Von Caligari zu Hitler

Filmgeschichte als Geschichte gesellschaftlicher Mentalitäten

Zur Konzeption der Rubrik „Film in der Weimarer Republik“

Siegfried Kracauers 1947 im amerikanischen Exil veröffentlichtes Werk From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film gehört zu den einflussreichsten und zugleich umstrittensten Untersuchungen der deutschen Filmgeschichte. Seine zentrale Fragestellung richtet sich nicht allein auf die Entwicklung des Films als Kunstform oder Unterhaltungsmedium. Kracauer untersucht vielmehr, welche gesellschaftlichen Erfahrungen, kollektiven Vorstellungen, Ängste, Wünsche und politischen Dispositionen in den Filmen einer Epoche sichtbar werden.

Bereits im Vorwort erklärt Kracauer, dass er deutsche Filme nicht ausschließlich um ihrer selbst willen untersucht. Vielmehr will er durch ihre Analyse Erkenntnisse über die gesellschaftlichen und psychologischen Voraussetzungen der deutschen Entwicklung vor 1933 gewinnen. Er geht davon aus, dass Filme Hinweise auf tief liegende psychologische Dispositionen enthalten, die den Verlauf historischer Ereignisse mitbeeinflusst haben.[1]

Seine leitende These lautet, dass sich in den deutschen Filmen der Weimarer Republik psychologische und gesellschaftliche Grundmuster erkennen lassen, die zum Verständnis des späteren Aufstiegs des Nationalsozialismus beitragen. Die Filme erscheinen damit als historische Zeugnisse einer Gesellschaft, deren politische Entwicklung sich nicht allein aus Parteien, Wahlen, ökonomischen Krisen und staatlichen Institutionen erklären lässt.

Kracauer fragt nach gesellschaftlichen Mentalitäten, die sich unterhalb ausdrücklich formulierter politischer Überzeugungen herausbilden und in populären kulturellen Ausdrucksformen niederschlagen. Die Filme enthalten für ihn Spuren solcher Mentalitäten, auch dort, wo sie scheinbar unpolitische Geschichten erzählen.[2]

Dieser Ansatz bildet einen wesentlichen Ausgangspunkt für die Filmauswahl und die historische Einordnung innerhalb unserer Rubrik zur Weimarer Republik. Wir folgen Kracauers Fragestellung und seiner Verbindung von Filmgeschichte und Gesellschaftsgeschichte, ohne seine Interpretationen als abschließende Urteile über die einzelnen Filme zu übernehmen.

Die Erkenntnismöglichkeiten und methodischen Grenzen seiner Untersuchung werden in dem eigenständigen Beitrag „Siegfried Kracauers psychologische Filmgeschichte – Erkenntnisgewinn und Kritik“ ausführlich diskutiert. Die dort behandelten Einwände sind für die Konzeption dieser Rubrik von grundlegender Bedeutung.


Filmgeschichte und die historischen Phasen der Weimarer Republik

Kracauer orientiert die Gliederung seiner Filmgeschichte an der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands. Nach einem einleitenden Teil über die Filmgeschichte des Kaiserreichs unterscheidet er drei große Phasen der Weimarer Republik.

Historische Phase Kracauers Gliederung Gesellschaftsgeschichtlicher Zusammenhang
1918–1924 Die Nachkriegszeit Revolution, Zusammenbruch der alten Ordnung, politische Kämpfe, Inflation und gesellschaftliche Verunsicherung
1924–1929 Die Stabilisierungszeit Relative wirtschaftliche und politische Stabilisierung, Modernisierung und fortbestehende gesellschaftliche Widersprüche
1930–1933 Die Vorhitlerzeit Weltwirtschaftskrise, Krise des Parlamentarismus, autoritäre Neuorientierung und Aufstieg des Nationalsozialismus

Diese Periodisierung folgt weitgehend der klassischen historischen Einteilung der Weimarer Republik. Sie ist bei Kracauer jedoch mehr als ein chronologisches Ordnungsschema.

Er untersucht, wie sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen auch die filmischen Ausdrucksformen, Erzählmuster und wiederkehrenden Motive verändern. Die Filme werden nicht lediglich den politischen Ereignissen ihrer Entstehungszeit zugeordnet. Vielmehr fragt Kracauer danach, welche gesellschaftlichen Erfahrungen und mentalen Dispositionen in ihnen verarbeitet werden.

Innerhalb der drei Phasen entwickelt er thematische Kapitel, deren Überschriften bereits zentrale Motivkomplexe bezeichnen. Dazu gehören beispielsweise „Der Schock der Freiheit“, „Aufmarsch der Tyrannen“, „Schicksal“, „Stummes Chaos“, „Das entscheidende Dilemma“ und „Von der Auflehnung zur Unterwerfung“.[3]

Die einzelnen Motivkomplexe werden in den folgenden Beiträgen dieser Rubrik gesondert vorgestellt und anhand ausgewählter Filme untersucht. An dieser Stelle geht es zunächst um den theoretischen und methodischen Zusammenhang seiner Argumentation.

Für die Lernwerkstatt ist diese Periodisierung zugleich ein Verbindungsglied zwischen Filmgeschichte und der Sozial-, Kultur- und politisch-ökonomischen Geschichte der Weimarer Republik. Die filmischen Entwicklungen werden in den Zusammenhang gesellschaftlicher Konflikte, wirtschaftlicher Veränderungen, politischer Machtverhältnisse und kultureller Auseinandersetzungen gestellt.


Warum Filme für Kracauer historische Quellen sind

Kracauer begründet seinen Ansatz im Vorwort und in der Einleitung ausdrücklich. Filme besitzen für ihn gegenüber anderen kulturellen Ausdrucksformen eine besondere Aussagekraft. Dafür führt er zwei wesentliche Gründe an.

Erstens entstehen Filme in einem kollektiven Produktionsprozess. Drehbuch, Regie, Kamera, Ausstattung, Schauspiel und Produktion wirken zusammen. Auch wenn einzelne Filmschaffende einen Film entscheidend prägen können, ist er niemals ausschließlich das Werk eines isolierten Individuums. In seiner Gestaltung kommen unterschiedliche gesellschaftliche Erfahrungen und Vorstellungen zusammen.[4]

Zweitens richten sich Filme an ein Massenpublikum. Sie müssen dessen Erwartungen, Wünsche und Wahrnehmungsweisen zumindest teilweise aufgreifen, wenn sie erfolgreich sein wollen. Daraus folgt für Kracauer nicht, dass Filme lediglich vorhandene Publikumswünsche erfüllen. Vielmehr besteht zwischen Filmproduktion und Publikum ein wechselseitiges Verhältnis.

Die Filmindustrie bietet bestimmte Geschichten und Bilder an, greift gesellschaftlich vorhandene Bedürfnisse auf und kann zugleich deren Ausprägung beeinflussen. Gerade diese Verbindung macht den populären Film für Kracauer zu einer besonders aufschlussreichen historischen Quelle. Er berücksichtigt dabei ausdrücklich auch die wirtschaftlichen Interessen der Filmindustrie.[5]

Entscheidend ist seine Unterscheidung zwischen ausdrücklich vertretenen Überzeugungen und tiefer liegenden psychologischen Dispositionen. Filme verweisen nach Kracauer auf gesellschaftliche Einstellungen, die nicht unbedingt bewusst reflektiert oder politisch artikuliert werden.

Vorstellungen von Autorität und Unterordnung, Erfahrungen von Ohnmacht, Wünsche nach Sicherheit, Ängste vor gesellschaftlichen Veränderungen oder Hoffnungen auf eine andere Ordnung können sich in filmischen Erzählungen und Bildern niederschlagen, ohne dass die Filme selbst ein entsprechendes politisches Programm vertreten.[6]

Für Kracauer ist deshalb auch nicht allein die Handlung eines Films entscheidend. Besondere Bedeutung besitzen wiederkehrende bildliche und erzählerische Motive, die sich über unterschiedliche Filme, Genres und Produktionszusammenhänge hinweg beobachten lassen.

Ihre Häufung und Veränderung versteht er als Hinweis auf gesellschaftlich verbreitete Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmuster. Dabei ist nicht allein der kommerzielle Erfolg eines einzelnen Films ausschlaggebend. Besonders aussagekräftig erscheinen ihm Motive, die sowohl in populären als auch in weniger erfolgreichen Filmen wiederkehren.[7]

Gerade hier setzt allerdings eine wesentliche methodische Kritik an. Kracauers tatsächliche Filmauswahl konzentriert sich in erheblichem Umfang auf künstlerisch ambitionierte Filme, obwohl seine theoretische Begründung auf die Aussagekraft verbreiteter, wiederkehrender Motive in der gesamten populären Filmproduktion zielt.

Auf diesen Widerspruch haben unter anderem Uli Jung und Walter Schatzberg sowie Barry Salt aufmerksam gemacht. Eine ausführliche Auseinandersetzung bietet der Beitrag „Kracauers psychologische Filmgeschichte – Erkenntnisgewinn und Kritik“.[8]

Für die Lernwerkstatt folgt daraus, dass die Bedeutung eines Motivs nicht allein aus seiner Interpretation in einem exemplarischen Film abgeleitet werden kann. Zu berücksichtigen sind ebenso die zeitgenössische Filmproduktion, unterschiedliche Genres, die Verbreitung der Filme und ihre Rezeption.

Wie sich Kracauers grundlegende Fragestellung unter Berücksichtigung dieser Kritik weiterentwickeln lässt, zeigt die Untersuchung von Bettina Greffrath über die deutschen Spielfilme der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Greffrath übernimmt Kracauers Interesse an gesellschaftlichen Mentalitäten, kritisiert jedoch seine assoziative, wenig systematische Untersuchungsmethode. Sie will gerade den Widerspruch zwischen seinem Anspruch, typische und populäre Motive zu untersuchen, und seiner tatsächlichen Konzentration auf ausgewählte Kunstfilme vermeiden. Deshalb richtet sie den Blick auf die wiederkehrenden Themen und Motive einer breiteren Filmproduktion und untersucht deren Zusammenhang mit gesellschaftlichen Erfahrungen und Vorstellungen.[9]

Diese Weiterentwicklung ist für die Lernwerkstatt von besonderer Bedeutung. Greffraths Untersuchung bildet eine methodische Verbindung zwischen Kracauers Mentalitätsgeschichte und einer stärker systematischen, sozialhistorisch orientierten Filmanalyse. Ihre Ergebnisse sind in der Rubrik „Film im Nachkriegsdeutschland“ in zahlreichen Beiträgen dokumentiert.


Die gesellschaftliche Verankerung der Mentalitäten

Kracauer geht nicht von einem unveränderlichen deutschen Nationalcharakter aus. Er betont ausdrücklich, dass kollektive Dispositionen historisch entstehen und sich unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen wandeln können.

Seine Untersuchung fragt daher nach den Mentalitäten einer bestimmten Gesellschaft in einer bestimmten historischen Situation. Er will die politische, soziale, ökonomische und kulturelle Geschichte um eine psychologische Geschichte ergänzen.[10]

Dabei misst er den bürgerlichen und kleinbürgerlichen Schichten besondere Bedeutung zu. Ihre gesellschaftlichen Orientierungen, Statusvorstellungen und Ängste beeinflussten nach seiner Auffassung auch andere Bevölkerungsgruppen. Er verweist in diesem Zusammenhang auf seine bereits 1930 veröffentlichte Untersuchung Die Angestellten, in der er die Widersprüche zwischen der ökonomischen Lage vieler Angestellter und ihrem bürgerlichen Selbstverständnis herausgearbeitet hatte.[11]

Diese Verbindung ist für seine Filmgeschichte wesentlich. Gesellschaftliche Mentalitäten entstehen nicht unabhängig von den materiellen Lebensverhältnissen. Sie entwickeln sich in der Auseinandersetzung mit sozialen Erfahrungen, können sich aber verselbstständigen und auch dann fortbestehen, wenn sich ihre ursprünglichen Voraussetzungen verändern.

Damit ergänzt Kracauer die politische und ökonomische Geschichte um eine weitere Untersuchungsebene: die Geschichte gesellschaftlicher Wahrnehmungen, Wünsche und psychischer Dispositionen.

Er will erklären, warum Menschen unter bestimmten historischen Bedingungen politische Entwicklungen unterstützen, hinnehmen oder ihnen keinen wirksamen Widerstand entgegensetzen, obwohl sich diese Haltungen nicht unmittelbar aus ihren materiellen Interessen ableiten lassen.

Allerdings bleibt zu fragen, in welchem Umfang die untersuchten Filme tatsächlich die Mentalitäten unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen ausdrücken. Die Weimarer Republik war eine Klassengesellschaft mit konkurrierenden politischen und kulturellen Milieus. Die Vorstellungen und Erfahrungen dieser Gruppen dürfen nicht vorschnell zu einer einheitlichen kollektiven Mentalität zusammengefasst werden.

Auch hier ist Greffraths Untersuchung aufschlussreich. Sie fragt bei ihrer Analyse der Nachkriegsspielfilme nicht lediglich nach allgemeinen gesellschaftlichen Stimmungen, sondern nach wiederkehrenden Bildern von Heimkehr, Schuld, Ohnmacht, Fremdheit, familiären Beziehungen und gesellschaftlichen Zukunftsvorstellungen. Diese Motive werden in ihrem Zusammenhang mit den Erfahrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit untersucht.

Die Beiträge „Das Motiv der Heimkehr“ und „Erdenschwere: Vom Misslingen eskapistischer Phantasien“ verdeutlichen diesen Zugang exemplarisch. Die Verbindung von Motivanalyse und Gesellschaftsgeschichte wird hier nicht aufgegeben, sondern systematischer entfaltet.


Mentalitätsgeschichte und die Faschisierung der Gesellschaft

Aus dieser Perspektive gewinnt Kracauers zentrale These ihre historische Bedeutung.

Die nationalsozialistische Herrschaft entstand nicht voraussetzungslos im Januar 1933. Ihr Aufstieg vollzog sich innerhalb einer Gesellschaft, in der autoritäre Orientierungen, antidemokratische Traditionen und gesellschaftliche Verunsicherungen bereits vorhanden waren.

Kracauer untersucht, inwieweit sich entsprechende mentale Grundmuster schon in den Filmen der vorangegangenen Jahre erkennen lassen. Dabei interessieren ihn nicht nur ausdrücklich nationalistische oder politische Filme. Gerade in Unterhaltungsfilmen, Fantasiegeschichten und scheinbar unpolitischen Erzählungen sucht er nach gesellschaftlichen Dispositionen, die den späteren politischen Entwicklungen vorausgingen.[12]

Die Filme haben in dieser Argumentation eine doppelte Bedeutung. Einerseits geben sie Aufschluss über vorhandene Mentalitäten. Andererseits können sie durch die Wiederholung bestimmter Vorstellungen und Bilder zur Verfestigung gesellschaftlicher Wahrnehmungsweisen beitragen. Dieser zweite Zusammenhang ist eine weiterführende medien- und hegemonietheoretische Interpretation, nicht bereits ein von Kracauer empirisch geführter Wirkungsnachweis.

Für die Frage nach der Faschisierung der deutschen Gesellschaft ist diese Perspektive besonders ergiebig. Sie lenkt den Blick auf die gesellschaftlichen Voraussetzungen autoritärer Herrschaft und auf die kulturellen Formen, in denen solche Voraussetzungen sichtbar werden.

Allerdings ist eine wichtige Unterscheidung erforderlich: Kracauers rückblickende Rekonstruktion gesellschaftlicher Dispositionen ist nicht mit dem Nachweis gleichzusetzen, dass bestimmte Filme nationalsozialistische Überzeugungen erzeugt hätten oder dass ihre Zuschauer später notwendigerweise den Nationalsozialismus unterstützten.

Die Stärke seines Ansatzes liegt darin, nach den gesellschaftlichen Voraussetzungen politischer Entwicklungen zu fragen. Seine Grenzen liegen in der Schwierigkeit, aus filmischen Motiven auf tatsächlich verbreitete Einstellungen und deren politische Wirkungen zu schließen.

Hinzu kommt das Problem einer rückblickenden Interpretation, die die Filmgeschichte der Weimarer Republik zu stark auf ihren späteren Ausgang beziehen kann. Die politischen und kulturellen Entwicklungen der Republik waren jedoch widersprüchlich und historisch offen. Neben autoritären Orientierungen existierten demokratische, sozialistische und andere emanzipatorische Vorstellungen, die ebenfalls in der Filmkultur Ausdruck fanden.

Leonardo Quaresima hat diese Problematik in seiner ausführlichen Einleitung zur Neuausgabe von 2004 untersucht. Er diskutiert sowohl die zeitgenössische Kritik an Kracauers Buch als auch spätere Einwände gegen dessen rückblickende Interpretationen und sozialpsychologische Methode.[13]

Die ausführliche Auseinandersetzung mit diesen Einwänden erfolgt in der Lernwerkstatt im eigenständigen Beitrag „Siegfried Kracauers psychologische Filmgeschichte – Erkenntnisgewinn und Kritik“.


Film, Mentalität und kulturelle Hegemonie

Kracauers Untersuchung lässt sich darüber hinaus mit der Frage nach der kulturellen Hegemonie verbinden, wie sie Antonio Gramsci entwickelt hat. Diese Verbindung ist eine weiterführende Interpretation und keine von Kracauer selbst ausdrücklich vorgenommene theoretische Zuordnung.

Während Gramsci untersucht, wie gesellschaftliche Herrschaft durch die Herstellung von Zustimmung, die Verbreitung von Weltbildern und die Tätigkeit gesellschaftlicher Institutionen stabilisiert wird, fragt Kracauer nach den mentalen Dispositionen, die sich in populären Filmen ausdrücken.

Beide Perspektiven ergänzen sich, ohne identisch zu sein. Mit Gramsci lässt sich fragen, welche gesellschaftlichen Kräfte über die Produktion und Verbreitung kultureller Vorstellungen verfügen und wie gesellschaftliche Zustimmung hergestellt wird. Mit Kracauer lässt sich untersuchen, welche Wünsche, Ängste und Autoritätsvorstellungen in kulturellen Produkten erkennbar werden.

Der Zusammenhang ist in der Lernwerkstatt bereits im Beitrag „Film als Seismograph und Medium kultureller Hegemonie – Kracauer und Gramsci im Dialog“ ausführlicher dargestellt.[14]

Die Verbindung eröffnet eine doppelte Perspektive: Filme können als Spuren gesellschaftlicher Mentalitäten untersucht werden und zugleich als Medien, die an der Verbreitung, Bestätigung oder Infragestellung gesellschaftlicher Deutungsmuster beteiligt sind.

Daraus folgt jedoch nicht, dass aus der Darstellung bestimmter Motive bereits ihre hegemoniale Wirkung abgeleitet werden könnte. Ob und wie Filme zur Herstellung gesellschaftlicher Zustimmung beitragen, hängt von ihren Produktionsbedingungen, ihrer Verbreitung, ihrer filmischen Gestaltung und ihrer tatsächlichen Aneignung durch das Publikum ab.

Für die Beschäftigung mit der Weimarer Republik eröffnet diese Verbindung einen wichtigen Zugang. Die politische und ideologische Orientierung der Presse, die Konzentration von Medienmacht, die Entwicklung der Filmindustrie und die in Filmen erkennbaren gesellschaftlichen Mentalitäten können als unterschiedliche, miteinander verbundene Elemente der politischen Kultur untersucht werden.

Dabei dürfen weder die Presse noch die Filmproduktion als einheitlicher ideologischer Apparat verstanden werden. Auch oppositionelle, sozialkritische und emanzipatorische Vorstellungen fanden in der Weimarer Medienkultur Ausdruck. Gerade die Auseinandersetzung zwischen diesen unterschiedlichen Orientierungen gehört zur Geschichte der Republik.

Die Frage lautet deshalb nicht nur, welche autoritären Dispositionen sich in Filmen erkennen lassen, sondern auch, welche gesellschaftlichen Gegenentwürfe sichtbar werden und welche Bedeutung sie innerhalb der damaligen Öffentlichkeit gewinnen konnten.


Kracauers Ansatz als Grundlage unserer Filmauswahl

Die Rubrik „Film in der Weimarer Republik“ orientiert sich an Kracauers historischer Gliederung und an den von ihm herausgearbeiteten Motivkomplexen.

Die Auswahl der Filme folgt damit nicht ausschließlich ihrer filmästhetischen Bedeutung, ihrem zeitgenössischen Erfolg oder ihrem späteren Rang in der Filmgeschichte. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, welchen Beitrag sie zum Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklung der Weimarer Republik leisten können.

Kracauers Untersuchung dient dabei als historischer und analytischer Ausgangspunkt. Seine Motivkomplexe geben der Rubrik eine übergreifende Struktur. Die einzelnen Filme werden jedoch nicht auf ihre Funktion als Belege für seine Thesen reduziert. Ihre Produktionsbedingungen, filmischen Gestaltungsmittel, zeitgenössische Rezeption und gesellschaftlichen Bezüge müssen jeweils eigenständig untersucht werden.

Die Filmanalysen der Lernwerkstatt orientieren sich deshalb am historisch-kritischen Analysemodell, das Filmrealität, Bedingungsrealität, Bezugsrealität und Wirkungsrealität miteinander verbindet.[15]

Die Untersuchung der filmischen Gestaltung wird dabei mit der Analyse der gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen, der historischen Bezüge und der Rezeption verbunden. Kracauers Deutungen können innerhalb dieses Zusammenhangs überprüft, differenziert oder auch zurückgewiesen werden.

Die Weiterentwicklung seiner Fragestellung durch Bettina Greffrath zeigt, wie produktiv die Verbindung von Motivgeschichte und systematischer Untersuchung einer historisch bestimmten Filmproduktion sein kann. In ihrer Arbeit über die deutschen Nachkriegsspielfilme untersucht sie nicht lediglich einzelne herausragende Werke, sondern wiederkehrende gesellschaftliche Erfahrungen, Deutungsmuster und Vorstellungen innerhalb eines zeitlich begrenzten Filmkorpus.

Damit wird die von Kracauer aufgeworfene Frage nach dem Zusammenhang von Film und gesellschaftlicher Mentalität nicht aufgegeben, sondern auf eine breitere empirische Grundlage gestellt. Greffraths Untersuchung ist zugleich ein Beispiel dafür, wie sich Filmgeschichte als Teil einer umfassenderen Sozial- und Kulturgeschichte entwickeln lässt.

Die Lernwerkstatt dokumentiert diesen Ansatz in den Beiträgen zur historischen Quellenanalyse von Spielfilmen und zur deutschen Nachkriegsfilmgeschichte.[16]

Für unsere Arbeit an der Weimarer Filmgeschichte bedeutet dies: Wir folgen Kracauers Fragestellung, seiner Periodisierung und seiner Suche nach wiederkehrenden gesellschaftlichen Mentalitäten. Seine Interpretationen werden jedoch als historisch begründete, überprüfbare Deutungsangebote behandelt.

Die Filmgeschichte wird dabei nicht isoliert betrachtet. Sie korrespondiert innerhalb der Lernwerkstatt mit der Sozialgeschichte, der Kulturgeschichte und der politischen Ökonomie der Weimarer Republik. Die Filme können Aufschluss darüber geben, wie gesellschaftliche Konflikte, politische Entwicklungen und ökonomische Veränderungen wahrgenommen und kulturell verarbeitet wurden. Umgekehrt bilden diese historischen Zusammenhänge eine notwendige Grundlage für die Interpretation der Filme.

Die Filme der Weimarer Republik werden damit nicht als bloße Vorboten des Nationalsozialismus verstanden, sondern als Zeugnisse einer widersprüchlichen Gesellschaft, in der autoritäre Traditionen, demokratische Bestrebungen, soziale Konflikte und Vorstellungen gesellschaftlicher Veränderung miteinander konkurrierten.

Die folgenden Beiträge greifen die einzelnen Motivkomplexe Kracauers auf und untersuchen anhand ausgewählter Filme, welche gesellschaftlichen Erfahrungen und Mentalitäten darin zum Ausdruck kommen.


Anmerkungen und Quellenbelege

[1] Siegfried Kracauer: From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film. Revised and Expanded Edition, hrsg. und eingeleitet von Leonardo Quaresima, Princeton/Oxford 2004, Vorwort, S. li–lii, insbesondere S. li. Deutsche Fassung: Von Caligari zu Hitler, Werke, Bd. 2.1, Berlin 2012, S. 9–10. Die englische Ausgabe liegt als vollständige digitalisierte Arbeitsgrundlage vor. Deutsche Leseprobe (PDF). ↩

[2] Kracauer 2004, S. 5–8, insbesondere S. 6. Zur Unterscheidung zwischen ausdrücklich vertretenen Überzeugungen und tiefer liegenden psychologischen Dispositionen. Deutsche Werkausgabe 2012, S. 16–18. ↩

[3] Kracauer 2012, Inhaltsverzeichnis, S. 5–6. Zur Gliederung der Nachkriegszeit, Stabilisierungszeit und Vorhitlerzeit sowie zu den einzelnen Motivkapiteln. Vgl. die entsprechende Gliederung in Kracauer 2004. Inhaltsverzeichnis der deutschen Ausgabe. ↩

[4] Kracauer 2004, S. 5–6. Das erste Argument betrifft den kollektiven Charakter der Filmproduktion. Deutsche Werkausgabe 2012, S. 14–15. ↩

[5] Kracauer 2004, S. 5–6. Das zweite Argument betrifft die Orientierung des Films am Massenpublikum und die wirtschaftlichen Interessen der Filmindustrie. Deutsche Werkausgabe 2012, S. 15–16. ↩

[6] Kracauer 2004, S. 6–7. Zu den psychologischen Dispositionen, die in populären kulturellen Ausdrucksformen erkennbar werden können. Deutsche Werkausgabe 2012, S. 16–17. ↩

[7] Kracauer 2004, S. 7–8. Zur methodischen Bedeutung wiederkehrender erzählerischer und bildlicher Motive in Filmen unterschiedlicher Popularität. Deutsche Werkausgabe 2012, S. 17–18. ↩

[8] Zur Kritik an Kracauers Filmauswahl vgl. Uli Jung/Walter Schatzberg (1992), S. 72–73; Barry Salt: „From Caligari to Who?“, Sight and Sound, Bd. 48, Nr. 2, 1979, S. 119–123. Die Kritik wird auch von Bettina Greffrath aufgegriffen. Vgl. „Zur Arbeit mit filmischen Quellen“ und „Kracauers Filmgeschichte – Erkenntnisgewinn und Kritik“. ↩

[9] Bettina Greffrath (1993): Untersuchung der Gesellschaftsbilder in den deutschen Nachkriegsspielfilmen 1945–1949, methodischer Grundlagenteil „Spielfilme als historische Quellen“. Dort begründet Greffrath die Übernahme von Kracauers Erkenntnisinteresse und ihre Kritik an seiner wenig systematischen Untersuchungsmethode. Der entsprechende Text ist in der Lernwerkstatt veröffentlicht: „Spielfilme als Spuren gesellschaftlicher Wahrnehmungen, Mentalitäten und kollektiver Selbstbilder“. Eine Seitenangabe zur ursprünglichen Arbeit wird hier nicht ergänzt, da die Seitenzählung der Ausgabe von 1993 nicht zuverlässig vorliegt. ↩

[10] Kracauer 2004, S. 8–9. Zur historischen Veränderlichkeit kollektiver Dispositionen und zur Abgrenzung gegenüber der Vorstellung eines unveränderlichen Nationalcharakters. Deutsche Werkausgabe 2012, S. 18–19. ↩

[11] Kracauer 2004, S. 9–11. Zur besonderen Bedeutung der Mittelschichten und zum Verhältnis zwischen gesellschaftlicher Lage und psychologischen Dispositionen. Vgl. Kracauer: Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland, Frankfurt am Main 1930. ↩

[12] Kracauer 2004, Vorwort, S. li–lii, und Einleitung, S. 5–11. Zur leitenden These der Untersuchung und ihrer gesellschaftsgeschichtlichen Zielsetzung. ↩

[13] Leonardo Quaresima: „Introduction to the 2004 Edition: Rereading Kracauer“. In: Kracauer 2004, S. xv–l, insbesondere S. xxxviii–xliv. Quaresima behandelt die zeitgenössische und spätere Kritik, die rückblickende Interpretation und die Problematik der sozialpsychologischen Methode. Verlagsnachweis. Siehe auch die kritische Auseinandersetzung in der Lernwerkstatt. ↩

[14] Antonio Gramsci: Gefängnishefte, Hamburg 1991–2002. Zum Zusammenhang von Kracauers Mentalitätsgeschichte und Gramscis Hegemonietheorie vgl. „Film als Seismograph und Medium kultureller Hegemonie – Kracauer und Gramsci im Dialog“. Die theoretische Verbindung ist eine weiterführende Interpretation der Lernwerkstatt. ↩

[15] Detlef Endeward: „Historisch-kritische Filmanalyse im schulischen Geschichtsunterricht“. In: Wilfried Köpke/Peter Stettner (Hrsg.): Filmerbe. Non-fiktionale historische Bewegtbilder in Wissenschaft und Medienpraxis, Köln 2018, S. 209–236. Zur Unterscheidung von Filmrealität, Bedingungsrealität, Bezugsrealität und Wirkungsrealität siehe „Didaktische Analysemodelle“. ↩

[16] Bettina Greffrath (1993): Untersuchung der Gesellschaftsbilder in deutschen Nachkriegsspielfilmen. Die Lernwerkstatt dokumentiert den methodischen Ansatz und zahlreiche Ergebnisse dieser Arbeit, unter anderem in den Beiträgen „Spielfilme als historische Quellen“, „Das Motiv der Heimkehr“, „Erdenschwere: Vom Misslingen eskapistischer Phantasien“ und „Modelle für eine neue Gesellschaft?“. ↩


Literatur und verwendete Ausgaben

Endeward, Detlef (2018): „Historisch-kritische Filmanalyse im schulischen Geschichtsunterricht“. In: Wilfried Köpke/Peter Stettner (Hrsg.): Filmerbe. Non-fiktionale historische Bewegtbilder in Wissenschaft und Medienpraxis. Köln, S. 209–236.

Gramsci, Antonio (1991–2002): Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe. Hamburg: Argument.

Greffrath, Bettina (1993): Untersuchung der Gesellschaftsbilder in deutschen Nachkriegsspielfilmen 1945–1949. Methodische Grundlagen und ausgewählte Untersuchungsergebnisse veröffentlicht in der Lernwerkstatt Film und Geschichte. Die vollständigen bibliographischen Angaben zur ursprünglichen Arbeit sind für das Literaturverzeichnis noch zu ergänzen.

Greffrath, Bettina (1989): „Von Tauchstationen und Entdeckungsreisen. Kleines Plädoyer für sozialpsychologische Fragen an Film und Kinogeschichte“. In: Film – Geschichte – Wirklichkeit. Geschichtswerkstatt 17. Hamburg, S. 41–53.

Greffrath, Bettina (1993): Verzweifelte Blicke, ratlose Suche, erstarrte Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945–1949. Dissertation, Universität Hannover.

Greffrath, Bettina (1995): Gesellschaftsbilder der Nachkriegszeit. Deutsche Spielfilme 1945–1949. Pfaffenweiler.

Jung, Uli / Schatzberg, Walter (1992): „Caligari! Das Kabinett des Dr. Wiene“. In: Filmkultur zur Zeit der Weimarer Republik.

Kracauer, Siegfried (1930): Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag.

Kracauer, Siegfried (1947/2004): From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film. Revised and Expanded Edition. Herausgegeben und eingeleitet von Leonardo Quaresima. Princeton/Oxford: Princeton University Press. Vollständig digitalisiert vorliegende Primärgrundlage der Untersuchung.

Kracauer, Siegfried (2012): Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films. Werke, Bd. 2.1. Herausgegeben von Sabine Biebl. Berlin: Suhrkamp. Digitalisierte Leseprobe (PDF).

Quaresima, Leonardo (2004): „Introduction to the 2004 Edition: Rereading Kracauer“. In: Kracauer, From Caligari to Hitler, S. xv–l. Verlagsnachweis.

Salt, Barry (1979): „From Caligari to Who?“. In: Sight and Sound, Bd. 48, Nr. 2, S. 119–123.


Weiterführende Beiträge in der Lernwerkstatt Film und Geschichte

Siegfried Kracauers psychologische Filmgeschichte – Erkenntnisgewinn und Kritik

Film als Seismograph und Medium kultureller Hegemonie – Kracauer und Gramsci im Dialog

Didaktische Analysemodelle – historisch-kritische Filmanalyse

Bettina Greffrath: Spielfilme als Spuren gesellschaftlicher Wahrnehmungen, Mentalitäten und kollektiver Selbstbilder

Film im Nachkriegsdeutschland – Beiträge und Untersuchungen

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