Zusammenhänge von Gesellschaft, Geschichte und Kapitalismus verstehen

Ein Glossar marxistischer und materialistischer Theoriebegriffe

Das Glossar versteht sich nicht als bloße Sammlung von Definitionen, sondern als Versuch, einen historischen und politischen Erfahrungsraum sprachlich wieder zugänglich zu machen. (*)Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass Niederlagen der Arbeiterbewegung nicht nur organisatorische und politische Folgen hatten, sondern auch den kategorialen Reichtum ihrer Sprache beschädigten. Begriffe, in denen sich autonome proletarische Erfahrung ausdrücken konnte, gingen verloren, wurden entleert oder durch bürgerliche Deutungsmuster überlagert.

Während das Bürgertum über einen historisch gewachsenen, emotional aufgeladenen Vorrat an Begriffen wie „Freiheit“, „Würde“ oder „Gleichheit“ verfügt, erscheint der proletarische Sprachschatz oft vergleichsweise verengt. Der zentrale Begriff der „Solidarität“ kann diese Verluste allein kaum kompensieren. Dadurch entsteht ein Problem nicht nur der politischen Praxis, sondern auch der Theorie: Für viele subjektive Erfahrungen von Ausbeutung, Entfremdung, Widerstand oder kollektiver Handlungsmacht fehlen heute präzise emanzipatorische Begriffe. Marxistische Analyse greift deshalb häufig notgedrungen auf Kategorien und Sprachformen zurück, die aus bürgerlichen Denkzusammenhängen stammen.

Gerade daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines Glossars. Es soll Begriffe nicht abstrakt fixieren, sondern sie in ihren historischen Bewegungszusammenhängen sichtbar machen, verschüttete Bedeutungen freilegen und Kategorien der Gesellschaftsanalyse wieder an konkrete Erfahrungen rückbinden. Das Ziel ist keine neue Dogmatik und keine künstliche Begriffsschöpfung, sondern die Wiedergewinnung eines sprachlichen und theoretischen Instrumentariums, mit dem gesellschaftliche Wirklichkeit aus einer emanzipatorischen Perspektive überhaupt erst wieder artikulierbar wird.


*) Siehe dazu: Bürgerliche und proletarische Öffentlichkeit. Zu dem Buch von Oskar Negt und Alexander Kluge. Eine Diskussion mit Oskar Negt. In: Ästhetik und Kommunikation. Beiträge zur politischen Erziehung. Heft 12/ 09/1973, Jg. 4, S. 6/7

 


 

Akkumulation

Prozess der Selbstverwertung des Kapitals, bei dem Mehrwert in zusätzliches Kapital verwandelt wird. Führt zur Ausdehnung der Produktion, Konzentration und Zentralisation von Kapital und zur Reproduktion der Klassenverhältnisse.


 

Aneignung

Gesellschaftliche Form, in der das Mehrprodukt oder der Mehrwert einer Gesellschaft zugeordnet wird. Im Kapitalismus: private Aneignung des gesellschaftlich produzierten Mehrwerts durch Kapital.


Arbeit

Zweckmäßige Tätigkeit, durch die Menschen Naturstoffe verändern. Ihre gesellschaftliche Form ist historisch bestimmt.

  • Abstrakte Arbeit: Gesellschaftliche Form der Arbeit in der Warenproduktion: Arbeit, soweit sie als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft überhaupt gilt. Substanz des Werts.
  • Konkrete Arbeit: Sinnlich‑stoffliche, qualitativ bestimmte Tätigkeit, die Gebrauchswerte hervorbringt.

Ausbeutung

Aneignung unbezahlter Mehrarbeit durch die Klasse, die Produktionsmittel besitzt. Strukturverhältnis der Lohnarbeit.

 

Basis

Materielle Struktur einer Gesellschaft: Produktionsweise, Produktionsverhältnisse, Eigentumsformen. Bestimmt die Form des Überbaus, ohne ihn mechanisch zu verursachen.


Bedingt

Historische Möglichkeitsbedingung eines Verhältnisses; keine Kausalität, sondern strukturelle Abhängigkeit.


Bewusstsein

Bewusstsein ist nicht ein autonomes Inneres, sondern die gesellschaftlich geformte Weise, in der Menschen ihre Lebensbedingungen wahrnehmen. Es entsteht aus der materiellen Praxis, den Produktionsverhältnissen und den Formen der gesellschaftlichen Vermittlung (Arbeitsteilung, Staat, Recht, Ideologie).

Bewusstsein ist damit kein individueller Besitz, sondern eine historisch bestimmte Form, in der Menschen ihre Stellung im gesellschaftlichen Zusammenhang begreifen – oder verfehlen. Es umfasst:

  • Alltagsbewusstsein: spontane, durch Lebenspraxis geprägte Vorstellungen.

  • Klassenbewusstsein: Einsicht in die eigene objektive Lage innerhalb der Produktionsverhältnisse.

  • Ideologisches Bewusstsein: durch gesellschaftliche Formen verzerrte Wahrnehmung, die bestehende Verhältnisse stabilisiert.

  • Falsches Bewusstsein: Gesellschaftlich erzeugte Wahrnehmungsform, in der objektive Klasseninteressen durch die Formen der kapitalistischen Reproduktion verdeckt erscheinen.

Bewusstsein ist somit Produkt und Moment der gesellschaftlichen Reproduktion: Es spiegelt nicht einfach die Welt, sondern ist selbst Teil der Kräfte, die sie erhalten oder verändern.

Dialektik

Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse als widersprüchliche, prozesshafte, historisch bestimmte Strukturen.


Dialektisches Denken

Methode, die Phänomene aus ihren inneren Widersprüchen und Vermittlungen begreift, nicht aus isolierten Elementen.

Entfremdung

Strukturelle Trennung des Arbeitenden von Produkt, Prozess, Gattungswesen und anderen Menschen in der Warenproduktion.

Fetischismus (Warenfetischismus)

Bewusstseinsform, in der gesellschaftliche Verhältnisse zwischen Menschen als Eigenschaften von Dingen erscheinen. Ausdruck der Wertform: Waren erscheinen als Träger von Wert, nicht als Resultat gesellschaftlicher Arbeit.


 

Formbestimmung

Analyse der gesellschaftlichen Form, in der ein Verhältnis erscheint. Bei Marx: Wertform, Geldform, Kapitalform. Formbestimmung erklärt, wie gesellschaftliche Inhalte in spezifischen Formen sichtbar werden.


Funktionsmechanismus

Innere Bewegungsform der kapitalistischen Produktionsweise: Warenform, Wertform, Geldform, Kapitalform.

Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit

Durchschnittliche Arbeitszeit, die unter normalen Bedingungen zur Herstellung einer Ware erforderlich ist. Maß der Wertgröße.

Hegemonie (Gramsci)

Gesellschaftliche Führung durch kulturelle, ideologische und institutionelle Zustimmung, nicht nur durch Zwang. Hegemonie organisiert die Reproduktion der Produktionsverhältnisse im Alltag.


Holistisches Denken

Ganzheitsdenken ohne spezifische Strukturkategorie; unterscheidet sich von marxistischer Totalität durch fehlende Formbestimmung.


 

Historischer Materialismus

Der historische Materialismus ist bei Marx und Engels ein Ansatz zur Analyse gesellschaftlicher Entwicklung. Er fragt danach, wie Menschen ihre materiellen Lebensbedingungen herstellen und welche gesellschaftlichen Verhältnisse, Konflikte und Widersprüche daraus entstehen. Gesellschaft wird dabei als historischer Zusammenhang von Produktivkräften, Produktionsverhältnissen, politischen und rechtlichen Institutionen, Kultur und Bewusstsein verstanden.

Dabei geht es nicht um eine mechanische Ableitung des Geistigen aus dem Materiellen, sondern um die Untersuchung der historischen Vermittlungs- und Wechselverhältnisse zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen.

Das verbreitete Missverständnis

Das häufige Missverständnis lautet:

„Die ökonomische Basis bestimmt den politischen und kulturellen Überbau.“

Daraus wird ein ökonomischer Determinismus: Wirtschaft erscheint als Ursache, Politik, Staat, Recht, Kultur und Bewusstsein als bloße Wirkungen.

Das ist eine Verkürzung des historischen Materialismus. Sie verwechselt die Aussage, dass die Art und Weise der materiellen Reproduktion eine grundlegende Bedingung gesellschaftlicher Verhältnisse ist, mit einer linearen Kausalbehauptung.

Historisch-materialistisch zu denken bedeutet vielmehr:

Nicht vom Bewusstsein auszugehen, um Gesellschaft zu erklären, sondern von den gesellschaftlichen Lebensverhältnissen – und zugleich zu untersuchen, wie Bewusstsein, Politik, Recht und Kultur diese Verhältnisse selbst mit hervorbringen, stabilisieren oder verändern.

Damit ist der historische Materialismus weder ökonomischer Determinismus noch eine Theorie, nach der „die Wirtschaft“ alles andere verursacht. Er ist eine Methode, gesellschaftliche Wirklichkeit als historischen, widersprüchlichen und vermittelten Gesamtzusammenhang zu begreifen.

 

Ideologie

Gesellschaftlich erzeugte Denkform, die die bestehenden Verhältnisse als selbstverständlich erscheinen lässt. Keine Lüge, sondern notwendige Bewusstseinsform einer warenproduzierenden Gesellschaft.

Kapital

Gesellschaftliches Verhältnis, in dem Geld oder Eigentum als sich verwertender Wert fungiert. Kapital ist kein Ding, sondern ein Prozess: G – W – G’. Grundlage: Ausbeutung der Arbeitskraft.


Klasse

Gruppe, deren Stellung in den Produktionsverhältnissen durch Eigentum, Rolle im Produktionsprozess und Aneignung des Mehrprodukts bestimmt ist.


Klassenbewusstsein

siehe Bewusstsein


Klassenkampf

Dauerhafte Auseinandersetzung zwischen Klassen mit strukturell entgegengesetzten Interessen; Bewegungsform der Geschichte.


Krise

Unterbrechung der kapitalistischen Reproduktion durch Widersprüche der Wertverwertung: Überakkumulation, fallende Profitraten, disproportionale Produktion. Krisen sind immanent, nicht äußerlich verursacht.

Materialismus

Methode, die gesellschaftliche Formen aus materiellen Lebensbedingungen erklärt; Sein bestimmt Bewusstsein.


Materialistisches Geschichtsverständnis

Materialistisches Geschichtsverständnis

Das materialistische Geschichtsverständnis bezeichnet eine Weise, Geschichte aus den konkreten gesellschaftlichen Lebens- und Produktionsverhältnissen der Menschen heraus zu untersuchen. Es fragt danach, wie Menschen ihre Lebensbedingungen hervorbringen, welche sozialen Beziehungen dabei entstehen, welche Widersprüche sich entwickeln und wie daraus historische Veränderungsprozesse hervorgehen.

Dabei gibt es keinen zwangsläufigen historischen Entwicklungspfad. Gesellschaften entwickeln sich aus ihren jeweiligen historischen Voraussetzungen heraus; unterschiedliche Ausgangsbedingungen können daher auch zu unterschiedlichen Entwicklungswegen führen.

Das grundlegende Missverständnis

Das zentrale Missverständnis besteht darin, aus Marx‘ Analyse einer konkreten historischen Entwicklung – insbesondere der Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa – ein allgemeines Entwicklungsgesetz für alle Gesellschaften zu machen.

Genau dagegen wendet sich Marx 1877. Er kritisiert, dass sein historischer Abriss der Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa in eine „historisch-philosophische Theorie“ verwandelt werde, nach der jedes Volk unabhängig von seinen historischen Umständen denselben Entwicklungsweg durchlaufen müsse.

Das ist ein wichtiger Unterschied:

Materialismus bedeutet nicht: Die Ökonomie bestimmt zwangsläufig den Verlauf der Geschichte.
Materialismus bedeutet: Geschichte wird aus den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen, ihren Widersprüchen und den Handlungsmöglichkeiten der Menschen heraus untersucht.


Mehrwert

Wert, den die Arbeitskraft über ihren eigenen Wert hinaus produziert und der vom Kapital angeeignet wird. Quelle von Profit, Zins, Grundrente. Kern der kapitalistischen Ausbeutung.

Notwendig

Struktureller Formzwang eines gesellschaftlichen Verhältnisses; keine moralische oder naturgesetzliche Notwendigkeit.

Objektive Interessen

Aus der Klassenposition hervorgehende strukturelle Interessen, unabhängig vom Bewusstsein der Beteiligten.

Praxis

Einheit von gesellschaftlicher Tätigkeit und Veränderung. Bei Marx: nicht bloß Handlung, sondern die materielle, historisch bestimmte Tätigkeit, durch die Menschen ihre Verhältnisse produzieren und reproduzieren.


Produktionsweise

Die konkrete historische Form, in der eine Gesellschaft ihre materiellen Lebensbedingungen produziert. Sie verbindet Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse (z. B. die kapitalistische Produktionsweise).


Produktionsverhältnisse:

Die gesellschaftlichen Beziehungen, die Menschen im Prozess der Produktion eingehen – insbesondere Eigentum, Verfügung und Kontrolle über Produktionsmittel sowie die Beziehungen zwischen Klassen (z. B. Kapital und Lohnarbeit).


Produktivkräfte

Die menschlichen und sachlichen Kräfte, mit denen produziert wird: Arbeitskraft, Wissen, Fähigkeiten, Technik, Maschinen, Produktionsmittel und Organisation der Arbeit.

Reproduktion (gesellschaftliche Reproduktion)

Gesamtheit der Prozesse, durch die eine Gesellschaft ihre materiellen, sozialen und ideologischen Strukturen erhält und erneuert. Umfasst: Produktion, Verteilung, Konsumtion, Staat, Ideologie, soziale Reproduktion.

  • Reproduktion der Arbeitskraft: Reproduktion der Arbeitskraft bezeichnet die gesellschaftlichen Bedingungen und Prozesse, durch die die Fähigkeit zu arbeiten erhalten, erneuert und weitergegeben wird – von Ernährung, Wohnen, Gesundheit und Erholung bis zu Bildung, Sozialisation und Fürsorge. Sie ist notwendige Voraussetzung kapitalistischer Produktion, wird aber privat organisiert, geschlechtlich strukturiert und gesellschaftlich unterbewertet, obwohl sie den Fortbestand der Arbeitskraft erst ermöglicht.


Revolution

Qualitativer Übergang von einer Produktionsweise zu einer anderen, ausgelöst durch unlösbare Widersprüche zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Kein moralischer Begriff, sondern strukturelle Kategorie.

 

Staat

Politische Form der Reproduktion der Produktionsverhältnisse; organisiert Gewalt, Recht und gesellschaftliche Stabilisierung.


Stoffwechsel mit der Natur

Materieller Austauschprozess zwischen Mensch und Natur, vermittelt durch Arbeit; im Kapitalismus strukturell gestört.

Tendenz

Gerichtete, aber nicht lineare Bewegung, die aus der Struktur eines widersprüchlichen Verhältnisses hervorgeht.


Totalität

Strukturierte Gesamtheit gesellschaftlicher Verhältnisse, in der jedes Element seine Form durch das Ganze erhält.

 

Überbau

Politische, rechtliche, kulturelle und ideologische Formen, die auf der Basis beruhen und deren Reproduktion sichern. Überbau wirkt zurück auf die Basis, ohne sie zu determinieren.

Vermittlung

Begriff für die Beziehungsformen, durch die gesellschaftliche Prozesse miteinander verbunden sind. Bei Marx: Vermittlung durch Wertform, Markt, Staat, Recht, Ideologie. Vermittlung erklärt, wie Einzelnes im Ganzen steht.

Wertgesetz

Formgesetz der kapitalistischen Warenproduktion: Wert wird durch gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt.


Warenform

Gesellschaftliche Form, in der Produkte als Waren erscheinen: Träger von Gebrauchswert und Tauschwert. Grundlage des Wertgesetzes und des Fetischismus.

Einführung in den dialektischen und historischen Materialismus.  Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt/M 1971

Kapital und Arbeit. Material für die gewerkschaftliche Schulungsarbeit. Tübingen 19732


Berndt/Hindrichs/Wernstedt, Rolf: Einführung in die Marxsche Theorie. Materialien zur Unterrichtspraxis. SOAK, Wunstorf 1973

Fetscher, Iring: Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten. Philosophie, Ideologie, Ökonomie, Soziologie, Politik. Piper, München 1967

Haffner, Friedrich: Grundbegriffe der marxistischen Politischen Ökonomie des Kapitalismus. Colloquium Verlag, Berlin

Hofmann, Werner (1971). Ideengeschichte der sozialen Bewegung. Berlin/New York: Walter de Gruyter.

Otten, Dieter (1974): Stichworte zur Politischen Ökonomie. SOAK, Wunstorf 1974

Die Bedeutung des Marxismus für das Konzept der Gesellschaftskompetenzen

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