Wandel der medialen Kommunikationskultur im 20. Jahrhundert

Wandel der medialen Kommunikationskultur im 20. Jahrhundert

Wandel … in einem Portal zu Film und Geschichte?

Detlef Endeward (Mai 2025; überarbeitet: 08/2026)

Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass sich ein Portal, das ursprünglich der Filmgeschichte und Filmbildung gewidmet war, zunehmend mit Fragen der Medienbildung, politischen Bildung und gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigt. Dieser Wandel ergibt sich jedoch unmittelbar aus einem erweiterten Verständnis von Filmbildung.

Film ist nie nur Kunstform oder Unterhaltungsmedium. Er ist Bestandteil einer umfassenden medialen Kommunikationskultur. Wer Filme verstehen will, muss daher auch die Bedingungen ihrer Produktion, ihrer Verbreitung, ihrer gesellschaftlichen Funktionen und ihrer Rezeption verstehen. Filmbildung wird so zum Kern einer umfassenden Medienbildung, die Filmgeschichte als Teil der allgemeinen Mediengeschichte begreift. Gleichzeitig beeinflussen sich Film und Medienentwicklung wechselseitig: Kino und Film prägen gesellschaftliche Vorstellungen ebenso wie Veränderungen der Medienlandschaft die Formen des Films verändern.

Mit dem Konzept der Gesellschaftskompetenzen erweitert sich dieser Blick nochmals. Filme werden nicht mehr nur als historische Quellen oder ästhetische Werke verstanden, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse, kultureller Deutungsmuster, ökonomischer Interessen, politischer Konflikte und historischer Mentalitäten. Gesellschaftskompetenz bedeutet, diese verschiedenen Ebenen miteinander in Beziehung setzen zu können. Film wird damit zu einer Spur gesellschaftlicher Wirklichkeit, die nur im Zusammenhang ihrer historischen, sozialen, politischen, ökonomischen und medialen Bedingungen angemessen gelesen werden kann.

Diese Perspektive ist keineswegs neu. Bereits Anfang der 1990er Jahre beschäftigte sich die damalige Landesmedienstelle intensiv mit den Veränderungen der medialen Kommunikationskultur sowie mit den Zusammenhängen zwischen Medienberichterstattung, öffentlicher Meinung und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Anlass waren unter anderem die Berichterstattung über Kriege, ökologische Risiken sowie die rechtsextremen Anschläge auf Migranten und Asylsuchende.

Die Publikation „Öffentliche Meinung, Gewaltbereitschaft und Massenmedien“ (1993/94) untersuchte beispielsweise die Medienabhängigkeit gesellschaftlicher Weltbilder. Themen waren unter anderem das Bild von Migranten in der Presse, die mediale Asyldebatte sowie die Darstellung des Rechtsextremismus in den Medien.

Auch die ersten Tage der Medienpädagogik im Oktober 1993 in Leer griffen diese Fragen auf. Unter dem Titel „Medien – Warner oder Angstmacher?“ wurden unter anderem folgende Themen diskutiert:

  • Massenmedien und Risikogesellschaft,
  • Krieg – live im Wohnzimmer,
  • „Das Boot ist voll“ – von „Ausländerfluten“ und anderen „Gefahren“,
  • Rechtsradikalismus im Fernsehen,
  • Umweltkatastrophen – mediengerecht aufbereitet,
  • Die Dritte Welt als mediales Jagdgebiet.

Ergänzt wurde diese Debatte durch den 1994 für Bundespräsident Richard von Weizsäcker erstellten Bericht zur Lage des Fernsehens, der grundlegende Entwicklungstendenzen des deutschen Fernsehjournalismus analysierte.

Viele der damals formulierten Fragen haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Im Gegenteil: Digitalisierung, soziale Netzwerke, algorithmische Selektion, Plattformökonomie und Künstliche Intelligenz haben die damaligen Entwicklungen erheblich verstärkt. Fragen nach der Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit, nach medialer Macht, öffentlicher Meinungsbildung, Desinformation oder demokratischer Öffentlichkeit stellen sich heute mit neuer Dringlichkeit.

Deshalb erinnert die Lernwerkstatt bewusst an Materialien und Projekte aus den 1990er Jahren, die über das Portal Medienbildung weiterhin zugänglich sind. Dies geschieht nicht aus nostalgischen Gründen, sondern weil die ihnen zugrunde liegenden pädagogischen Leitideen nach wie vor tragfähig sind. Viele der Materialien besitzen auch heute noch didaktischen Wert – zugleich dokumentieren sie eine Phase der Medienpädagogik, in der grundlegende Fragen nach dem Verhältnis von Medien, Öffentlichkeit und Demokratie intensiv diskutiert wurden.

Der Wandel des Portals spiegelt somit keinen Themenwechsel wider, sondern eine konsequente Weiterentwicklung seines Bildungsverständnisses. Aus der Filmbildung wird eine historisch und gesellschaftlich orientierte Medienbildung; aus der Medienbildung entwickelt sich – im Sinne der Gesellschaftskompetenzen – ein Bildungsverständnis, das historische, politische, ökonomische, kulturelle, technologische und ökologische Zusammenhänge gemeinsam in den Blick nimmt.

Film bleibt dabei Ausgangspunkt. Sein Verständnis erschließt sich jedoch erst im Zusammenhang der gesellschaftlichen Bedingungen seiner Entstehung, seiner medialen Vermittlung und seiner Wirkung. Die Lernwerkstatt versteht Film deshalb nicht nur als Gegenstand der Bildung, sondern als Zugang zum Verständnis von Gesellschaft selbst.