Geschichte und Gesellschaft im Zusammenhang denken
Historisch-materialistische, gesellschaftskritische und utopische Perspektiven
Redaktion Lernwerkstatt
Die Beiträge dieser Rubrik verbindet kein geschlossenes theoretisches System. Sie greifen Gedanken, Begriffe und Perspektiven aus marxistischen und historisch-materialistischen Theorietraditionen, aus Kritischer Theorie und Arbeiterbewegung sowie aus anderen gesellschaftskritischen und utopischen Ansätzen auf.
Gemeinsam ist ihnen der Versuch, Geschichte und Gesellschaft im Zusammenhang zu denken: Ökonomie, Politik, Kultur, Geschichte, Technik, Naturverhältnisse, Kommunikation und Alltag nicht voneinander zu trennen, sondern nach ihren Beziehungen und wechselseitigen Vermittlungen zu fragen.
Dabei geht es um Strukturen und Interessen, Macht und Herrschaft, Widersprüche und Konflikte, aber ebenso um historische Entwicklungen: Wie sind gesellschaftliche Verhältnisse entstanden? Welche anderen Möglichkeiten gab es? Warum haben sich bestimmte Entwicklungen durchgesetzt und andere nicht? Und welche Möglichkeiten gesellschaftlicher Veränderung bestehen heute?
Historisch-materialistisches Denken ist dafür besonders produktiv, weil es gesellschaftliche Verhältnisse als historisch geworden, widersprüchlich und deshalb grundsätzlich veränderbar begreift. Die hier vorgestellten Autoren und Ansätze – von Marx über Korsch, Gramsci, Bloch oder Brecht bis zu Negt und Kluge – liefern dabei keinen gemeinsamen Antwortkatalog. Sie eröffnen unterschiedliche Zugänge, stellen Fragen und machen Zusammenhänge sichtbar, die im gegenwärtigen öffentlichen Diskurs häufig aus dem Blick geraten. Die Rubrik will damit auch eine heute vielfach marginalisierte Wissenschafts- und Bildungstradition wieder wahrnehmbar machen, ohne ihr einen ausschließlichen Erklärungsanspruch zuzuschreiben.
Eine eigenständige, damit verbundene Perspektive eröffnet das utopische Denken. Gesellschaftskritik erschöpft sich nicht darin, zu erklären, warum die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Sie fragt zugleich danach, welche nicht verwirklichten Möglichkeiten in Geschichte und Gegenwart enthalten sind. Ernst Blochs Begriff des Noch-Nicht steht exemplarisch für eine solche Perspektive: Wirklichkeit besteht nicht nur aus dem Gewordenen, sondern enthält Möglichkeiten des Anderswerdens.
Hier verbinden sich historisches Bewusstsein, Möglichkeitssinn und Utopiefähigkeit. Möglichkeitssinn bezeichnet die Fähigkeit, das Bestehende nicht mit dem einzig Denkbaren gleichzusetzen. Utopiefähigkeit geht darüber hinaus: Sie eröffnet die Möglichkeit, gesellschaftliche Alternativen zu entwerfen, ihre Voraussetzungen kritisch zu prüfen und sie auf gesellschaftliches Handeln zu beziehen. Utopisches Denken ist damit keine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern kann dazu beitragen, deren Veränderbarkeit zu erkennen.
Für das Konzept der Gesellschaftskompetenz ist diese Verbindung entscheidend: Zusammenhänge erkennen – ihre historische Gewordenheit verstehen – Widersprüche sichtbar machen – nicht verwirklichte Möglichkeiten entdecken – und gesellschaftliche Handlungs- und Zukunftsperspektiven entwickeln.
Die Beiträge dieser Rubrik verstehen sich deshalb weder als Einführung in „den Marxismus“ noch als Sammlung fertiger Zukunftsentwürfe, sondern als Materialien zum kritischen Denken über Geschichte und Gesellschaft – einschließlich der Frage, wie Gesellschaft auch anders sein könnte.

