Resilienz, Resonanz, Eigensinn und Möglichkeitssinn
Resilienz, Resonanz, Eigensinn und Möglichkeitssinn
Identität stärken und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit entwickeln
Ein Vertiefungsbeitrag zur sozialen Kompetenz – erster Entwurf
Ausgangspunkt: Identität und Handlungsfähigkeit unter widersprüchlichen gesellschaftlichen Bedingungen
Menschen müssen sich in einer Gesellschaft orientieren, die ihnen einerseits vielfältige Möglichkeiten individueller Lebensgestaltung eröffnet, andererseits aber Unsicherheit, Konkurrenz, soziale Ungleichheit und Erfahrungen gesellschaftlicher Ohnmacht hervorbringt.
Sie sollen eigenständig entscheiden, Verantwortung übernehmen, Veränderungen bewältigen und ihre Zukunft gestalten. Über viele Voraussetzungen ihres Handelns verfügen sie jedoch nicht selbst.
Arbeitsbedingungen, wirtschaftliche Entscheidungen, soziale Sicherungssysteme, politische Machtverhältnisse und technologische Entwicklungen beeinflussen ihre Lebensmöglichkeiten, ohne dass sie diese individuell bestimmen könnten.
Darin liegt ein grundlegender Widerspruch moderner kapitalistischer Gesellschaften: Von Menschen wird individuelle Selbstbestimmung verlangt, während wesentliche Bedingungen dieser Selbstbestimmung gesellschaftlich organisiert und ungleich verteilt sind.
Der Leitbeitrag Soziale Kompetenz – Identität, Eigensinn und Solidarität bestimmt soziale Kompetenz deshalb nicht als bloße Anpassungs- oder Kooperationsfähigkeit. Sie umfasst die Fähigkeit, die eigene Identität als gesellschaftlich vermittelt zu verstehen, soziale Beziehungen kritisch zu reflektieren und individuelle Selbstbestimmung mit solidarischem Handeln zu verbinden.
Der ergänzende Beitrag Individuum und Gesellschaft – Identität zwischen Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Fragmentierung untersucht die gesellschaftlichen Widersprüche, unter denen Identitätsentwicklung stattfindet.
Der vorliegende Vertiefungsbeitrag setzt an einer weiterführenden Frage an:
Welche Fähigkeiten und Erfahrungen benötigen Menschen, um unter diesen Bedingungen ihre Identität zu entwickeln, ihren Eigensinn zu bewahren und gesellschaftlich handlungsfähig zu werden?
Die Begriffe Resilienz, Resonanz, Eigensinn, Selbstwirksamkeit und Möglichkeitssinn eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf diese Frage.
Sie stammen aus verschiedenen theoretischen Zusammenhängen. Ihre Verbindung stellt einen eigenständigen konzeptionellen Versuch dar, der die Entwicklung sozialer Kompetenz im Rahmen der Gesellschaftskompetenz vertiefen soll.
Resilienz – die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen
Resilienz bezeichnet allgemein die Fähigkeit, mit Belastungen, Krisen und Veränderungen umzugehen, ohne dauerhaft die eigene Handlungsfähigkeit zu verlieren.
Menschen benötigen solche Fähigkeiten, um Erfahrungen von Verlust, Unsicherheit und Überforderung verarbeiten und neue Perspektiven entwickeln zu können.
Resilienz kann durch soziale Beziehungen, Anerkennung, Vertrauen, materielle Sicherheit und Erfahrungen eigener Wirksamkeit unterstützt werden.
Sie ist deshalb nicht ausschließlich eine individuelle Eigenschaft. Auch gesellschaftliche Lebensbedingungen beeinflussen, welche Möglichkeiten Menschen besitzen, Krisen zu bewältigen.
Das wird besonders deutlich, wenn unterschiedliche Menschen mit vergleichbaren Belastungen konfrontiert sind.
Wer einen Arbeitsplatz verliert, aber über materielle Rücklagen, soziale Beziehungen und berufliche Alternativen verfügt, besitzt andere Möglichkeiten der Bewältigung als jemand, dessen Existenz unmittelbar gefährdet ist.
Die Forderung nach individueller Widerstandsfähigkeit kann diese Unterschiede verdecken.
Unter gesellschaftlichen Bedingungen, in denen Unsicherheit und Veränderungsdruck zunehmen, wird Resilienz leicht zu einer Anpassungsanforderung: Menschen sollen lernen, Belastungen besser auszuhalten, ohne deren Ursachen infrage zu stellen.
Eine solche Vorstellung greift für das Konzept der Gesellschaftskompetenz zu kurz.
Es geht nicht nur darum, unter bestehenden Bedingungen handlungsfähig zu bleiben, sondern auch darum, diese Bedingungen verstehen und gegebenenfalls verändern zu können.
Daraus ergibt sich eine grundlegende Unterscheidung:
Resilienz kann helfen, Krisen zu bewältigen. Gesellschaftskompetenz muss darüber hinaus befähigen, die gesellschaftlichen Ursachen von Krisen zu erkennen und Möglichkeiten ihrer Veränderung zu erschließen.
Individuelle Bewältigungsfähigkeit und gesellschaftliche Kritik schließen einander nicht aus. Sie müssen jedoch bewusst miteinander verbunden werden.
Resonanz – eine andere Beziehung zur Welt
Hartmut Rosa entwickelt mit seiner Resonanztheorie eine Perspektive auf die Beziehungen zwischen Menschen und ihrer gesellschaftlichen Welt.
Ausgangspunkt ist seine Kritik an einer Gesellschaft, die ihre Stabilität wesentlich durch Wachstum, Beschleunigung und die fortwährende Steigerung von Verfügbarkeit zu sichern versucht.
Menschen sollen immer mehr Möglichkeiten erschließen, ihre Leistungsfähigkeit steigern und ihre Umwelt möglichst umfassend kontrollieren.
Doch die Ausweitung verfügbarer Möglichkeiten führt nicht zwangsläufig zu einem gelingenden Verhältnis zur Welt.
Rosa stellt deshalb die Frage nach der Qualität der Weltbeziehungen.
Resonanz bezeichnet eine Beziehung, in der Menschen von etwas angesprochen oder berührt werden, darauf antworten und sich in dieser Wechselbeziehung verändern können.
Dabei geht es nicht um bloße Übereinstimmung oder angenehme Gefühle.
Resonanz kann auch durch Erfahrungen entstehen, die irritieren, herausfordern oder bisherige Vorstellungen infrage stellen.
Entscheidend ist, dass Menschen sich auf eine Beziehung einlassen können, deren Verlauf und Ergebnis nicht vollständig kontrollierbar sind.
Resonanz besitzt deshalb ein Moment der Unverfügbarkeit.
Sie lässt sich nicht durch pädagogische Anweisungen herstellen oder als garantierter Lernerfolg planen.
Für die Entwicklung sozialer Kompetenz ist dieser Gedanke bedeutsam.
Menschen entwickeln ihre Identität nicht allein durch die Übernahme gesellschaftlicher Erwartungen. Sie benötigen Beziehungen, in denen sie sich als eigenständige Subjekte erfahren, auf andere reagieren und selbst eine Antwort geben können.
Solche Erfahrungen können dazu beitragen, dass Menschen sich nicht lediglich als Objekte gesellschaftlicher Anforderungen begreifen.
Allerdings dürfen Resonanzbeziehungen nicht unabhängig von ihren gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet werden.
Zeitdruck, Konkurrenz, Unsicherheit, soziale Ausgrenzung und institutionelle Zwänge können Möglichkeiten gelingender Weltbeziehungen einschränken.
Die Frage nach Resonanz führt deshalb zurück zur Frage nach den gesellschaftlichen Voraussetzungen individueller Selbstbestimmung.
Soziale Energie und Selbstwirksamkeit – Anregungen von Wolfgang Endres
Wolfgang Endres greift in seinem Vortrag Soziale Energie – auch mit KI? Selbstwirksamkeit im Resonanzmodus beim Forum Medienethik 2026 die Resonanztheorie Hartmut Rosas auf.
Im Mittelpunkt steht die Erfahrung, dass Menschen in gemeinsamen Tätigkeiten und gelingenden Beziehungen soziale Energie entwickeln können.
Endres veranschaulicht dies anhand von Gesprächen, Begegnungen, gemeinsamen Aktivitäten und Erfahrungen gegenseitiger Aufmerksamkeit.
Soziale Energie entsteht nicht einfach dadurch, dass Menschen nebeneinander tätig sind. Sie kann dort entstehen, wo sie sich aufeinander beziehen und erfahren, dass ihr eigenes Handeln Bedeutung besitzt.
Endres verbindet diese Erfahrung mit dem Begriff der Selbstwirksamkeit.
Menschen erleben Selbstwirksamkeit, wenn sie erkennen, dass ihr Handeln etwas bewirken kann.
In der Präsentation wird dieser Zusammenhang als Selbstwirksamkeit im Resonanzmodus beschrieben.
Für soziale Bildungsprozesse ist das ein wichtiger Gedanke.
Lernende sollen nicht ausschließlich Aufgaben erfüllen, deren Ziele und Ergebnisse von anderen festgelegt werden. Sie benötigen Gelegenheiten, eigene Fragen zu entwickeln, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und die Folgen ihres Handelns wahrzunehmen.
Endres verweist dabei auf die Bedeutung von Vertrauen, Zugehörigkeit, Sinn, Eigenaktivität und Mitgestaltung.
Seine Überlegungen zur Schule als Resonanzraum richten den Blick auf die sozialen Bedingungen von Bildungsprozessen.
Ein Resonanzraum ist nicht einfach eine angenehme Lernumgebung. Er eröffnet Möglichkeiten, in denen Menschen einander wahrnehmen, sich mit unterschiedlichen Perspektiven auseinandersetzen und selbst wirksam werden können.
Besonders wichtig ist dabei die Frage nach tatsächlichen Handlungsspielräumen.
Endres greift Rosas Kritik am Verlust solcher Spielräume auf: Menschen können zunehmend zu Ausführenden vorgegebener Abläufe werden, obwohl von ihnen Eigenständigkeit und Verantwortung verlangt werden.
Damit berührt seine Argumentation einen zentralen Gesichtspunkt der Gesellschaftskompetenz.
Selbstwirksamkeit setzt nicht nur die subjektive Überzeugung voraus, etwas bewirken zu können. Sie benötigt auch gesellschaftliche Bedingungen, unter denen Menschen tatsächlich Einfluss nehmen können.
Für die soziale Kompetenz folgt daraus, dass Erfahrungen individueller Wirksamkeit mit der Untersuchung gesellschaftlicher Entscheidungs- und Machtverhältnisse verbunden werden müssen.
Eigensinn – die Fähigkeit, eine eigene Antwort zu entwickeln
Oskar Negts Überlegungen zur Identitätskompetenz und zum Eigensinn eröffnen einen gesellschaftstheoretischen Zugang zu diesen Fragen.
Menschen sind nicht vollständig durch gesellschaftliche Anforderungen bestimmt. Sie entwickeln eigene Erfahrungen, Bedürfnisse und Vorstellungen, die mit den Erwartungen ihrer Umwelt in Widerspruch geraten können.
Eigensinn bezeichnet die Fähigkeit, solche Erfahrungen und Vorstellungen zur Geltung zu bringen.
Er ist eine Voraussetzung dafür, dass Menschen nicht ausschließlich die ihnen zugewiesenen Rollen erfüllen, sondern ihre gesellschaftliche Stellung und ihre Handlungsmöglichkeiten kritisch reflektieren können.
Eigensinn bedeutet jedoch nicht, dass jede subjektive Überzeugung bereits Ausdruck von Selbstbestimmung wäre.
Auch Vorurteile, Ressentiments oder autoritäre Vorstellungen können als Ausdruck persönlicher Eigenständigkeit erscheinen.
Deshalb muss Eigensinn mit der Fähigkeit verbunden werden, eigene Vorstellungen zu überprüfen und andere Perspektiven anzuerkennen.
Hier besteht eine wichtige Verbindung zu Rosas Resonanzverständnis.
Resonanz setzt voraus, dass Menschen von etwas angesprochen werden können. Eigensinn ermöglicht ihnen, darauf eine eigene Antwort zu entwickeln.
Beide Fähigkeiten sind jedoch nicht identisch.
Resonanz beschreibt eine Qualität der Beziehung zur Welt. Eigensinn bezeichnet eine Möglichkeit subjektiver Eigenständigkeit gegenüber gesellschaftlichen Anforderungen.
Für soziale Bildung wird ihre Verbindung dort produktiv, wo Menschen Erfahrungen aufgreifen, kritisch verarbeiten und daraus eigene begründete Positionen entwickeln.
Resonanz ohne Eigensinn kann in bloßer Zugehörigkeit aufgehen. Eigensinn ohne die Fähigkeit zur Resonanz kann in Abschottung und Selbstbehauptung erstarren.
Eine emanzipatorische soziale Bildung muss deshalb beide Momente berücksichtigen.
Roger Spindler – Orientierung und Zukunftsfähigkeit
Roger Spindler fragt in seinem Vortrag Was Bildung sichtbar macht … jenseits von Lehrplan, Leistung und Beziehung nach der Bedeutung menschlicher Bildung unter den Bedingungen gesellschaftlicher Beschleunigung, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz.
Seine Präsentation stellt die Frage, welche Fähigkeiten Menschen benötigen, wenn Informationen jederzeit verfügbar sind, Entscheidungen zunehmend technisch vorbereitet werden und gesellschaftliche Entwicklungen immer schwerer überschaubar erscheinen.
Spindler betont dabei die Bedeutung von Vertrauen, Orientierung und der Fähigkeit, einen eigenen Weg zu entwickeln.
Bildung soll Menschen nicht lediglich mit Antworten versorgen.
Sie soll ihnen ermöglichen, Fragen zu stellen, unterschiedliche Möglichkeiten zu beurteilen und Entscheidungen selbstverantwortlich zu treffen.
Besonders bedeutsam ist Spindlers Hinweis auf die Rolle der Fantasie.
Die Fähigkeit, sich etwas vorstellen zu können, das noch nicht existiert, gehört für ihn zu den Voraussetzungen einer offenen Zukunftsgestaltung.
Damit verweist er auf einen Zusammenhang, der im Konzept der Gesellschaftskompetenz eine besondere Bedeutung besitzt.
Menschen können gesellschaftliche Verhältnisse nur dann bewusst verändern, wenn sie diese nicht als grundsätzlich unveränderbar betrachten.
Die Vorstellung einer anderen Zukunft ist deshalb keine bloße Ergänzung gesellschaftlicher Erkenntnis.
Sie kann zu einer Voraussetzung gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit werden.
Spindlers Überlegungen zur Zukunftskompetenz berühren damit Negts Verständnis von Utopiefähigkeit.
Beide Ansätze sind theoretisch unterschiedlich begründet. Sie verbindet jedoch die Frage, wie Menschen über vorgegebene Handlungsmöglichkeiten hinausdenken können.
Möglichkeitssinn – gesellschaftliche Alternativen denken
Der Begriff des Möglichkeitssinns bezeichnet hier die Fähigkeit, bestehende gesellschaftliche Verhältnisse nicht mit den Grenzen des Denkbaren und Machbaren gleichzusetzen.
Menschen erfahren gesellschaftliche Institutionen, wirtschaftliche Strukturen und soziale Ungleichheiten häufig als gegebene Wirklichkeit.
Sie müssen sich innerhalb dieser Verhältnisse orientieren und Entscheidungen treffen.
Dabei kann leicht der Eindruck entstehen, die bestehenden Bedingungen seien alternativlos.
Gesellschaftliche Bildung muss deshalb auch die Fähigkeit entwickeln, sich andere Verhältnisse vorstellen zu können.
Möglichkeitssinn bedeutet jedoch nicht, beliebige Wünsche oder Zukunftsbilder zu entwerfen.
Er verbindet Vorstellungskraft mit gesellschaftlicher Erkenntnis.
Wer Alternativen entwickeln will, muss die bestehenden Verhältnisse, ihre Widersprüche und ihre historischen Veränderungsmöglichkeiten verstehen.
Die Fähigkeit, gesellschaftliche Alternativen zu denken, ist deshalb eng mit historischer, politischer und ökonomischer Kompetenz verbunden.
Sie erhält eine besondere Bedeutung für die soziale Kompetenz, weil Vorstellungen einer anderen Zukunft auch das Selbstverständnis der Menschen verändern können.
Wer die eigenen Lebensbedingungen ausschließlich als individuelles Schicksal wahrnimmt, wird andere Handlungsmöglichkeiten erkennen als jemand, der ihre gesellschaftlichen Ursachen und ihre Veränderbarkeit versteht.
Möglichkeitssinn erweitert damit den Horizont individueller Identitätsentwicklung.
Menschen können sich nicht nur fragen, wie sie unter bestehenden Bedingungen leben wollen, sondern auch, welche Bedingungen für ein selbstbestimmtes und solidarisches Leben geschaffen werden müssten.
Hier liegt eine Verbindung zwischen Eigensinn und Utopiefähigkeit.
Eigensinn ermöglicht, sich gegenüber vorgegebenen Erwartungen zu behaupten. Möglichkeitssinn eröffnet Vorstellungen davon, was an ihre Stelle treten könnte.
Die Ambivalenz von Resonanz, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit
Die bisherige Argumentation könnte den Eindruck erwecken, Resonanz, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit seien grundsätzlich positive Voraussetzungen gesellschaftlicher Entwicklung.
Das wäre eine problematische Verkürzung.
Menschen können auch in autoritären Bewegungen, ausgrenzenden Gemeinschaften oder verschwörungsideologischen Zusammenhängen Anerkennung, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit erfahren.
Gemeinsame Überzeugungen, starke emotionale Bindungen und die Vorstellung, gegen übermächtige Gegner zu handeln, können ein intensives Gemeinschaftsgefühl erzeugen.
Aladin El-Mafaalani untersucht in Misstrauensgemeinschaften die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen populistische und verschwörungsideologische Deutungen Anziehungskraft gewinnen.
Seine Überlegungen sind für die soziale Kompetenz bedeutsam, weil sie auf die Ambivalenz gesellschaftlicher Zugehörigkeit aufmerksam machen.
Das Bedürfnis nach Anerkennung und Orientierung führt nicht zwangsläufig zu demokratischen und solidarischen Einstellungen.
Auch die Untersuchungen von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser zu gesellschaftlichen Konflikten und sogenannten Triggerpunkten verdeutlichen, dass gesellschaftliche Auseinandersetzungen nicht allein als Ausdruck individueller Einstellungen verstanden werden können.
Sie stehen in Zusammenhang mit sozialen Lagen, unterschiedlichen Interessen, gesellschaftlichen Erfahrungen und politischen Deutungen.
Für den vorliegenden Zusammenhang folgt daraus:
Nicht jede Erfahrung von Resonanz ist bereits emanzipatorisch. Nicht jede Form von Selbstwirksamkeit erweitert demokratische Handlungsmöglichkeiten. Und nicht jede Vorstellung einer anderen Zukunft ist mit Freiheit und Solidarität vereinbar.
Entscheidend bleibt deshalb die Verbindung mit gesellschaftlicher Analyse, kritischer Urteilsbildung und der Anerkennung anderer Menschen.
Diese Einsicht bewahrt den Bildungsprozess davor, Resonanz und Selbstwirksamkeit zu pädagogischen Selbstzwecken zu machen.
Digitale Medien und KI – neue Bedingungen sozialer Weltbeziehungen
Die Vorträge von Endres und Spindler beziehen sich ausdrücklich auf die Veränderungen von Bildung und gesellschaftlichen Beziehungen durch digitale Medien und künstliche Intelligenz.
Digitale Technologien eröffnen neue Möglichkeiten der Kommunikation, Information und Zusammenarbeit.
Sie können Menschen dabei unterstützen, Erfahrungen auszutauschen, gesellschaftliche Zusammenhänge zu untersuchen und gemeinsame Projekte zu entwickeln.
Gleichzeitig verändern sie die Bedingungen sozialer Beziehungen.
Kommunikation wird zunehmend durch Plattformen vermittelt. Aufmerksamkeit wird ökonomisch organisiert. Digitale Systeme beeinflussen, welche Informationen sichtbar werden und welche Formen gesellschaftlicher Anerkennung entstehen.
KI erweitert diese Entwicklung.
Sie kann Informationen aufbereiten, unterschiedliche Perspektiven simulieren und Vorschläge für Entscheidungen entwickeln.
Damit stellt sich die Frage, welche Bedeutung menschliche Erfahrung, Urteilskraft und Verantwortung in technisch vermittelten Bildungsprozessen behalten.
Spindler weist auf die Gefahr hin, dass Vorhersagen an die Stelle eigenständiger Entscheidungen treten und menschliche Beziehungen zunehmend technisch vermittelt oder ersetzt werden.
Endres fragt, wie Resonanz und soziale Energie unter digitalen Bedingungen entstehen können.
Für das Konzept der Gesellschaftskompetenz ist dabei entscheidend, digitale Werkzeuge nicht grundsätzlich als Gegensatz zu menschlicher Bildung zu betrachten.
Die Frage lautet vielmehr, unter welchen Bedingungen sie individuelle und kollektive Handlungsmöglichkeiten erweitern oder einschränken.
Eine KI kann beispielsweise helfen, gesellschaftliche Alternativen zu untersuchen. Sie kann aber nicht anstelle der Menschen entscheiden, welche gesellschaftlichen Ziele verfolgt werden sollen.
Technische Unterstützung kann gesellschaftliche Handlungsfähigkeit fördern. Sie ersetzt jedoch nicht die Verantwortung für die eigenen Urteile, Beziehungen und Entscheidungen.
Damit verbindet sich die soziale Kompetenz unmittelbar mit der Medienkompetenz und der technologischen Kompetenz.
Vom individuellen Erleben zur solidarischen Handlungsfähigkeit
Die verschiedenen theoretischen Ansätze lassen sich nicht zu einer einfachen Abfolge zusammenfassen.
Sie erschließen unterschiedliche Voraussetzungen und Möglichkeiten sozialer Bildungsprozesse.
Resilienz betrifft die Fähigkeit, unter belastenden Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.
Resonanz eröffnet die Möglichkeit, sich in einer lebendigen Beziehung zur Welt und zu anderen Menschen zu erfahren.
Eigensinn bezeichnet die Fähigkeit, eigene Erfahrungen und Vorstellungen gegenüber gesellschaftlichen Anforderungen zur Geltung zu bringen.
Selbstwirksamkeit betrifft die Erfahrung und Erwartung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können.
Möglichkeitssinn eröffnet die Vorstellung, dass bestehende gesellschaftliche Verhältnisse anders gestaltet werden könnten.
Diese Fähigkeiten sind miteinander verbunden, aber nicht identisch.
Keine von ihnen führt zwangsläufig zu gesellschaftlicher Kritik oder solidarischem Handeln.
Erst die Verbindung mit gesellschaftlicher Erkenntnis, kritischer Urteilsbildung und gemeinsamer Praxis eröffnet die Möglichkeit, individuelle Handlungsfähigkeit in gesellschaftliche Handlungsfähigkeit zu überführen.
Hier liegt die besondere Bedeutung von Negts und Zeuners Konzept gesellschaftlicher Kompetenzen.
Es richtet den Blick nicht allein auf die Fähigkeiten des Individuums, sondern auf dessen Verhältnis zu gesellschaftlichen Bedingungen und Handlungsmöglichkeiten.
Die Entwicklung sozialer Kompetenz ist deshalb ein Bildungsprozess, in dem Menschen lernen, ihre Erfahrungen als gesellschaftlich vermittelt zu verstehen, eigene Vorstellungen zu entwickeln, andere Perspektiven anzuerkennen und gemeinsame Interessen zu erkennen.
Konsequenzen für gesellschaftliche Bildungsprozesse
Der Beitrag [Soziale Kompetenz entwickeln – Identitätsarbeit, Eigensinn und solidarische Handlungsfähigkeit] untersucht die pädagogischen Möglichkeiten, solche Fähigkeiten in offenen Bildungsprozessen zu entwickeln.
Die hier behandelten theoretischen Überlegungen ergänzen diesen Ansatz.
Sie machen deutlich, dass Bildungsprozesse nicht allein durch die Vermittlung gesellschaftlichen Wissens oder die Einübung sozialer Fähigkeiten bestimmt werden können.
Lernende benötigen Gelegenheiten, Erfahrungen zu machen, Fragen zu entwickeln, Widersprüche wahrzunehmen und eigene Vorstellungen zu überprüfen.
Sie benötigen Beziehungen, in denen sie Anerkennung erfahren und andere Perspektiven kennenlernen können.
Sie müssen die Möglichkeit erhalten, eigene Entscheidungen zu treffen und die Folgen ihres Handelns zu reflektieren.
Und sie benötigen Freiräume, in denen sie über bestehende Verhältnisse hinausdenken können.
Solche Bildungsprozesse können Resonanz ermöglichen, ohne sie erzwingen zu können.
Sie können Selbstwirksamkeitserfahrungen eröffnen, ohne gesellschaftliche Machtverhältnisse aufzuheben.
Sie können Möglichkeitssinn entwickeln, ohne bereits fertige gesellschaftliche Alternativen vorzugeben.
Entscheidend ist deshalb nicht die Anwendung einer bestimmten pädagogischen Methode, sondern die Verbindung von Erfahrung, Reflexion, gesellschaftlicher Erkenntnis und Handlungsmöglichkeiten.
Für die historisch-politische Bildung mit Film ergeben sich daraus besondere Möglichkeiten.
Filme können Erfahrungen von Anerkennung, Ausgrenzung, Selbstbehauptung, Solidarität und gesellschaftlicher Ohnmacht anschaulich machen.
Sie können Resonanz auslösen, weil Figuren und Konflikte die Zuschauer berühren oder irritieren.
Diese Resonanz ist jedoch noch keine gesellschaftliche Erkenntnis.
Erst die Untersuchung der filmischen Gestaltung, der historischen Bedingungen und der dargestellten gesellschaftlichen Konflikte ermöglicht es, individuelle Erfahrungen in umfassendere Zusammenhänge einzuordnen.
Die Filmarbeit kann dadurch vom unmittelbaren Erleben zur kritischen Reflexion und zur Entwicklung gesellschaftlicher Vorstellungen führen.
Damit wird die Verbindung zwischen sozialer Kompetenz, historischer Kompetenz und Medienkompetenz sichtbar.
Gesellschaftliche Handlungsfähigkeit – mehr als individuelle Bewältigung
Die Verbindung von Resilienz, Resonanz, Eigensinn, Selbstwirksamkeit und Möglichkeitssinn eröffnet einen erweiterten Blick auf die Entwicklung sozialer Kompetenz.
Menschen sollen befähigt werden, mit Unsicherheit und gesellschaftlichen Veränderungen umzugehen, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben.
Sie sollen Beziehungen zur Welt und zu anderen Menschen entwickeln können, in denen sie sich nicht lediglich als Objekte äußerer Anforderungen erfahren.
Sie sollen eigene Vorstellungen zur Geltung bringen, gesellschaftliche Verhältnisse kritisch beurteilen und Möglichkeiten ihrer Veränderung erkennen können.
Dabei bleibt die Frage nach den materiellen, politischen und sozialen Voraussetzungen individueller Freiheit unverzichtbar.
Die Entwicklung persönlicher Fähigkeiten kann gesellschaftliche Ungleichheit und Machtverhältnisse nicht ersetzen oder aufheben.
Bildung kann aber dazu beitragen, dass Menschen diese Verhältnisse verstehen, ihre eigenen Erfahrungen nicht ausschließlich als individuelles Schicksal deuten und gemeinsame Handlungsmöglichkeiten entwickeln.
Resilienz ermöglicht, unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Resonanz eröffnet lebendige Beziehungen zur Welt. Eigensinn bewahrt die Möglichkeit einer eigenen Antwort. Selbstwirksamkeit macht Handlungsmöglichkeiten erfahrbar. Möglichkeitssinn öffnet den Blick auf eine veränderbare Zukunft.
Ihre gesellschaftliche Bedeutung entfalten diese Fähigkeiten jedoch erst im Zusammenhang kritischer Erkenntnis und solidarischer Praxis.
Das Ziel ist nicht der möglichst widerstandsfähige Mensch, der sich allen Anforderungen anpasst.
Es ist der Mensch, der seine gesellschaftlichen Lebensbedingungen verstehen, seine Eigenständigkeit entwickeln und gemeinsam mit anderen an ihrer Veränderung mitwirken kann.
Anmerkungen
[1] Resilienz und gesellschaftliche Bedingungen. Die Unterscheidung zwischen individueller Bewältigungsfähigkeit und gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit ist eine konzeptionelle Bestimmung der Lernwerkstatt. Resilienz wird hier nicht als eigenständige gesellschaftliche Kompetenzdimension eingeführt.
[2] Resonanz und Weltbeziehung. Vgl. Rosa (2016), Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, sowie Rosa / Endres (2016), Resonanzpädagogik. Die Übertragung auf die Entwicklung sozialer Kompetenz ist eine eigenständige Interpretation.
[3] Soziale Energie und Selbstwirksamkeit. Vgl. Endres (2026), Präsentationsfolien 20 und 62. Zum Zusammenhang von Vertrauen, Zugehörigkeit, Sinn, Eigenaktivität und Handlungsspielräumen vgl. Folien 142 und 149.
[4] Eigensinn und Identitätskompetenz. Vgl. Negt (2010), S. 213 und 223–224; Zeuner (2026), insbesondere S. 65–122.
[5] Orientierung und Zukunftskompetenz. Vgl. Spindler (2026), Präsentationsfolien 12, 17–18 und 41–45. Die Verbindung mit Negts Utopiefähigkeit und dem hier verwendeten Begriff des Möglichkeitssinns ist eine eigenständige konzeptionelle Weiterführung.
[6] Ambivalenz gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Vgl. El-Mafaalani (2025), Misstrauensgemeinschaften; Mau / Lux / Westheuser (2023), Triggerpunkte. Die Arbeiten werden hier zur gesellschaftlichen Einordnung von Zugehörigkeit, Konflikten und politischer Orientierung herangezogen.
[7] Digitalisierung und KI. Vgl. Endres (2026), insbesondere die Präsentationsabschnitte zu Resonanzmomenten in digitalen Zeiten; Spindler (2026), insbesondere Folien 7–9, 29–34 und 40–44.
Literatur
El-Mafaalani, Aladin (2025): Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
Endres, Wolfgang (2026): Soziale Energie – auch mit KI? Selbstwirksamkeit im Resonanzmodus. Vortragspräsentation, Forum Medienethik des NLQ, September 2026.
Freire, Paulo: Pädagogik der Unterdrückten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, verschiedene Ausgaben.
Keupp, Heiner u. a. (2002): Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Mau, Steffen / Lux, Thomas / Westheuser, Linus (2023): Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp.
Negt, Oskar (2010): Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Göttingen: Steidl.
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.
Rosa, Hartmut / Endres, Wolfgang (2016): Resonanzpädagogik. Wenn es im Klassenzimmer knistert. Weinheim/Basel: Beltz.
Spindler, Roger (2026): Was Bildung sichtbar macht … jenseits von Lehrplan, Leistung und Beziehung. Vortragspräsentation, Forum Medienethik des NLQ, September 2026.
Zeuner, Christine (2026): Gesellschaftliche Kompetenzen. Grundlage für politisches Handeln. Orientierung und Wissen für die Demokratie. Frankfurt am Main: WOCHENSCHAU Verlag.
Redaktioneller Hinweis
Dieser Beitrag ist ausdrücklich als erster Entwurf gekennzeichnet.
Die theoretischen Bezüge zu Negt, Zeuner und Rosa sowie die Anregungen aus den Vortragspräsentationen von Wolfgang Endres und Roger Spindler sind in eine eigenständige Argumentation überführt worden.
Insbesondere die Verbindung von Resilienz, Resonanz, Eigensinn, Selbstwirksamkeit und Möglichkeitssinn stellt einen konzeptionellen Vorschlag innerhalb des Modells der Gesellschaftskompetenz dar, nicht ein bereits abgeschlossenes didaktisches Modell.
Die Vortragsbelege beziehen sich auf die bereitgestellten Präsentationen, nicht auf überprüfte Wortprotokolle. Die Seitenangaben zu Negt und Zeuner sind aus den bisherigen Arbeitsfassungen übernommen; die Originalausgaben wurden für diesen Entwurf nicht erneut vollständig abgeglichen.