Ein anderer Blick auf die amerikanische Außenpolitik seit 1945
Gegen-Narrativ zur Mainstream-Geschichtsschreibung und -Berichterstattung
Detlef Endeward (02/2026)
Jens Berger arbeitet in seinem Beitrag „Wiederkehr des Kalten Krieges? Über einige vergessene Einsichten von Noam Chomsky über die amerikanische Außenpolitik anlässlich des „Ukraine-Konfliktes“ anhand von Noam Chomskys Werk eine lange Linie US‑amerikanischer Außenpolitik heraus – von der Monroe‑Doktrin über den Kalten Krieg bis in die Gegenwart. Das ist analytisch bedeutsam, weil es kurzfristige Erklärungen durch strukturelle Muster ersetzt.
Dabei wirft er auch einen ideologiekritischen Blick auf die aktuelle Medienberichterstattung. Er zeigt, wie Deutungsmacht entsteht: durch Auswahl von Experten, Ausblendung abweichender Stimmen und moralische Rahmung („Aggressor“, „Täuschung“, „Vertrauensbruch“)
Chomsky als Gegenstimme
Chomsky ist einer der wichtigsten Analytiker westlicher Machtpolitik. Berger erinnert an dessen zentrale Einsicht:
Außenpolitik folgt Interessen, nicht moralischen Erzählungen. Das ist ein wertvoller Kontrapunkt zur tagespolitischen Rhetorik.
Chomskys Grundthese: Der Kalte Krieg war primär ein ideologisches Instrument
Für Chomsky war der Kalte Krieg kein echter Systemkonflikt, sondern ein Propagandainstrument, um:
- die US‑Bevölkerung in Angst zu halten,
- militärische Aufrüstung zu legitimieren,
- weltweite Interventionen zu rechtfertigen,
- die Arbeiterbewegung zu schwächen,
- ein globales Netzwerk von US‑Dominanz zu sichern.
Nach Chomsky verfolgten die USA schon seit dem 19. Jahrhundert eine imperiale Strategie, unabhängig vom Kommunismus. Die USA beanspruchten ein imperiales Selbstbestimmungsrecht: Sie würden definieren, was in anderen Ländern passieren darf. Jeder Staat, der sich dem entzieht, gelte als „Virus“, der ausgerottet werden muss. Beispiele: Vietnam, Indonesien, Chile, Lateinamerika, Südostasien.
Bergers Widergabe der Argumentation von N. Chomsky zeigt, wie man Außenpolitik strukturell statt moralisch analysiert. Er erinnert an die Bedeutung von Interessen, Macht und Hegemonie und kritisiert die Verengung des öffentlichen Diskurses.
Damit bietet er ein kohärentes Gegen-Narrativ zur Mainstream-Berichterstattung. Das schließt allerdings eine multiperspektivische Analyse aller beteiligten Akteure aus. Seine größter Wert für die historisch-politische Bildung liegt darin, dass er die hegemoniale Erzählung irritiert – nicht darin, dass er eine vollständige geopolitische Erklärung liefert.
„Schurkenstaat“
Gestützt wird diese Perspektive u.a. durch die Veröffentlichungen von William Blum
„Über 70 Jahre lang überzeugten die Vereinigten Staaten einen Großteil der Welt davon, dass sie die Vereinigten Staaten bräuchten, um vor der kommunistischen Finsternis gerettet zu werden. ‚Kauft einfach unsere Waffen‘, sagte Washington, ‚lasst unser Militär und unsere Konzerne ungehindert in eurem Land marschieren und gebt uns ein Vetorecht bei der Wahl eurer Anführer, und wir werden euch beschützen.“‘
Nach William Blums Auffassung verdienen die Vereinigten Staaten selbst die Bezeichnung eines „Schurkenstaates“.“ Diese These untermauert er mit umfangreichen Analysen zu wenig beachteten Aspekten der US‑Außen‑ und Sicherheitspolitik. Im Zentrum seiner Kritik steht die systematische Einflussnahme der USA auf die inneren Angelegenheiten anderer Staaten – häufig durch verdeckte Operationen der CIA oder des Verteidigungsministeriums.
Blum argumentiert, dass der gegen die USA gerichtete Terrorismus sowie die weit verbreitete Feindseligkeit in Teilen der arabischen Welt als eine Form des „Blowback“ zu verstehen seien: als Rückwirkung einer jahrzehntelang fehlgeleiteten Politik, die sich durch rücksichtslose Gewaltanwendung auszeichne. Diese Politik sei oftmals ohne demokratische Kontrolle, ohne parlamentarische Transparenz und weitgehend ohne Wissen der eigenen Bevölkerung durchgeführt worden.
| „Wenn ich Präsident wäre, könnte ich die Terroranschläge gegen die Vereinigten Staaten innerhalb weniger Tage beenden. Für immer. Zuerst würde ich mich – öffentlich und aufrichtig – bei allen Witwen und Waisen, den Armen und Gefolterten sowie all den vielen Millionen anderen Opfern des amerikanischen Imperialismus entschuldigen. Dann würde ich verkünden, dass Amerikas weltweite Interventionen – einschließlich der furchtbaren Bombenangriffe – beendet sind. Und ich würde Israel mitteilen, dass es nicht länger der 51. Bundesstaat der Union ist, sondern – seltsamerweise – ein fremdes Land. Anschließend würde ich das Militärbudget um mindestens 90 % kürzen und die Einsparungen nutzen, um Entschädigungen an die Opfer zu zahlen und die Schäden der vielen amerikanischen Bombenangriffe und Invasionen zu beheben. Es gäbe mehr als genug Geld. Wissen Sie, wie viel ein Jahr des US-Militärbudgets ausmacht? Ein Jahr. Das entspricht mehr als 20.000 Dollar pro Stunde seit der Geburt Jesu Christi. Das würde ich in meinen ersten drei Tagen im Weißen Haus tun.“ Am vierten Tag würde ich ermordet werden.“ (W. Blum) |
Literatur
Wiederkehr des Kalten Krieges?
Über einige vergessene Einsichten von Noam Chomsky über die amerikanische Außenpolitik anlässlich des „Ukraine-Konfliktes“. 22. Dezember 2014. Ein Artikel von: Jens Berger (Darin auch umfangreiche Literaturangaben)
Noam Chomsky: «Der US-amerikanische Imperialismus wird sich kaum ändern“
Dieser Text erschien erstmals im US-Magazin Jacobin. Das Interview führten die Journalistinnen J. C. Pan und Ariella Thornhill. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Christian Müller. – Das vollständige Interview kann (in englischer Sprache) hier gelesen und auch auf Youtube angesehen und gehört werden.
William Blum (2008): Zerstörung der Hoffnung. Bewaffnete Interventionen der USA und des CIA seit dem 2. Weltkrieg. Frankfurt/M. 2008
William Blum (2006): Schurkenstaat, Berlin 2006


