Ökonomie, Hegemonie und Zustimmung im Nationalsozialismus
Volksgemeinschaft inszeniert: Wie Ökonomie, Ideologie und Kino Zustimmung erzeugten“
Die faschistische Herrschaft in Deutschland (1933–1945) stellt eines der prägnantesten historischen Beispiele für das enge Zusammenspiel von politischer Gewalt, ökonomischen Interessen und kultureller Hegemonie dar. Während die Forschung lange Zeit vor allem die offene Repression – die Zerschlagung der Arbeiterbewegung, die Ausschaltung politischer Gegner und den industriell organisierten Massenmord – in den Mittelpunkt stellte, hat sich seit den 1970er Jahren verstärkt die Frage nach den Mechanismen der Zustimmung und der gesellschaftlichen Integration gestellt.
MerkkastenDer Faschismus zeigt, dass Herrschaft dann besonders stabil ist, wenn sie ökonomische Interessen mit kultureller Sinnstiftung verbindet. Die Analyse dieser Einheit von Ökonomie, Politik und Ideologie bleibt nicht nur historisch relevant, sondern besitzt eine gegenwartsbezogene Warnfunktion: Wo soziale Krisen kulturell umgedeutet, Ungleichheiten naturalisiert und Ausschlüsse legitimiert werden, entstehen Bedingungen, unter denen autoritäre Projekte erneut Zustimmung gewinnen können. |
Eine materialistische Perspektive, inspiriert durch Antonio Gramscis Theorie der Hegemonie, erlaubt es, den Faschismus nicht als bloßes Herrschaftsprojekt „von oben“ oder als irrationalen Massenwahn zu begreifen, sondern als spezifische Form bürgerlicher Herrschaftssicherung in einer tiefen kapitalistischen Krise. Gramsci betont, dass stabile Herrschaft nicht allein auf Zwang beruht, sondern auf der Fähigkeit, gesellschaftliche Interessen so zu organisieren, dass sie als „allgemein“ erscheinen. Genau hierin lag eine zentrale Stärke des NS-Regimes.
Faschismus als Antwort auf die Krise des Kapitalismus
Die Machtübertragung an Hitler erfolgte vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise, massenhafter Arbeitslosigkeit und einer tiefen politischen Polarisierung. Große Teile der Industrie, des Finanzkapitals und der Großgrundbesitzer sahen im Nationalsozialismus ein Instrument zur Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung und zur Wiederherstellung profitabler Akkumulationsbedingungen. Die Abschaffung der Gewerkschaften, das Verbot von Streiks und die vollständige Unterordnung der Arbeit unter staatliche Kontrolle schufen eine neue, autoritär regulierte Klassenordnung.
Franz Neumann hat in Behemoth gezeigt, dass der NS-Staat kein monolithischer Machtapparat war, sondern ein Bündnis aus Partei, Militär, Bürokratie und Großindustrie, das durch gemeinsame materielle Interessen zusammengehalten wurde. Aufrüstung, expansive Staatsausgaben und später der Raubkrieg in Europa fungierten als Konjunkturprogramme, von denen insbesondere die Schwerindustrie profitierte. Die massive Nutzung von Zwangsarbeit und die Enteignung jüdischen Eigentums stellten zusätzliche Formen gewaltsamer Kapitalakkumulation dar.
Volksgemeinschaft und kulturelle Hegemonie
Doch Repression und materielle Vorteile allein erklären nicht die breite gesellschaftliche Zustimmung. Der Nationalsozialismus entwickelte ein wirkungsvolles kulturelles Projekt, das Klassengegensätze symbolisch aufhob und in der Idee der „Volksgemeinschaft“ aufgehen ließ. Soziale Konflikte wurden nicht geleugnet, sondern ethnisiert: Nicht Kapital und Arbeit standen sich gegenüber, sondern „Volksgenossen“ und „Volksfeinde“.
Antisemitismus spielte dabei eine zentrale Rolle. Er fungierte als ideologisches Bindemittel, das soziale Ängste personalisierte und ökonomische Widersprüche auf eine vermeintlich äußere Macht projizierte. Jüdische Menschen wurden zugleich als kapitalistische Ausbeuter wie als revolutionäre Zersetzer imaginiert – ein Widerspruch, der gerade durch seine Irrationalität integrativ wirkte. Nationalismus, Führerkult und ästhetisierte Masseninszenierungen schufen emotionale Bindungen, die materielle Ungleichheit überlagerten.
Zustimmung, Mitläufertum und Gewalt
Diese Verbindung aus ökonomischer Funktionalität und kultureller Hegemonie ermöglichte es dem Regime, große Teile der Bevölkerung aktiv oder passiv einzubinden. Viele profitierten materiell oder symbolisch, andere passten sich aus Angst oder Opportunismus an. Gewalt blieb allgegenwärtig, wurde jedoch durch Zustimmung ergänzt und stabilisiert. Der Faschismus erscheint so nicht als historischer Unfall, sondern als extreme, aber systemisch mögliche Form kapitalistischer Krisenbewältigung.
Bedeutung de Films
In diesem Kontext kam dem Film eine zentrale Rolle für Hegemonie und Zustimmung zu. Als modernes Massenmedium verband er technische Innovation, emotionale Wirkung und kollektive Rezeption auf einzigartige Weise. Die faschistische Führung erkannte früh, dass Filme nicht nur unterhalten, sondern Wahrnehmungen ordnen, Affekte mobilisieren und gesellschaftliche Normalität herstellen konnten. Kino wurde damit zu einem entscheidenden Instrument kultureller Hegemonie im gramscianischen Sinne.
NS-Filme wirkten selten ausschließlich durch offene Propaganda. Neben expliziten Inszenierungen politischer Macht – etwa in Leni Riefenstahls Triumph des Willens – erfüllten insbesondere Unterhaltungsfilme eine hegemoniale Funktion. Melodramen, Komödien und Heimatfilme transportierten implizite Normen von Geschlecht, Familie, Arbeit und Opferbereitschaft und integrierten das Publikum emotional in die imaginierte „Volksgemeinschaft“. Klassenkonflikte, soziale Widersprüche und Gewaltverhältnisse wurden ausgeblendet oder ästhetisch befriedet, während Anpassung, Leistungsbereitschaft und Loyalität als selbstverständlich erschienen.
Zugleich fungierte der Film als Schnittstelle zwischen Ökonomie und Ideologie. Die Filmindustrie war eng in staatliche Lenkung und kapitalistische Interessen eingebunden, profitierte von staatlichen Aufträgen und trug zur Normalisierung von Aufrüstung, Krieg und Ausschluss bei. Bilder von Arbeit, Technik und Masse verknüpften ökonomische Modernisierung mit nationaler Größe und schufen Zustimmung zu einer Politik, die objektiv den Interessen von Großindustrie und Militär diente.
In der Rückschau wird sichtbar, wie diese Bilderwelt dazu beitrug, Gewalt unsichtbar zu machen, Verantwortung zu diffundieren und das Mitläufertum zu stabilisieren. Film war damit nicht bloß Spiegel der faschistischen Gesellschaft, sondern aktiver Produzent von Zustimmung, ein Medium, in dem sich Herrschaft als Normalität, Gemeinschaft und sogar Glück darstellen ließ. Gerade diese Verbindung von Ästhetik, Emotion und Alltäglichkeit machte den Film zu einem der wirksamsten hegemonialen Instrumente des Nationalsozialismus.
