für Jugendliche und die hohen Feiertage nicht zugelassen worden und für die allgemeine Freigabe nur durch den Einsatz des Vorsitzende, der in diesem Falle von seinem doppelten Stimmrecht Gebrauch machte (Stimmverhältnis 4:3).

Nach Ansicht der Kommission leidet der Film unter der Diskrepanz zwischen der Absicht der >Schöpfer und dem wirklich Dargestellten. In der vorliegenden Form zeigt er den Helden in romatischer Verbrämung mit einer Art triebhaften Hemmungslosigkeit behaftet, die unglaubhaft und fatal wirkt, da sie nicht von überzeugenden Gefühlen unterbaut ist. Wenn er als triebhafter Naturbursche gedacht war, so wird diese Absicht durch Darsteller und Regisseur keineswegs begreiflich gemacht. was durch den Charakter entschuldigt wäre, wird abstossend, wenn es als rüpelhaft empfunden wird. Infolgedessen wirkt das Verhalten der Gegenspielerinnen , sowohl der Hilfskehrerin als auch das der Gutsherrinn angesichts dieses Partners, insbesondere für das Frauenpublikum, beschämend und allgemein unverständlich.

Die Durchführung des Films steeift somt hart die Grenze der Verletzung des sittlichen Empfindens. Letzteres kann nach den Grundsätzen der Freiwillen Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft die Nichtfreigabe eines Filmes nach sich ziehen.

Es besteht ausserdem die Gefahr, dass bei weitherziger Auslegung nicht nur Proteste Einzelner sondern ganzer Organisationen gegenüber dem Urteil der Selbstkontrolle zu erwarten sind. Die Proteste können den Ruf nach einer Polizeizensur auslösen und verstärken, das heisst, den Schutz der Öffentlichkeit so, wie er von der Selbstkontrolle wahrgenommen wird, als nicht genügend empfinden lassen. Dadurch würde die Gefahr einer Landerzensur heraufbeschworen werden, die sich wenig um die Interessen der Filmproduktion kümmern würde. Nicht nur das Ansehen der deutschen Filmindustrie, sondern auch die Filmwirtschaft würde an ihren Interessen geschädigt werden.

Wir wären Ihen dankbar, wenn sie künftighin bei der Vorbereitung Ihrer Filme auch Überlegungen wie die Vorstehenden mit in ihre Berechnungen in allgemeinwirtschaftlichem Interesse einbeziehen würden (…)“

Zitiert nach: Peter Stettner: Vom Trümmerfilm zur Traumfabrik. Die ‚Junge Film-Union‘ 1947 – 1952. Hildesheim/Zürich/New York 1992, S. 107/108

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