Historisch-materialistisches Denken und Gesellschaftskompetenz
Eine theoretische Perspektive auf gesellschaftliche Zusammenhänge, Widersprüche und Veränderungsmöglichkeiten
Das Konzept der Gesellschaftskompetenz lässt sich aus unterschiedlichen gesellschaftswissenschaftlichen, philosophischen und bildungstheoretischen Traditionen begründen und weiterentwickeln. Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem historisch-materialistischen Denken und der vielfältigen Tradition marxistisch orientierter Wissenschaft zu.
Nicht weil diese einen ausschließlichen Anspruch auf die Erklärung gesellschaftlicher Wirklichkeit erheben könnte, sondern weil sie ein besonders entwickeltes Instrumentarium bereitstellt, um gesellschaftliche Zusammenhänge, ihre historischen Entstehungsbedingungen, inneren Widersprüche und Veränderungsmöglichkeiten zu untersuchen.
Gesellschaft erscheint in dieser Perspektive nicht als Summe voneinander getrennter Bereiche, sondern als historisch entstandener, widersprüchlicher und veränderbarer Zusammenhang. Ökonomie, Politik, Kultur, Geschichte, Technik, Kommunikation, Naturverhältnisse und soziale Beziehungen sind auf vielfältige Weise miteinander vermittelt.
Gerade diese Fähigkeit, gesellschaftliche Wirklichkeit nicht in isolierte Sachgebiete aufzulösen, sondern ihre Zusammenhänge zu untersuchen, ist für das Konzept der Gesellschaftskompetenz von grundlegender Bedeutung.
Gesellschaftliche Totalität – die Beziehungen zwischen den Dimensionen verstehen
Karl Marx und Friedrich Engels entwickelten mit der materialistischen Geschichtsauffassung einen Zugang, der gesellschaftliche Verhältnisse als Ergebnisse historischer Entwicklungen und menschlicher Tätigkeit begreift.
Der Begriff der gesellschaftlichen Totalität bezeichnet dabei nicht die Vorstellung einer vollständig erklärbaren oder widerspruchsfreien Gesellschaft. Er verweist auf die Notwendigkeit, einzelne Erscheinungen in ihren Beziehungen innerhalb einer historisch bestimmten gesellschaftlichen Ordnung zu untersuchen.
Ökonomische Verhältnisse besitzen dabei eine grundlegende Bedeutung. Das bedeutet jedoch nicht, politische, kulturelle oder soziale Prozesse unmittelbar aus ökonomischen Ursachen abzuleiten. Vielmehr gilt es, ihre jeweiligen Eigenheiten, Wechselwirkungen und Widersprüche zu analysieren.
Diese Perspektive betrifft alle zwölf Dimensionen der Gesellschaftskompetenz.
Historische Kompetenz fragt nach Entstehung und Wandel gesellschaftlicher Verhältnisse. Ökonomische und politische Kompetenz untersuchen Eigentum, Produktion, Interessen, Macht und gesellschaftliche Entscheidungen. Kulturelle, kommunikative und mediale Kompetenz erschließen die Entstehung, Vermittlung und Durchsetzung gesellschaftlicher Deutungen.
Technologische und ökologische Kompetenz verbinden technische Entwicklung und gesellschaftliche Naturverhältnisse mit Fragen nach Produktion, Arbeit und Lebensweise. Soziale, interkulturelle und Gerechtigkeitskompetenz richten den Blick auf Lebensverhältnisse, Ungleichheit, Identität, Anerkennung und gesellschaftliche Konflikte.
Philosophische Kompetenz schließlich ermöglicht die Reflexion der Begriffe, Voraussetzungen und Maßstäbe, mit denen gesellschaftliche Wirklichkeit untersucht und beurteilt wird.
Die einzelnen Dimensionen werden dadurch nicht auf eine gemeinsame Ursache reduziert. Sie bleiben eigenständige analytische Zugänge, deren Erkenntnispotenzial gerade durch ihre Verbindung wächst.
Historisch-materialistisches Denken ist deshalb keine zusätzliche Kompetenzdimension, sondern eine mögliche dimensionenübergreifende Perspektive auf gesellschaftliche Wirklichkeit.
Diese Verbindung der Perspektiven gehört zum Kern des Konzepts, das Gesellschaftskompetenz ausdrücklich nicht als Addition einzelner Kompetenzen versteht, sondern als Fähigkeit, gesellschaftliche Wirklichkeit in ihrer Mehrdimensionalität zu erschließen. <Cite ref=“turn917535search0″/>
Eine offene und widersprüchliche Wissenschaftstradition
Diese Denkweise erschöpft sich keineswegs im Werk von Marx und Engels.
Rosa Luxemburg, Karl Korsch, Georg Lukács, Antonio Gramsci, Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Alfred Sohn-Rethel und zahlreiche weitere Wissenschaftler, Schriftsteller und politische Intellektuelle haben sie weiterentwickelt, kritisiert und mit anderen theoretischen Ansätzen verbunden.
Ihre Arbeiten untersuchen nicht allein kapitalistische Produktions- und Eigentumsverhältnisse. Sie beschäftigen sich ebenso mit Staat und Demokratie, kultureller Hegemonie, Ideologie, Alltag, Sprache, Medien, Bewusstsein, Naturverhältnissen, menschlichem Arbeitsvermögen und historischen Möglichkeiten.
Dabei entstanden erhebliche theoretische und politische Gegensätze. Marxistisch orientierte Wissenschaft war historisch kein geschlossenes System, sondern ein vielfältiges und konfliktreiches Forschungsfeld.
Diese Vielfalt dokumentiert bereits das von Carl Grünberg herausgegebene Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung (1911–1930). Die spätere Wiederaneignung marxistischer Theorie, unter anderem durch Iring Fetscher, sowie die Zeitschriften Das Argument und PROKLA stehen für die Fortsetzung und Veränderung dieser Wissenschaftstradition.
Ihre frühere Präsenz in den Programmen großer Verlage wie Suhrkamp, Rowohlt und der Europäischen Verlagsanstalt ist heute in dieser Breite kaum noch gegeben. Marxistisch orientierte Wissenschaft ist nicht verschwunden, ihre öffentliche Sichtbarkeit und institutionelle Verankerung haben sich jedoch erheblich verändert.
Die Wiederbeschäftigung mit dieser Tradition bedeutet nicht, ihre Antworten zu übernehmen. Sie bedeutet, ihre Fragen, Erkenntnisse und Kontroversen erneut für gegenwärtige Gesellschaftsanalyse zugänglich zu machen.
Die Geschichte dieser Entwicklung wird im vertiefenden Beitrag „Eine Wissenschaftstradition wird unsichtbar – Marxistisch orientierte Wissenschaft und ihre publizistische Öffentlichkeit“ ausführlicher untersucht.
Oskar Negt und Alexander Kluge – Erfahrung und gesellschaftlicher Zusammenhang
Auch das Konzept gesellschaftlicher Kompetenzen von Oskar Negt steht in dieser Tradition.
Negt knüpft an Marx und die Kritische Theorie an, ohne sich auf deren überlieferte Kategorien zu beschränken. Gemeinsam mit Alexander Kluge entwickelt er einen Zugang, der gesellschaftliche Strukturen mit Erfahrungen, Bedürfnissen, Arbeitsvermögen und Handlungsmöglichkeiten der Menschen verbindet.
In Öffentlichkeit und Erfahrung (1972) und Geschichte und Eigensinn (1981) werden gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur als objektive Strukturen betrachtet. Sie erscheinen zugleich als Bedingungen menschlicher Erfahrung, als Gegenstände von Konflikten und als Ergebnisse historischer Tätigkeit.
Gesellschaftliche Widersprüche werden im Alltag erfahren: in der Arbeit, in sozialen Beziehungen, beim Umgang mit Technik, in Medien, in politischen Auseinandersetzungen und in gesellschaftlichen Krisen.
Negts Konzept gesellschaftlicher Kompetenzen zielt deshalb darauf, solche Erfahrungen mit übergreifenden gesellschaftlichen Zusammenhängen zu verbinden und daraus politische Urteils- und Handlungsfähigkeit zu entwickeln.
Christine Zeuner hat diesen Ansatz systematisiert und für die politische Bildung weiterentwickelt. Ihre Untersuchung Gesellschaftliche Kompetenzen. Grundlage für politisches Handeln (2026) bildet einen wichtigen Bezugspunkt des Konzepts.
Das hier entwickelte Konzept der Gesellschaftskompetenz knüpft an diese Überlegungen an, erweitert sie aber um weitere Kompetenzdimensionen und verbindet sie mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Traditionen.
Die historisch-materialistische Herkunft dieses Denkens wird dabei bewusst transparent gemacht. Sie begründet keinen theoretischen Alleinvertretungsanspruch.
Kritik und utopisches Denken – die Veränderbarkeit des Bestehenden
Eine besondere Stärke historisch-materialistischen Denkens liegt darin, gesellschaftliche Verhältnisse nicht als naturgegeben, sondern als historisch entstanden und grundsätzlich veränderbar zu begreifen.
Damit eröffnet sich eine Verbindung zwischen historischer Analyse, Gesellschaftskritik und utopischem Denken. Dieses besitzt zugleich eine eigenständige philosophische und gesellschaftstheoretische Tradition, die nicht auf marxistische Theorie beschränkt ist.
Ernst Blochs Philosophie des Noch-Nicht steht beispielhaft für eine Perspektive, die Wirklichkeit nicht auf das bereits Verwirklichte reduziert. Auch nicht verwirklichte Möglichkeiten, verdrängte Alternativen und unerfüllte gesellschaftliche Bedürfnisse gehören zum historischen Erfahrungs- und Erwartungshorizont.
Gesellschaftskompetenz benötigt deshalb neben dem Vermögen, gesellschaftliche Komplexität zu erschließen, auch historischen Möglichkeitssinn und Utopiefähigkeit.
Es geht nicht allein darum, gesellschaftliche Strukturen zu verstehen, sondern auch darum, ihre Veränderbarkeit wahrzunehmen, alternative Entwicklungen zu beurteilen und Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.
Diese Perspektive wird innerhalb der Rubrik Geschichte und Gesellschaft im Zusammenhang denken im eigenständigen Themenbereich „Nachdenken über Utopien“ weitergeführt. Einen gesellschaftskritischen Ausgangspunkt bietet der vorhandene Beitrag Kapitalismus und Utopie. Die bildungstheoretische Bedeutung von Möglichkeitssinn und Utopiefähigkeit wird außerdem im Beitrag Resilienz, Resonanz, Eigensinn und Möglichkeitssinn aufgegriffen.
Gesellschaftskompetenz und kritische Wissenschaft
Historisch-materialistisches Denken liefert nicht für jede Kompetenzdimension eine fertige Antwort. Seine besondere Bedeutung liegt vielmehr darin, immer wieder die Frage nach den Beziehungen zwischen den Dimensionen zu stellen.
Das Konzept der Gesellschaftskompetenz benötigt keine verbindliche Gesellschaftstheorie. Es benötigt jedoch die Fähigkeit, unterschiedliche Gesellschaftstheorien kritisch zu prüfen, ihre Erklärungsmöglichkeiten zu erkennen und sie auf konkrete gesellschaftliche Probleme zu beziehen.
Marxistisch orientierte Wissenschaft gehört dabei zu den Traditionen, auf deren Erkenntnispotenzial historisch-politische Bildung nicht verzichten sollte.
Die erneute Beschäftigung mit dieser Tradition ist auch deshalb bedeutsam, weil grundlegende gesellschaftskritische Fragestellungen heute nicht nur marginalisiert, sondern teilweise politisch delegitimiert werden. Gerade die Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher Gesellschaftsanalyse, demokratischer Kritik und verfassungsfeindlichen Bestrebungen gehört deshalb zu den Aufgaben einer reflektierten historisch-politischen Bildung.
Der vertiefende Beitrag „Gesellschaftskritisches Denken wieder sichtbar machen – Historisch-materialistische Perspektiven in der historisch-politischen Bildung“ untersucht diese Frage im Zusammenhang mit der Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbildung sowie gegenwärtigen Bildungsaufgaben.
Gesellschaftskompetenz bedeutet, gesellschaftliche Zusammenhänge zu erkennen, ihre historische Gewordenheit zu verstehen, Widersprüche kritisch zu untersuchen und Möglichkeiten gesellschaftlicher Veränderung denkend wie handelnd zu erschließen.
Historisch-materialistisches Denken kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten – nicht als geschlossenes Weltbild, sondern als offene, kritische und weiterzuentwickelnde Wissenschaftstradition.
Weiterführende Beiträge
Vertiefungen zum historisch-materialistischen Denken
-
Eine Wissenschaftstradition wird unsichtbar – Marxistisch orientierte Wissenschaft und ihre publizistische Öffentlichkeit (Link nach Veröffentlichung ergänzen).
-
Gesellschaftskritisches Denken wieder sichtbar machen – Historisch-materialistische Perspektiven in der historisch-politischen Bildung (Link nach Veröffentlichung ergänzen).
Begriffe und gesellschaftstheoretische Vertiefungen
-
Karl Korsch – verschwunden und doch nicht erledigt (Link nach Veröffentlichung ergänzen).
Gesellschaftskompetenz und Bildungsprozesse
Utopisches Denken
Literatur
Bloch, Ernst (1959): Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Gramsci, Antonio (1991–2002): Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe. Hamburg: Argument.
Grünberg, Carl (Hg.) (1911–1930): Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. 15 Bände. Digitalisierte Ausgabe der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Korsch, Karl (1923): Marxismus und Philosophie. Leipzig: C. L. Hirschfeld.
Lukács, Georg (1923): Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik. Berlin: Malik.
Marx, Karl / Engels, Friedrich (1845/46): Die deutsche Ideologie. In: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 3. Berlin: Dietz.
Negt, Oskar (1971): Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. Zur Theorie der Arbeiterbildung. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt.
Negt, Oskar (2010): Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Göttingen: Steidl.
Negt, Oskar / Kluge, Alexander (1972): Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Negt, Oskar / Kluge, Alexander (1981): Geschichte und Eigensinn. Frankfurt am Main: Zweitausendeins.
Zeuner, Christine (2013): Entwicklung und Umsetzung eines didaktisch-methodischen Konzepts zur politischen Bildung. Oskar Negts „Gesellschaftliche Kompetenzen“. In: Magazin erwachsenenbildung.at, Ausgabe 20. Nachweis und Volltext bei peDOCS.
Zeuner, Christine (2026): Gesellschaftliche Kompetenzen. Grundlage für politisches Handeln. Orientierung und Wissen für die Demokratie. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag. Vollständiges Digitalisat (PDF).
