Das Brot und der Himmel – Wege aus der Nachkriegskrise
Hinweise für Lehrkräfte
UND ÜBER UNS DER HIMMEL (Josef von Báky, 1947) und UNSER TÄGLICH BROT (Slatan Dudow, 1949) erzählen von einer Gesellschaft, die aus Krieg, Zerstörung, Hunger und dem Zusammenbruch vertrauter Ordnungen heraus einen neuen Anfang sucht. Beide Filme greifen ähnliche Erfahrungen auf: Heimkehr, Wohnungsnot, Schwarzmarkt, Familienkonflikte, die Suche nach Arbeit und die Frage, wie es weitergehen soll.
Gerade deshalb eignet sich der Vergleich. Die Filme beziehen sich auf eine in wesentlichen Teilen gemeinsame historische Wirklichkeit – aber sie machen daraus unterschiedliche Geschichten.
Der Lernweg fragt deshalb nicht zunächst:
Welcher Film zeigt die Nachkriegswirklichkeit richtig?
Sondern:
Wie werden aus vergleichbaren historischen Erfahrungen unterschiedliche filmische Vorstellungen von Gesellschaft, Arbeit und Zukunft?
Nicht mit „Ostfilm gegen Westfilm“ beginnen
Die politische Entwicklung nach 1945 legt eine einfache Gegenüberstellung nahe: hier der westdeutsche Film, dort der ostdeutsche Film; hier Individualismus, dort Kollektivismus; hier Unterhaltung, dort politisches Lehrstück.
Eine solche Einordnung kann am Ende der Untersuchung diskutiert werden. Am Anfang würde sie jedoch den Blick verengen.
Die Schülerinnen und Schüler sollen zunächst beobachten, welche Menschen, Konflikte, Räume und Handlungsmöglichkeiten die Filme zeigen. Erst aus diesen Beobachtungen werden Vergleichskategorien entwickelt. Produktionsbedingungen, politische Kontexte und spätere Interpretationen werden schrittweise hinzugezogen.
Damit folgt der Lernweg derselben Grundentscheidung wie der Lernweg zu den Dokumentarfilmsequenzen in DER RAT DER GÖTTER: Die Interpretation wird nicht vor die Analyse gestellt, sondern soll aus ihr hervorgehen und anschließend überprüft werden. Dort wird dieser Erkenntnisweg als Wahrnehmen, Zerlegen, Vergleichen, Zusammenhänge erkennen, Hypothesen bilden und Hypothesen überprüfen operationalisiert.
WAHRNEHMEN → BESCHREIBEN → VERGLEICHEN → HISTORISCH KONTEXTUALISIEREN → ZUSAMMENHÄNGE ERKENNEN → HYPOTHESEN BILDEN → HYPOTHESEN ÜBERPRÜFEN → URTEILEN
Vom ersten Eindruck zur vergleichenden Analyse
Der Lernweg beginnt deshalb bewusst mit der Frage: Was nehmen wir in den beiden Filmen wahr?
Noch bevor Produktionsgeschichte oder politische Zuordnungen eingeführt werden, halten die Schülerinnen und Schüler fest, welche Figuren ihnen auffallen, welche Szenen im Gedächtnis bleiben, welche Konflikte sie erkennen und welche Zukunftsvorstellungen sie zunächst wahrnehmen.
Diese ersten Deutungen werden gespeichert. Sie bilden keinen bloßen Einstieg, sondern Material für die spätere Reflexion: Am Ende des Lernwegs können die Schülerinnen und Schüler prüfen, was sie an ihren ursprünglichen Einschätzungen verändern, präzisieren oder auch beibehalten würden.
Vergleichen als Analyseverfahren
Die Filme werden nicht zunächst vollständig getrennt analysiert und erst am Ende miteinander verglichen. Der Vergleich selbst ist das zentrale Analyseinstrument.
Die Schülerinnen und Schüler untersuchen wiederkehrende Motive und Konfliktfelder:
Nachkriegsnot → Schwarzmarkt → Vater und Sohn → Arbeit → Familie und Gemeinschaft → Geschlechterrollen → Vergangenheit → filmische Gestaltung → Zukunft
Dadurch werden Unterschiede sichtbar, ohne Gemeinsamkeiten vorschnell aus dem Blick zu verlieren.
Gerade diese Gemeinsamkeiten sind historisch interessant. Wenn unterschiedlich produzierte und politisch unterschiedlich einzuordnende Filme ähnliche Vorstellungen von „ehrlicher Arbeit“, Familie, moralischer Neuorientierung oder persönlicher Bewährung entwickeln, entsteht eine weiterführende Frage:
Was sagen nicht nur die Unterschiede, sondern auch die Gemeinsamkeiten über die deutsche Nachkriegsgesellschaft aus?
Das historisch-kritische Analysemodell als Arbeitsinstrument
Die vier Realitätsfelder werden nicht als nacheinander abzuarbeitende Kategorien eingeführt. Sie werden dort aktiviert, wo sie für die jeweilige Fragestellung benötigt werden.
FILMREALITÄT
Welche Geschichte konstruiert der Film? Welche Figuren, Konflikte, Räume und filmischen Mittel erzeugen diese Geschichte?
BEZUGSREALITÄT
Auf welche historischen Erfahrungen und gesellschaftlichen Verhältnisse bezieht sich die filmische Darstellung?
BEDINGUNGSREALITÄT
Unter welchen politischen, ökonomischen, institutionellen, personellen und filmkulturellen Bedingungen entsteht der Film?
WIRKUNGSREALITÄT
Welche Wahrnehmungen, Identifikationen und gesellschaftlichen Orientierungen bietet der Film an? Wie konnten zeitgenössische Zuschauerinnen und Zuschauer ihn wahrnehmen – und wie sehen wir ihn heute?
In jedem Arbeitsblatt bleiben alle vier Felder sichtbar. Die jeweils besonders relevanten Bereiche werden hervorgehoben. Dadurch soll das Modell nicht als abstraktes Schema gelernt, sondern im Analyseprozess verwendet werden.
Der methodische STOPP
Nach den Arbeitsblättern zu Nachkriegswirklichkeit, Schwarzmarkt, Generationenkonflikt und Arbeit bietet sich – analog zum STOPP im Lernweg „Dokumente der Vergangenheit“ – ein bewusster methodischer Einschnitt an. Dort dient der STOPP dazu, nach mehreren Analyseoperationen zu fragen, was eigentlich untersucht wurde und Filmrealität und Bezugsrealität neu aufeinander zu beziehen.
Hier könnte die Zwischenfrage lauten:
Vergleichen wir noch zwei Geschichten – oder bereits zwei unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe?
Die Schülerinnen und Schüler sammeln ihre bisherigen Ergebnisse und formulieren eine vorläufige Hypothese. Beispielsweise:
UND ÜBER UNS DER HIMMEL erzählt gesellschaftlichen Neubeginn vor allem als Veränderung und Bewährung des Einzelnen; UNSER TÄGLICH BROT erzählt ihn stärker als Veränderung gesellschaftlicher Beziehungen.
Diese oder eine andere von den Schülerinnen und Schülern entwickelte Hypothese wird ausdrücklich nicht als Ergebnis festgeschrieben. Die folgenden Arbeitsblätter zu Gemeinschaft, Geschlechterrollen, NS-Vergangenheit, Filmsprache und Produktionsbedingungen dienen auch dazu, sie zu überprüfen, zu differenzieren oder zu verwerfen.
Vom Beispiel zur selbstständigen Untersuchung
Mit fortschreitendem Lernweg sollte die Steuerung durch die Arbeitsblätter abnehmen. Während die ersten Tabs Beobachtungs- und Vergleichskategorien stärker vorgeben, können spätere Untersuchungen arbeitsteilig organisiert werden.
Gruppen können beispielsweise unterschiedliche Analysefelder übernehmen: Arbeit, Familie, Frauenbilder, Vergangenheit, filmische Gestaltung oder Produktionsbedingungen. Entscheidend ist anschließend die gemeinsame Zusammenführung.
Die Schülerinnen und Schüler sollen dabei zunehmend selbst entscheiden, welche Szenen und Materialien sie benötigen, um ihre Aussagen zu belegen.
Organisation und Operationalisierung des Lernwegs
Gegenstand:
Vergleichende historisch-kritische Analyse von
UND ÜBER UNS DER HIMMEL (Josef von Báky, 1947)
und UNSER TÄGLICH BROT (Slatan Dudow, 1949).
Leitfrage:
Wie werden aus vergleichbaren Erfahrungen der deutschen
Nachkriegsgesellschaft unterschiedliche filmische Vorstellungen
von Arbeit, Zusammenleben, gesellschaftlichem Neubeginn und Zukunft?
Der Lernweg
Der Lernweg ist keine fertig ausgearbeitete Unterrichtseinheit. Er legt weder einen verbindlichen Zeitrahmen noch eine festgelegte Abfolge von Unterrichtsstunden fest.
Die einzelnen Tabs eröffnen unterschiedliche Zugänge zu den beiden Filmen. Sie können vollständig, in Auswahl, in veränderter Reihenfolge oder arbeitsteilig genutzt werden. Einzelne Fragestellungen können vertieft, andere zurückgestellt und neue, aus der Untersuchung entstehende Fragen aufgenommen werden.
Entscheidend ist nicht die vollständige Bearbeitung aller Aufgaben, sondern die Entwicklung eines zunehmend differenzierten Verständnisses der Filme in ihren historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen.
Das historisch-kritische Analysemodell
Orientierung bietet das historisch-kritische Filmanalysemodell mit seinen vier miteinander verbundenen Realitätsfeldern:
FILMREALITÄT
Welche Geschichte konstruiert der Film?
Wie gestaltet er Figuren, Konflikte, Räume, Zeit und Handlung?
BEZUGSREALITÄT
Auf welche historischen Erfahrungen, gesellschaftlichen Verhältnisse
und Konflikte bezieht sich die filmische Darstellung?
BEDINGUNGSREALITÄT
Unter welchen politischen, ökonomischen, institutionellen,
personellen und filmkulturellen Bedingungen entsteht der Film?
WIRKUNGSREALITÄT
Welche Wahrnehmungen, Identifikationen und Deutungen ermöglicht
oder begünstigt der Film? Wie konnte er zeitgenössisch wahrgenommen
werden – und wie begegnen wir ihm heute?
Die vier Realitätsfelder bilden keine nacheinander abzuarbeitenden Stufen. Je nach Fragestellung treten einzelne Felder in den Vordergrund und werden mit anderen verbunden.
Das Raum-Zeit-Kontinuum Film
Film wird in diesem Lernweg nicht lediglich als Illustration einer bereits bekannten Geschichte und auch nicht nur als Quelle für eine vergangene Wirklichkeit verstanden.
In ihm begegnen sich unterschiedliche Zeitdimensionen: die dargestellte historische Zeit, die Zeit der Filmproduktion, zeitgenössische Erfahrungen und Deutungen, spätere Wirkungsgeschichten und schließlich die Gegenwart derjenigen, die den Film heute sehen und befragen.
Die Analyse richtet sich deshalb auf das Verhältnis dieser unterschiedlichen Zeiten und Wirklichkeiten. Gerade ihre Überlagerungen, Widersprüche und Leerstellen machen Film für historisches Lernen interessant.
Mögliche Arbeits- und Untersuchungsfelder
Die Tabs markieren mögliche Stationen der Untersuchung, keinen verbindlichen Stunden- oder Ablaufplan:
Tab 1 – Zwei Filme – zwei erste Eindrücke
Wahrnehmen, beschreiben, Fragen entwickeln und erste
Vergleichsvermutungen festhalten.
Tab 2 – Nachkriegswirklichkeit – was zeigen die Filme?
Filmische Darstellung und historische Bezugsrealität aufeinander beziehen.
Tab 3 – Gleiche Probleme – unterschiedliche Geschichten?
Gemeinsame Motive erkennen und unterschiedliche filmische
Bearbeitungen vergleichen.
Tab 4 – Schwarzmarkt – organisieren oder profitieren?
Materielle Not, Eigentum, Moral und ökonomisches Handeln untersuchen.
Tab 5 – Väter und Söhne – wer kennt den richtigen Weg?
Familien- und Generationenkonflikte als mögliche Verdichtungen
gesellschaftlicher Orientierungskonflikte analysieren.
Tab 6 – Arbeit – wofür arbeiten die Menschen?
Arbeit als Existenzsicherung, individuelle Bewährung,
gesellschaftliche Tätigkeit und Konflikt um Verfügung untersuchen.
STOPP – Zwei Geschichten oder zwei Gesellschaftsentwürfe?
Bisherige Beobachtungen zusammenführen, Zusammenhänge herstellen
und eine vorläufige Arbeitshypothese formulieren.
Tab 7 – Familie oder Betrieb – wo entsteht Gemeinschaft?
Unterschiedliche Formen von Zugehörigkeit, Solidarität und
gesellschaftlicher Integration vergleichen.
Tab 8 – Frauen – unverzichtbar, aber ohne gesellschaftliche Macht?
Geschlechterrollen, Handlungsmöglichkeiten und gesellschaftliche
Machtverhältnisse untersuchen.
Tab 9 – Wo ist der Nationalsozialismus?
Nach dem Sichtbaren und dem Nicht-Gezeigten fragen:
Vergangenheit, Verantwortung, Kontinuitäten und Leerstellen.
Tab 10 – Wie macht Film aus Geschichte Bedeutung?
Untersuchen, wie Kamera, Montage, Musik, Schauspiel und Dramaturgie
historische und gesellschaftliche Bedeutungen erzeugen.
Tab 11 – Warum erzählen die Filme so unterschiedlich?
Produktionsbedingungen, Personen, Institutionen und filmische
Traditionen einbeziehen und die gewonnenen Erklärungen wieder
am Film überprüfen.
Tab 12 – Das Brot und der Himmel
Die unterschiedlichen Untersuchungsergebnisse zusammenführen,
frühere Hypothesen überprüfen und ein begründetes historisches
Urteil entwickeln.
Operationalisierung: vom Wahrnehmen zum Urteilen
Die Aufgaben unterstützen einen Erkenntnisprozess, dessen Verlauf nicht vollständig vorweggenommen werden kann.
WAHRNEHMEN → BESCHREIBEN → FRAGEN → VERGLEICHEN → RECHERCHIEREN → HISTORISCH KONTEXTUALISIEREN → ANALYSIEREN → ZUSAMMENHÄNGE HERSTELLEN → HYPOTHESEN BILDEN → ÜBERPRÜFEN → WIDERSPRECHEN → DIFFERENZIEREN → BEGRÜNDEN → URTEILEN → WEITERFRAGEN
Auch diese Folge ist kein starres Ablaufschema. Neue Informationen können zu früheren Fragen zurückführen; eine Recherche kann eine Interpretation infrage stellen; eine später untersuchte Szene kann den Blick auf eine bereits analysierte Szene verändern.
Solche Rückwege und Umwege sind kein Scheitern der Planung, sondern Bestandteil historischen Lernens.
Gemeinsames Analyseinstrument
BEOBACHTUNG → SZENE / SEQUENZ → FIGUREN UND KONFLIKTE → FILMISCHE GESTALTUNG → HISTORISCHER BEZUG → AUSWAHL UND LEERSTELLEN → PRODUKTIONSBEDINGUNGEN → DEUTUNGSANGEBOT → VERGLEICH → BEGRÜNDETE AUSSAGE
Auch dieses Raster ist keine Checkliste. Es stellt mögliche Analyseoperationen bereit, die abhängig von der jeweiligen Frage ausgewählt und miteinander verbunden werden können.
Materialien und Recherche
Die Materialien bilden keinen abzuarbeitenden Materialanhang. Ausgangspunkt bleiben die Filme, die Beobachtungen der Lernenden und die daraus entstehenden Fragen.
Vorhandene Materialien, Sequenzprotokolle und weiterführende Quellen werden dort herangezogen, wo sie zur Überprüfung einer Beobachtung, zur historischen Kontextualisierung oder zur Weiterentwicklung einer Fragestellung benötigt werden.
- UND ÜBER UNS DER HIMMEL (1947) – Filmseite, Materialien und Sequenzprotokoll
- UNSER TÄGLICH BROT (1949) – Filmseite, Materialien und Sequenzprotokoll
- Das Brot und der Himmel – vergleichende Materialien und Analyse
Die vergleichende Gesamtanalyse sollte möglichst erst dann herangezogen werden, wenn eigene Beobachtungen und Hypothesen vorliegen. Sie ist keine Musterlösung, sondern eine weitere Interpretation, die geprüft, ergänzt und kritisiert werden kann.
Arbeitsformen und Selbstlernen
Der Lernweg kann im Unterricht in Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit, in gemeinsamen Filmgesprächen und in arbeitsteiligen Recherchen genutzt werden. Welche Form sinnvoll ist, ergibt sich aus der jeweiligen Fragestellung und den konkreten Lernbedingungen.
Die Lernwege können ebenso als Orientierung für Selbstlernprozesse genutzt werden. Die interaktiven Arbeitsblätter ermöglichen es, Beobachtungen festzuhalten, Zwischenergebnisse zu speichern, Hypothesen zu entwickeln und den eigenen Erkenntnisweg zu dokumentieren.
Dabei muss weder jeder Tab bearbeitet noch die vorgeschlagene Reihenfolge eingehalten werden. Eigene Fragen können zum Ausgangspunkt für einen individuellen Weg durch Filme und Materialien werden.
Grundsatz
Nicht das Lernen sollte einem restriktiven Zeitmanagement angepasst werden. Die Bedingungen des Lernens sollten so weit wie möglich dem Lernen angepasst werden.
Die Auseinandersetzung mit Komplexität braucht Zeit. Beobachten, Fragen, Recherchieren, Irrtümer erkennen, Hypothesen verändern und Zusammenhänge herstellen sind keine Umwege um das Lernen herum – sie sind das Lernen.
Ein Lernweg muss deshalb nicht mit einer endgültigen Antwort enden. Er kann gerade dann produktiv gewesen sein, wenn am Ende mehr und bessere Fragen stehen als zu Beginn.
P.S.: Die Lernwege können auch als Orientierung für Selbstlernprozesse verstanden und genutzt werden. Sie geben mögliche Zugänge, Fragen und Werkzeuge an die Hand – den eigenen Weg muss man nicht vorgeschrieben bekommen. Viel Spaß dabei!