Völlig neutral – selbstverständlich!

Eine Glosse über das Perpetuum mobile des paradigmenfreien Unterrichtens

Von: Detlef Endeward – natürlich nur mit Hilfe der völlig neutralen, objektiven, perspektivlosen, interessenfreien KI möglich

Wenn ich etwas schreibe, bin ich selbstverständlich absolut neutral und objektiv.

Das versteht sich eigentlich von selbst.

Ich beginne völlig voraussetzungslos. Ich habe keine Vorstellungen davon, was wichtig oder unwichtig ist, keine Erfahrungen, keine theoretischen Annahmen und schon gar kein Weltbild. Bevor ich schreibe, entledige ich mich vorsorglich sämtlicher Kenntnisse, Wertvorstellungen und gesellschaftlicher Erfahrungen. Nur so kann gewährleistet werden, dass nichts meine unvoreingenommene Wahrnehmung beeinträchtigt.

Dann wende ich mich den Fakten zu.

Die Fakten sind ausgesprochen praktisch. Sie liegen einfach herum und warten darauf, von mir eingesammelt zu werden. Ich muss sie weder auswählen noch gewichten oder in Zusammenhänge stellen. Welche Fakten ich erwähne und welche nicht, spielt keine Rolle, denn meine Auswahl ist selbstverständlich neutral.

Auch meine Fragen sind neutral.

Wenn ich frage, wie die Rente angesichts des demografischen Wandels finanzierbar bleibt, ist das eine Sachfrage. Wenn jemand dagegen fragt, wie der gesellschaftlich produzierte Reichtum zwischen Löhnen, Gewinnen und Renten verteilt wird, ist das natürlich eine Perspektive.

Ich dagegen habe keine.

Das erleichtert die Arbeit erheblich.

Auch Begriffe bereiten mir keine Schwierigkeiten. „Lohnnebenkosten“, „Soziallasten“, „Fachkräftemangel“, „Standortsicherung“, „Eigenverantwortung“, „Wettbewerbsfähigkeit“ oder „Rentenlast“ beschreiben schließlich nur die Wirklichkeit. Dass man auch von Lohnbestandteilen, sozialen Rechten, Verteilung, Arbeitsbedingungen oder gesellschaftlicher Vorsorge sprechen könnte, ist interessant – aber eben schon wieder eine Perspektive.

Ich bleibe lieber bei den Fakten.

Auch Interessen interessieren mich nicht

Interessen habe ich ebenfalls keine.

Politische schon gar nicht.

Pädagogische natürlich auch nicht.

Wenn ich unterrichte, möchte ich selbstverständlich niemanden zu etwas befähigen. Ich möchte weder demokratisches Denken fördern noch Kritikfähigkeit, Selbstbestimmung oder gesellschaftliche Handlungsfähigkeit. Das wären schließlich pädagogische Interessen.

Ich bin ausschließlich ergebnisorientiert.

Welches Ergebnis?

Das ergibt sich aus den Fakten.

Und weil die Fakten objektiv sind und ich objektiv bin, ist auch das Ergebnis objektiv.

Das ist außerordentlich beruhigend.

Kontroversität ohne Perspektiven

Selbstverständlich halte ich mich dabei an den Beutelsbacher Konsens.

Was kontrovers ist, stelle ich kontrovers dar.

Dazu benötige ich allerdings Perspektiven. Das ist etwas unangenehm, denn Perspektiven wollte ich eigentlich vermeiden.

Ich löse das Problem, indem ich zwei Positionen nebeneinanderstelle:

Die einen sagen A.

Die anderen sagen B.

Warum die einen A und die anderen B sagen, welche gesellschaftlichen Interessen dahinterstehen könnten, von welchen theoretischen Voraussetzungen beide ausgehen und welche Fragen durch A oder B möglicherweise gar nicht erst gestellt werden – darauf gehe ich lieber nicht ein.

Das könnte die Neutralität gefährden.

Besonders gefährlich: die eigene Position

Am gefährlichsten wäre es allerdings, die Voraussetzungen des eigenen Denkens offenzulegen.

Dann müsste ich möglicherweise einräumen, dass schon meine Entscheidung, was ich zum Problem erkläre, eine Perspektive enthält.

Dass jede Auswahl zugleich etwas ausschließt.

Dass Begriffe Wirklichkeit nicht einfach abbilden, sondern strukturieren.

Dass auch Statistiken nicht selbst erklären, warum sie erhoben wurden und was ihre Zahlen gesellschaftlich bedeuten.

Und am Ende müsste ich womöglich sogar zugeben, dass derjenige, der behauptet, keine Perspektive einzunehmen, nicht perspektivlos ist – sondern seine Perspektive lediglich nicht wahrnimmt.

Das wäre ausgesprochen unangenehm.

Also bleibe ich neutral.

Das Perpetuum mobile ist fertig

Damit haben wir endlich das lange gesuchte Perpetuum mobile des paradigmenfreien Unterrichtens konstruiert:

Ich beobachte, ohne irgendwo zu stehen.

Ich frage, ohne Voraussetzungen zu haben.

Ich wähle aus, ohne auszuwählen.

Ich benutze Begriffe, ohne dass diese etwas voraussetzen.

Ich erkläre Zusammenhänge ohne Theorie.

Ich urteile, ohne Werte zu besitzen.

Und selbstverständlich komme ich zu einem Ergebnis, ohne vorher bestimmt zu haben, was überhaupt als relevantes Ergebnis gelten könnte.

Die Maschine läuft.

Zumindest solange niemand eine Frage stellt.

Denn schon die erste ernsthafte Frage könnte das ganze wunderbare Gerät zum Stillstand bringen:

Warum stellst du eigentlich genau diese Frage – und keine andere?

Und dann beginnt möglicherweise Unterricht.

Nicht paradigmenfreier Unterricht.

Sondern Unterricht, in dem wir lernen, unsere eigenen Voraussetzungen wahrzunehmen, andere Perspektiven einzunehmen, vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu befragen und begründet zu urteilen.

Das ist erheblich anstrengender.

Aber vielleicht ist eine gute Unterrichtsstunde ja gerade diejenige, in der das Perpetuum mobile irgendwann stehen bleibt – und am Ende mehr und andere Fragen vorhanden sind als am Anfang.

 

Konzept der Gesellschaftskompetenz

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