Gesellschaft, Geschichte und Kapitalismus erklären

Ein Glossar marxistischer und materialistischer Theoriebegriffe

Das Glossar erfüllt eine didaktische Funktion: Es übersetzt komplexe marxistische Begriffe in präzise Definitionen und macht sie für die historische und filmische Analyse nutzbar.

Begriffe wie „Kapitalismus“, „Klasse“, „Imperialismus“, „Ideologie“, „Mehrwert“, „Faschismus“ oder „Entfremdung“ sind nicht bloß parteipolitische Schlagworte, sondern wissenschaftliche Analysebegriffe, die in Geschichts-, Sozial- und Kulturwissenschaften eine lange Tradition besitzen. Sie dienen dazu, gesellschaftliche Machtverhältnisse, ökonomische Strukturen und historische Konflikte begrifflich zu erfassen. Das gilt insbesondere für die Analyse von Industrialisierung, Arbeiterbewegung, Kolonialismus, Weltkriegen oder Nationalsozialismus.


 

Akkumulation

Prozess der Selbstverwertung des Kapitals, bei dem Mehrwert in zusätzliches Kapital verwandelt wird. Führt zur Ausdehnung der Produktion, Konzentration und Zentralisation von Kapital und zur Reproduktion der Klassenverhältnisse.


 

Aneignung

Gesellschaftliche Form, in der das Mehrprodukt oder der Mehrwert einer Gesellschaft zugeordnet wird. Im Kapitalismus: private Aneignung des gesellschaftlich produzierten Mehrwerts durch Kapital.


Arbeit

Zweckmäßige Tätigkeit, durch die Menschen Naturstoffe verändern. Ihre gesellschaftliche Form ist historisch bestimmt.

  • Abstrakte Arbeit: Gesellschaftliche Form der Arbeit in der Warenproduktion: Arbeit, soweit sie als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft überhaupt gilt. Substanz des Werts.
  • Konkrete Arbeit: Sinnlich‑stoffliche, qualitativ bestimmte Tätigkeit, die Gebrauchswerte hervorbringt.

Ausbeutung

Aneignung unbezahlter Mehrarbeit durch die Klasse, die Produktionsmittel besitzt. Strukturverhältnis der Lohnarbeit.

 

Basis

Materielle Struktur einer Gesellschaft: Produktionsweise, Produktionsverhältnisse, Eigentumsformen. Bestimmt die Form des Überbaus, ohne ihn mechanisch zu verursachen.


Bedingt

Historische Möglichkeitsbedingung eines Verhältnisses; keine Kausalität, sondern strukturelle Abhängigkeit.


Bewusstsein

Bewusstsein ist nicht ein autonomes Inneres, sondern die gesellschaftlich geformte Weise, in der Menschen ihre Lebensbedingungen wahrnehmen. Es entsteht aus der materiellen Praxis, den Produktionsverhältnissen und den Formen der gesellschaftlichen Vermittlung (Arbeitsteilung, Staat, Recht, Ideologie).

Bewusstsein ist damit kein individueller Besitz, sondern eine historisch bestimmte Form, in der Menschen ihre Stellung im gesellschaftlichen Zusammenhang begreifen – oder verfehlen. Es umfasst:

  • Alltagsbewusstsein: spontane, durch Lebenspraxis geprägte Vorstellungen.

  • Klassenbewusstsein: Einsicht in die eigene objektive Lage innerhalb der Produktionsverhältnisse.

  • Ideologisches Bewusstsein: durch gesellschaftliche Formen verzerrte Wahrnehmung, die bestehende Verhältnisse stabilisiert.

  • Falsches Bewusstsein: Gesellschaftlich erzeugte Wahrnehmungsform, in der objektive Klasseninteressen durch die Formen der kapitalistischen Reproduktion verdeckt erscheinen.

Bewusstsein ist somit Produkt und Moment der gesellschaftlichen Reproduktion: Es spiegelt nicht einfach die Welt, sondern ist selbst Teil der Kräfte, die sie erhalten oder verändern.

Dialektik

Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse als widersprüchliche, prozesshafte, historisch bestimmte Strukturen.


Dialektisches Denken

Methode, die Phänomene aus ihren inneren Widersprüchen und Vermittlungen begreift, nicht aus isolierten Elementen.

Entfremdung

Strukturelle Trennung des Arbeitenden von Produkt, Prozess, Gattungswesen und anderen Menschen in der Warenproduktion.

Fetischismus (Warenfetischismus)

Bewusstseinsform, in der gesellschaftliche Verhältnisse zwischen Menschen als Eigenschaften von Dingen erscheinen. Ausdruck der Wertform: Waren erscheinen als Träger von Wert, nicht als Resultat gesellschaftlicher Arbeit.


 

Formbestimmung

Analyse der gesellschaftlichen Form, in der ein Verhältnis erscheint. Bei Marx: Wertform, Geldform, Kapitalform. Formbestimmung erklärt, wie gesellschaftliche Inhalte in spezifischen Formen sichtbar werden.


Funktionsmechanismus

Innere Bewegungsform der kapitalistischen Produktionsweise: Warenform, Wertform, Geldform, Kapitalform.

Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit

Durchschnittliche Arbeitszeit, die unter normalen Bedingungen zur Herstellung einer Ware erforderlich ist. Maß der Wertgröße.

Hegemonie (Gramsci)

Gesellschaftliche Führung durch kulturelle, ideologische und institutionelle Zustimmung, nicht nur durch Zwang. Hegemonie organisiert die Reproduktion der Produktionsverhältnisse im Alltag.


Holistisches Denken

Ganzheitsdenken ohne spezifische Strukturkategorie; unterscheidet sich von marxistischer Totalität durch fehlende Formbestimmung.


 

Historischer Materialismus

Analyse gesellschaftlicher Entwicklung aus Veränderungen der Produktionsweise und ihren Widersprüchen.

 

Ideologie

Gesellschaftlich erzeugte Denkform, die die bestehenden Verhältnisse als selbstverständlich erscheinen lässt. Keine Lüge, sondern notwendige Bewusstseinsform einer warenproduzierenden Gesellschaft.

Kapital

Gesellschaftliches Verhältnis, in dem Geld oder Eigentum als sich verwertender Wert fungiert. Kapital ist kein Ding, sondern ein Prozess: G – W – G’. Grundlage: Ausbeutung der Arbeitskraft.


Klasse

Gruppe, deren Stellung in den Produktionsverhältnissen durch Eigentum, Rolle im Produktionsprozess und Aneignung des Mehrprodukts bestimmt ist.


Klassenbewusstsein

siehe Bewusstsein


Klassenkampf

Dauerhafte Auseinandersetzung zwischen Klassen mit strukturell entgegengesetzten Interessen; Bewegungsform der Geschichte.


Krise

Unterbrechung der kapitalistischen Reproduktion durch Widersprüche der Wertverwertung: Überakkumulation, fallende Profitraten, disproportionale Produktion. Krisen sind immanent, nicht äußerlich verursacht.

Materialismus

Methode, die gesellschaftliche Formen aus materiellen Lebensbedingungen erklärt; Sein bestimmt Bewusstsein.


Materialistisches Geschichtsverständnis

Interpretation historischer Prozesse aus den Bedingungen gesellschaftlicher Reproduktion und ihren Widersprüchen.


Mehrwert

Wert, den die Arbeitskraft über ihren eigenen Wert hinaus produziert und der vom Kapital angeeignet wird. Quelle von Profit, Zins, Grundrente. Kern der kapitalistischen Ausbeutung.

Notwendig

Struktureller Formzwang eines gesellschaftlichen Verhältnisses; keine moralische oder naturgesetzliche Notwendigkeit.

Objektive Interessen

Aus der Klassenposition hervorgehende strukturelle Interessen, unabhängig vom Bewusstsein der Beteiligten.

Praxis

Einheit von gesellschaftlicher Tätigkeit und Veränderung. Bei Marx: nicht bloß Handlung, sondern die materielle, historisch bestimmte Tätigkeit, durch die Menschen ihre Verhältnisse produzieren und reproduzieren.


Produktionsverhältnisse

Gesellschaftliche Beziehungen, in denen Produktion stattfindet: Eigentum, Klassenstruktur, Arbeitsteilung.


Produktionsweise

Gesamtstruktur aus Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, die die Form der gesellschaftlichen Reproduktion bestimmt.


Produktivkräfte

Arbeitskraft, Wissen, Technik, Organisation und Naturbedingungen, mit denen Menschen ihre Lebensbedingungen herstellen.

Reproduktion (gesellschaftliche Reproduktion)

Gesamtheit der Prozesse, durch die eine Gesellschaft ihre materiellen, sozialen und ideologischen Strukturen erhält und erneuert. Umfasst: Produktion, Verteilung, Konsumtion, Staat, Ideologie, soziale Reproduktion.

  • Reproduktion der Arbeitskraft: Reproduktion der Arbeitskraft bezeichnet die gesellschaftlichen Bedingungen und Prozesse, durch die die Fähigkeit zu arbeiten erhalten, erneuert und weitergegeben wird – von Ernährung, Wohnen, Gesundheit und Erholung bis zu Bildung, Sozialisation und Fürsorge. Sie ist notwendige Voraussetzung kapitalistischer Produktion, wird aber privat organisiert, geschlechtlich strukturiert und gesellschaftlich unterbewertet, obwohl sie den Fortbestand der Arbeitskraft erst ermöglicht.


Revolution

Qualitativer Übergang von einer Produktionsweise zu einer anderen, ausgelöst durch unlösbare Widersprüche zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Kein moralischer Begriff, sondern strukturelle Kategorie.

 

Staat

Politische Form der Reproduktion der Produktionsverhältnisse; organisiert Gewalt, Recht und gesellschaftliche Stabilisierung.


Stoffwechsel mit der Natur

Materieller Austauschprozess zwischen Mensch und Natur, vermittelt durch Arbeit; im Kapitalismus strukturell gestört.

Tendenz

Gerichtete, aber nicht lineare Bewegung, die aus der Struktur eines widersprüchlichen Verhältnisses hervorgeht.


Totalität

Strukturierte Gesamtheit gesellschaftlicher Verhältnisse, in der jedes Element seine Form durch das Ganze erhält.

 

Überbau

Politische, rechtliche, kulturelle und ideologische Formen, die auf der Basis beruhen und deren Reproduktion sichern. Überbau wirkt zurück auf die Basis, ohne sie zu determinieren.

Vermittlung

Begriff für die Beziehungsformen, durch die gesellschaftliche Prozesse miteinander verbunden sind. Bei Marx: Vermittlung durch Wertform, Markt, Staat, Recht, Ideologie. Vermittlung erklärt, wie Einzelnes im Ganzen steht.

Wertgesetz

Formgesetz der kapitalistischen Warenproduktion: Wert wird durch gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt.


Warenform

Gesellschaftliche Form, in der Produkte als Waren erscheinen: Träger von Gebrauchswert und Tauschwert. Grundlage des Wertgesetzes und des Fetischismus.

Einführung in den dialektischen und historischen Materialismus.  Verlag Marxistische Blätte, Frankfurt/M 1971

Kapital und Arbeit. Material für diegewerkschaftliche Schulungsarbeit. Tübingen 19732


Berndt/Hindrichs/Wernstedt: Einführung in die Marxsche Theorie. Materialien zur Unterrichtspraxis. SOAK, Wunstorf 1973

Fetscher, Iring: Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten. Philosophie, Ideologie, Ökonomie, Soziologie, Politik. Piper, München 1967

Otten, Dieter: Stichworte zur Politischen Ökonomie. SOAK, Wunstorf 1974

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