Die Verdrängung des Klassenbegriffs
Paradigmenwechsel, Entpolitisierung und die Rückkehr struktureller Gesellschaftsanalyse
Die gegenwärtige Zurückdrängung des Klassenbegriffs in großen Teilen der Gesellschafts-, Sozial- und Geschichtswissenschaften stellt keinen bloß terminologischen Wandel dar, sondern verweist auf einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel in der Analyse moderner Gesellschaften. Während Klassenbegriffe bis weit in das 20. Jahrhundert hinein selbst in liberalen und konservativen Wissenschaftstraditionen selbstverständlich verwendet wurden, um gesellschaftliche Strukturen, Herrschaftsverhältnisse und soziale Konflikte zu analysieren, trat seit den 1970er und verstärkt seit den 1980er Jahren eine theoretische Neuorientierung ein, die Klasse zunehmend durch Konzepte wie „Milieu“, „Lebensstil“, „Identität“, „Governance“ oder „Netzwerk“ ersetzte.
Dabei ist zunächst festzuhalten, dass der Klassenbegriff historisch keineswegs ausschließlich marxistisch oder dogmatisch geprägt war. Bereits Max Weber verstand Klassen als marktvermittelte soziale Lagen, die Lebenschancen strukturieren, ohne sie auf reine Eigentumsverhältnisse zu reduzieren. Auch Autoren wie Werner Sombart oder Joseph Schumpeter arbeiteten mit Klassenkategorien zur Beschreibung kapitalistischer Gesellschaften. Der Begriff fungierte damit als allgemeiner Strukturbegriff moderner Gesellschaftsanalyse: Er verband Eigentum, Arbeit, Herrschaft und soziale Reproduktion innerhalb eines historischen Gesamtzusammenhangs.
Die Kritik am Klassenbegriff richtete sich seit den 1970er Jahren zunehmend gegen einen vermeintlichen „ökonomischen Reduktionismus“. Insbesondere im Zuge des sogenannten cultural turn, des Poststrukturalismus und identitätstheoretischer Ansätze wurde argumentiert, Klassenanalysen reduzierten soziale Wirklichkeit auf Produktionsverhältnisse und unterschätzten die Eigenständigkeit kultureller, sprachlicher und symbolischer Machtformen. Autoren wie Michel Foucault verlagerten den Fokus von ökonomischen Strukturverhältnissen auf Diskurse, Dispositive und Mikrophysiken der Macht. Parallel dazu gewannen Gender-, Postcolonial- und Identitätstheorien an Einfluss, die Geschlecht, Ethnizität, Sexualität oder kulturelle Differenz als eigenständige Analyseachsen hervorhoben.
Diese theoretische Verschiebung fiel historisch mit grundlegenden politischen und ökonomischen Veränderungen zusammen. Seit den 1980er Jahren setzte sich im Kontext neoliberaler Hegemonie ein Gesellschaftsverständnis durch, das Individuen primär als Marktakteure und Unternehmer ihrer selbst interpretiert. Mit den wirtschafts- und sozialpolitischen Projekten von Margaret Thatcher und Ronald Reagan wurde gesellschaftliche Regulation zunehmend marktförmig reorganisiert. In diesem Paradigma erscheinen Klassen als analytisch störend, da sie kollektive Interessen, strukturelle Machtasymmetrien und Eigentumskonzentrationen sichtbar machen. Begriffe wie „Humankapital“, „Employability“ oder „Arbeitsmarktflexibilität“ ersetzen Klassenverhältnisse durch individualisierte Anpassungskategorien.
Parallel dazu veränderten sich die dominierenden Methoden der Sozialwissenschaften. Rational-Choice-Ansätze, Systemtheorie und individualistische Handlungstheorien verschoben den Fokus von gesellschaftlichen Totalitätszusammenhängen hin zu Entscheidungen einzelner Akteure, Kommunikationssystemen oder kulturellen Praktiken. Besonders einflussreich wurde hierbei die Milieu- und Lebensstilforschung. Obwohl sich diese teilweise auf Pierre Bourdieu berief, wurden dessen Analysen sozialer Klassen häufig konsumsoziologisch verkürzt und entpolitisiert. An die Stelle antagonistisch strukturierter Klassenverhältnisse traten differenzierte Milieus und Lebensstile, die soziale Ungleichheit primär kulturell codieren. Dadurch verschiebt sich der Blick von Produktions- und Eigentumsverhältnissen hin zu Konsum, Habitus und symbolischer Distinktion.
Auch institutionelle Veränderungen der Wissenschaft selbst verstärkten diese Entwicklung. Die zunehmende Orientierung von Universitäten an Drittmitteln, Projektlogiken, Exzellenzkriterien und marktförmiger Steuerung begünstigte stärker fragmentierte, empirisch kurzfristig verwertbare Forschungsansätze. Struktur- und Kapitalismuskritik verlor dagegen vielfach institutionellen Einfluss. Klassenanalyse erschien zunehmend als theoretisch „veraltet“, politisch „ideologisch“ oder akademisch wenig anschlussfähig.
In der Geschichtswissenschaft zeigt sich ein ähnlicher Paradigmenwechsel. Die Sozialgeschichte der Nachkriegszeit – etwa bei Hans-Ulrich Wehler oder Jürgen Kocka – arbeitete noch stark mit Klassen- und Strukturbegriffen. Gesellschaft wurde als historisch gewachsener Zusammenhang von Herrschaft, Wirtschaft und sozialer Formation analysiert. Seit den 1980er Jahren rückten jedoch Kultur-, Diskurs- und Mikrogeschichte stärker in den Vordergrund. Nicht mehr gesellschaftliche Strukturen, sondern Wahrnehmungen, Narrative, Identitäten und symbolische Ordnungen standen nun im Zentrum. Klasse erschien vielen Historikern als „teleologisch“, „essentialistisch“ oder „marxistisch belastet“.
Die Folgen dieser Entwicklung sind weitreichend. Ohne Klassenbegriff verlieren gesellschaftliche Analysen häufig ihre strukturelle Tiefenschärfe. Ökonomische Macht erscheint nicht mehr als gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis, sondern als Resultat individueller Bildungschancen, kultureller Kompetenzen oder persönlicher Anpassungsfähigkeit. Armut wird zum „Bildungsproblem“, Prekarität zur individuellen Risikolage und politische Ohnmacht zum Kommunikationsdefizit. Kapitalistische Machtstrukturen treten demgegenüber in den Hintergrund.
Gleichzeitig zeigt sich jedoch seit den 2000er Jahren eine partielle Rückkehr struktur- und kapitalismustheoretischer Ansätze. Die globale Finanzkrise, die massive Vermögenskonzentration, die Ausweitung prekärer Arbeit sowie ökologische Krisen haben die Grenzen rein kultur- oder individualisierungstheoretischer Modelle deutlich gemacht. Besonders in der kritischen Ungleichheits-, Kapitalismus- und Ökologieforschung werden Klassen- und Strukturbegriffe erneut aufgegriffen.
Dabei erscheinen Klassenanalysen heute häufig in erweiterten oder transformierten Formen. Autoren wie Hartmut Rosa analysieren gesellschaftliche Beschleunigungs- und Steigerungszwänge als strukturelle Dynamiken spätkapitalistischer Gesellschaften, ohne den Klassenbegriff ins Zentrum zu stellen. Dennoch bleiben seine Analysen implizit auf kapitalistische Konkurrenz- und Wachstumslogiken bezogen. Kritische Ökologieforschung verbindet ökologische Krisen zunehmend mit kapitalistischen Akkumulations- und Eigentumsverhältnissen. Autoren wie Andreas Malm, Jason W. Moore, Kohei Saito oder Stephan Lessenich analysieren Klimakrise, fossilen Kapitalismus, imperiale Lebensweise und globale Ungleichheit als Resultate struktureller Produktions- und Herrschaftsverhältnisse.
Damit kehrt ein zentrales Problem klassischer Gesellschaftstheorie zurück: die Frage nach dem Zusammenhang von Eigentum, Produktion, Herrschaft und gesellschaftlicher Reproduktion. Selbst dort, wo der explizite Klassenbegriff vermieden wird, bleiben viele gegenwärtige Krisendiagnosen ohne Analyse asymmetrischer Verfügungs- und Machtverhältnisse kaum verständlich. Die Rückkehr kapitalismus- und strukturtheoretischer Perspektiven verweist deshalb auf die anhaltende analytische Relevanz des Klassenbegriffs – nicht notwendig in orthodoxer Form, wohl aber als Instrument zur Sichtbarmachung gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse.
Literatur
Klassische Gesellschafts- und Klassentheorie
Pierre Bourdieu. (1982). Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft (B. Schwibs & A. Russer, Übers.). Suhrkamp.
Karl Marx. (1962). Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band (MEW Bd. 23). Dietz. (Originalarbeit veröffentlicht 1867)
Werner Sombart. (1928). Der moderne Kapitalismus (Bd. 1–3). Duncker & Humblot.
Max Weber. (1980). Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie (5. rev. Aufl.). Mohr Siebeck. (Originalarbeit veröffentlicht 1922)
Erik Olin Wright. (1985). Classes. Verso.
Kritische Theorie, Kultur- und Gesellschaftsanalyse
Ulrich Beck. (1986). Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp.
Michel Foucault. (1977). Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses (W. Seitter, Übers.). Suhrkamp. (Originalarbeit veröffentlicht 1975)
Jürgen Habermas. (1985). Die neue Unübersichtlichkeit: Kleine politische Schriften V. Suhrkamp.
Hartmut Rosa. (2005). Beschleunigung: Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Suhrkamp.
Hartmut Rosa. (2016). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp.
Sozial- und Geschichtswissenschaft
Jürgen Kocka. (1980). Lohnarbeit und Klassenbildung: Arbeiter und Arbeiterbewegung in Deutschland 1800–1875. Dietz.
Hans-Ulrich Wehler. (1987–2008). Deutsche Gesellschaftsgeschichte (Bd. 1–5). C.H. Beck.
Neuere Kapitalismus-, Ungleichheits- und Ökologieforschung
Stephan Lessenich. (2016). Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Hanser.
Andreas Malm. (2016). Fossil Capital: The Rise of Steam Power and the Roots of Global Warming. Verso.
Jason W. Moore. (2015). Capitalism in the Web of Life. Verso.
Thomas Piketty. (2014). Das Kapital im 21. Jahrhundert (I. Utz & S. Utz, Übers.). C.H. Beck. (Originalarbeit veröffentlicht 2013)
Kohei Saito. (2023). Systemsturz: Der Sieg der Natur über den Kapitalismus. Deutscher Taschenbuch Verlag.
Nancy Fraser. (2023). Der Allesfresser: Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt (mit R. Jaeggi). Suhrkamp.
