Kapital kennt keine Moral

Und Audi-Chef Döllner liefert den Anschauungsunterricht

Detlef Endeward | 26. Oktober 2026

Ein Kommentar zu Audi, Trump und der Macht des Kapitals

„Beschämend“ nennt VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo den Auftritt von Audi-Chef Gernot Döllner an der Seite Donald Trumps. Das mag zutreffen. Aber moralische Entrüstung ist nicht das Gebot der Stunde. Vielmehr sollte der Vorgang Anlass sein, sich darüber klar zu werden, mit wem man es zu tun hat.

Kapital kennt keine Moral. Es kennt Interessen. Und wenn sich diese Interessen durch einen Schulterschluss mit einem autoritären Politiker besser durchsetzen lassen, dann legt man sich eben auch mit dem Teufel ins Bett. Hauptsache, das Geschäft stimmt.

Döllners Auftritt ist deshalb kein peinlicher Ausrutscher eines Managers, der seine politischen Manieren vergessen hat. Er ist Ausdruck einer ökonomischen Rationalität, die politische Beziehungen danach bewertet, ob sie der Sicherung von Märkten, Profiten und Investitionsbedingungen dienen.

Trump verspricht Schutz vor Importkonkurrenz, Audi plant Milliardeninvestitionen in den USA. Trump bekommt Bilder für seine politische Inszenierung, Audi bessere Aussichten auf dem amerikanischen Markt. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Warum sollte sich ein Konzernchef diese Gelegenheit entgehen lassen?

Eine deutsche Tradition

Dass deutsche Großunternehmen ihre Beziehungen zur politischen Macht nach wirtschaftlichen Interessen ausrichten, hat Tradition. Eine besonders verhängnisvolle Rolle spielte das deutsche Großkapital bei der Unterstützung und Stabilisierung der nationalsozialistischen Herrschaft. Unternehmen wie IG Farben und Krupp profitierten von Aufrüstung, Krieg und Zwangsarbeit.

Die gegenwärtigen USA sind nicht das nationalsozialistische Deutschland. Aber die historische Erfahrung verweist auf eine grundsätzliche Frage: Welche Bedeutung haben demokratische Prinzipien für Unternehmen, wenn ihre Geschäftsinteressen eine Zusammenarbeit mit autoritären politischen Kräften nahelegen?

Die Antwort der Geschichte ist wenig beruhigend. Demokratische Überzeugungen haben wirtschaftliche Eliten keineswegs zuverlässig daran gehindert, autoritäre Herrschaft zu unterstützen oder sich mit ihr zu arrangieren.

Milliarden für Amerika, Sparprogramme für Deutschland

Besonders aufschlussreich wird der Vorgang vor dem Hintergrund der gegenwärtigen VW-Krise.

Während in Deutschland Arbeitsplätze gestrichen, Tarifverträge infrage gestellt und Beschäftigte zu Zugeständnissen gedrängt werden, plant die Konzerntochter Audi eine milliardenschwere Investition in den USA.

Natürlich folgt die Investition einer betriebswirtschaftlichen Logik. Genau darum geht es!

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Audi in Amerika investieren darf. Sie lautet: Wer entscheidet darüber, wo investiert, wo produziert und wo Beschäftigung abgebaut wird? Und wessen Interessen bestimmen diese Entscheidungen?

Die Beschäftigten sollen die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens sichern, haben aber nur begrenzten Einfluss auf die strategischen Entscheidungen, von denen ihre eigene Zukunft abhängt.

Hier zeigt sich der gesellschaftliche Charakter des Konflikts: Die Folgen unternehmerischer Entscheidungen treffen Beschäftigte, Familien, Kommunen und soziale Sicherungssysteme. Die Verfügung über Investitionen bleibt dagegen weitgehend beim Kapital.

Nicht Empörung, sondern Gegenmacht

Cavallos Kritik enthält allerdings einen entscheidenden Ansatzpunkt, der über moralische Entrüstung hinausweist: Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat verlangen Klarheit über die Folgen der amerikanischen Investition für die deutschen Standorte und verweigern vorerst ihre Zustimmung.

Das ist die Sprache, die zählt: nicht moralische Appelle, sondern die Wahrnehmung organisierter Gegenmacht.

Gewerkschaften haben ihre Rechte historisch nicht erkämpft, weil Unternehmer plötzlich ihr soziales Gewissen entdeckten. Sie haben sie erkämpft, indem sie Interessen organisierten, Konflikte austrugen und Machtverhältnisse veränderten.

Wer glaubt, die Konzernführung durch den Hinweis auf demokratische Werte oder historische Verantwortung von der Verfolgung ihrer Geschäftsinteressen abhalten zu können, verkennt die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Das bedeutet nicht, dass moralische Maßstäbe bedeutungslos wären. Aber sie ersetzen weder eine Analyse der ökonomischen Interessen noch den Kampf um demokratische Verfügungsmacht.

Die eigentliche Zumutung ist nicht, dass ein Audi-Chef Donald Trump die Hand reicht. Die eigentliche Zumutung besteht darin, dass über Milliardeninvestitionen und die Zukunft Zehntausender Beschäftigter nach Maßgabe privater Verwertungsinteressen entschieden wird – während die Betroffenen um ihre Arbeitsplätze bangen müssen.

Darüber sollte man sich nicht nur empören. Darüber muss gestritten werden.


Quellen

Tagesschau (26.10.2026): Audi-Chef Döllner, Trump und die Pläne für ein US-Werk

Rheinische Post: Cavallo – Auftritt von Audi-Chef bei Trump ist „beschämend“

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