Alles Medien – oder was?

Wir veröffentlichen diese Thesen, die vor fast 30 Jahren verfasst wurden, aus folgenden Gründen:

  1. Der Text ist ein Dokument aus der medienpädagogischen Zeit der 90er Jahre des 20.Jahrhunderts und steht für eine Perspektive, die in der heutigen schulischen medienpädagogischen Diskussion angesichts der Fixierung auf digitale Technologien viel zu kurz kommt.
  2. Wir verstehen Filmbildung gleichermaßen als ein wesentliches Element sowohl der Medienbildung als auch der (historisch-)politischen Bildung und das in dieser Lernwerkstatt verfolgte medienpädagogische Konzept für die historisch-politische Bildung knüpft auch am Ansatz von Wolf-Rüdiger Wagner mit seinem auch historisch orientierten „pädagogische(n) Programm der Medienbildung“ (L. Mikos)
  3. Die Thesen bieten vielfältige Anregungen auch für die Arbeit mit Filmen und für die Auseinandersetzung mit medienvermittelter (historischer) Realität.

Wolf-Rüdiger Wagner hat in den Folgejahren diese Thesen weiterentwickelt und mehrfach exemplarisch untermauert. Siehe dazu seinen Blog „Medien als Werkzeuge der Weltaneignung“ und die dort aufgeführt Literatur. Zur „Vorgeschichte“ der Medienentwicklung des 20. Jahrhunderts siehe v.a. „Die Entstehung der Mediengesellschaft. 1000 Mediengeschichten aus dem 19. Jahrhundert.“

Detlef Endeward, Juli 2024

Thesen für ein pädagoisches Programm der Medienbildung

Wolf-Rüdiger Wagner (1995)

Die folgenden Thesen sind ein Plädoyer für eine integrative Medienpädagogik. Die Forderung nach einer integrativen Medienpädagogik ergibt sich aus der inhaltlichen und pädagogischen Notwendigkeit, die bisher getrennt voneinander entwickelten Ansätze zur Medienerziehung, zur Leseförderung sowie zur informations- und kommunikationstechnologischen Bildung zusammenzuführen.

Die gängige Diskussion über Medien setzt zumeist bei den Gefahren und Risiken an. Aus dieser Perspektive verkürzt sich die Auseinandersetzung mit Medien letztlich auf einen sehr speziellen Aspekt der Nutzung von Fernsehen, Video und Computer. Dass wir in einer alle Lebensbereiche umfassenden Informations- und Mediengesellschaft leben, gerät in dieser Diskussion gar nicht oder nur unscharf und verzerrt ins Blickfeld.

Zudem ist diese Gefahren-Diskussion gerade im schulischen Bereich ausgesprochen unproduktiv. Die Diskussion führt sehr schnell zu dem Ergebnis, dass Auswirkungen der Medien nicht von den übrigen gesellschaftlichen Entwicklungen zu isolieren sind und dass die Mediennutzung jedoch dem Zugriff der Schule weitgehend entzogen ist. Bei diesem Ergebnis angelangt, kann man dann beliebig hin- und herwechseln zwischen dem Gefühl der Überforderung – wieder einmal soll Schule als gesellschaftlicher Reparaturbetrieb herhalten – und Versuchen der Problemverschiebung. Man entlastet sich durch die Verschiebung der Verantwortung auf die Medien, die Medienpolitik, das Elternhaus. Eine produktive Perspektive für die Medienpädagogik in der Schule eröffnet diese Diskussion kaum. Im besten Fall gelangt man zu der Feststeilung, dass die Medienerlebnisse und -einflüsse in der Schule aufgegriffen und bearbeitet werden müssen.

Hier wird bewusst ein anderer Zugang gewählt: Medien – vom Buch bis zum Computer – erweitern unseren Erfahrungs- und Kommunikationshorizont. Diese Vielfalt der Informations- und Kommunikationsangebote wird jedoch im alltäglichen Medienkonsum im Normalfall nicht ausgeschöpft. In einer Medien- und Informationsgesellschaft gehörte es daher zur Bildungsaufgabe von Schule, Erfahrungs-und Spielräume zu eröffnen, um den einzelnen zu einer kompetenten, kritischen, aber auch kreativen Nutzung der Medien zu befähigen. Dass hierzu auch die Auseinandersetzung mit Gefahren und Risiken der Informations- und Mediengesellschaft gehört, steht dabei außer Frage. Wichtig ist: Die Auseinandersetzung mit Fragen der Medienpädagogik gewinnt damit Anschluss an die pädagogische Diskussion, für die hier Stichworte wie Handlungs- und Produktionsorientierung, Lebenswelt- und Erfahrungsbezug sowie Öffnung von Schule stehen sollen.

Diese Thesen wurden für eine Zuhörerschaft zusammengestellt, deren Interesse und Liebe dem Buch gilt. Mit Blick auf diese Zuhörerschaft wurden die Inhalte und Beispiele ausgesucht, an denen die Argumentation für eine integrative Medienpädagogik entwickelt wird. Mit Blick auf die informations-und kommunikationstechnologische Bildung gelten im Prinzip dieselben Argumente, entfaltet und entwickelt werden müssten sie jedoch an anderen Themen und Beispielen.

 

Zur Entstehung der Mediengesellschaft

Alles Medien – oder was?

Wolf-Rüdiger Wagner: Alles Medien – oder was?
(= Texte zur Medienpädagogik 7) Hrsg. v. d. Landesmedienstelle im Nds. Landesverwaltungsamt. Red.: Detlef Endeward, Hannover 1995 (pdf)