Utopien im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart
Neue Wege findet man nicht auf alten Landkarten…
Utopisches Denken bezeichnet keine Flucht in imaginäre Zukunftsräume, sondern eine kritisch-reflexive Bewegung innerhalb der Gegenwart. Es entsteht dort, wo historische Erfahrungen nicht als abgeschlossene Vergangenheit verstanden werden, sondern als Material, aus dem neue gesellschaftliche Möglichkeiten hervorgehen können. Utopie ist damit weniger ein Ort als eine Denkform des Möglichkeitsbewusstseins, die das Bestehende nicht naturalisiert, sondern als veränderbar begreift.¹
… aber alte Abzweigungen können dabei Helfen: Utopisches Denken zwischen Erinnerung und Möglichkeit
Utopisches Denken – das meint keineswegs (nur) den Blick in die Glaskugel einer fernen Zukunft. Vielmehr braucht gerade die Gegenwart angesichts aktueller Herausforderungen (von denen die Digitalisierung nur eine darstellt) eine Perspektive, die aus der kritischen Reflexion des Gewesenen das Denkbare, das möglich Erscheinende entstehen lässt – in seiner Ambivalenz von dystopischer Warnung bis zum „Prinzip Hoffnung“.²
Oskar Negt bringt dies auf die Formel: „Soziales Gedächtnis und Utopiefähigkeit sind zwei Seiten derselben Sache“.³ Zugleich betont er, dass „wer über Verluste, die er erlitten hat, nicht trauern kann, auch keine Kraft zur Utopie“ besitzt. Erinnerung und Zukunft sind damit nicht Gegensätze, sondern ineinander verschränkte Bedingungen gesellschaftlicher Vorstellungskraft.
… aber vergessene Abzweigungen sind manchmal hilfreich.
Gegenwart als Krise der Zukunft
Gerade in Krisenzeiten der Gegenwart – geprägt von ökonomischen Umbrüchen, globalen Konflikten und ökologischen Grenzen – gewinnt diese Denkfigur erneut an Bedeutung. Die „Diktatur der Gegenwart über die übrige Zeit“ führt dazu, dass Zukunft häufig nur noch als Fortschreibung des Bestehenden oder als Bedrohung erscheint.⁴ Utopisches Denken setzt hier einen Gegenakzent: Es widerspricht der Vorstellung der Alternativlosigkeit und eröffnet Räume des Denkbaren.
Diese Kraft sollte auch in der Schule aktiviert werden – durch ernsthafte und ergebnisoffene Diskussionen. Impulse können dabei literarische und filmische Werke liefern, etwa Aldous Huxley, der seiner Dystopie Brave New World später mit Island einen Gegenentwurf folgen ließ.⁵ Ebenso zentral ist das Hineindenken in den Begriff der „historischen Kompetenz“ bei Oskar Negt, der Erinnerungs- und Utopiefähigkeit verbindet.³ Auch Ursula K. Le Guin zeigt die Brisanz gesellschaftlicher Utopien: Die Idee des radikalen Teilens bedeutet in einer kapitalistischen Gesellschaft „in einer Munitionsfabrik ein Streichholz anzuzünden“.⁶
Utopien markieren damit stets Konfliktlinien zwischen Möglichkeit und bestehender Ordnung.
Marxismus, Politik und die Rückkehr der Utopie
Eine zentrale theoretische Bezugslinie dieser Debatten bildet der Marxismus in seiner widersprüchlichen Rezeptionsgeschichte. Eric Hobsbawm hebt hervor, dass der Marxismus ein „Leitmotiv im intellektuellen Konzert der modernen Welt“ war und durch seine Fähigkeit, „soziale Kräfte zu mobilisieren“, die Geschichte des 20. Jahrhunderts prägte.⁷
Auch wenn das Kommunistische Manifest historisch gebunden ist, bleibt seine Grundbewegung aktuell: „historischer Wandel durch gesellschaftliche Praxis, durch kollektives Handeln“.⁷ Damit verbunden ist das Primat politischer Gestaltung, also die Einsicht, dass Gesellschaft nicht naturgegeben ist.
Dieses „Primat der Politik“ verbindet Hobsbawm mit Antonio Gramsci. Dieser habe „als einer der ersten eine marxistische Theorie der Politik vorgelegt“.⁸ Politik ist bei Gramsci nicht bloß Strategie, sondern „Philosophie der Praxis“. Damit wird Politik zum Kern gesellschaftlicher Selbstveränderung.
Alltägliche Lebenspraxis erscheint so nicht als bloßer Raum von Entfremdung, sondern als Erfahrungsfeld gesellschaftlichen Lernens. Hobsbawm liest diese Perspektive als Verbindung von Theorie und Praxis, in der gesellschaftliche Entwicklung durch Erfahrung und kollektives Handeln vermittelt ist.⁷
Bildung als Ort der Utopie
Für Bildung ergibt sich daraus eine zentrale Konsequenz: Sie ist nicht nur Vermittlung von Wissen über bestehende Verhältnisse, sondern zugleich ein Raum der Zukunftseröffnung. Wenn Gesellschaft veränderbar ist, dann ist Bildung immer auch Mitgestaltung dieser Veränderbarkeit.
Im Sinne Hobsbawms und Gramscis wird Bildung zur Praxis gesellschaftlicher Selbstaufklärung. Lernende erfahren ihre Lebenswelt als historisch geworden und damit als transformierbar. Politische Bildung bedeutet hier nicht die Vermittlung fertiger Antworten, sondern die Entwicklung eines Möglichkeitssinns für Alternativen.
Utopisches Denken in der Bildung heißt daher, das Nicht-Realisierte als denkbar zu halten und gesellschaftliche Wirklichkeit als offen zu verstehen. Es verbindet Erinnerung, Kritik und Zukunftsentwurf zu einer Form reflektierter Mündigkeit.
Ausblick: Kopf in den Himmel, Füße auf der Erde
Auch und gerade wenn man fest auf der Erde steht, kann man den Kopf in den Himmel heben und zwischen den Wolken nach Sonne, Mond und Sternen suchen. Utopisches Denken ist genau diese Bewegung: kein Rückzug aus der Realität, sondern ihre kritische Öffnung auf das noch nicht Sichtbare hin.
Anmerkungen
- Bloch, 1954–1959;
Neupert-Doppler: „Als Ausdruck von Bestrebungen und Kritik am Bestehenden, als Möglichkeitssinn und Motivation von Bewegungen, als Artikulation von Bedürfnissen, linke Tradition und strategische Option wird Utopie zu einer Denkfigur kritischer Theorien. Utopien sind dabei nicht das Abbild einer besseren Zukunft, sondern Gegen- und Leitbilder ihrer Gegenwart.“ - Nida-Rümelin & Kufeld, 2011
- Negt, 2012
- Precht, 2018
- Huxley, 1932; Huxley, 1962
- Le Guin, 1974
- Hobsbawm, 2011
- Hobsbawm, 2011; Gramsci, 1971
Vortrag von Oskar Negt
bei den Tagen der Utopie 2013 in St. Arbogast (Vorarlberg/Österreich). Thema: Europa als Utopie im Sinne eines zukunftsweisenden rechts-. sozial- und demokratiepolitischen Konzepts.
