Erdenschwere: Vom Misslingen eskapistischer Phantasien

Vom Versuch, der Nachkriegswirklichkeit zu entkommen

Bettina Greffrath (1993)

Schon früh – das ergab die Themen- und Motivanalyse der untersuchten Spielfilme im Überblick – versuchen deutsche Nachkriegsspielfilme sich von ihrer charakteristischen Erdenschwere zu lösen, zu entschweben in einen hellen, trümmer- und zeitlosen Raum.

Im Verhältnis zum großen Anteil der gegenwartsbezogenen Spielfilme entfernen sich jedoch wenige Filme aus dem aktuellen und geographischen Handlungsraum Nachkriegsdeutschlands – so 1946 SAG DIE WAHRHEIT, ein Film, der schon vor Kriegsende motivisch entwickelt und teilabgedreht war. 1947 wird es der in der Erstaufführungszeit heftiger Kritik ausgesetzte Film HERZKÖNIG sein.[1] 1948 spielen bereits vier Filme (im Schwerpunkt in der zweiten Jahreshälfte) ausschließlich in einem historisch und regional nicht zu verortenden Raum. Vier weitere Spielfilme, die sich thematisch auf historisch zurückliegende Epochen (19. Jahrhundert, 20er-, 30er-Jahre) beziehen,[2] sind dagegen mittelbar stärker auf akute gesellschaftliche Probleme und Strukturen bezogen als andere Filme des Jahres 1948, die solche Momente nur in oberflächlichen Anspielungen berühren.

Für das Jahr 1949 lassen sich keine deutlichen Trends festhalten, da die Sichtung der Filmproduktion dieses Zeitraumes nur bis zum Uraufführungsmonat Mai erfolgte und recht lückenhaft bleiben musste. Nach dem Eindruck, den man aufgrund der untersuchten Filme gewinnen kann, setzt sich hier die Tendenz der zweiten Jahreshälfte 1948 fort, mehr sogenannte überzeitliche Probleme und diese zunehmend auf rein unterhaltende heiter-alberne Art abzuhandeln (DAS GEHEIMNIS DER ROTEN KATZE, SCHULD ALLEIN IST DER WEIN). „Zeitferne“ im Milieu geht in einigen Filmen mit einem indirekten oder unterschwellig-ideologischen Zeitbezug einher,[3] wie oberflächliche Zeitnähe mit einer Ablenkung oder auch Verzerrung von Nachkriegsrealität.[4]

Doch selbst der deutlich zeitbezogene Film BERLINER BALLADE versuchte der Darstellung das beruhigende Gefühl des „Es-geht-alles-vorüber“ hinzuzufügen.[5] Die dramatische Erdenschwere der Gegenwartsbilder tatsächlich hinter sich zu lassen, gelingt jedoch – zumindest einigen Filmen – erst im Jahr 1949: Für sie ist bereits die Rückkehr zur „Normalität“ einer (groß-)bürgerlichen Lebensweise der Hintergrund.[6]

In diesem Kapitel sollen vier der untersuchten Spielfilme beispielhaft vorgestellt werden, die sich im Handlungsraum und in der äußerlichen Thematik deutlich aus dem Trümmermilieu der Nachkriegsstädte entfernen.


Anmerkungen

[1] HERZKÖNIG konnte von mir leider nicht gesichtet werden.

[2] AFFAIRE BLUM, UND WIEDER 48, GRUBE MORGENROT, unbewusster auch: DAS VERLORENE GESICHT.

[3] DER GROSSE MANDARIN; DAS MÄDCHEN CHRISTINE.

[4] LIEBE 47, DIE KUCKUCKS.

[5] In diesem Film ist es eine zeitlich distanzierende Rahmensequenz, die einen Blick auf die Trümmerszenerie aus dem Jahr 2048 vorstellt.

[6] Besonders deutlich: DIESE NACHT VERGESS’ ICH NIE.


Auszug aus: Bettina Greffrath: Verzweifelte Blicke, ratlose Suche, erstarrte Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945-1949. Diss. Universität Hannover 1993, S. 453/454
[Orthographie aktualisiert und Anmerkungen an die Online-Veröffentlichung angepasst. D.E.]

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