Klima, Krieg und Wirtschaft – warum wir Gesellschaftskompetenz brauchen
Politisch wirksam handeln heißt, gesellschaftliche Zusammenhänge erkennen zu können
Detlef Endeward (08/2026)
Klimawandel, Aufrüstung, Krieg, Energiepolitik, wirtschaftliche Interessen und individuelle Lebensführung werden in der öffentlichen Diskussion häufig als voneinander getrennte Themen behandelt. Für den Klimaschutz ist das Umweltressort zuständig, für Verteidigung und Krieg die Sicherheitspolitik, für industrielle Produktion und Wachstum die Wirtschaftspolitik. Auch in der Bildung entsprechen diesen Trennungen unterschiedliche Fächer und Kompetenzbereiche.
Gesellschaftliche Wirklichkeit hält sich jedoch nicht an solche Ressortgrenzen. Gerade aktuelle Konflikte zeigen, wie eng Politik, Ökonomie, Ökologie und gesellschaftliche Machtverhältnisse miteinander verbunden sind. Wer politisch urteilen und schließlich auch wirksam handeln will, muss deshalb mehr können, als sich innerhalb eines einzelnen Sachgebietes auszukennen. Er oder sie muss gesellschaftliche Zusammenhänge erkennen können.
Ein aktueller Beitrag von Irmtraud Gutschke auf den NachDenkSeiten über das Buch Militär, Rüstung, Klima von Olaf Achilles bietet dafür ein anschauliches Beispiel. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche ökologischen Folgen militärische Produktion, Aufrüstung und Krieg haben und in welchem Verhältnis diese zu den gesellschaftlichen Anforderungen an individuellen Klimaschutz stehen. Der Beitrag vertritt dabei pointierte politische Positionen, die man nicht teilen muss. Gerade deshalb eignet er sich als Ausgangspunkt kritischer Analyse: Seine Stärke liegt darin, Themen miteinander zu verbinden, die in der öffentlichen Wahrnehmung häufig getrennt erscheinen.
Klimawandel ist nicht nur ein ökologisches Problem
Wer verstehen will, warum sich das Klima verändert, benötigt zunächst naturwissenschaftliches Wissen. Dieses Wissen allein beantwortet jedoch nicht die Frage, warum Gesellschaften trotz jahrzehntelanger Kenntnis der Klimaproblematik weiterhin enorme Mengen fossiler Energieträger verbrauchen.
Spätestens an dieser Stelle wird aus dem ökologischen ein gesellschaftliches Problem.
Es geht um Produktionsweisen und Eigentumsverhältnisse, um Investitionen und Profite, um Arbeitsplätze und Einkommen, um staatliche Regulierung, internationale Konkurrenz und geopolitische Interessen. Es geht darum, wer über gesellschaftliche Ressourcen verfügt und wer darüber entscheidet, wofür diese eingesetzt werden. Und es geht schließlich darum, wer die ökologischen und sozialen Kosten wirtschaftlicher Entscheidungen trägt.
Ökologische Kompetenz reicht deshalb für sich genommen nicht aus. Sie muss mit ökonomischer und politischer Kompetenz verbunden werden.
Das gilt in besonderer Weise für den Zusammenhang von Klima und Militär. Militärische Aufrüstung ist nicht nur Sicherheitspolitik. Sie ist zugleich Wirtschaftspolitik: Rüstungsgüter müssen entwickelt, produziert und finanziert werden. Kapital, Rohstoffe, Energie und menschliche Arbeit werden dafür eingesetzt. Unternehmen erzielen Umsätze und Gewinne, staatliche Haushalte setzen Prioritäten und gesellschaftliche Ressourcen stehen für andere Zwecke nicht mehr zur Verfügung.
Damit stellt sich eine genuin politisch-ökonomische Frage:
Wer entscheidet darüber, wofür eine Gesellschaft ihre materiellen und menschlichen Ressourcen einsetzt?
Die unsichtbare politische Ökonomie des Klimas
Die Klimadebatte wird häufig über individuelles Verhalten geführt. Menschen sollen weniger fliegen, weniger Fleisch essen, Energie sparen, andere Verkehrsmittel benutzen oder klimafreundlicher konsumieren. Viele dieser Veränderungen können ökologisch sinnvoll sein.
Problematisch wird es jedoch, wenn gesellschaftlich verursachte Probleme überwiegend als individuelle Verhaltensprobleme erscheinen.
Genau an diesem Punkt setzt der Beitrag von Gutschke an. Im Anschluss an Achilles kritisiert sie eine Individualisierung ökologischer Verantwortung: Persönliche Selbstwirksamkeit könne in den Vordergrund treten, während diejenigen gesellschaftlichen Bereiche aus dem Blick geraten, die einzelne Menschen kaum unmittelbar beeinflussen können.
Damit wird eine grundsätzliche Frage aufgeworfen, die weit über das konkrete Thema hinausgeht.
Die Aufforderung
„Was kannst du für den Klimaschutz tun?“
ist wichtig, aber unzureichend.
Gesellschaftskompetenz verlangt zusätzlich zu fragen:
Wer produziert unter welchen Bedingungen? Wer entscheidet über Investitionen? Welche Interessen beeinflussen politische Entscheidungen? Wer verfügt über gesellschaftliche Ressourcen? Wer profitiert von bestimmten Entscheidungen und wer trägt ihre Kosten? Welche Alternativen bestehen – und welche gesellschaftlichen Kräfte könnten sie durchsetzen?
Erst dadurch wird aus individuellem Umweltbewusstsein gesellschaftliche Erkenntnis.
Politik und Wirtschaft lassen sich nicht voneinander trennen
Das Beispiel zeigt zugleich, warum eine strikte Trennung von politischer und ökonomischer Bildung problematisch ist.
Aufrüstung wird politisch mit Sicherheitsinteressen begründet. Zugleich schafft sie staatlich garantierte Nachfrage für Rüstungsunternehmen. Energiepolitik betrifft Klimaziele, ist aber zugleich Industrie-, Außen-, Handels- und Sozialpolitik. Sanktionen können geopolitischen Zielen dienen und gleichzeitig Energiepreise, industrielle Produktionsbedingungen und Lebenshaltungskosten verändern. Staatliche Haushaltsentscheidungen legen fest, wie viele Ressourcen für Rüstung, Infrastruktur, Bildung, sozialen Wohnungsbau oder ökologischen Umbau eingesetzt werden.
Politische Entscheidungen verändern ökonomische Bedingungen – und ökonomische Machtverhältnisse wirken auf politische Entscheidungen zurück.
Genau deshalb versteht die Rubrik „Wirtschaft heute“ wirtschaftliche Entwicklungen nicht als Naturereignisse, sondern als gesellschaftlich und politisch gestaltete Prozesse. Ökonomische Kompetenz bedeutet dann mehr als Kenntnisse über Märkte, Unternehmen oder volkswirtschaftliche Kennzahlen. Sie verlangt, wirtschaftliche Prozesse im Zusammenhang mit Interessen, Eigentum, Macht und politischen Entscheidungen zu untersuchen.
Umgekehrt kann politische Kompetenz nicht darauf beschränkt bleiben, Institutionen, Parteien, Wahlen und Gesetzgebungsverfahren zu kennen. Wer politische Entscheidungen verstehen will, muss auch ihre ökonomischen Voraussetzungen und Folgen analysieren.
Gesellschaftskompetenzen wirken nicht nebeneinander
Hier wird eine grundlegende Annahme des Konzepts der Gesellschaftskompetenzen deutlich.
Politische, ökonomische, ökologische, historische, mediale, philosophische oder Gerechtigkeitskompetenz bilden keinen Katalog voneinander unabhängiger Fähigkeiten. Sie bezeichnen unterschiedliche Perspektiven, unter denen gesellschaftliche Wirklichkeit erschlossen werden kann.
Am Beispiel Klima, Militär und Aufrüstung wird dies unmittelbar sichtbar.
Ökologische Kompetenz fragt nach Ressourcenverbrauch und Klimafolgen. Ökonomische Kompetenz untersucht Produktion, Investitionen, Profite und Ressourcenallokation. Politische Kompetenz fragt nach Entscheidungen, Interessen und Macht. Historische Kompetenz untersucht, wie die gegenwärtigen Verhältnisse entstanden sind. Medienkompetenz fragt danach, welche Aspekte öffentlich sichtbar werden und welche kaum vorkommen. Gerechtigkeitskompetenz untersucht die Verteilung von Nutzen, Belastungen und Entscheidungsmöglichkeiten.
Keine dieser Perspektiven genügt allein.
Gesellschaftskompetenz entsteht vielmehr dort, wo diese unterschiedlichen Perspektiven miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Sie bezeichnet damit die Fähigkeit, hinter einzelnen Ereignissen und Meldungen gesellschaftliche Vermittlungszusammenhänge erkennen zu können.
Vom Wissen zum politischen Handeln
Damit stellt sich schließlich die entscheidende Frage nach politischer Wirksamkeit.
Menschen können über ein erhebliches Wissen verfügen und sich dennoch politisch ohnmächtig fühlen. Sie wissen um Klimawandel, soziale Ungleichheit, Kriege oder wirtschaftliche Krisen, erleben diese Probleme jedoch als Prozesse, auf die sie kaum Einfluss haben.
Ein Bildungsverständnis, das darauf vor allem mit individuellen Verhaltensanforderungen reagiert, verstärkt diese Erfahrung möglicherweise sogar. Der Einzelne soll nachhaltiger konsumieren, sich flexibel auf Veränderungen einstellen, seine Kompetenzen erweitern und seine persönliche „Resilienz“ erhöhen.
Damit wird gesellschaftliche Veränderung tendenziell zur individuellen Anpassungsleistung.
Gesellschaftskompetenz verfolgt einen anderen Anspruch.
Sie fragt nicht nur:
Wie kann ich mich unter gegebenen Bedingungen richtig verhalten?
Sondern:
Warum sind diese Bedingungen so, wie sie sind – und wie können Menschen sie gemeinsam verändern?
Hier liegt auch die Verbindung zur Demokratiekompetenz. Demokratie erschöpft sich nicht darin, zwischen politischen Angeboten auszuwählen. Demokratische Handlungsfähigkeit setzt voraus, gesellschaftliche Interessen und Machtverhältnisse erkennen, eigene Interessen formulieren, Bündnisse eingehen und kollektive Handlungsmöglichkeiten entwickeln zu können.
Politische Wirksamkeit setzt deshalb gesellschaftliches Zusammenhangswissen voraus.
Gesellschaft verstehen, um sie verändern zu können
Das Beispiel Klima und Militär führt damit zu einer allgemeinen bildungspolitischen Konsequenz.
Die gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart sind nicht sauber voneinander getrennt. Klimawandel ist zugleich ein ökonomisches, politisches und soziales Problem. Krieg ist zugleich ein politisches, wirtschaftliches, ökologisches und kulturelles Phänomen. Wirtschaftspolitik ist immer auch Sozial-, Macht- und Verteilungspolitik.
Bildung, die diese Zusammenhänge wieder in einzelne Fachgebiete zerlegt, erschwert gerade das Verständnis, das zur politischen Orientierung erforderlich wäre.
Gesellschaftskompetenzen sollen diese fachlichen Perspektiven nicht abschaffen. Naturwissenschaftliches Klimawissen bleibt notwendig, ebenso ökonomisches, historisches und politisches Wissen. Entscheidend ist jedoch die Fähigkeit, diese Wissensbestände aufeinander zu beziehen.
Das ist mehr als Interdisziplinarität. Es geht um die Erkenntnis, dass gesellschaftliche Wirklichkeit selbst aus solchen Vermittlungszusammenhängen besteht.
Der aktuelle Konflikt um Klima, Aufrüstung und Krieg ist dafür nur ein Beispiel. Gerade an ihm lässt sich jedoch erkennen, weshalb Gesellschaftskompetenz eine Voraussetzung demokratischer Handlungsfähigkeit ist:
Wer gesellschaftliche Zusammenhänge nicht erkennt, kann auf einzelne Probleme reagieren. Wer sie erkennt, kann beginnen, nach ihren Ursachen, den dahinterstehenden Interessen und möglichen Alternativen zu fragen.
Und erst dort beginnt die Möglichkeit, sich nicht nur individuell richtig zu verhalten, sondern gesellschaftlich und politisch wirksam zu handeln.
Bezugsbeitrag
Irmtraud Gutschke: Das Militär und das Klima: Heuchelei, Betrug, Verbrechen, NachDenkSeiten, 14. August 2026. Der Beitrag nimmt Bezug auf Olaf Achilles: Militär, Rüstung, Klima. Die Insolvenz der Klimagovernance, epubli 2026.
