Wer erklärt uns die Wirtschaft?
Drei Studien über die blinden Flecken des Wirtschaftsjournalismus
Drei Untersuchungen der Otto Brenner Stiftung aus den Jahren 2021, 2022 und 2024 werfen ein aufschlussreiches Licht auf den Wirtschaftsjournalismus in Deutschland. Sie untersuchen unterschiedliche Bereiche: die Ausbildung von Wirtschaftsjournalisten, die theoretischen Deutungsmuster der Presse und die Wirtschaftsberichterstattung von ARD und ZDF.
Zusammengenommen zeigen sie, dass die Probleme des Wirtschaftsjournalismus weit über sachliche Fehler, ungenaue Zahlen oder unzureichende Erklärungen komplizierter Sachverhalte hinausreichen. Es geht um die Frage, aus welcher Perspektive wirtschaftliche Entwicklungen betrachtet werden, welche theoretischen Vorstellungen dabei zugrunde liegen und welche gesellschaftlichen Zusammenhänge überhaupt in den Blick geraten.
Die sechs zentralen Erkenntnisse der Studien bilden den Ausgangspunkt dieses Beitrags. Dabei wird zwischen den empirischen Befunden der Untersuchungen, den Schlussfolgerungen ihrer Autoren und unserer eigenen politisch-ökonomischen Interpretation unterschieden.
Drei Untersuchungen – drei Zugänge zum Wirtschaftsjournalismus
2021 untersuchte Valentin Sagvosdkin in der Studie Qualifiziert für die Zukunft? die wirtschaftsjournalistische Ausbildung in Deutschland. Analysiert wurden über 300 Modulangebote aus 17 Studiengängen an sechs Universitäten und drei Hochschulen. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche wirtschaftswissenschaftlichen Theorien vermittelt werden und wie plural und reflexiv die Ausbildung angelegt ist.[1]
2022 untersuchten Victoria Sophie Teschendorf und Kim Otto in Framing in der Wirtschaftsberichterstattung, welche ökonomischen Denkmuster die Presseberichterstattung prägen. Sie verglichen den Streit zwischen der italienischen Regierung und der EU-Kommission über die Haushaltspolitik 2018 mit den Verhandlungen über europäische Corona-Hilfen 2020. Grundlage war eine quantitative Inhaltsanalyse von sieben überregionalen Zeitungen und Nachrichtenmagazinen. Methodik und Materialbasis werden in Kapitel 4 der Studie, S. 19–34, erläutert.[2]
2024 analysierten Henrik Müller und Gerret von Nordheim in Viel Kraft – wenig Biss die Wirtschaftsberichterstattung von ARD und ZDF. Grundlage waren knapp 5.800 Sendungen mit rund 3.400 Stunden Programm aus dem Zeitraum September 2022 bis Februar 2023. Die Studie unterscheidet Nachrichtensendungen, Wirtschaftsmagazine, politische Talkshows und Politikmagazine. Das Studiendesign wird in Kapitel 3, S. 20–23, beschrieben.[3]
Die Studien untersuchen weder dieselben Medien noch dieselben Zeiträume. Sie lassen sich deshalb nicht zu einem einzigen empirischen Nachweis zusammenfügen. Ihre Befunde ergänzen sich jedoch und eröffnen einen Zusammenhang zwischen Ausbildung, theoretischen Deutungsmustern und journalistischer Praxis.
Die gemeinsame Frage lautet: Wie entstehen die Perspektiven, aus denen Wirtschaft erklärt wird, und welche gesellschaftlichen Zusammenhänge bleiben dabei unbeachtet?
Sechs zentrale Erkenntnisse
1. Die ökonomische Ausbildung vermittelt keine neutrale Sicht auf die Wirtschaft
Die Studie von Valentin Sagvosdkin liefert einen grundlegenden Befund: Die wirtschaftsjournalistische Ausbildung ist hinsichtlich der vermittelten ökonomischen Theorien keineswegs so vielfältig, wie es angesichts der unterschiedlichen wirtschaftswissenschaftlichen Schulen zu erwarten wäre. Die Untersuchung der Modulbeschreibungen zeigt eine deutliche Dominanz etablierter, insbesondere neoklassischer Denkansätze. Alternative ökonomische Perspektiven und die Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Streit über die Grundlagen wirtschaftlicher Erklärungen sind nur unzureichend vertreten.
Die Otto Brenner Stiftung fasst das Ergebnis mit der Feststellung zusammen, die Ausbildungsangebote hätten eine „wirtschaftspolitische Schlagseite“. Sagvosdkin selbst spricht von einer „neoklassischen Monokultur“. Besonders problematisch erscheint ihm, dass Studierenden die theoretische Einseitigkeit ihrer Ausbildung möglicherweise gar nicht bewusst wird.[4]
Die Untersuchung zeigt zugleich, dass sich theoretische Einseitigkeit nicht allein daran erkennen lässt, wie viele unterschiedliche wirtschaftliche Themen behandelt werden. Auch ein Studiengang mit zahlreichen sozialwissenschaftlichen Bezügen kann in seinen grundlegenden ökonomischen Erklärungsmodellen weitgehend einer einzigen Denktradition folgen. Die Studie unterscheidet deshalb zwischen thematischer Breite, theoretischer Pluralität und der Fähigkeit, die Voraussetzungen ökonomischer Erklärungen kritisch zu reflektieren.
Ein weiterer Befund betrifft die Reflexionsmöglichkeiten innerhalb der Ausbildung. Wirtschaftsgeschichte ist in sieben von 14 untersuchten Ausbildungszugängen vertreten, Politische Ökonomie in vier und ökonomische Ideengeschichte lediglich in zwei. Die Untersuchung dieser Angebote gehört zur Analyse der Reflexivität der Studienprogramme. Die genannten Zahlen beziehen sich auf Ausbildungszugänge und dürfen nicht mit den insgesamt 17 untersuchten Studiengängen gleichgesetzt werden.[5]
Darin liegt ein wichtiger Unterschied: Wer ein neoklassisches Modell der Preisbildung erlernt, erwirbt durchaus Wissen über bestimmte wirtschaftliche Zusammenhänge. Er erfährt damit aber noch nicht, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen das Modell macht, unter welchen Bedingungen es aussagekräftig ist und welche Fragen es nicht beantworten kann.
Die Neoklassik untersucht vorwiegend Entscheidungen, Anreize, Märkte und die Verteilung knapper Ressourcen. Ihre Erklärungsweise weist eine deutliche Nähe zur einzelwirtschaftlichen Rationalität auf. Das heißt nicht, dass sie keine gesamtwirtschaftlichen Modelle entwickelt. Aber häufig werden gesellschaftliche Zusammenhänge aus individuellen Entscheidungs- und Marktmechanismen hergeleitet.
Wer überwiegend in diesen Kategorien ausgebildet wird, läuft Gefahr, wirtschaftliche Probleme vor allem als Fragen der Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit, Preisbildung oder Rentabilität wahrzunehmen. Die Studie beweist nicht, dass Absolventen zwangsläufig so berichten. Sie zeigt jedoch, dass die Ausbildung nur unzureichend Voraussetzungen dafür schafft, die eigenen theoretischen Grundlagen kritisch zu reflektieren.
Die erste Erkenntnis lautet: Wirtschaftsjournalistische Ausbildung vermittelt nicht einfach neutrales ökonomisches Wissen. Sie vermittelt bestimmte theoretische Perspektiven, ohne deren Grenzen hinreichend sichtbar zu machen.
2. Ökonomische Paradigmen beeinflussen, was als vernünftige Wirtschaftspolitik erscheint
Wie folgenreich solche Perspektiven sein können, zeigt die zweite OBS-Studie besonders deutlich. Teschendorf und Otto untersuchten die Berichterstattung von sieben deutschen Zeitungen und Nachrichtenmagazinen: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Handelsblatt, Süddeutsche Zeitung, Die Welt, taz, BILD und Der Spiegel.
Im Mittelpunkt standen zwei wirtschaftspolitische Auseinandersetzungen. 2018 stritten die italienische Regierung und die EU-Kommission über die italienische Haushaltspolitik. Die Regierung wollte durch zusätzliche Staatsausgaben wirtschaftliche und soziale Probleme angehen. Die EU-Kommission bestand auf der Einhaltung der europäischen Haushaltsregeln. 2020 ging es dagegen um europäische Hilfsprogramme zur Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie. Auch hier standen staatliche Verschuldung und zusätzliche öffentliche Ausgaben im Mittelpunkt.
Die Untersuchung zeigt einen bemerkenswerten Wechsel der journalistischen Deutungsmuster. 2018 gaben 95 Prozent der untersuchten Artikel die neoklassische Problemdefinition wieder, während nur sechs Prozent die keynesianische Sichtweise aufgriffen. Die geplante Neuverschuldung Italiens wurde überwiegend problematisiert. Die Gegenposition, wonach die europäischen Sparvorgaben selbst zur Verschärfung wirtschaftlicher Probleme beitragen könnten, wurde kaum als zusammenhängender Erklärungsansatz dargestellt. Die empirische Untersuchung hierzu findet sich in Kapitel 5, S. 35–65, insbesondere im Fazit S. 62–65.[6]
2020 hatte sich das Bild verändert. Nun enthielten knapp 74 Prozent der untersuchten 623 Artikel keynesianische Problemdefinitionen, während in etwa 36 Prozent auch neoklassische Sichtweisen vorkamen. In ungefähr zehn Prozent der Artikel waren beide Paradigmen vertreten. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass Mehrfachnennungen möglich sind (S. 68, Abbildung 20). Die keynesianischen Perspektiven wurden in den einzelnen Monaten überwiegend zwei- bis dreimal so häufig aufgegriffen wie die neoklassischen.[7]
Die Autoren bewerten die Berichterstattung über die Corona-Hilfen durchaus positiv, weil unterschiedliche Positionen angemessener dargestellt wurden. Ihr kritischer Befund betrifft insbesondere die starke Orientierung der Medien an den jeweils politisch dominierenden ökonomischen Paradigmen.
Das Vorwort der Studie formuliert diesen Zusammenhang besonders anschaulich: Das mediale Framing der Ereignisse folgte „relativ eng der politischen Konjunktur ökonomischer Paradigmen“ (S. 2). Die Autoren zeigen damit, wie wirtschaftspolitische Deutungsmuster nicht nur die Beschreibung eines Problems, sondern auch die Bewertung möglicher Lösungen beeinflussen.[8]
Der entscheidende Punkt ist nicht, dass die Medien 2018 falsch und 2020 richtig berichtet hätten. Die wirtschaftlichen Bedingungen beider Situationen waren unterschiedlich. Entscheidend ist vielmehr, dass die jeweils dominierenden wirtschaftspolitischen Vorstellungen darüber mitbestimmten, welche Positionen als vernünftig, verantwortungsvoll oder problematisch erschienen.
Damit verändert sich die journalistische Aufgabe. Es genügt nicht, unterschiedliche politische Aussagen wiederzugeben. Ihre zugrunde liegenden ökonomischen Vorstellungen müssen erkennbar werden.
Die zweite Erkenntnis lautet: Wirtschaftsjournalismus bildet wirtschaftspolitische Konflikte nicht einfach ab. Durch die verwendeten Deutungsmuster beeinflusst er, welche Positionen als ökonomisch rational und welche als unvernünftig erscheinen.
3. Viel Wirtschaftsberichterstattung bedeutet nicht viel wirtschaftliche Erklärung
Die dritte Studie, Viel Kraft – wenig Biss, untersucht die Wirtschaftsberichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Müller und von Nordheim kommen keineswegs zu einem pauschal negativen Ergebnis. Im Gegenteil: Sie dokumentieren ein beachtliches Sendevolumen und eine erhebliche Vielfalt journalistischer Formate.
Nach ihren Ergebnissen beschäftigen sich Nachrichtensendungen, Talkshows und Politikmagazine ungefähr ein Fünftel ihrer Sendezeit mit wirtschaftspolitischen Fragen. Insbesondere politische Magazine zeichnen sich teilweise durch eigenständige Themenwahl und kritische Berichterstattung aus. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Formaten werden in Kapitel 4, S. 24–63, ausführlich dargestellt.[9]
Dennoch stellen die Autoren wesentliche Defizite fest. Die Berichterstattung wird stark von aktuellen politischen Entwicklungen bestimmt. Wirtschaftspolitische Entscheidungen der Bundesregierung geben häufig die Themen vor. Längerfristige Entwicklungen werden dagegen nicht immer kontinuierlich verfolgt und ausreichend in größere Zusammenhänge eingeordnet.
Im Vorwort der Untersuchung wird diese Schwäche ausdrücklich benannt: „Sachorientierte und im Kontext präsentierte Informationen“ bekämen zu wenig Raum (S. 2). Die Autoren unterscheiden zwischen den einzelnen Formaten und zeigen, dass insbesondere die Konzentration auf tagespolitische Auseinandersetzungen und politische Akteure eine kontinuierliche wirtschaftliche Erklärung erschwert. Ihre Zusammenfassung und die daraus abgeleiteten Empfehlungen finden sich in Kapitel 5, S. 64–75.[10]
Hier liegt ein grundlegendes Problem. Eine Nachricht über steigende Unternehmensgewinne, sinkende Beschäftigung oder höhere Sozialausgaben kann sachlich vollkommen korrekt sein. Sie erklärt aber noch nicht, wie diese Entwicklungen miteinander zusammenhängen.
Wenn beispielsweise ein Unternehmen Stellen abbaut, obwohl es weiterhin Gewinne erzielt, können beide Informationen getrennt voneinander berichtet werden. Die gesellschaftliche Frage, weshalb profitable Unternehmen Beschäftigung reduzieren und welche Interessen dabei wirksam werden, bleibt damit noch unbeantwortet.
Wirtschaftliche Erklärung verlangt mehr als die Darstellung einzelner Ereignisse. Sie muss Zusammenhänge zwischen Produktion, Verteilung, Investitionen, Beschäftigung und gesellschaftlichen Interessen herstellen.
Die dritte Erkenntnis lautet: Umfangreiche, sachlich korrekte und durchaus kritische Wirtschaftsberichterstattung gewährleistet noch keine Erklärung der gesellschaftlichen Zusammenhänge wirtschaftlicher Entwicklungen.
4. Die Perspektive der Arbeit bleibt auffällig unterrepräsentiert
Einen besonders aufschlussreichen Befund liefert die Untersuchung der Wirtschaftsmagazine von ARD und ZDF. Die Autoren analysierten acht regelmäßige Wirtschaftsformate, darunter Plusminus, WiSo, Markt und Wirtschaft vor acht. Insgesamt wurden 248 Ausgaben mit einer Gesamtsendezeit von 102 Stunden berücksichtigt (Kapitel 4.3, S. 38–50).
Das Ergebnis ist bemerkenswert: 65,1 Prozent der untersuchten Inhalte entfielen auf Verbraucherthemen. Die Berichterstattung über Unternehmen machte 20,7 Prozent und die Wirtschaftspolitik lediglich 14,2 Prozent aus. Die Zahlen sind in Abbildung 13 auf S. 39 dokumentiert. Die Untersuchung hält zugleich fest, dass wirtschaftspolitische Fragen auch innerhalb von Verbraucherbeiträgen vorkommen können. Entscheidend ist jedoch der dominierende Blickwinkel.[11]
Die Arbeitswelt spielt in diesen Formaten keine prägende Rolle. Tarifkonflikte, betriebliche Mitbestimmung und die Perspektive der Beschäftigten kommen im Untersuchungszeitraum kaum vor. Häufig werden stattdessen individuelle Möglichkeiten behandelt, auf wirtschaftliche Entwicklungen zu reagieren: Wo kann gespart werden? Wie lassen sich höhere Preise vermeiden? Welche Produkte sind günstiger?
Auf S. 40 erläutern Müller und von Nordheim diesen Unterschied am Beispiel der Strompreisbremse: Im Mittelpunkt stehe häufig nicht die wirtschaftspolitische Sinnhaftigkeit oder das Zustandekommen einer Maßnahme, sondern die Frage, wie Einzelne darauf reagieren können. Auch die Darstellung von Unternehmen erfolgt häufig aus der Perspektive einzelner betroffener Akteure, ohne die zugrunde liegenden wirtschaftspolitischen Strukturen zu untersuchen.[12]
Die gesellschaftliche Bedeutung dieser Schwerpunktsetzung reicht über die Frage nach einer ausgewogenen Themenauswahl hinaus. Menschen treten in der kapitalistischen Wirtschaft nicht nur als Käufer von Waren auf. Sie produzieren Waren und Dienstleistungen, leisten bezahlte und unbezahlte Arbeit, erwirtschaften Einkommen und tragen zur gesellschaftlichen Reproduktion bei.
Wer Wirtschaft überwiegend aus der Perspektive des Konsums betrachtet, nimmt zwar wichtige Teile des wirtschaftlichen Alltags wahr, lässt aber die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse weitgehend im Hintergrund. Der Preis eines Automobils erscheint dann als Problem der Kaufentscheidung. Die Bedingungen seiner Herstellung, die Verteilung der dabei erzielten Einkommen und Gewinne sowie die Entscheidungen über Arbeitsplätze und Investitionen werden seltener zum Gegenstand der Erklärung.
Dabei ist die Perspektive der Arbeit nicht einfach eine weitere Interessenposition neben derjenigen der Unternehmen. Ohne gesellschaftliche Arbeit gäbe es weder die produzierten Waren und Dienstleistungen noch die wirtschaftlichen Werte, über deren Verteilung anschließend gestritten wird.
Die Untersuchung beweist nicht, dass Wirtschaftsredaktionen diese Zusammenhänge bewusst ausblenden. Sie dokumentiert aber eine auffällige Verschiebung des journalistischen Blickwinkels.
Die vierte Erkenntnis lautet: Wenn Menschen in der Wirtschaftsberichterstattung vor allem als Konsumenten erscheinen, geraten ihre Rolle als Produzenten gesellschaftlichen Reichtums und die damit verbundenen Arbeits-, Eigentums- und Machtverhältnisse aus dem Blick.
5. Wirtschaftsberichterstattung folgt häufig vorgegebenen Agenden
Die Studien von 2022 und 2024 zeigen auf unterschiedlichen Ebenen, wie stark journalistische Berichterstattung von bereits etablierten politischen Themen und Deutungen beeinflusst wird. Teschendorf und Otto weisen nach, dass die Berichterstattung über die europäischen Haushaltskonflikte eng mit den jeweils dominierenden wirtschaftspolitischen Paradigmen verbunden war. Müller und von Nordheim stellen fest, dass die Wirtschaftsberichterstattung von ARD und ZDF vielfach der bundespolitischen Agenda folgt.
In ihrer Untersuchung wird deutlich, dass insbesondere Nachrichtensendungen und Talkshows wirtschaftspolitische Fragen häufig anhand aktueller Auseinandersetzungen zwischen Regierung, Opposition und anderen politischen Akteuren behandeln. Die Studie unterscheidet dabei ausdrücklich zwischen Nachrichtensendungen (Kapitel 4.2, S. 27–37), Talkshows (Kapitel 4.4, S. 51–55) und politischen Magazinen (Kapitel 4.5, S. 56–60). Letztere werden hinsichtlich ihrer Eigenständigkeit und kritischen Perspektive positiver beurteilt.[13]
Das Problem besteht nicht darin, dass Journalisten über politische Auseinandersetzungen berichten. Das gehört selbstverständlich zu ihren Aufgaben. Problematisch wird es, wenn die Akteure, über deren Entscheidungen berichtet wird, zugleich weitgehend bestimmen, welche Fragen gestellt werden.
Erklärt beispielsweise eine Bundesregierung, Sozialausgaben müssten begrenzt werden, kann die Berichterstattung die Auseinandersetzung darüber verfolgen, welche Kürzungen politisch durchsetzbar sind. Damit ist aber noch nicht untersucht, wie sich Sozialausgaben historisch entwickelt haben, welchen gesellschaftlichen Funktionen sie dienen, wie sie finanziert werden und welche Verteilungsinteressen hinter unterschiedlichen Reformvorschlägen stehen.
Ähnlich verhält es sich mit Unternehmensmeldungen. Wenn ein Konzern erklärt, seine Rendite sei zu niedrig und deshalb müssten Arbeitsplätze abgebaut werden, kann die journalistische Darstellung diese Argumentation übernehmen und anschließend die Reaktionen von Betriebsrat, Gewerkschaft und Politik wiedergeben.
Die entscheidenden Fragen sind damit noch nicht gestellt: Warum gilt die Rendite als zu niedrig? Welche Maßstäbe werden angelegt? Welche Rolle spielen Investitionsentscheidungen, Gewinnverteilung und Eigentümerinteressen? Und was bedeutet die Entscheidung für die Beschäftigten und die Gesellschaft?
Die beiden Studien liefern keine vollständige Untersuchung des Einflusses von Unternehmen, Verbänden und wirtschaftswissenschaftlichen Instituten auf die journalistische Themenwahl. Sie zeigen jedoch, wie stark Berichterstattung von bereits gesetzten politischen und theoretischen Problemdefinitionen abhängen kann.
Die fünfte Erkenntnis lautet: Wirtschaftsjournalismus verliert einen Teil seiner eigenständigen Erklärungs- und Kontrollfunktion, wenn er vor allem die Themen, Begriffe und Konfliktlinien übernimmt, die politische und wirtschaftliche Akteure vorgeben.
6. Die drei Studien ergänzen sich – aber beweisen keine geschlossene Wirkungskette
Die drei Untersuchungen lassen sich in einen Zusammenhang bringen, ohne ihre unterschiedlichen Gegenstände und Methoden zu verwischen.
Die erste Studie zeigt, welche ökonomischen Perspektiven in der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung dominieren und wie wenig Raum die kritische Reflexion dieser Perspektiven erhält. Die zweite Studie dokumentiert, wie wirtschaftswissenschaftliche Paradigmen die journalistische Deutung konkreter wirtschaftspolitischer Konflikte beeinflussen. Die dritte Studie untersucht, welche Themen und gesellschaftlichen Perspektiven in der tatsächlichen Wirtschaftsberichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens besonders stark oder auffällig schwach vertreten sind.
Daraus ergibt sich eine plausible Verbindung zwischen theoretischer Ausbildung, journalistischen Deutungsmustern und praktischer Berichterstattung.
Ein unmittelbarer Kausalzusammenhang ist damit allerdings nicht nachgewiesen. Die Studien verfolgen keine einzelnen Journalisten von ihrer Ausbildung bis zu ihrer späteren Berufspraxis. Auch unterscheiden sich die untersuchten Medien und Zeiträume.
Gerade deshalb wäre es falsch, die Befunde zu einer einfachen Erklärung zusammenzuziehen, nach der neoklassisch ausgebildete Journalisten zwangsläufig eine unternehmensfreundliche Wirtschaftsberichterstattung produzieren.
Die empirischen Ergebnisse erlauben eine differenziertere Schlussfolgerung: Die theoretische Einseitigkeit der Ausbildung, die Orientierung an dominierenden wirtschaftspolitischen Paradigmen und die journalistische Konzentration auf politische Agenden und Konsumenteninteressen können sich gegenseitig verstärken.
Die sechste Erkenntnis lautet: Die drei Studien belegen keine geschlossene Ursache-Wirkungs-Kette. Sie machen aber auf unterschiedlichen Ebenen strukturelle Bedingungen sichtbar, unter denen wirtschaftsjournalistische Perspektiven verengt und gesellschaftliche Zusammenhänge unzureichend erklärt werden.
Konsequenzen: Wirtschaft erklären statt wirtschaftliche Aussagen nur wiedergeben
Was folgt aus diesen sechs Erkenntnissen für den Wirtschaftsjournalismus?
Zunächst einmal ist nicht zu bestreiten, dass die Berichterstattung über Wirtschaft erhebliche fachliche Anforderungen stellt. Journalisten müssen Zahlen verstehen, wirtschaftliche Entwicklungen einordnen und komplizierte Sachverhalte verständlich darstellen. Aber diese Fähigkeiten allein reichen nicht aus.
Die Untersuchungen der Otto Brenner Stiftung zeigen, dass die journalistische Qualität wesentlich davon abhängt, welche Fragen gestellt, welche theoretischen Erklärungen herangezogen und welche gesellschaftlichen Perspektiven berücksichtigt werden.
Die Richtigkeit einer Aussage ist noch keine Erklärung
Eine ökonomische Aussage kann rechnerisch richtig sein und dennoch nur einen sehr begrenzten Ausschnitt der Wirklichkeit erfassen. Die betriebswirtschaftliche Feststellung, dass ein Unternehmen seine Rentabilität steigern muss, um bestimmte Renditeerwartungen zu erfüllen, kann zutreffen. Daraus folgt jedoch noch nicht, dass diese Renditeerwartungen einem gesamtwirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Erfordernis entsprechen.
Ebenso kann die keynesianische Forderung nach einer Stärkung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage wichtige wirtschaftliche Zusammenhänge erklären, ohne damit bereits die Eigentums- und Machtverhältnisse zu untersuchen, unter denen Produktion und Verteilung stattfinden.
Das Problem liegt deshalb nicht einfach darin, dass eine ökonomische Theorie richtig und eine andere falsch wäre. Entscheidend sind ihre Perspektive, ihr Erkenntnisinteresse und ihre Erklärungsreichweite.
Sechs Anforderungen an eine erklärende Wirtschaftsberichterstattung
Die Perspektive einer Aussage kenntlich machen. Wer spricht? Ein Unternehmensvorstand, ein Gewerkschaftsvertreter, ein Ministerium oder ein Wirtschaftsforschungsinstitut? Welche Interessen und theoretischen Vorstellungen liegen der Aussage zugrunde?
Zwischen betriebswirtschaftlicher und gesamtwirtschaftlicher Rationalität unterscheiden. Was für ein einzelnes Unternehmen zweckmäßig erscheint, muss nicht zugleich für die Gesamtwirtschaft oder die Gesellschaft sinnvoll sein.
Ökonomische Begriffe und Kennziffern in ihren Zusammenhang stellen. Gewinne, Renditen, Arbeitskosten, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit sind keine unmittelbaren Abbilder gesellschaftlicher Wirklichkeit. Sie erfassen jeweils bestimmte wirtschaftliche Verhältnisse unter bestimmten Voraussetzungen.
Die Perspektive der Arbeit und der gesellschaftlichen Reproduktion berücksichtigen. Wirtschaft besteht nicht nur aus Märkten, Unternehmen, Preisen und Konsumenten. Sie umfasst die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion der Lebensbedingungen.
Eigenständige Fragen entwickeln. Die Aufgabe des Journalismus besteht nicht darin, vorgegebene Problemdefinitionen lediglich verständlicher zu formulieren. Er muss sie prüfen, hinterfragen und gegebenenfalls durch andere Fragestellungen erweitern.
Wirtschaftliche Entwicklungen historisch und gesellschaftlich erklären. Die gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse sind weder naturgegeben noch unveränderlich. Sie haben eine Geschichte, beruhen auf gesellschaftlichen Entscheidungen und unterliegen Interessenkonflikten.
Die Konsequenz für journalistische Ausbildung und Redaktion
Die drei Studien legen unterschiedliche praktische Konsequenzen nahe. Die Ausbildung sollte die theoretische Pluralität der Wirtschaftswissenschaften und die Reflexion ihrer Voraussetzungen stärker berücksichtigen. In der Wirtschaftsberichterstattung müssen ökonomische Paradigmen als unterschiedliche Deutungsangebote erkennbar werden, statt stillschweigend den Maßstab wirtschaftlicher Vernunft zu bilden.
Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk empfehlen Müller und von Nordheim unter anderem ein regelmäßiges wirtschaftspolitisches Format, das Zusammenhänge kontinuierlich, faktenreich und multiperspektivisch erklärt. Die Empfehlungen werden in Kapitel 5.2, S. 68–72, ausgeführt.[14]
Darüber hinaus ergibt sich aus unserer Auswertung eine weitergehende Forderung: Wirtschaftsjournalisten sollten nicht nur lernen, die Aussagen wirtschaftlicher Akteure verständlich zu übersetzen. Sie müssen befähigt werden, deren Voraussetzungen, Interessen und gesellschaftliche Erklärungsreichweite selbstständig zu untersuchen.
Wirtschaftsjournalismus als gesellschaftliche Aufklärung
Die drei Studien der Otto Brenner Stiftung liefern wichtige empirische Anhaltspunkte für eine Kritik des Wirtschaftsjournalismus. Sie dokumentieren theoretische Einseitigkeiten in der Ausbildung, die Wirkung ökonomischer Paradigmen auf journalistische Deutungen sowie problematische Schwerpunktsetzungen in der Berichterstattung.
Sie zeigen zugleich, dass Wirtschaftsjournalismus durchaus über erhebliche fachliche und journalistische Kompetenzen verfügt. Es geht deshalb nicht darum, seine Leistungen pauschal abzuwerten.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr, welchem Erkenntnisinteresse diese Kompetenzen dienen und wie weit die gesellschaftliche Erklärung wirtschaftlicher Entwicklungen reicht.
Wirtschaftsjournalismus sollte nicht nur verständlich machen, was Unternehmen, Regierungen und Wirtschaftsforschungsinstitute über die Wirtschaft sagen. Er sollte auch erklären, warum sie die Wirtschaft so beschreiben, welche Interessen und theoretischen Voraussetzungen dabei eine Rolle spielen und welche gesellschaftlichen Zusammenhänge durch ihre Perspektive sichtbar werden oder verborgen bleiben.
Darin liegt seine besondere Bedeutung für eine demokratische Öffentlichkeit: Wirtschaftliche Entwicklungen nicht nur zu melden und zu kommentieren, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse verständlich zu machen, aus denen sie hervorgehen.
Anmerkungen und Quellenbelege
[1] Sagvosdkin (2021): Untersuchungsumfang und Fragestellung
Valentin Sagvosdkin: Qualifiziert für die Zukunft? OBS-Arbeitsheft 104. Untersucht wurden über 300 Modulangebote aus 17 Studiengängen an sechs Universitäten und drei Hochschulen.
[2] Teschendorf/Otto (2022): Forschungsdesign, S. 19–34
Victoria Sophie Teschendorf / Kim Otto: Framing in der Wirtschaftsberichterstattung. OBS-Arbeitsheft 108, Kapitel 4, S. 19–34. Besonders relevant: Methodik S. 20–21, Operationalisierung S. 22–27 und Materialbasis S. 28–29.
[3] Müller/von Nordheim (2024): Studiendesign, S. 20–23
Henrik Müller / Gerret von Nordheim: Viel Kraft – wenig Biss. OBS-Arbeitspapier 67, Kapitel 3, S. 20–23. Die Untersuchung erfasst knapp 5.800 Sendungen und rund 3.400 Stunden Programm im Zeitraum September 2022 bis Februar 2023.
[4] Sagvosdkin (2021): Neoklassische Monokultur
Die OBS fasst den Befund als wirtschaftspolitische Schlagseite der Ausbildung zusammen. Die Formulierung „neoklassische Monokultur“ stammt aus der auf der Veröffentlichungsseite dokumentierten Bilanz Sagvosdkins.
[5] Sagvosdkin (2021): Reflexivität der Ausbildung
Die Angaben zu Wirtschaftsgeschichte, Politischer Ökonomie und ökonomischer Ideengeschichte betreffen die untersuchten Ausbildungszugänge. Sie sind dem Untersuchungsbereich Reflexivität zuzuordnen. Eine exakte Druckseitenangabe ist hier noch nicht unabhängig verifiziert.
[6] Teschendorf/Otto (2022): Italien 2018, S. 35–65
Kapitel 5: Wirtschaftspolitische Paradigmen in der Berichterstattung über Italien 2018. Problemdefinitionen S. 35–55, übergreifende Frames S. 56–61, Fazit S. 62–65. Das Vorwort nennt 95 Prozent neoklassische und sechs Prozent keynesianische Problemdefinitionen (S. 2).
[7] Teschendorf/Otto (2022): Corona-Hilfen 2020, S. 67–69
Kapitel 6.1.1, S. 67–69, insbesondere Abbildung 20 auf S. 68. Grundlage: 623 Artikel mit Problemdefinitionen. Keynesianische Perspektiven in knapp 74 Prozent, neoklassische in etwa 36 Prozent, beide in etwa zehn Prozent. Mehrfachnennungen sind möglich.
[8] Teschendorf/Otto (2022): Politische Konjunktur ökonomischer Paradigmen
Vorwort von Jupp Legrand, S. 1–2. Die Formulierung über die politische Konjunktur der Paradigmen stammt aus dem Vorwort, nicht unmittelbar aus einer Äußerung der beiden Studienautorinnen bzw. -autoren. Für deren eigene Schlussfolgerungen siehe Kapitel 7, S. 108–112.
[9] Müller/von Nordheim (2024): Umfang und Qualität, S. 24–63
Kapitel 4: Ergebnisse. Nachrichtensendungen S. 27–37, Wirtschaftsmagazine S. 38–50, Talkshows S. 51–55, Politikmagazine S. 56–60 und weitere Formate S. 61–63. Die Unterschiede zwischen den Formaten sind für die Bewertung ausdrücklich zu berücksichtigen.
[10] Müller/von Nordheim (2024): Kontextualisierung und Kontinuität
Vorwort von Jupp Legrand und Yasmin Fahimi, S. 1–2, sowie Kapitel 5, S. 64–75. Das Zitat zur sachorientierten und kontextualisierten Information stammt aus dem Vorwort. Die Autoren behandeln die unterschiedlichen Qualitätsprobleme und Schlussfolgerungen im fünften Kapitel.
[11] Müller/von Nordheim (2024): 65,1 Prozent Verbraucherthemen
Kapitel 4.3, S. 38–40, insbesondere Abbildung 13 auf S. 39. Grundlage: 248 Sendungen mit 102 Stunden Gesamtdauer. Verbraucher 65,1 Prozent, Unternehmen 20,7 Prozent, Wirtschaftspolitik 14,2 Prozent.
[12] Müller/von Nordheim (2024): Verbraucherblickwinkel, S. 40–41
Kapitel 4.3, S. 40–41. Die Autoren erläutern anhand der Strompreisbremse und der Berichterstattung über kommunalen Steuerwettbewerb, wie die Auswahl der Perspektive den Untersuchungsgegenstand eines Beitrags bestimmt.
[13] Müller/von Nordheim (2024): Politische Agendaorientierung
Kapitel 4.2, S. 27–37 (Nachrichten), Kapitel 4.4, S. 51–55 (Talkshows), Kapitel 4.5, S. 56–60 (Politikmagazine). Die vergleichende Bewertung und die daraus abgeleiteten Konsequenzen finden sich in Kapitel 5.1, S. 64–67.
[14] Müller/von Nordheim (2024): Handlungsempfehlungen, S. 68–72
Kapitel 5.2: Programmlücken und Handlungsempfehlungen. Die Autoren entwickeln Vorschläge für eine kontinuierliche und stärker eigenständige wirtschaftspolitische Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Die drei untersuchten Studien
Sagvosdkin, Valentin (2021): Qualifiziert für die Zukunft? Zur Pluralität der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung in Deutschland. OBS-Arbeitsheft 104, Frankfurt am Main. Originalveröffentlichung.
Teschendorf, Victoria Sophie / Otto, Kim (2022): Framing in der Wirtschaftsberichterstattung. Der EU-Italien-Streit 2018 und die Verhandlungen über Corona-Hilfen 2020 im Vergleich. OBS-Arbeitsheft 108, Frankfurt am Main. Originalstudie als PDF.
Müller, Henrik / von Nordheim, Gerret (2024): Viel Kraft – wenig Biss. Wirtschaftsberichterstattung in ARD und ZDF. OBS-Arbeitspapier 67, Frankfurt am Main. Originalstudie als PDF.

