Die Zukunft vorhersagen ist einfach

Wie nahe die satirische VW-Vision vom 30. August dem vorläufigen Ergebnis gekommen ist – und warum die eigentliche Entscheidung nur vertagt wurde

Detlef Endeward (04.09.2026)

Am 30. August habe ich mich – in bewusster Umkehrung eines bekannten Valentin-Spruchs – an einer kleinen Zukunftsvision versucht.

Der Ausgang des damals gerade eskalierenden „Machtkampfes“ bei Volkswagen schien mir ungefähr so vorstellbar:

Der Vorstand verzichtet auf unmittelbar angekündigte Werksschließungen. Für einzelne Standorte ergeben sich überraschenderweise doch noch „Perspektiven“ – selbstverständlich unter der Voraussetzung weiterer Kostensenkungen und moderater Lohnentwicklung. Oliver Blume kann anschließend den gefundenen Kompromiss als Erfolg verkaufen. Die IG Metall kann erklären, Arbeitsplätze und Werke gerettet zu haben. Der niedersächsische Ministerpräsident kann darauf verweisen, Volkswagen und seine Standorte gesichert zu haben.

Für Emden und Zwickau hatte ich die Satire noch weitergetrieben: Vielleicht finden sich irgendwann andere industrielle Nutzungen oder neue Eigentümer – in unserer bewusst zugespitzten Variante Rüstungskonzerne aus den USA oder Israel. Zunächst wären damit ebenfalls Arbeitsplätze „gerettet“. Sollten solche neuen Eigentümer Jahre später die Werke schließen, wäre das dann jedenfalls kein Problem von Volkswagen mehr.

Am Ende wären alle irgendwie Sieger.

Und alle lebten zufrieden miteinander – bis zur nächsten Krise.

Vier Tage später ist es Zeit, die Satire neben das vorläufige Ergebnis zu legen.

Erstaunlich nahe – aber anders als vorhergesagt

Natürlich ist die Wirklichkeit nicht genauso eingetreten.

Emden und Zwickau werden nicht an Rüstungskonzerne verkauft. Für Hannover ist keine langfristige Automobilproduktion garantiert. Und der Konflikt ist keineswegs beendet.

Aber die Struktur des gefundenen Kompromisses liegt erstaunlich nahe an der satirischen Prognose.

Der Aufsichtsrat hat einen Zukunftsplan beschlossen, der einen weiteren massiven Stellenabbau vorsieht. Gleichzeitig werden die vier besonders diskutierten Standorte Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm nicht unmittelbar geschlossen. Eine langfristig gesicherte Folgeproduktion gibt es für sie jedoch ebenfalls nicht.

Stattdessen sollen Perspektiven und alternative Verwendungsmöglichkeiten entwickelt werden.

Damit ist genau jene Zwischenposition entstanden, auf der die Satire beruhte:

Die Werke sind gerettet – aber ihre Zukunft ist nicht gesichert.

Das ist mehr als ein semantischer Unterschied.

Die IG Metall kann einen Erfolg verbuchen

Betriebsrat und IG Metall haben tatsächlich etwas erreicht.

Die unmittelbar diskutierten Werksschließungen sind nicht beschlossen worden. Ebenso wichtig ist, dass die zeitweise erwogene Ausgliederung der Kernmarke VW Pkw und der Komponente nicht umgesetzt wird. Ein Umbau, der nach Auffassung der Arbeitnehmerseite die bestehenden Mitbestimmungsstrukturen hätte schwächen können, ist zunächst verhindert.

Das ist reale Gegenmacht und sollte nicht kleingeredet werden.

Aber Gegenmacht ist noch keine Verfügungsmacht.

Die Arbeitnehmerseite hat nicht durchgesetzt, dass Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm dauerhaft VW-Standorte mit gesicherter Produktion bleiben. Sie hat zunächst verhindert, dass ihre Zukunft jetzt endgültig entschieden wird.

Gerettet wurde damit zunächst die Möglichkeit einer Zukunft – nicht eine bestimmte Zukunft.

 

Auch Olaf Lies kann einen Erfolg verkünden

Ähnliches gilt für Niedersachsen.

Ministerpräsident Olaf Lies kann darauf verweisen, dass die unmittelbar bedrohten Standorte nicht geschlossen werden und nun Perspektiven für sie entwickelt werden sollen.

Auch das ist ein Ergebnis.

Aber gerade die Sprache verdient Aufmerksamkeit.

Eine „Perspektive für einen Standort entwickeln“ bedeutet etwas anderes als die Zusage:

Volkswagen wird an diesem Standort langfristig Automobile produzieren und dafür die notwendigen Investitionen tätigen.

Damit verschiebt sich der Konflikt lediglich auf die nächste Frage:

  • Welche Perspektive?
  • Mit welchen Produkten?
  • Mit welchen Beschäftigten?
  • Unter welchem Eigentümer?
  • Und nach welchen Rendite- und Wirtschaftlichkeitskriterien?

Und Blume? Auch der Vorstand kann einen Erfolg vorweisen

Gerade hier kommt das vorläufige Ergebnis der Satire besonders nahe.

Denn auch der Vorstand hat wesentliche Elemente seiner Strategie durchgesetzt.

Der Stellenabbau wird fortgesetzt. Die Modellpalette soll reduziert, Strukturen sollen vereinfacht, Kosten gesenkt und die Profitabilität deutlich erhöht werden. Das Renditeziel bleibt ein zentraler Maßstab der Unternehmensstrategie.

Vor allem aber ist die Diagnose, von der der Vorstand ausgegangen ist, durch den Kompromiss nicht grundsätzlich infrage gestellt worden:

Volkswagen habe Überkapazitäten, bestimmte Standorte seien unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht wettbewerbsfähig und der Konzern müsse seine Kapitalproduktivität erhöhen.

Damit ist etwas Entscheidendes geschehen.

Über die Konsequenzen wurde gestritten – die Problemdefinition des Vorstands wurde wesentlich weniger grundsätzlich bestritten.

 

Und die Eigentümer?

Damit kommen ich zurück zur Frage, die hinter der gesamten Beschäftigung mit dem „Machtkampf“ steht:

Wer verfügt über Volkswagen?

Die Porsche SE und damit insbesondere die Familien Porsche/Piëch konnten ihre Maximalposition nicht einfach durchsetzen. Die besondere Konstruktion Volkswagens hat sich tatsächlich als Machtbegrenzung erwiesen.

Arbeitnehmermitbestimmung und Niedersachsen besitzen erhebliche Möglichkeiten, Entscheidungen zu blockieren und Kompromisse zu erzwingen.

Der Konflikt war also keineswegs vorher entschieden.

Aber der Kompromiss zeigt zugleich die Grenze dieser Gegenmacht.

Die Arbeitnehmerseite entscheidet auch nach dem Kompromiss nicht darüber, welches neue Modell in Hannover oder Emden gebaut wird. Sie verfügt nicht über das Investitionsbudget und legt nicht fest, welche Rendite eine mögliche Folgeproduktion erreichen muss.

Niedersachsen kann aufgrund seiner besonderen Stellung verhindern und beeinflussen. Aber auch das Land kann dem Vorstand nicht einfach vorschreiben, in Emden ein bestimmtes Fahrzeug zu bauen und dafür Milliarden zu investieren.

Genau darin zeigt sich die historisch entstandene Asymmetrie der Machtverhältnisse bei Volkswagen.

Die Pointe der Satire beginnt deshalb eigentlich erst jetzt

Besonders interessant wird nun ein Begriff des gefundenen Kompromisses:

„alternative Verwendungsmöglichkeiten“.

Genau an dieser Stelle begann die Satire vom 30. August weiterzudenken.

Natürlich folgt daraus nicht, dass tatsächlich Rüstungskonzerne Werke übernehmen werden. Das war und bleibt satirische Zuspitzung.

Aber die dahinterliegende Möglichkeit ist nun Bestandteil der realen Auseinandersetzung: Ein Standort muss zukünftig möglicherweise nicht mehr in derselben Form, mit denselben Produkten oder sogar innerhalb derselben Unternehmensstruktur weitergeführt werden.

„Alternative Verwendung“ kann vieles heißen:

neue VW-Produkte, Komponentenfertigung, Kooperationen mit anderen Unternehmen, teilweise Fremdnutzung, neue industrielle Produktionen oder schließlich auch einen Verkauf.

Deshalb entscheidet sich erst in der nächsten Runde, wie weit die Satire tatsächlich von der Realität entfernt bleibt.

Der Kompromiss löst den Konflikt nicht – er verschiebt ihn

Vor dem Beschluss lautete die öffentlich sichtbare Frage:

Werden vier Werke geschlossen?

Nach dem Beschluss lautet sie:

Welche Zukunft bekommen diese vier Werke – und wer besitzt die Macht, darüber zu entscheiden?

Das ist ein bemerkenswerter Unterschied.

Denn der Konflikt wird damit aus der unmittelbaren Auseinandersetzung um Werksschließungen in einen Prozess der Entwicklung von „Perspektiven“ verlagert.

Und genau deshalb sollte man sehr aufmerksam beobachten, wer nun die Kriterien dafür festlegt, welche dieser Perspektiven als „wirtschaftlich“, „nachhaltig“ oder „wettbewerbsfähig“ gelten.

Hier setzt sich der Klassenkonflikt fort.

Nicht als spektakulärer Zweikampf zwischen Blume und Cavallo, Porsche/Piëch und Lies oder Vorstand und IG Metall.

Sondern als alltägliche Verfügung über Kapital, Investitionen, Produkte und Arbeit.

Fast alle können sich zu Siegern erklären

Damit sind wir der Pointe der Zukunftsvision erstaunlich nahe gekommen:

Blume kann sagen: Wir haben Volkswagen wettbewerbsfähiger und zukunftsfähiger gemacht.

IG Metall und Betriebsrat können sagen: Wir haben Werksschließungen verhindert und die Mitbestimmung verteidigt.

Olaf Lies kann sagen: Wir haben den niedersächsischen Standorten eine Perspektive erhalten.

Die Eigentümer können feststellen: Stellenabbau, Kostensenkung und höhere Rendite bleiben Bestandteile der Konzernstrategie.

Alle haben also etwas erreicht. Und niemand muss zunächst erklären, verloren zu haben.

Nur diejenigen, deren Arbeitsplätze an den vier Standorten von den noch zu entwickelnden „Perspektiven“ abhängen, wissen weiterhin nicht, welche Perspektive sie selbst haben.

Die Zukunft vorherzusagen war vielleicht deshalb gar nicht so schwierig

Das ist die eigentliche Pointe des Vergleichs.

Die kleine Satire vom 30. August war keine hellseherische Leistung.

Sie ging lediglich davon aus, dass die beteiligten Akteure innerhalb der bestehenden Macht- und Eigentumsstruktur nach ihren jeweiligen Interessen handeln würden – und dass ein möglicher Kompromiss diese Struktur eher reproduzieren als grundsätzlich verändern würde.

Genau das scheint vorläufig geschehen zu sein. Aber der Klassenkonflikt ist deshalb nicht gelöst.

Er ist aufgeschoben, neu organisiert und mit einer Frist versehen worden.

Bis dahin wird um „Perspektiven“, „Wettbewerbsfähigkeit“, Folgeprodukte und „alternative Verwendungsmöglichkeiten“ gestritten werden.

Deshalb sollte der Vergleich zwischen Vision und Wirklichkeit nicht mit der selbstzufriedenen Feststellung enden:

Ich haben es doch vorhergesagt.

Interessanter ist eine andere Schlussfolgerung:

Wenn sich aus der Analyse von Eigentum, Interessen und Machtverhältnissen ein möglicher Ausgang schon vorher relativ plausibel beschreiben lässt – dann sollten wir vielleicht weniger über die überraschenden Wendungen eines „Machtkampfes“ staunen und genauer auf die Strukturen schauen, innerhalb derer er stattfindet.

Und die letzte Zeile vom 30. August bleibt deshalb vorsorglich stehen:

Alle sind glücklich und zufrieden und leben in vertrauter Eintracht – bis zur nächsten Krise.


Für die Visualisierung, Recherche, Strukturierung und sprachliche Überarbeitung wurde ChatGPT von OpenAI unter Verwendung des Modells GPT-5.6 Sol eingesetzt (Zugriff: 04. September 2026). 

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