Zwischen Wirtschaftswunderkino und verdrängter Moderne

Eine Neubewertung des bundesdeutschen Films der 1950er und frühen 1960er Jahre

Detlef Endeward (2022, aktualisiert: 07/2026)

Das Filmschaffen in der Bundesrepublik Deutschland der 1950er und frühen 1960er Jahre wurde lange Zeit nahezu ausschließlich unter dem Vorzeichen künstlerischer Rückständigkeit, gesellschaftlicher Verdrängung und ideologischer Anpassung betrachtet. Diese Perspektive prägte insbesondere die einflussreiche Filmgeschichtsschreibung der 1960er und 1970er Jahre. Exemplarisch steht hierfür die Darstellung von Ulrich Gregor und Enno Patalas, die den westdeutschen Nachkriegsfilm als kulturelles Produkt einer restaurativen Gesellschaft interpretierten:

„Während sich im Osten propagandistische Monotonie ausbreitete, paßte sich der Film im Westen der herrschenden Konsumideologie an“ (Gregor/Patalas 1973, S. 282).

Die Autoren sahen in der vermeintlichen künstlerischen Bedeutungslosigkeit des westdeutschen Films eine direkte Folge seiner gesellschaftspolitischen Anpassung:

„Die künstlerische Belanglosigkeit und Antiquiertheit auch des ambitionierten Teils der westdeutschen Produktion ist die unablösbare Kehrseite ihrer ideologischen Fixierung“ (Gregor/Patalas 1973, S. 379).

Diese Einschätzung wurde in der Folgezeit zu einem dominanten Deutungsmuster. Der westdeutsche Film der 1950er Jahre erschien darin vor allem als Ausdruck einer restaurativen Nachkriegsgesellschaft, die sich der Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus, Krieg und Schuld entzog und stattdessen in idyllische Gegenwelten flüchtete.

Besonders der Heimatfilm wurde zum Symbol dieser Entwicklung. Häufig wird seine Entstehung mit dem Erfolg von „Grün ist die Heide“ (1951) verbunden. Der Heimatfilm schien geradezu idealtypisch für eine Gesellschaft zu stehen, die nach den Zerstörungen des Krieges nach Sicherheit, Ordnung und Überschaubarkeit suchte. Naturidylle ersetzte Trümmerlandschaften, familiäre Harmonie trat an die Stelle gesellschaftlicher Konflikte. Ehe, Familie, traditionelle Geschlechterrollen und eine scheinbar zeitlose Gemeinschaft bildeten die zentralen Bezugspunkte dieses Genres.

Die Deutsche Welle fasste diese traditionelle Bewertung später exemplarisch zusammen:

„Natur- und Wohlstandssehnsucht, Eheglück und die große Liebe gehörten zu den beliebtesten Themen der Heimatfilme. (…) Betont wurden besonders konservative Werte wie Ehe und Familie. (…) Amüsement ohne wirkliche Tiefe.“
(Deutsche Welle 2011)

Aus dieser Perspektive lautete die verkürzte Formel der Filmkritik lange Zeit: Masse statt Klasse – Unterhaltung statt Kunst – Kasse statt kritischer Auseinandersetzung.

Diese Bewertung war jedoch selbst Teil eines spezifischen gesellschaftlichen und filmästhetischen Deutungsrahmens. Sie entstand vor dem Hintergrund der kulturpolitischen Debatten der 1960er Jahre und insbesondere des Oberhausener Manifests von 1962, das eine radikale Abkehr vom etablierten westdeutschen Nachkriegskino forderte. Die junge Generation von Filmemachern verstand sich als Gegenbewegung zu einem als erstarrt empfundenen Produktionssystem und formulierte mit dem berühmten Satz „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen“ einen programmatischen Bruch mit der Vergangenheit.

Aus der Perspektive des späteren Autorenfilms wurde deshalb das gesamte Filmschaffen der 1950er Jahre häufig pauschal als künstlerisch und gesellschaftlich rückständig bewertet. Dabei gerieten jedoch jene Produktionen aus dem Blick, die sich nicht problemlos in das Bild eines harmlosen Wirtschaftswunderkinos einfügen ließen.


Jenseits des Heimatfilms: Die vergessene Vielfalt des Nachkriegskinos

Die neuere Filmgeschichtsschreibung hat begonnen, diese einseitige Perspektive zu korrigieren. Sie betrachtet den westdeutschen Film der 1950er Jahre zunehmend als ein widersprüchliches kulturelles Feld, in dem sich unterschiedliche gesellschaftliche Erfahrungen spiegelten.

Dabei wird deutlich: Das Kino der Nachkriegszeit war keineswegs nur ein Instrument gesellschaftlicher Verdrängung. Es war vielmehr ein Medium, in dem zentrale Konflikte der jungen Bundesrepublik sichtbar wurden:

  • die Erfahrung von Krieg und Niederlage,
  • die Rückkehr ehemaliger Soldaten,
  • die Suche nach neuer gesellschaftlicher Identität,
  • Generationenkonflikte,
  • soziale Ungleichheit,
  • die Spannung zwischen Tradition und Modernisierung,
  • die verdrängte NS-Vergangenheit.

Filme waren damit nicht lediglich Ausdruck einer konservativen Ideologie, sondern auch Dokumente gesellschaftlicher Suchbewegungen.

Frank Arnold hat in seinem Essay „Nachts auf den Straßen: Deutsche Filme der 50er Jahre“ ausdrücklich gegen das stereotype Bild des biederen Wirtschaftswunderkinos argumentiert. Er verweist auf eine andere Seite dieser Filmkultur: auf Werke, die düstere Milieus zeigen, soziale Spannungen thematisieren und formal deutlich experimentierfreudiger waren, als es das traditionelle Bild vermuten lässt (Arnold 2016).

Gerade der sogenannte Problemfilm, der Kriminalfilm, der Großstadtfilm oder Filme über soziale Außenseiter erweitern den Blick auf diese Epoche. Gerade diese Filme zeigen, dass das westdeutsche Kino keineswegs grundsätzlich unfähig war, gesellschaftliche Konflikte darzustellen. Vielmehr existierte innerhalb der kommerziellen Produktionsbedingungen ein Spannungsfeld zwischen Anpassung und Kritik.


Film als gesellschaftliches Seismogramm

Aus einer kulturhistorischen Perspektive, wie sie etwa Siegfried Kracauer mit seiner Untersuchung „Von Caligari zu Hitler“ (1947) entwickelt hat, sind Filme nicht nur Kunstwerke, sondern gesellschaftliche Dokumente. Sie spiegeln Mentalitäten, Ängste und Hoffnungen ihrer Entstehungszeit.

Der Nachkriegsfilm der Bundesrepublik erzählt daher auch von einer Gesellschaft im Übergang:

Auf der einen Seite stand der Wunsch nach Normalität und Stabilität nach den Erfahrungen von Krieg, Diktatur und Zusammenbruch. Auf der anderen Seite wirkten ungelöste Konflikte fort. Die scheinbar heile Welt vieler Heimat- und Schlagerfilme war deshalb nicht nur Ausdruck von Verdrängung, sondern auch ein kulturelles Bedürfnis nach Sicherheit.

Der Historiker Axel Schildt hat darauf hingewiesen, dass die 1950er Jahre nicht einfach als restaurative Phase verstanden werden können. Vielmehr verbanden sich konservative Wertvorstellungen mit tiefgreifenden Modernisierungsprozessen. Die Bundesrepublik war gleichzeitig eine Gesellschaft der Tradition und des rasanten sozialen Wandels (Schildt 1995).

Auch das Kino dieser Zeit war von diesem Widerspruch geprägt.


Neubewertung des westdeutschen Nachkriegskinos

Die aktuelle Forschung verabschiedet sich daher zunehmend von einer pauschalen Abwertung des bundesdeutschen Films der 1950er Jahre. Es geht nicht darum, die konservativen und oft problematischen Aspekte dieses Kinos zu leugnen. Heimatfilm, Schlagerfilm und Komödie transportierten tatsächlich häufig traditionelle Geschlechterbilder, unpolitische Harmonisierung und gesellschaftliche Ausblendungen.

Aber die Reduktion der gesamten Epoche darauf greift zu kurz.

Der westdeutsche Film der 1950er Jahre war ein widersprüchliches kulturelles Archiv der jungen Bundesrepublik. Neben Anpassung existierten Kritik, neben Eskapismus gesellschaftliche Beobachtung, neben Konventionen auch ästhetische Experimente.

Eine angemessene historische Betrachtung muss daher beide Dimensionen berücksichtigen:

  • Filme als Ausdruck gesellschaftlicher Ideologien,
  • Filme zugleich als Orte, an denen gesellschaftliche Konflikte sichtbar werden.

Gerade diese Ambivalenz macht den Nachkriegsfilm für eine historische Medienbildung interessant. Er zeigt nicht nur, wie eine Gesellschaft sich selbst darstellen wollte, sondern auch, welche Brüche und ungelösten Probleme hinter diesen Bildern verborgen lagen.


Literatur

Arnold, Frank (2016): Nachts auf den Straßen: Deutsche Filme der 50er Jahre. epd Film, 19.11.2016.

Deutsche Filmgeschichte (4): Der Nachkriegsfilm, DW 08.09.2011)

Gregor, Ulrich / Patalas, Enno (1973): Geschichte des Films. München: Gütersloh/Wien.

Kracauer, Siegfried (1984): Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films. (Original 1947), Frankfurt/M. 1984

Schildt, Axel (1995): Moderne Zeiten. Freizeit, Massenmedien und „Zeitgeist“ in der Bundesrepublik der 50er Jahre. Hamburg: Christians.

Naumann, Kai (2018): Genres im deutschen Nachkriegskino (1945–1970).In: Stiglegger, Marcus (Hg.): Handbuch Filmgenres. Wiesbaden, Springer

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