Der Erste Weltkrieg – ein Medienereignis?

Krieg als Medienereignis, filmisches Ereignis und Gegenstand historischen Lernens

Detlef Endeward (09/2026)

Noch einmal von vorn – zwölf Jahre später

2014 erschien der Beitrag „Der Erste Weltkrieg – ein Medienereignis für den Geschichtsunterricht?“ in dem von Manfred Quentmeier, Martin Stupperich und Rolf Wernstedt herausgegebenen Band Krieg und Frieden 1914–2014. Zwölf Jahre später lohnt es sich, diesen Text noch einmal zu lesen – nicht nur, um ihn zu aktualisieren. Auch der damalige Blick auf Medien, Krieg und Frieden ist inzwischen historisch geworden.

Die Grundfrage ist geblieben. Medien sollten im Geschichtsunterricht nicht lediglich historische Sachverhalte illustrieren. Zu untersuchen ist vielmehr, welche Rolle sie bei deren Wahrnehmung, Vermittlung und Deutung spielen. Der damalige Beitrag verstand Medien deshalb als „Werkzeuge zur Weltaneignung“.

Heute lässt sich die Ausgangsfrage in drei miteinander verbundene Perspektiven aufschließen:

Im Ersten Weltkrieg wurde Krieg zum Medienereignis gemacht. Der Krieg wurde zu einem filmischen Ereignis. Und gerade deshalb ist er ein Medienereignis für den Geschichtsunterricht.


Im Ersten Weltkrieg wurde Krieg zum Medienereignis gemacht

Der ältere Beitrag charakterisierte den Ersten Weltkrieg als ersten umfassenden „Medienkrieg“ des 20. Jahrhunderts. Diese Formulierung muss präzisiert werden. Schon der Krimkrieg von 1853 bis 1856 war von Pressekorrespondenten, Illustratoren und Fotografen begleitet worden. Neu waren 1914 vor allem Umfang, Verdichtung und gesellschaftliche Reichweite medialer Kommunikation.

Christian Götter schärft diese Perspektive weiter. Nicht der gesamte Erste Weltkrieg war ein Medienereignis. Vielmehr wurden einzelne militärische Vorgänge durch Auswahl, Verdichtung und Deutung zu Medienereignissen gemacht. Besonders deutlich zeigt sich dies an der Skagerrakschlacht von 1916: Aus demselben militärischen Geschehen entstanden in Deutschland und Großbritannien unterschiedliche mediale Erfolgserzählungen.[1]

Damit geht es nicht mehr nur um das Verhältnis von historischem Geschehen und anschließender Berichterstattung. Aus Geschehen wird durch Auswahl, Zensur, Inszenierung, Verbreitung und Deutung ein mediales Ereignis. Militär, staatliche Stellen, Presse, Fotografen, Filmproduzenten und Publikum sind an diesem Prozess in unterschiedlicher Weise beteiligt.

Deshalb reicht auch die Vorstellung von Propaganda als Manipulation einer passiven Öffentlichkeit nicht aus. Schon der Beitrag von 2014 stellte ihr das komplexere Wechselspiel zwischen Propaganda, amtlicher Zensur, Presse und Öffentlichkeit gegenüber.

Medien stehen nicht außerhalb des Krieges und berichten anschließend darüber. Sie werden Bestandteil seiner gesellschaftlichen Wirklichkeit.


Der Krieg wurde zu einem filmischen Ereignis

Der Krieg von 1914 traf auf eine bereits entstandene visuelle Massenkultur. Kino und Wochenschau versprachen etwas, was der eigenen Erfahrung weitgehend entzogen blieb: den Krieg sichtbar zu machen.[2]

Gerade darin liegt ein Widerspruch. Der industrialisierte Massenkrieg war für den Einzelnen kaum überschaubar. Für die Menschen in der Heimat blieb die Front räumlich entfernt; selbst der Soldat nahm nur einen winzigen Ausschnitt des Geschehens wahr. Der Krieg blieb in seiner Totalität unsichtbar.

Fotografie und Film erzeugten Bilder dieses unsichtbaren Ganzen.

Dem Blick der Fotografen folgen

Bereits der ältere Beitrag forderte dazu auf, „dem Blick der Fotografen zu folgen“. Eine Fotografie bildet Wirklichkeit nicht einfach ab. Sie zeigt einen ausgewählten Ausschnitt zu einem bestimmten Zeitpunkt. Aufnahmeort, technische Möglichkeiten, Auftraggeber, Zugang zum Geschehen, Zensur und mögliche Inszenierungen gehören deshalb zur Geschichte des Bildes selbst.

Anton Holzer hat für die Kriegsfotografie gezeigt, wie sehr diese Bilder durch technische Bedingungen, militärische Kontrolle, Auswahl und propagandistische Verwendung geprägt waren.[3]

Die Kamera zeigt nicht einfach den Krieg

Für den Film gilt dies noch stärker. Kameraleute konnten nur aufnehmen, was technisch möglich und militärisch zugänglich war. Das Material wurde ausgewählt, montiert und kommentiert. Bernd Kleinhans spricht deshalb von einem konstruierten filmischen Krieg.[2]

Der Film dokumentiert den Krieg nicht einfach. Er erzeugt eine filmische Vorstellung davon, was dieser Krieg ist.


Aus dem filmischen Ereignis wird filmisches Gedächtnis

Mit dem Waffenstillstand endete der Krieg, nicht aber seine mediale Geschichte. Fotografien, Wochenschauen, Propagandafilme, Romane und Spielfilme wurden zu Material gesellschaftlicher Erinnerung. Der ältere Beitrag sprach bereits von „umkämpfter Erinnerung“ und einer visuellen Erinnerungspolitik.

Michael Elm hat diesen Gedanken inzwischen zum Konzept des filmischen Gedächtnisses weitergeführt. Filme stellen den Ersten Weltkrieg nicht lediglich dar. Sie wirken daran mit, wie Gesellschaften ihn erinnern. Mit den historischen und kulturellen Kontexten verändern sich auch die Bilder und Erzählungen des Krieges.[4]

Filme erinnern nicht einfach an den Ersten Weltkrieg. Sie produzieren Formen, in denen Gesellschaften sich an ihn erinnern.

1930: Der Krieg kommt noch einmal ins Kino

Im Westen nichts Neues eignet sich wie kaum ein anderer Film, diesen Zusammenhang sichtbar zu machen. Lewis Milestones Film von 1930 zeigt nicht einfach den Krieg von 1914 bis 1918. Er rekonstruiert ihn 1930.

Dazwischen liegen die Kriegserfahrungen einer Generation, Niederlage und Revolution, die politischen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik und Erich Maria Remarques Roman. Aus erinnerter Erfahrung, literarischer Verarbeitung, zeitgenössischer Filmästhetik und politischer Gegenwart entsteht ein neuer filmischer Krieg.

Der Kampf um die deutsche Aufführung macht diese Mehrfachzeit sichtbar. Nationalsozialisten organisierten massive Störungen; die Filmoberprüfstelle widerrief anschließend die bereits erteilte Zulassung. Umstritten war damit nicht nur ein Film. Umstritten war, wie der vergangene Krieg öffentlich erinnert und dargestellt werden durfte.[5]

Der Krieg wird gefilmt.
Der gefilmte Krieg wird erinnert.
Die Erinnerung wird erneut verfilmt.
Und um diese filmische Erinnerung wird politisch gekämpft.

Ein alter Krieg bekommt neue Bilder

Zwischen 1918 und unserer Gegenwart liegen inzwischen mehr als hundert Jahre medialer Bilder: Fotografien, Wochenschauen, Romane, Spielfilme, Fernsehdokumentationen, Ausstellungen, Computerspiele und digitale Bildwelten.

Jede neue filmische Darstellung trifft deshalb auf einen bereits medial erinnerten Krieg. Das gilt auch für Edward Bergers Im Westen nichts Neues von 2022. Der Vergleich mit Milestones Film fragt deshalb nicht nur nach unterschiedlichen filmischen Mitteln oder nach Nähe und Distanz zu Remarques Roman.

Historisch ergiebiger ist die Differenz: Warum bekommt derselbe Krieg 1930 und 2022 andere Bilder und andere Erzählungen?

Filmrealität, historische Bezugsrealität und jeweilige Gegenwart überlagern sich.


Filme als Spuren – ein Medienereignis für den Geschichtsunterricht

Damit kommen wir zur Ausgangsfrage zurück.

Der Beitrag von 2014 kritisierte, dass Medien im Geschichtsunterricht häufig vor allem zur Veranschaulichung eingesetzt würden: Ein historischer Sachverhalt wird erarbeitet, ein Foto oder Filmausschnitt zeigt anschließend, „wie es damals aussah“.

Gerade beim Ersten Weltkrieg verschenkt ein solcher Umgang das Erkenntnispotenzial der Medien. Fotografien und Filme sind nicht bloß Fenster zu einer bereits feststehenden Vergangenheit. Sie gehören zu der Geschichte, die untersucht werden soll.

Filme können in diesem Sinne als komplexe Spuren in und von Geschichte verstanden werden. Sie bewahren etwas von den gesellschaftlichen Bedingungen, Wahrnehmungen und Deutungen ihrer Entstehungszeit und erzeugen zugleich Bilder von Vergangenheit, die ihrerseits gesellschaftlich wirksam werden können. Dieses Verständnis von Film als historischer Spur bildet eine Grundlage der historisch-kritischen Filmanalyse in der Lernwerkstatt.[6]

Das gilt in unterschiedlicher Weise für eine Wochenschau von 1917, Im Westen nichts Neues von 1930 oder eine Neuverfilmung von 2022. Sie sind Darstellungen des Krieges, aber zugleich Spuren der jeweiligen Gegenwart, die sich ein Bild von diesem Krieg macht.

Die Spur liegt dabei nicht einfach im Film und wartet darauf, gefunden zu werden. Sie wird als historische Quelle erst durch Fragestellung, Kontextualisierung und Interpretation lesbar.

Für diese historisch-kritische Filmanalyse verbindet die Lernwerkstatt vier aufeinander bezogene Untersuchungsebenen: Filmrealität – Bedingungsrealität – Bezugsrealität – Wirkungsrealität.[6]

  • Filmrealität: Was zeigt der Film – und wie zeigt er es?
  • Bedingungsrealität: Unter welchen technischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen entsteht er?
  • Bezugsrealität: Auf welche historischen Ereignisse, Erfahrungen und bereits vorhandenen Bilder bezieht er sich?
  • Wirkungsrealität: Wie wird er aufgenommen, diskutiert, bekämpft, weiterverwendet und erinnert?

Das Verständnis von Filmen als Spuren verbindet diese Ebenen. Ein Propagandafilm von 1917, Im Westen nichts Neues von 1930 und eine Verfilmung von 2022 erzählen deshalb nicht einfach denselben Krieg auf unterschiedliche Weise. Sie hinterlassen Spuren unterschiedlicher historischer Situationen, in denen jeweils neu bestimmt wird, was dieser Krieg bedeutet.

Für historisches Lernen ergibt sich daraus eine doppelte Bewegung: Wir benutzen Filme, um etwas über Vergangenheit zu erfahren – und untersuchen zugleich, wie Vergangenheit in Filmen hergestellt wird. Film wird damit vom bloßen Unterrichtsmittel zum Gegenstand historischen Denkens.


Zwölf Jahre später – auch unsere Fragen haben eine Geschichte

Damit bekommt schließlich auch der Beitrag von 2014 eine neue Funktion: Er wird selbst zur Quelle.

Die damalige Tagung stand unter dem Titel Krieg und Frieden 1914–2014. Die historische Beschäftigung mit der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ wurde ausdrücklich mit Fragen nach Friedensgestaltung und einer friedlichen Weltordnung verbunden.

Zwölf Jahre später lässt sich auch dieser Blick historisieren: Welche Fragen erschienen 2014 wichtig, wie wurde über Krieg und Frieden gesprochen, was galt als selbstverständlich – und was würden wir heute anders fragen?

Nicht nur die Bilder des Ersten Weltkriegs haben eine Geschichte. Auch unsere Fragen an diese Bilder haben eine Geschichte.

Darin liegt der besondere didaktische Ertrag des Ersten Weltkriegs als Medienereignis. Es geht nicht darum, mit Bildern zu zeigen, wie es gewesen ist. Es geht darum zu untersuchen, wie zu unterschiedlichen Zeiten Bilder davon hergestellt wurden, wie es gewesen ist – und wie diese Bilder wiederum unsere Vorstellungen von Geschichte prägen.


Der Erste Weltkrieg – ein Medienereignis?

Ja – in dreifacher Hinsicht:

Im Ersten Weltkrieg wurde Krieg zum Medienereignis gemacht.

Der Krieg wurde zum filmischen Ereignis und Bestandteil eines gesellschaftlichen Gedächtnisses.

Und gerade deshalb ist er ein Medienereignis für den Geschichtsunterricht.


Anmerkungen

[1] Christian Götter: „Der Erste Weltkrieg als Medienereignis“, Europäische Geschichte Online (EGO), 2020. Online verfügbar. ↩

[2] Bernd Kleinhans: „Der Erste Weltkrieg als Medienkrieg: Film und Propaganda zwischen 1914 und 1918“, Aus Politik und Zeitgeschichte, 16–17/2014; Wolfgang Mühl-Benninghaus: Vom Augusterlebnis zur UFA-Gründung. Der deutsche Film im 1. Weltkrieg, Berlin 2004. Kleinhans bei der bpb. ↩

[3] Anton Holzer: Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg, 3. Aufl., Darmstadt 2012. Zur Weiterführung seiner bildhistorischen Perspektive vgl. Anton Holzer: „Im Fadenkreuz der Waffen. Der Blick auf die Drei Zinnen und die Kriegsfotografie im Ersten Weltkrieg“, 2025. Publikationsübersicht. ↩

[4] Michael Elm: Der Erste Weltkrieg im filmischen Gedächtnis. Kulturelles Trauma und transnationale Erinnerung in Europa und dem Nahen Osten, Berlin/Boston 2021. Verlagsseite. ↩

[5] Vgl. Hans Beller: „Gegen den Krieg – Im Westen nichts Neues“ und Werner Sudendorf: „Zensurkämpfe sind Machtkämpfe“, in: Bartling/Endeward/Hellberg/Thiele (Hg.): Im Westen nichts Neues. Texte – Dokumente – Arbeitshilfe, Hannover 1995. ↩

[6] Zum hier verwendeten Ansatz ausführlicher: Detlef Endeward: „Filme als komplexe Spuren in und von Geschichte. Film im gesellschaftlichen Raum-Zeit-Kontinuum und die historisch-kritische Filmanalyse“, Lernwerkstatt Film und Geschichte, 2026. Dort wird das Spurenlesen mit den Untersuchungsebenen Filmrealität, Bedingungsrealität, Bezugsrealität und Wirkungsrealität verbunden. Vgl. ergänzend „Didaktische Analysemodelle“. ↩


Literatur zur Vertiefung

Endeward, Detlef: „Der Erste Weltkrieg – ein Medienereignis für den Geschichtsunterricht?“, in: Manfred Quentmeier/Martin Stupperich/Rolf Wernstedt (Hg.): Krieg und Frieden 1914–2014. Beiträge für den Geschichts- und Politikunterricht, Schwalbach/Ts. 2014, S. 234–253.

Elm, Michael: Der Erste Weltkrieg im filmischen Gedächtnis. Kulturelles Trauma und transnationale Erinnerung in Europa und dem Nahen Osten, Berlin/Boston 2021.

Götter, Christian: „Der Erste Weltkrieg als Medienereignis“, Europäische Geschichte Online, 2020.

Holzer, Anton: Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg, 3. Aufl., Darmstadt 2012.

Kleinhans, Bernd: „Der Erste Weltkrieg als Medienkrieg: Film und Propaganda zwischen 1914 und 1918“, Aus Politik und Zeitgeschichte, 16–17/2014.

Mühl-Benninghaus, Wolfgang: Vom Augusterlebnis zur UFA-Gründung. Der deutsche Film im 1. Weltkrieg, Berlin 2004.

Sokołowska-Paryż, Marzena/Löschnigg, Martin (Hg.): The Great War in Post-Memory Literature and Film, Berlin/Boston 2014.

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