Das Brot oder der Himmel

Dem ersten Eindruck nach hat man es bei Und über uns der Himmel und Unser Täglich Brot mit zwei völlig verschiedenen Filmen zu tun. Diese Wahrnehmung ergibt sich vor allem aus der sehr unterschiedlichen Bauweise und Inszenierung der Filme, wenngleich in beiden Produktionen Menschen vorgestellt werden, die versuchen, mit der Zersörung der alten Verhältnisse fertig zu werden, sich neu zu orientieren und dabei in Konflikt miteinander geraten.

Der Film UNSER TÄGLICH  BROT ist ein exakt kalkuliertes und konstruiertes Stück „filmische Realität“, welches seinen Charakter als Film nirgends leugnet und auf Überzeugung und Einsicht setzt. Hier wird ein „Modell“ vorgestellt, ein Modell im brechtschen Sinne – gemeint ist die Methode der Darstellung im Lehrstück und im epischen Theater.

Der Film UND ÜBER UNS DER HIMMEL ist dagegen „Star-Kino“:  Hans Albers – der Kriegsheimkehrer Hans Richter, der mit den Problemen und Anfechtungen der Zeit zurecht kommen muß – wird entsprechend ins Bild gesetzt. Seine Suche nach Identität bzw. moralisch verbindlichen Werten und einer Lebensperspektive wird erzählt. Die Zeitprobleme werden kaleidoskopartig ausgebreitet, sind bloße Kulisse. Der Film knüpft so bruchlos an die Tradition des UFA-Unterhaltungsfilms an.

Die Filme dokumentieren so zwei sehr unterschiedliche Varianten der Anknüpfung an die deutsche Filmgeschichte. Geht man allerdings näher auf die inhaltlichen Gesichtspunkte ein, unterscheiden sie sich zwar auf der intentionalen Ebene, den sog. „Botschaften“ voneinander, nähern sich in den dargestellten Motiven teilweise aber bis zur Übereinstimmung einander an.

Die folgende Unterrichtseinheit soll sich genau mit diesen skizzierten Unterschieden wie Parallelen beschäftigen und daraus Schlüsse auf die Nachkriegsgesellschaft ziehen.


Siehe dazu:
Detlef Endeward/Peter Stettner: Das Brot und der Himmel. Zwei deutsche Spielfilme als historische Quelle der frühen Nachkriegszeit. In: Irmgard Wilharm (Hg.): Geschichte in Bildern. Von der Miniatur bis zum Film als historische Quelle, Pfaffenweiler 1995, S. 199-254


Die Unterreichtseinheit ist in drei Phasen gegliedert:

Zu Beginn geht es darum, die Filmbeispiele zur Kenntnis zu nehmen (Wahrnehmungsphase). Ziel sollte sein, daß die Schüler ihre Ersteindrücke festhalten und im Gespräch die Subjektivität der Wahrnehmungen erkennen  und gegenseitig tolerieren lernen.

In der zweiten Phase (Analysephase) sollen die verschiedenen Untersuchungsfelder bearbeitet werden. Ziel ist dabei, daß die Schüler lernen, genau zu beobachten und ihre Beobachtungen festzuhalten. Dabei können verschiedene Verfahren der gemeinsamen Ergebnissicherung erprobt werden. Im Rahmen dieser Ergebnissicherung soll eine erste interpretierende und systematisierende Beschäftigung mit den jeweils behandelten Teilaspekten des Themas erfolgen.

In der dritten Phase (Auswertungsphase) – die möglichst durch eine zweite Sichtung der Filmbeispiele eingeleitet werden sollte – sollen  die Schülerinnen und Schüler die interpretierende Arbeit über die Auseinandersetzung mit den Ergebnissen ihrer Mitschüler vertiefen und einen Transfer leisten, indem sie sie auf den Kontext des gesamten Kurses beziehen.

Übergeordnetes Ziel ist dabei, daß die Schüler erkennen, welche Werte, Ideale und  Perspektivvorstellungen  das Bewußtsein und das Verhalten der Menschen geprägt haben und welche Bedeutung diese  Verhaltensdispositionen (das kollektive Bewußtsein) der Menschen und ihr alltägliches Handeln für die Herausbildung gesellschaftlicher Strukturen gehabt haben.

In dieser Unterrichtsskizze sind die Stunden der zweiten Phase sicher sehr arbeitsintensiv. Der Umfang  der Aufgaben kann durchaus – entsprechend den Vorkenntnissen und Fähigkeiten der jeweiligen Lerngruppe – unterschiedlich gestaltet werden: entweder  in der hier vorgeschlagenen umfassenden oder aber in einer reduzierten Form. Um die notwendige Komplexität in der Ergebnissammlung zu  wahren, schlagen wir vor, daß in dieser zweiten Phase arbeitsteilig in Kleingruppen gearbeitet wird. Dies bietet sich auch aus zeitökono-omischen Gründen an.

Die dritte Phase bietet  genügend Zeit, die Ergebnisse zu reflektieren und zu diskutieren. Auf die hier vorgeschlagene „Zweitsichtung“ der Filme kann, wenn nicht genügend Zeit ist, auch verzichtet werden.

1./2. Stunde Filmsichtung Und über uns der Himmel
3. Stunde Diskussion der Ersteindrücke
4./5. Stunde Filmsichtung Unser täglich Brot
6. Stunde Diskussion der Ersteindrücke

 

7./8. Stunde Untersuchung der Raum-Zeit-Bezüge und der Personenkonstellationen in den beiden Filem
9./10. Stunde Untersuchung der Geschehens- und Handlungsmotive in den beiden Filmen
11./12. Stunde Information zu Gestaltungsmerkmalen und anschließende Überprüfung der Analyseergebnisse mit Hilfe der Sequenzprotokolle
13./14. Stunde Gegenüberstellung und Erläuterung der Gruppenarbeitsergebnisse
15./16. Stunde Kontextinformationen zu Intentionen der Filmautoren, zur zeitgenössischen Filmrezeption und zur retrospektive Filmkritik
17./18. Stunde Zusammenfassung der Ergebnisse
   

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