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Sequenzprotokoll
Sequenzen:
Sequenz 1

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Sequenz 2

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Sequenz 3

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Filmkontext und Dreharbeiten
Werkfoto von den Dreharbeiten zu Liebe 47
Dreharbeiten zum Film LIEBE 47 · © Filminstitut Hannover
Werkfoto von den Dreharbeiten zu Liebe 47
Dreharbeiten zum Film LIEBE 47 · © Filminstitut Hannover
Werkfoto von den Dreharbeiten zu Liebe 47
Dreharbeiten zum Film LIEBE 47 · © Filminstitut Hannover

Liebe 47, zwei Monate vor Gründung der Bundesrepublik uraufgeführt, ist einer der letzten „Trümmerfilme“. Drehort waren die Filmateliers auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens von Göttingen, Produzent die Göttinger Filmaufbau GmbH, die mit britischer Lizenz arbeitete. Die Produktionsfirma war bereits 1946 von Hans Abich und Rolf Thiele gegründet worden mit dem Ziel, zum Neubeginn des deutschen Films beizutragen.

Die Firmengründer waren nicht in erster Linie kommerziell orientiert, sondern versuchten anspruchsvolle, problemorientierte Unterhaltung zu produzieren. Liebe 47, die erste nach langen Anlaufschwierigkeiten fertiggestellte Produktion, führte zum Konkurs der Firma, die anschließend ohne eigene Atelierbetriebe neu gegründet wurde. Die folgenden Filme wie Nachtwache, Es kommt ein Tag sowie verschiedene Thomas-Mann-Verfilmungen waren erfolgreicher.

Auch wenn sich finanzielle Verluste einstellten, blieb man bei dem Konzept, Filme mit „Anspruch“ zu produzieren.

Die Erstellung des Spielfilmes erwies sich als schwieriger als vermutet. Zum einen wollten die Gründer der Filmaufbau GmbH, Hans Abich und Rolf Thiele, gerne mit Wolfgang Liebeneiner zusammenarbeiten, der jedoch als ehemaliger Leiter der Reichsfilmakademie zunächst nicht arbeiten durfte. Zum anderen musste ein Stoff für den Film gefunden werden, dessen Drehbuch die Vorzensur der britischen Film Section passieren würde.

Was das Problem mit Liebeneiner betraf, so fanden sich einflussreiche Fürsprecher, u. a. die jüdische Theaterintendantin Ida Ehre, die für seine „Entnazifizierung“ sorgen konnten. Die Suche nach einem Stoff kostete indes mehr Zeit. Erst das dritte eingereichte Drehbuch wurde von der Film Section zugelassen.

Für das Verständnis des Films ist es bedeutsam, dass Liebe 47 als Literaturverfilmung nach Wolfgang Borcherts Bühnenstück Draußen vor der Tür entstanden ist. Wolfgang Borchert (20.05.1921 – 20.11.1947) war ein unbequemer Soldat gewesen. 1943 wurde er wegen politischer Witze zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, dann aber „zwecks Bewährung“ an die „Ostfront“ geschickt. Der Entlassung wegen Untauglichkeit folgte wieder der Kerker, dann Nachkriegshunger, Krankheit und Tod.

Zwei knappe Jahre blieben Borchert zum Schreiben. Dieses „Dichten wie im Wettlauf mit dem Tod“ ist in Draußen vor der Tür in jeder Zeile zu spüren. Das Stück gilt als das bedeutendste jener Kahlschlag- und Trümmerliteratur nach 1945. „Im Mittelpunkt des gespenstischen Reigens aus physischem und moralischem Elend steht ein Kriegsheimkehrer, die Symbolfigur eines Menschen, den die Sinnlosigkeit eines Krieges und die moralische Stumpfheit des Milieus zerbrochen haben.“

Von Borchert im Spätherbst 1946 in wenigen Tagen geschrieben, wurde Draußen vor der Tür am 13.2.1947 zum ersten Mal als Hörspiel vom NWDR gesendet, als Bühnenstück erlebte es seine Uraufführung in der Inszenierung von Wolfgang Liebeneiner am 21.11.1947, einen Tag nach dem frühen Tod Borcherts, in den Hamburger Kammerspielen. Der Stoff wurde schließlich 1948 wiederum unter der Regie von Liebeneiner verfilmt.

Die Dreharbeiten zu Liebe 47 begannen im August 1948. Technische, personelle und organisatorische Probleme verzögerten die Dreharbeiten beträchtlich. So mussten durch den Ausfall wichtiger Geräte aufwendige Einzelbearbeitungen im Schneideraum durchgeführt werden, um beispielsweise Probleme beim Gleichlauf von Film und Ton im Nachhinein zu beheben.

Auch der Mangel an Fachpersonal zu jener Zeit trug dazu bei, dass der Produktionsetat um 10 % und die geplante Drehzeit um vier Wochen überschritten wurden. Daher musste der Termin für die Uraufführung vom 31.12.1948 letztendlich auf den 07.03.1949 verlegt werden.

Die Uraufführung fand im Göttinger Capitol statt. Das Premierenpublikum verharrte, so die zeitgenössische Presse, in seltener Anteilnahme und spendete anhaltenden Beifall, was, so ein Rezensent, angesichts dieses „anspruchsvollen, aber unerhört wertvollen Films“ nur angemessen gewesen sei.

Auch anderswo sprach die Kritik von einem „über die Zeitfilmproduktion hinausgehenden Meisterwerk“, das die im Nachhinein nicht so glanzvolle Rolle Liebeneiners während der Naziherrschaft (u. a. Regie in den Filmen Bismarck, Die Entlassung und Ich klage an, von 1942–1945 Produktionschef der Ufa) wettmache – es sei naheliegend, „ihm vor der einzigartigen künstlerischen Tat des Heute das Gestern zu vergeben.“

Wenngleich die Kritik den Film überwiegend lobte, blieben die deutschen Kinos, in denen Liebe 47 lief, relativ leer. Die Bilder einer Trümmerlandschaft, gleich mit welcher Moral verbunden, wollte das Publikum im Jahre 1949 nicht mehr sehen.

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Liebe 47 (1948/1949)

LIEBE 47 (1949) (Filminstitut Hannover)

Annotation

Der Film „Liebe 47“ (1949) von Wolfgang Liebeneiner basiert auf Wolfgang Borcherts Stück Draußen vor der Tür. Kriegsheimkehrer Beckmann und die Witwe Anna begegnen sich in ihrer Verzweiflung. Ihre Gespräche über Verlust und Hoffnung führen zu einem zarten Neuanfang. Ein – nicht für viele Zuschauer – bewegendes Nachkriegsdrama.

Filmographische Angaben
Filmdaten

Titel: Liebe 47
Produktionsjahr: 1948/1949
Produktionsland: Deutschland (Britische Besatzungszone)
Länge: 3026 m · 111 Min.
Bild/Ton: Schwarzweiß · Tonfilm

Produktion und Verleih

Produktionsfirma: Filmaufbau GmbH, Göttingen
Produzenten: Hans Abich, Rolf Thiele
Produktionsleitung: Curt Prickler
Aufnahmeleitung: Frank Roell
Erstverleih: Panorama Film GmbH, Berlin
Prüfung/Zensur: März 1949 · Alliierte Militärzensur
Uraufführung: 7. März 1949 · Göttingen, Capitol
Berliner Erstaufführung: 1. September 1949 · Berlin
Auszeichnung: Internationale Filmfestspiele Locarno 1949 · Preis für die beste Schauspielerin an Hilde Krahl

Künstlerische Leitung

Regie: Wolfgang Liebeneiner
Regieassistenz: Peter Rieschel
Drehbuch: Wolfgang Liebeneiner
Vorlage: Wolfgang Borchert, Bühnenstück Draußen vor der Tür; unter Verwendung von Motiven von Kurt J. Fischer
Kamera: Franz Weihmayr
Kameraführung: Heinz Pehlke
Musik: Hans-Martin Majewski

Technische Gestaltung

Schnitt: Walter von Bonhorst
Ton: Erich Leistner
Bauten: Walter Haag, Hans Kutzner
Kostüme: Salon Biebernell
Maske: Franz Siebert, Ilse Siebert, Maria Westhoff
Standfotos: nicht ermittelt

Darsteller/innen
Darsteller/in Rolle
Dieter HornJürgen Gehrke
Hilde KrahlAnna Gehrke
Sylvia SchwarzMonika Gehrke
Karl JohnHerr Beckmann
Erika MüllerLisa Beckmann
Hedwig WangelMutter Beckmann
Grethe WeiserFrau Puhlmann
Luise Franke-BoochFrau Kramer
Albert FlorathUnternehmer
Erich PontoAlter Mann
Hubert von MeyerinckDirektor Engelbrecht
Paul HoffmannOberst
Leonore EsdarFrau des Obersts
Gisela BurghardtTochter des Obersts
Herbert TiedeSchwiegersohn des Obersts
Leopold von LedeburGeneral
Heinz Klevenow Sr.Panzermann
Rudolf Kalviusvon Wehrzahn
Helmut RudolphAlfred
Kurt A. JungPeter
Erwin GeschonneckKriminalbeamter
Inge MeyselBetty aus Berlin
Tilo von Berlepsch–
Helga Lauber–
Christa Schoop–
Alice Solscher–
Lotte Kleinschmidt–
Cordes–
Friedrich Wollangk–
Natascha Fleckenstein–
Otto Sauter-Sarto–
Hans-Rudolf Joop–
Heinz Erwin Pfeiffer–
Peter Paul–
Maximilian Sigg–
Hans von Uslar–
Thea Mundhenk–
Wolf Harro–
Walter Penzlin–
Werner Abrolat–
Kurt Hepperlin–
Drehorte

Drehzeit: August 1948 – Anfang 1949
Außenaufnahmen: Hamburg · Göttingen und Umgebung
Innenaufnahmen: –
Atelieraufnahmen: Atelier Göttingen

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Inhalt / Handlung

Am Elbufer begegnen sich zwischen den Nachkriegstrümmern Hamburgs zwei Menschen, die mit dem Leben Schluss machen wollen: der aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrte Unteroffizier Beckmann und die junge Witwe Anna Gehrke. Doch dann beginnen sie miteinander zu reden. Sie beschließen, ihren Tod gleichsam aufzuschieben, und Anna nimmt den obdachlosen Beckmann mit auf ihr Zimmer.

In den Gesprächen der beiden verzweifelten Menschen wird – in längeren Rückblenden – ihre Geschichte erzählt.

Beckmann kehrt nach Krieg und Gefangenschaft in eine Gesellschaft zurück, in der er keinen Platz mehr findet. Seine Frau lebt mit einem anderen Mann zusammen, sein Sohn ist tot. Auch zu seinen Eltern kann er nicht zurückkehren. Sie waren Mitglieder der NSDAP und haben nach Kriegsende Selbstmord begangen.

Vor allem aber wird Beckmann von seiner Kriegserfahrung verfolgt. Als Unteroffizier war ihm an der Front die Verantwortung für zwanzig Soldaten übertragen worden. Elf von ihnen kamen ums Leben. In seinen Alpträumen erscheinen ihm die Toten und ihre Angehörigen immer wieder.

Beckmann versucht deshalb, die ihm einst übertragene Verantwortung seinem ehemaligen Oberst zurückzugeben. Er sucht ihn in dessen bürgerlich geordnetem Zuhause auf. Doch der Oberst versteht Beckmanns Gewissensnot nicht und reagiert mit Unverständnis und Gelächter. Während Beckmann von den Toten verfolgt wird, hat sich sein früherer Vorgesetzter längst wieder in einem normalen Leben eingerichtet.

Auch der Versuch, Arbeit und damit einen neuen Platz in der Gesellschaft zu finden, scheitert. Beckmann bleibt einer, der „draußen vor der Tür“ steht: ohne Familie, ohne Wohnung, ohne Arbeit und ohne eine gesellschaftliche Ordnung, in die er einfach zurückkehren könnte.

Anna erzählt Beckmann ihre eigene Geschichte. Sie hat ihren Mann im Krieg verloren. Ihr Kind kommt während der Flucht vor der Roten Armee ums Leben. Auch für Anna hat der Krieg damit die frühere Ordnung von Familie und persönlicher Zukunft zerstört.

Ihr Alleinsein bringt sie nach dem Krieg mit Männern zusammen, die, wie sie selbst sagt, „uns Frauen nicht brauchen, sondern gebrauchen“. Ihre Geschichte zeigt damit eine andere Seite der Nachkriegserfahrung: die einer alleinstehenden Frau, die ihren Mann und ihr Kind verloren hat und sich unter den materiellen und sozialen Bedingungen der Nachkriegszeit behaupten muss.

Beckmann und Anna erzählen sich ihre Geschichten nicht nur. Im Zuhören beginnt sich ihre Situation zu verändern. Beide erkennen im Schicksal des anderen Erfahrungen von Verlust, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit, die sie bisher allein getragen haben.

Je länger sie miteinander reden, desto weiter rückt der Gedanke an den gemeinsamen Tod in den Hintergrund. Aus zwei Menschen, die nicht mehr leben wollen, werden zwei Menschen, die zumindest die Möglichkeit sehen, noch einmal anzufangen.

Am Ende steht deshalb keine Wiederherstellung der verlorenen alten Ordnung. Beckmann kann weder in seine frühere Familie noch einfach in sein früheres Leben zurückkehren. Anna kann ihren Mann und ihr Kind nicht zurückgewinnen. Aber zwischen beiden deutet sich die Möglichkeit eines gemeinsamen neuen Lebens an.

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Sequenzprotokoll
Sequenz Inhalt Länge Laufzeit
0 Vorspann 2.20 0.00 – 2.20
1 Hamburger Hafen: Ein Bestattungsunternehmer (der Tod) empfängt das Publikum; ein Mann (Beckmann) und eine Frau (Anna) am Wasser. Der Tod: „Sie, das wäre doch ein schönes Liebespaar? Zeitgemäß, wie?“ Ein alter Mann geht zum Ufer. Der Tod tritt hinzu, der alte Mann ist „der Gott, an den keiner mehr glaubt“; der Tod ist „der Gott, an den man glaubt“. Beckmann und Anna reden über Freitod. Tod und Gott gehen ab. 6.54 2.20 – 9.14
2 Anna und Beckmann unterhalten sich. Anna beginnt, von ihrer Hochzeit zu erzählen. 2.21 9.14 – 11.35
3 Anna schildert ihre Hochzeit. 2.25 11.35 – 14.00
3a RÜCKBLENDE Anna und Jürgen Gehrke heiraten kirchlich. (0.50) (11.35 – 12.25)
3b RÜCKBLENDE Anna spricht über ihre damaligen Erwartungen. (0.17) (12.25 – 12.42)
3c RÜCKBLENDE Annas Vetter hält die Hochzeitsrede. (0.55) (12.42 – 13.37)
3d Anna fragt sich, warum sich alles so anders als erhofft entwickelt habe. (0.23) (13.37 – 14.00)
4 RÜCKBLENDE Anna und Jürgen tanzen auf einem Ball. Nach dem Ball macht er ihr einen Antrag, den sie sofort annimmt. 2.18 14.00 – 16.18
5 Annas Hochzeitsreise. 1.01 16.18 – 17.19
5a Anna erzählt von ihrer Hochzeitsreise im August 1939. (0.17) (16.18 – 16.35)
5b RÜCKBLENDE Gehrkes und Freunde reden über die Kriegsgefahr. (0.44) (16.35 – 17.19)
6 Beckmann und Anna sprechen über den Kriegsbeginn. 3.31 17.19 – 20.50
6a Beckmann spricht über die Hölle damals, Anna über „hier“ und „jetzt“. (0.30) (17.19 – 17.49)
6b RÜCKBLENDE 1940 wird Jürgen einberufen, Anna ist unglücklich. (3.01) (17.49 – 20.50)
7 Anna bietet ihm Zimmer und Essen an. Sie machen sich auf den Weg zu Annas Wohnung. 1.57 20.50 – 22.47
8 Beckmanns Hochzeit und die Geburt seines Sohnes, die Geburt von Annas Tochter. 1.47 22.47 – 24.34
8a Im Gehen beginnt Beckmann zu erzählen. (0.07) (22.47 – 22.54)
8b RÜCKBLENDE Beckmann heiratet Lisa. (0.34) (22.54 – 23.28)
8c Beckmann erzählt von der Geburt seines Sohnes. (0.09) (23.28 – 23.37)
8d RÜCKBLENDE Lisa liegt nach der Geburt im Krankenhaus. (0.22) (23.37 – 23.59)
8e RÜCKBLENDE Anna liegt nach der Geburt ihrer Tochter im Krankenhaus. (0.35) (23.59 – 24.34)
9 Anna und Beckmann berichten über ihre Einsamkeit. 03.56 24.34 – 28.30
9a Anna erzählt über die Gefallenenmeldung ihres Mannes, Beckmann über seine Rückkehr aus der Gefangenschaft. (0.18) (24.34 – 24.52)
9b RÜCKBLENDE Beckmann sucht in den Trümmern seine Wohnung. Sein Sohn ist tot, seine Frau in eine andere Wohnung einquartiert worden. (0.59) (24.52 – 25.51)
9c RÜCKBLENDE Beckmann sucht seine Frau auf, die ihn für tot gehalten hat. Er geht wieder. (2.39) (25.51 – 28.30)
10 Anna erzählt von den Bombennächten und ihrer Flucht aus der Stadt. 1.38 28.30 – 30.08
10a Beckmann: „So schnell ist man vergessen.“ Anna erinnert an die einsamen, vergessenen Frauen und Kinder in den Bombennächten. (0.22) (28.30 – 28.52)
10b RÜCKBLENDE In einer Bombennacht hilft ein Fronturlauber Anna. Beim Entwarnungssignal küssen sie sich. (1.16) (28.52 – 30.08)
11 Annas Flucht und der Tod ihrer Tochter. 7.59 30.08 – 38.07
11a Anna beginnt die Erzählung von der Flucht vor den Russen. (0.28) (30.08 – 30.36)
11b RÜCKBLENDE Anna, ihre Tochter und eine Tante warten auf eine Gelegenheit zum Mitfahren. Ein PKW-Fahrer nimmt die drei auf sein Gut mit. (2.35) (30.36 – 33.11)
11c RÜCKBLENDE Abends unterhalten sich der Gutsbesitzer und Anna. Der Gutsherr kann Anna durch seine galante Art für sich einnehmen. (2.39) (33.11 – 35.50)
11d RÜCKBLENDE Am nächsten Tag bringt er sie nach Stolp, abends werden sie verladen, dabei kommt Monika zu Tode. (2.17) (35.50 – 38.07)
12 Anna erzählt von ihrer Einsamkeit. Beckmann spricht über die Schuld, die er im Krieg auf sich geladen hat. Sie erreichen die Wohnung. 2.00 38.07 – 40.07
13 Sie treten ein, Anna gibt ihm Kleidung, darunter die Trachtenjacke ihres Mannes. Anna sagt, sie fühle sich nutzlos und einsam – wie alle Frauen. 6.23 40.07 – 46.30
14 Anna berichtet von ihrer Wohnungssuche. 5.12 46.30 – 51.42
14a RÜCKBLENDE Wohnungsamt: Ein Beamter teilt ihr mit, sie könne nur drei Tage in der Stadt bleiben. Ein Vermittler besorgt ihr ein Zimmer. (1.56) (46.30 – 48.26)
14b Anna erzählt, Frau Puhlmann, die Wirtin, habe nur widerwillig vermietet. (0.13) (48.26 – 48.39)
14c RÜCKBLENDE Frau Puhlmann zeigt Anna missmutig ihr Zimmer. (0.41) (48.39 – 49.20)
14d RÜCKBLENDE Der Vermittler fordert Anna auf, ihre Reize nicht nur für ihn, sondern auch für seine Geschäfte einzusetzen. Sie wirft ihn hinaus. (2.22) (49.20 – 51.42)
15 Anna schildert menschliche Beziehungen als nur noch geschäftlicher Natur. 3.15 51.42 – 54.57
15a Anna erzählt über den ihrer Ansicht nach geschäftsmäßigen Charakter der zwischenmenschlichen Beziehungen. (0.38) (51.42 – 52.20)
15b RÜCKBLENDE Anna arbeitet in einer Fischfabrik; eine Kollegin will ihr einen Mann besorgen; Anna: „Die ganze sogenannte Liebe – ein Geschäft!“ (2.37) (52.20 – 54.57)
16 RÜCKBLENDE Anna erzählt vom harten Winter. 1.07 54.57 – 56.07
17 Anna erzählt über ihre Beziehung zu Alfred. 6.22 56.07 – 1.02.29
17a RÜCKBLENDE Anna lernt Alfred kennen und geht mit ihm. (1.58) (56.07 – 58.05)
17b Anna erzählt, dass ihr das Gefühl, versorgt zu werden, in der Beziehung zu Alfred am wichtigsten war. (0.24) (58.05 – 58.29)
17c RÜCKBLENDE Alfred hat zahlreiche Geschenke für Anna. (0.39) (58.29 – 59.08)
17d Anna berichtet, es habe kein gutes Ende genommen. (0.21) (59.08 – 59.29)
17e RÜCKBLENDE Zwei Polizisten treten ein, die sie offenkundig für eine Prostituierte halten. (3.00) (59.29 – 1.02.29)
18 Anna erzählt Beckmann, dass sie danach die Entscheidung getroffen habe, aus dem Leben zu scheiden. 2.10 1.02.29 – 1.04.39
18a Anna sagt, dass sie für morgen aufs Präsidium bestellt worden sei. (0.24) (1.02.29 – 1.02.53)
18b RÜCKBLENDE Der eine Beamte teilt Anna mit, dass Alfred sich getötet habe: „Schließlich müssen sie wissen, was sie angerichtet haben!“ (0.44) (1.02.53 – 1.03.37)
18c Anna sagt Beckmann, dass sie danach beschlossen habe, die Konsequenzen zu ziehen. Sie bedankt sich bei Beckmann fürs Zuhören und setzt sich. (1.02) (1.03.37 – 1.04.39)
19 Beckmann bedankt sich bei Anna. Er erzählt von seinen Schuldgefühlen, die von seiner Rolle als verantwortlicher Unteroffizier in Rußland herrührt. Er erzählt vom Besuch bei seinem ehemaligen Oberst. 2.19 1.04.39 – 1.06.58
20 Beckmann sucht den Oberst auf. 3.34 1.06.58 – 1.10.32
20a RÜCKBLENDE Beckmann geht zur Wohnung des Obersts. (0.21) (1.06.58 – 1.07.19)
20b RÜCKBLENDE Der Oberst sitzt mit seiner Familie beim Abendessen, als Beckmann sich vorstellt und einen Alptraum zu erzählen beginnt. (3.13) (1.07.19 – 1.10.32)
21 TRAUMBILD Knochenxylophon, Parade der Gefallenen. Beckmanns Befehl wird verweigert, die Toten rufen seinen Namen. Beckmann schreit. 2.55 1.10.32 – 1.13.27
22 Beckmann will dem Oberst die Verantwortung für die Toten zurückgeben. 6.01 1.13.27 – 1.19.28
22a Beckmann beginnt, einen Wachtraum zu erzählen. (1.56) (1.13.27 – 1.15.23)
22b TRAUMBILD Nachts treten Frauen und Kinder an Beckmanns Bett und fragen nach ihren Männern, Vätern, Söhnen, Brüdern, Verlobten. (0.50) (1.15.23 – 1.16.13)
22c Der Oberst verspottet Beckmanns Erzählung mit dem Hinweis, er solle damit auftreten, bevor er ihn zum Essen einlädt – und zur Körperpflege: „Werden sie erst mal wieder ein Mensch!“ Beckmann: „Was, seid ihr Menschen?“ (3.15) (1.16.13 – 1.19.28)
23 Beckmann entschließt sich, dem Rat des Obersts folgend, öffentlich aufzutreten. 2.14 1.19.28 – 1.21.42
23a Beckmann erzählt Anna, er sei nach dem Besuch durch die Straßen geirrt und an einer Kabarettbühne vorbeigekommen. (0.42) (1.19.28 – 1.20.10)
23b RÜCKBLENDE Beckmann betritt das Kabarett. (1.23) (1.20.10 – 1.21.33)
23c Beckmann erzählt, dass er beim Theaterdirektor vorgesprochen habe. (0.09) (1.21.33 – 1.21.42)
24 RÜCKBLENDE Der Direktor gibt ihm eine Chance. 2.46 1.21.42 – 1.24.28
25 RÜCKBLENDE Beckmanns Bühnenauftritt. 7.37 1.24.28 – 1.32.05
26 Beckmann erzählt von seiner Mutter und vom Tod der Eltern. 4.45 1.32.05 – 1.36.50
26a Er sagt, er sei am nächsten Tag zur Wohnung der Eltern gegangen. (0.48) (1.32.05 – 1.32.53)
26b RÜCKBLENDE Als junger Mann kommt Beckmann spätnachts nach Hause, wo seine Mutter ihn erwartet und das Essen für ihn aufwärmt. (1.12) (1.32.53 – 1.34.05)
26c Beckmann schildert diese Zeit als Paradies. (0.12) (1.34.05 – 1.34.17)
26d RÜCKBLENDE An der Wohnungstür erklärt ihm eine Fremde, dass seine Eltern Selbstmord begangen hätten. (2.33) (1.34.17 – 1.36.50)
27 Beckmann: „Ich habe Hunger. Mir ist kalt. Ich bin müde. Ich kann nicht mehr.“ Er fällt ins Sofa. Nun erinnert sie sich daran, dass sie ihm etwas kochen wollte. Er schläft ein, sie geht und schließt die Tür. 3.53 1.36.50 – 1.40.43
28 Die bis dahin unfreundliche Frau Puhlmann zeigt sich nach der Betrachtung des schlafenden Beckmann hilfsbereit. 3.13 1.40.43 – 1.43.56
29 Beckmann träumt. 15.00 1.43.56 – 1.58.56
29a Beckmann schläft, er beginnt zu träumen. TRAUMBILD Beckmann begegnet Anna und einem, für dessen Tod er sich verantwortlich fühlt. (4.57) (1.43.56 – 1.48.53)
29b TRAUMBILD Beckmann begegnet dem alten Mann (Gott). (2.49) (1.48.53 – 1.51.42)
29c TRAUMBILD Beckmann begegnet dem Tod in Gestalt eines Straßenfegers. Nach dessen Verschwinden kommt Anna zu ihm, auch sie verschwindet. (5.17) (1.51.42 – 1.56.59)
29d TRAUMBILD Beckmann erblickt erneut den Einbeinigen, läuft davon und springt in die Elbe, die ihn an Land zurückwirft. Beckmann steht alleine da und ruft: „Warum schweigt ihr denn alle? Warum? Gibt denn keiner Antwort? Gibt keiner Antwort? Gibt denn keiner, keiner Antwort?“ (1.57) (1.56.59 – 1.58.56)
30 Anna betritt das Zimmer, sie und Beckmann beschließen, füreinander die Verantwortung zu übernehmen. Einblendung „Ende“. 4.36 1.58.56 – 2.03.32

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Standbilder aus dem Film
Standbild aus Liebe 47
Liebe 47 (1949) · Filminstitut Hannover
Standbild aus Liebe 47
Liebe 47 (1949) · Filminstitut Hannover
Standbild aus Liebe 47
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Alle Fotos: Filminstitut Hannover

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Filmkontext und Dreharbeiten
Werkfoto von den Dreharbeiten zu Liebe 47
Dreharbeiten zum Film LIEBE 47 · © Filminstitut Hannover
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Liebe 47, zwei Monate vor Gründung der Bundesrepublik uraufgeführt, ist einer der letzten „Trümmerfilme“. Drehort waren die Filmateliers auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens von Göttingen, Produzent die Göttinger Filmaufbau GmbH, die mit britischer Lizenz arbeitete. Die Produktionsfirma war bereits 1946 von Hans Abich und Rolf Thiele gegründet worden mit dem Ziel, zum Neubeginn des deutschen Films beizutragen.

Die Firmengründer waren nicht in erster Linie kommerziell orientiert, sondern versuchten anspruchsvolle, problemorientierte Unterhaltung zu produzieren. Liebe 47, die erste nach langen Anlaufschwierigkeiten fertiggestellte Produktion, führte zum Konkurs der Firma, die anschließend ohne eigene Atelierbetriebe neu gegründet wurde. Die folgenden Filme wie Nachtwache, Es kommt ein Tag sowie verschiedene Thomas-Mann-Verfilmungen waren erfolgreicher.

Auch wenn sich finanzielle Verluste einstellten, blieb man bei dem Konzept, Filme mit „Anspruch“ zu produzieren.

Die Erstellung des Spielfilmes erwies sich als schwieriger als vermutet. Zum einen wollten die Gründer der Filmaufbau GmbH, Hans Abich und Rolf Thiele, gerne mit Wolfgang Liebeneiner zusammenarbeiten, der jedoch als ehemaliger Leiter der Reichsfilmakademie zunächst nicht arbeiten durfte. Zum anderen musste ein Stoff für den Film gefunden werden, dessen Drehbuch die Vorzensur der britischen Film Section passieren würde.

Was das Problem mit Liebeneiner betraf, so fanden sich einflussreiche Fürsprecher, u. a. die jüdische Theaterintendantin Ida Ehre, die für seine „Entnazifizierung“ sorgen konnten. Die Suche nach einem Stoff kostete indes mehr Zeit. Erst das dritte eingereichte Drehbuch wurde von der Film Section zugelassen.

Für das Verständnis des Films ist es bedeutsam, dass Liebe 47 als Literaturverfilmung nach Wolfgang Borcherts Bühnenstück Draußen vor der Tür entstanden ist. Wolfgang Borchert (20.05.1921 – 20.11.1947) war ein unbequemer Soldat gewesen. 1943 wurde er wegen politischer Witze zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, dann aber „zwecks Bewährung“ an die „Ostfront“ geschickt. Der Entlassung wegen Untauglichkeit folgte wieder der Kerker, dann Nachkriegshunger, Krankheit und Tod.

Zwei knappe Jahre blieben Borchert zum Schreiben. Dieses „Dichten wie im Wettlauf mit dem Tod“ ist in Draußen vor der Tür in jeder Zeile zu spüren. Das Stück gilt als das bedeutendste jener Kahlschlag- und Trümmerliteratur nach 1945. „Im Mittelpunkt des gespenstischen Reigens aus physischem und moralischem Elend steht ein Kriegsheimkehrer, die Symbolfigur eines Menschen, den die Sinnlosigkeit eines Krieges und die moralische Stumpfheit des Milieus zerbrochen haben.“

Von Borchert im Spätherbst 1946 in wenigen Tagen geschrieben, wurde Draußen vor der Tür am 13.2.1947 zum ersten Mal als Hörspiel vom NWDR gesendet, als Bühnenstück erlebte es seine Uraufführung in der Inszenierung von Wolfgang Liebeneiner am 21.11.1947, einen Tag nach dem frühen Tod Borcherts, in den Hamburger Kammerspielen. Der Stoff wurde schließlich 1948 wiederum unter der Regie von Liebeneiner verfilmt.

Die Dreharbeiten zu Liebe 47 begannen im August 1948. Technische, personelle und organisatorische Probleme verzögerten die Dreharbeiten beträchtlich. So mussten durch den Ausfall wichtiger Geräte aufwendige Einzelbearbeitungen im Schneideraum durchgeführt werden, um beispielsweise Probleme beim Gleichlauf von Film und Ton im Nachhinein zu beheben.

Auch der Mangel an Fachpersonal zu jener Zeit trug dazu bei, dass der Produktionsetat um 10 % und die geplante Drehzeit um vier Wochen überschritten wurden. Daher musste der Termin für die Uraufführung vom 31.12.1948 letztendlich auf den 07.03.1949 verlegt werden.

Die Uraufführung fand im Göttinger Capitol statt. Das Premierenpublikum verharrte, so die zeitgenössische Presse, in seltener Anteilnahme und spendete anhaltenden Beifall, was, so ein Rezensent, angesichts dieses „anspruchsvollen, aber unerhört wertvollen Films“ nur angemessen gewesen sei.

Auch anderswo sprach die Kritik von einem „über die Zeitfilmproduktion hinausgehenden Meisterwerk“, das die im Nachhinein nicht so glanzvolle Rolle Liebeneiners während der Naziherrschaft (u. a. Regie in den Filmen Bismarck, Die Entlassung und Ich klage an, von 1942–1945 Produktionschef der Ufa) wettmache – es sei naheliegend, „ihm vor der einzigartigen künstlerischen Tat des Heute das Gestern zu vergeben.“

Wenngleich die Kritik den Film überwiegend lobte, blieben die deutschen Kinos, in denen Liebe 47 lief, relativ leer. Die Bilder einer Trümmerlandschaft, gleich mit welcher Moral verbunden, wollte das Publikum im Jahre 1949 nicht mehr sehen.

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Film und literarische Vorlage
Von „Draußen vor der Tür“ zu „Liebe 47“: Erweiterung und Bedeutungsverschiebung

Von „Draußen vor der Tür“ zu „Liebe 47“: Erweiterung und Bedeutungsverschiebung

Redaktion Lernwerkstatt (2026)

Die Gegenüberstellung von Sequenzprotokoll und literarischer Vorlage zeigt, dass Liebe 47 keine bloße Verfilmung von Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür ist. Der Film übernimmt die zentralen Stationen der Beckmann-Handlung, erweitert sie jedoch um eine zweite, umfangreiche Geschichte und verändert damit die Struktur und schließlich auch die Aussage der Vorlage.

Zwei Nachkriegsgeschichten

Die wesentliche Erweiterung ist die Figur Anna. Während Borcherts Drama auf den heimkehrenden Soldaten Beckmann konzentriert ist, entwickelt der Film neben ihm eine zweite Hauptfigur mit eigener Vorgeschichte.

Die Sequenzen 2–6 erzählen auf 11.36 Minuten von Annas Ehe, Hochzeit, Hochzeitsreise und der Einberufung ihres Mannes.

Die Sequenzen 10–12 umfassen weitere 11.37 Minuten und führen über Bombenkrieg und Flucht bis zum Tod ihrer Tochter.

Noch einmal 18.06 Minuten nehmen die Sequenzen 14–18 ein: Wohnungssuche, materielle Not, Arbeit, Beziehungen und die Erfahrung, dass auch Liebe zum „Geschäft“ geworden ist. Dieser gesamte Komplex besitzt keine unmittelbare Entsprechung bei Borchert.

Damit stellt der Film zwei unterschiedliche Erfahrungen von Krieg und Nachkrieg nebeneinander: Beckmanns Geschichte ist die des Soldaten und Heimkehrers, Annas Geschichte die einer Frau, die Krieg und Nachkrieg über Ehe, Familie, Bombenkrieg, Flucht, Verlust, Versorgung und Abhängigkeit erfährt. Die Erweiterung macht aus dem Heimkehrerdrama eine Doppelgeschichte.

Borcherts Verantwortungsfrage bleibt erhalten

Die zentralen Konflikte der Vorlage werden dabei keineswegs aufgegeben. Dies zeigen besonders die Sequenzen 20b–22 und 24–25 . Beckmann sucht den ehemaligen Oberst auf und versucht, ihm die Verantwortung für die Toten zurückzugeben. Anschließend versucht er, seine Erfahrungen öffentlich auf einer Bühne auszusprechen. Beide Komplexe folgen unmittelbar entsprechenden Szenen bei Borchert.

Auch die Begegnungen mit dem Einbeinigen, Gott und dem Tod werden übernommen. Der Film führt Beckmann schließlich bis zur Schlussfrage des Dramas:

„Warum schweigt ihr denn alle? […] Gibt denn keiner Antwort?“

Die gesellschaftliche Frage nach Schuld und Verantwortung bildet damit weiterhin das Zentrum der Beckmann-Handlung.

Der entscheidende Eingriff: eine Antwort nach Borcherts Ende

Die stärkste Veränderung erfolgt erst danach. Wo Draußen vor der Tür mit Beckmanns unbeantworteter Frage endet, fügt Liebe 47 eine weitere, 4.36 Minuten lange Sequenz 30 hinzu. Anna kehrt zurück; beide entscheiden sich gegen den Tod und dafür, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Für diese Schlusssequenz gibt es keine Entsprechung bei Borchert.

Damit verändert sich die Richtung der Verantwortungsfrage. Borcherts Frage „Wer trägt Verantwortung?“ erhält keine gesellschaftliche Antwort. Der Film setzt ihr die Möglichkeit persönlicher Verantwortung entgegen: Beckmann und Anna übernehmen Verantwortung füreinander.

Darin liegt die entscheidende Bedeutungsverschiebung der Bearbeitung. Annas neu geschaffene Geschichte erweitert zunächst den gesellschaftlichen Erfahrungsraum erheblich: Bombenkrieg, Flucht, Wohnungsnot, materielle Abhängigkeit und veränderte Geschlechterbeziehungen treten neben Beckmanns Erfahrungen von Krieg, Heimkehr und Schuld. Am Ende werden diese gesellschaftlichen Erfahrungen jedoch in eine private Perspektive zurückgeführt.

Der Film erweitert damit Borcherts Gesellschaftsbild, entschärft aber dessen offenen Schluss. Aus der unbeantworteten gesellschaftlichen Verantwortungsfrage wird die Hoffnung auf individuelle und zwischenmenschliche Verantwortung.

„Liebe 47“ – Filmsequenzen und „Draußen vor der Tür“

„Liebe 47“ – Filmsequenzen und „Draußen vor der Tür“

Die Sequenzangaben sind direkt mit dem Sequenzprotokoll verknüpft. Ein Klick auf die Sequenzangabe öffnet den entsprechenden Bereich des Sequenzprotokolls.

Filmsequenz Länge Kurzskizzierung der Filmhandlung Entsprechung in „Draußen vor der Tür“
1 6.54 Am Hamburger Hafen begegnen sich Beckmann und Anna. Tod und Gott treten auf. Gespräch über Tod und Freitod. Vorspiel (S. 103–105); Teilentsprechung
2–6 11.36 Anna erzählt von ihrer Ehe mit Jürgen: Hochzeit, Erwartungen, Hochzeitsreise und Kriegsbeginn. Jürgen wird 1940 eingezogen. Keine Entsprechung
7 1.57 Anna bietet Beckmann Unterkunft und Essen an. Beide gehen zu ihrer Wohnung. 1. Szene: Beckmann, Mädchen (S. 111–112)
8–9a 2.05 Beckmann erzählt von seiner Hochzeit und seinem Sohn; Anna von ihrer Tochter. Anna erhält die Nachricht vom Tod ihres Mannes. Keine Entsprechung
9b–c 3.38 Beckmann kehrt aus der Gefangenschaft zurück, sucht seine zerstörte Wohnung und seine Frau. Sein Sohn ist tot; seine Frau hat einen anderen Mann. 1. Szene: Beckmann, der Andere (S. 109–110)
10–12 11.37 Anna erzählt von Bombennächten, Flucht und dem Tod ihrer Tochter. Beckmann spricht über seine Kriegsschuld. Keine Entsprechung
13 6.23 In Annas Wohnung erhält Beckmann Kleidung ihres Mannes. Anna spricht über Einsamkeit und Nutzlosigkeit. 2. Szene: Beckmann, Mädchen (S. 112–114); Teilentsprechung
14–18 18.06 Anna erzählt vom Nachkriegsalltag: Wohnungssuche, materielle Not, Arbeit, Beziehungen als „Geschäft“, ihre Beziehung zu Alfred und dessen Selbsttötung. Sie beschließt daraufhin, selbst zu sterben. Keine Entsprechung
19 2.19 Beckmann erzählt Anna von seiner Schuld als Unteroffizier und von seinem Besuch beim ehemaligen Oberst. 2. Szene: Beckmann, der Andere (S. 117–118); Teilentsprechung
20a 0.21 Beckmann geht zur Wohnung seines ehemaligen Obersts. Keine Entsprechung
20b–22 12.09 Beckmann konfrontiert den Oberst mit den Toten, für die er sich verantwortlich fühlt, und will ihm die Verantwortung zurückgeben. Der Oberst weist ihn zurück. 3. Szene: Beckmann, Oberst, Schwiegersohn, Mutter, Tochter (S. 119–128)
23 2.14 Beckmann folgt dem spöttischen Rat des Obersts und versucht, seine Erfahrungen öffentlich auf einer Bühne vorzutragen. Keine Entsprechung
24–25 10.23 Beckmann spricht beim Theaterdirektor vor und erhält die Möglichkeit zu einem Bühnenauftritt. 4. Szene: Beckmann, Direktor (S. 130–136)
26a 0.48 Beckmann erzählt von seinem Weg zur Wohnung seiner Eltern. 4. Szene: Beckmann, der Andere (S. 138)
26b–c 1.24 Erinnerung an Beckmanns Mutter und an die frühere häusliche Geborgenheit. Erzählung „Die Küchenuhr“ (S. 201–204)
26d–29c 22.39 Beckmann erfährt vom Tod seiner Eltern. In Traum- und Erinnerungsbildern begegnet er dem Einbeinigen, Gott, dem Tod und weiteren Figuren. 5. Szene: Beckmann, Frau Kramer, der Andere, Mädchen, der Einbeinige, Gott, Straßenfeger (S. 138–161)
29d 1.57 Beckmann begegnet erneut dem Einbeinigen, springt in die Elbe und wird zurückgeworfen. Schließlich bleibt er mit seiner unbeantworteten Frage allein. 5. Szene: Beckmann, der Einbeinige (S. 162–163); „Der Traum“ (S. 106–107); 5. Szene: Beckmann (S. 165)
30 4.36 Anna kehrt zurück. Anna und Beckmann entscheiden sich gegen den Tod und dafür, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Keine Entsprechung

* Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf: Wolfgang Borchert, Das Gesamtwerk, Hamburg 1996.

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Zeitgenössische Werbung für den Film
Ein Film über Anna Gehrke?

Drei verschiedene Ebenen der zeitgenössischen Werbung

  • Filmplakate: Hier wird Hilde Krahl/Anna bildlich besonders hervorgehoben; beim Eberts-Plakat dominiert ihr Gesicht das gesamte Motiv.
  • Werbeprospekt für die Kinobetreiber: Hilde Krahl groß auf dem Titel; „Ein Film der Frauen unserer Zeit“; „Filmballade der Frau aus unseren Tagen“; „Die Frau allein – Filmthema unserer Zeit“.
  • Zeitgenössische Filmvorschau: Die ausgewählten Ausschnitte konzentrieren sich weit überwiegend auf Anna/Hilde Krahl.

Filmwerbung: „Liebe 47“ – ein Film über Anna Gehrke?

Werbeprospekt, Filmvorschau und Filmplakate vermitteln übereinstimmend ein Bild des Films, das sich deutlich von einer bloßen Bewerbung als Verfilmung von Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür unterscheidet.

Im Zentrum der Werbung steht Hilde Krahl als Anna Gehrke. Der Werbeprospekt bezeichnet Liebe 47 als „Film der Frauen unserer Zeit“ und als „Filmballade der Frau aus unseren Tagen“. Die zeitgenössische Filmvorschau besteht weit überwiegend aus Ausschnitten mit Anna.

Auch die Plakatwerbung stellt Hilde Krahl heraus: Auf dem von Ulrich Eberts entworfenen Plakat beherrscht ihr Gesicht nahezu die gesamte Bildfläche, während Beckmann nur als kleine männliche Gestalt am Wasser erscheint.

Das ist mehr als ein einzelnes Werbemotiv. Prospekt, Kinovorschau und Plakatwerbung folgen derselben Strategie. Für das zeitgenössische Publikum wurde Liebe 47 offenbar wesentlich als Geschichte Anna Gehrkes angeboten. Borcherts Heimkehrer Beckmann blieb eine zentrale Figur des Films, bestimmte aber die Werbung weit weniger, als es die spätere Einordnung von Liebe 47 als Verfilmung von Draußen vor der Tür erwarten ließe.

Filmplakate zu LIEBE 47
Filmplakat zu Liebe 47 mit Hilde Krahl
Das rote Porträt-Motiv. Plakatgestaltung: Ulrich Eberts.
Filmplakat zu Liebe 47 mit Anna Gehrke und Beckmann
Dunkles Charakter-Motiv mit Anna Gehrke und Beckmann.
Das rote Porträt-Motiv

Das Plakat wurde vom Grafiker Ulrich Eberts gestaltet. Es hebt im unverkennbaren Stil der späten 1940er-Jahre das Gesicht der Hauptdarstellerin Hilde Krahl farbintensiv hervor, während im Untergrund beziehungsweise Hintergrund die Silhouette des Heimkehrers Beckmann an der Elbe zu sehen ist.

Das dunkle Charakter-Motiv

Ein weiteres dramatisches Motiv rückt die Gesichter von Karl John und Hilde Krahl eng zusammen, wobei das Gesicht Anna Gehrkes hell über dem Porträt Beckmanns hervorgehoben ist. Das Motiv visualisiert die emotionale Schwere und die gegenseitige Hoffnung der beiden Figuren.

Prospekt für Kinobetreiber

Der Werbeprospekt für Kinobetreiber rückt Hilde Krahl und damit Anna Gehrke besonders deutlich ins Zentrum der Vermarktung. Bereits auf dem Titel wird sie groß herausgestellt.

Kennzeichnend sind insbesondere die Werbeformulierungen:

„Ein Film der Frauen unserer Zeit“
„Filmballade der Frau aus unseren Tagen“
„Die Frau allein – Filmthema unserer Zeit“
Bildmaterial: Die Abbildungen des Werbeprospekts können hier nachträglich eingefügt werden, sobald die entsprechenden Bildadressen aus der WordPress-Mediathek vorliegen.
Zeitgenössische Kinovorschau

Die auf der Filmseite dokumentierte zeitgenössische Kinovorschau setzt sich aus einer Folge ausgewählter Einstellungen zusammen. Auffällig ist die starke Präsenz Anna Gehrkes beziehungsweise Hilde Krahls.

Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Zeitgenössische Kinovorschau zu Liebe 47
Kinovorschau LIEBE 47
Beobachtung: Die Bilderfolge der Kinovorschau kann selbst als historische Quelle gelesen werden: Welche Figuren, Situationen und Konflikte wurden ausgewählt, um den Film vor seinem Kinostart für ein Publikum attraktiv zu machen?

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Wolfgang Liebeneiner 1949 zu Kontinuität und Neuanfang

Der folgende Text gibt in Auszügen einen Leserbrief des Regisseurs Wolfgang Liebeneiner an das Elite-Film-Magazin, Zürich, vom Oktober 1949 wieder. Liebeneiner äußert sich darin zu den eigenen Erfahrungen mit der Filmzensur unter dem Nationalsozialismus und gibt Anekdoten aus seinen diesbezüglichen Gesprächen mit Propagandaminister Joseph Goebbels. Liebeneiner gibt an, Goebbels hätte seinen Filmen die gleichen geschmacklichen Einsprüche entgegengebracht, wie sie der Kritiker des Elite-Film-Magazins gegen Liebeneiners ersten Nachkriegsfilm „Liebe 47″ geäußert habe.


„…daß wir nun dort wieder anknüpfen konnten, wo die tiefsten Wurzeln unserer Kunst liegen“

“ (…) Dann jedoch entdeckte er (Josef Goebbels, d.V.), daß die deutschen Künstler genau wie in den Tagen von ‚Dr. Caligari‘, dem ‚Müden Tod‘ und ‚Faust‘ einen Hang zum Transzendentalen und Irrealen besaßen, der sich im direkten Gegensatz zu jenen volkserzieherischen Maßnahmen befand, die ein Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda den Deutschen angedeihen lassen wollte, denn die Deutschen sollten ja eine nüchtern und harte, der realen Welt zugewandte Nation werden. Der Expressionismus, jene urdeutsche Dichtung, die schon bei Matthias Grünewald ihre frühesten Blüten getrieben hatte, wurde als ‚entartete Kunst‘ bezeichnet und verfemt.(…)“.

Liebeneiner schildert anschließend die Zensurprobleme seiner beiden Filme „Yvette“ (1937/38) und „Du und ich“ (1938).

„Dann erklärte er (Josef Goebbels, d.V.) mir, daß die Kamera ja nur das aufnehmen könne, was es in der Wirklichkeit zu sehen gäbe, daß der Film der Technik verhaftet sei, und darum müsse der Film auch realistisch bleiben, und je realistischer er sei, desto näher käme er der wahren Filmkunst.

Das war das genaue Gegenteil dessen, was sich die deutschen Künstler von jeher unter Film vorgestellt hatten, und was die besten deutschen Filme wie überhaupt die beste deutsche Kunst von jeher ausgezeichnet hatte. Ich war tief betroffen, und als Goebbels dann in einer öffentlichen Rede meinen Film (‚Du und Ich‘, d.V.) zitierte, um daran nachzuweisen, was entartete und was echte Kunst sei, merkte ich, daß die politische Fuchtel, die wir im Film gar nicht so sehr zu spüren bekamen, halb so schlimm wie die weltanschauliche war, die sich in drakonischen Kunstgesetzen auswirkte.“

Die von ihm realisierten Filme „Bismarck“ (1940), „Ich klage an“ (1941) und „Die Entlassung“ (1942), die allesamt stark propagandistische Züge tragen, werden von Liebeneiner nicht erwähnt.

„(…) Als ich nun nach dem Kriege meinen ersten Film drehte, ‚Liebe 47‘, nach jenem Stück des jung verstorbenen Wolfgang Borchert, das als echtes deutsches Theaterspiel im Reich des Transzendentalen und des Jenseitigen spielt, da war ich froh, daß diese Fesseln abgeschüttelt waren, und daß wir nun dort wieder anknüpfen konnten, wo die tiefsten Wurzeln unserer Kunst liegen. Anna, die Frauengestalt, die ich zu dem Stück meines Freundes Borchert nach seinem Tode hinzuerfunden habe, wenn auch auf Grund unserer Gespräche über eine Verfilmung, ist als Frau ganz dem Diesseits und der Realität verhaftet. Beckmann jedoch, der heimkehrende, junge Soldat, an den Rand seiner Existenz geschleudert, ringt nicht nur mit dieser Welt, sondern auch mit jener, in der seine Seele zuhause ist und in der ihm Gott und Tod im Traum begegnen, denn ein richtiger Deutscher lebt eben nur zum Teil in der Klarheit und in dem Bewußtsein, zum Teil lebt er im Unterbewußtsein, in der Sehnsucht und in seiner Phantasie. Das ist seine besondere Kraft im Guten und seine besondere Kraft im Bösen. Aber wenn ich einen echten Deutschen zeigen will, so darf ich das nicht vergessen. (…)

Darum war ich aufs höchste erstaunt, als mir der Schweizer Kritiker Rothenhäusler, der den Film scharf ablehnte, als Begründung für diese Ablehnung fast wörtlich die gleichen Argumente vorbrachte, mit denen Dr. Goebbels meinen Film ‚Du und ich‘ abgelehnt hatte. (…)“


Quelle:
Wolfgang Liebeneiner, Leserbrief an das Elite-Film-Magazin, Zürich, Oktober 1949.

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Rückblick des Produzenten Hans Abich auf „Liebe 47“
„Denn hätten wir aufgehört mit ‚Gibt denn keiner Antwort‘, hätte uns diesen Film kein Verleiher abgenommen“

(…)

FRAGE: Ihr erster Film war also LIEBE 47. Der Film weicht ja deutlich ab von der literarischen Vorlage – und zwar in einer sehr charakteristischen Weise: es gibt eine zweite Hauptrolle, Anna, gespielt von Hilde Krahl. Eine solche Frauengestalt, mit diesem Gewicht, ist in Borcherts Stück nicht enthalten. Wurde über diese Veränderung gegenüber dem Stück diskutiert? Was hat man sich davon versprochen? Welche Rolle hat der Regisseur Wolfgang Liebeneiner dabei gespielt?

ABICH: Wir wollten nicht die ganze „Realisierung“ von Literatur, sondern waren der Meinung, daß Film immer eine Art „Umsetzung“ ist, und damit auch Veränderung. Die Änderungen gingen zurück auf Liebeneiner, der das Stück ja bereits in Hamburg inszeniert hatte, und auf einen zweiten Drehbuchautor (Kurt Joachim Fischer), der die Figur der Anna „zum Blühen“ brachte. Wir haben uns dieser Veränderungen nicht geschämt, denn wir wußten: das waren zwei Dinge, Film und Theaterstück.

Außerdem hätten wir den „reinen“ Borchert bei keinem Verleiher unterbekommen. Nur die Figur der Anna hat den Film beim Verleih möglich gemacht.

Allerdings: Trotz dieser Figur ist der Film zwar viel besprochen, aber wenig besucht worden. Das hing wohl auch damit zusammen, daß das Publikum diese Trümmer und auch die Schuldabtragungsfrage zu dieser Zeit nicht mehr wollte.

Borchert war für unsere Generation fast etwas zwischen Pflicht und Begeisterung. Wir mußten doch etwas abarbeiten an Thematik. Für Liebeneiner war es ein Stoff, mit dem er sozusagen eine neue „Liebeneiner-Zeit“ eröffnen wollte, denn er war ja Produktionschef der Ufa gewesen.

FRAGE: Kann man Liebeneiner als Regisseur paradigmatisch sehen für ihre Situation damals: neue Themen mit alten Leuten?

ABICH: Ja.

FRAGE: Sie hatten auch keine Schwierigkeiten, ihn zu engagieren?

ABICH: Nun, gleichzeitig lief ein Entnazifizierungsverfahren gegen ihn. Davon waren wir abhängig. Es lief sonderbar gut, denn er wurde von der zuständigen Spruchkammer freigegeben. Das imponierte uns. Im übrigen: Schon als Studenten in Berlin erschien uns Liebeneiner, den wir ja nicht persönlich kannten, von seiner Arbeit her als „Individualist“.

FRAGE: Liebeneiners Film LIEBE 47 spendet – im Gegensatz zu Borcherts Stück, das den Leser mit vielen offenen Fragen allein läßt – Trost, gibt Antworten und endet schließlich in einer Art „kleinbürgerlicher Harmonie“. Die Verantwortung, die vorher gesellschaftlich war, wird übernommen in eine private Verantwortung der Zweisamkeit. Hatte diese Funktion des Trostspendens etwas zu tun mit ihren Erziehungszielen?

ABICH: Ja, genau dies muß uns wohl damals „bestochen“ haben. Denn hätten wir aufgehört mit „Gibt denn keiner Antwort“, hätte uns diesen Film kein Verleiher abgenommen. Aber wir standen auch selbst zu diesem Schluß, denn wir dachten, wir könnten ein Publikum nicht dahin führen, wo es noch gar nicht ist. Wir hatten auch Angst vor jedem „Heroismus“, auch vor dem warnenden. Wir fanden diese Schlußszene seltsam klein, aber gut gelungen (…)“


Quelle:
Zitiert nach: Lichtspielträume. Kino in Hannover 1896–1991, hrsg. von der Gesellschaft für Filmstudien e.V., Hannover 1991. Darin: Zeigen, wie es sein soll. Ein Gespräch mit Hans Abich, S. 57–68. (Auszug)

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Filmanalyse – Autorengruppe Nachkriegsspielfilme (1993)

„Was brauchen wir die Welt zu verbessern, fangen wir jetzt lieber bei uns an.“

Autorengruppe Nachkriegsspielfilme (1993)

Borchert hatte seinem Stück einige Sätze einleitend vorangestellt. Darin heißt es: „Ein Mann kommt nach Deutschland. Und da erlebt er einen ganz tollen Film. Er muß sich während der Vorstellung mehrmals in den Arm kneifen, denn er weiß nicht, ob er wacht oder träumt.“ Wer Liebeneiners Verfilmung in Kenntnis der Literaturvorlage aufmerksam verfolgt, dem geht es wie diesem Mann. Denn „Liebe 47“ erzählt eine andere Geschichte als „Draußen vor der Tür“. Die Veränderungen, die Liebeneiner vornimmt, ergänzen bzw. verkürzen nicht etwa nur, sondern verkehren die Gesamtaussage der Literaturvorlage letztlich ins Gegenteil (vgl. Film und literarische Vorlage ).

Szenenfoto aus Liebe 47
Szenenfoto aus LIEBE 47 (Filminstitut Hannover)

Der Film will gleich zu Beginn Mitgefühl und Anteilnahme erheischen: zwei Menschen (Mann und Frau) wissen im Nachkriegsdeutschland nicht mehr ein noch aus und wollen Selbstmord begehen: schwere, melancholische Musik mit kleinen Dissonanzen, erst Mann und Frau in Totalen aus der Obersicht (klein und verloren wirken sie), dann Großaufnahmen ihrer Gesichter, die Leid, Hoffnungslosigkeit und Trauer nun ganz „nahe“ bringen; Zwischenschnitte von schmutzigem, schwarzem, glucksendem Wasser; zerstörte Schiffsrümpfe als bedrohliche Symbole des gesellschaftlichen Zusammenbruchs. Während in „Draußen vor der Tür“ der Kriegsheimkehrer Beckmann der Protagonist ist, der verzweifelt Antwort und Halt sucht und nicht findet, wird der Heimkehrerfigur in „Liebe 47“ eine Frau an die Seite gestellt: Anna Gehrke, gespielt von Liebeneiners Ehefrau Hilde Krahl, begegnet am Elbufer dem Kriegsheimkehrer Beckmann, dargestellt von Karl John. Dadurch gelingt es Liebeneiner, für ein ursprünglich höchst unversöhnliches Stück eine dramaturgische Ausgangsposition zu schaffen, die ein Happy End verspricht. Diese Grundtendenz des Films wird auch bereits in der ersten Sequenz ausgesprochen: „Das wäre doch ein schönes Liebespaar … Sie haben sich gefunden und noch in diesem Leben“, kommentiert die Figur des „Todes“. Auf diese Weise beruhigt, kann man den erschütternden Schicksalen, die die beiden sich im Folgenden von der Seele reden, schon gelassener zuhören. (Vgl. Sequenz 1 )

Die äußere Handlung von „Liebe 47“ ist einfach: Beckmann und Anna treffen sich am Elbufer, gehen in Annas Wohnung und finden dort schließlich zueinander. Währenddessen, und hier liegt der wichtigere Teil, erzählen sie sich und uns Stationen ihrer Vergangenheit, in Form von Rückblenden transportiert, die den größten Teil des Films ausmachen. Es sind konventionelle Rückblenden, eingeleitet durch Unschärfen und/oder gesprochene Hinweise; die Chronologie der Zeit wird eingehalten (Faschismus – Krieg – Nachkriegszeit). Die Rückblenden werden immer explizit ausgewiesen; dadurch besteht schon in der formalen Realisierung eine klare Trennung von „damals“ und „jetzt“ – es war furchtbar, aber es ist vorbei. Zudem wohnt Rückblenden generell ein „objektiver“ Charakter inne – der Zuschauer zweifelt nicht an der „allgemeinen Richtigkeit“ der Rückblende, auch wenn sie aus der subjektiven Perspektive einer Filmperson erzählt wird. Hier ist es die Opfer-Perspektive: So wa(hr) (ist) es. Zunächst, und zwar über die Hälfte des Films hinaus, wird Annas Geschichte in Rückblenden erzählt, bevor Beckmanns Erinnerungen und traumatische Erlebnisse thematisiert werden. Dies hat zur Folge, dass der Zuschauer die Zeitproblematik, insbesondere den Nationalsozialismus, vor allem aus der Sicht der Frau erfährt.

Dabei fallen zwei Eigenschaften Annas besonders auf: Zum einen zerfließt sie geradezu vor Selbstmitleid. Dieses verbindet sich mit pauschalen und abstrakten Schuldzuweisungen, vor allem die Männer sind es, denen sie Vorwürfe macht: „Ihr Männer habt uns alleingelassen“ (Sequenz 1), „Wir Frauen haben vielleicht den Führer angebetet, aber den Krieg haben die Männer gemacht.“ (Sequenz 7) Krieg erscheint hier als eine typische und normale Männertätigkeit, ganz im Sinne von Annas gefallenem, in einer Rückblende durchaus sympathisch gezeichnetem Mann, der kurz vor seiner Einberufung erklärt: „Krieg gehört zum Leben wie Essen und Trinken.“ (Sequenz 6b) Diese eingeschränkte Betrachtungsweise wird auch im Weiteren weder von ihr noch von anderen korrigiert. Die Vergangenheit und der Krieg bleiben somit unverstanden, aufs Naturhafte reduziert und damit letztlich akzeptiert. Zum anderen erfährt Annas Verhalten gegenüber Beckmann im Verlauf des Films eine äußerliche Wandlung. Die Pauschalanklage gegen die Männer, die sie ihm gegenüber vorträgt, tritt allmählich in den Hintergrund, bis Anna sich zum Schluss als allein um „ihren“ Mann sorgende Frau darstellt. Dabei ist sie letztlich immer schon in einem weiblichen Rollenklischee verhaftet gewesen. In allen Schlüsselszenen ihrer Vergangenheit befindet sie sich, an der Seite wechselnder Männer, stets in der passiven Rolle. Männliche Dominanz und Beschützerfunktion werden von ihr keineswegs in Frage gestellt, sondern gesucht. Nicht Unterordnung und Abhängigkeit machen sie hier offensichtlich würdelos, sondern vielmehr, wie sie selbst sagt, die Erniedrigung zum Arbeitseinsatz bzw. unmoralische Ansinnen ihrer Beschützer. Ein Mann indes, so Anna zu Beckmann, habe immer eine Aufgabe, nämlich die Welt zu verändern. Einen bemerkenswerten Beitrag steuert in diesem Zusammenhang noch ein ostelbischer Adliger („letzter Kavalier“) bei, der Anna auf der Flucht Unterschlupf gewährt und der in ihrer Erinnerung an die Notzeit die positivste männliche Figur ist: „Sie sind das Leben“, sagt er zu Anna, „die Fruchtbarkeit, die Zukunft, die Frau, die heilige Natur, immer dem Wege des Herzens nah.“ (Sequenz 11c) Dieser Idealisierung, die Züge eines faschistischen Frauenbildes trägt, wird im Film nirgends widersprochen. Und nicht zuletzt: Der Filmstil in den Rückblenden erinnert an die Zeit vor 1945 – der glatte, „perfekte“ UFA-Stil zur Zeit des Nationalsozialismus erlebt seine Fortführung.

Thematisiert „Liebe 47“ anhand der „Neuschöpfung“ der Anna Gehrke Verhaltensweisen, die als typisch für das Schicksal einer Frau jener Zeit gelten sollen, so ist der heimkehrende Frontsoldat Beckmann das Pendant – beide zusammen sollen stellvertretend für ihre Generation stehen. Bei der Zeichnung des Beckmann hat Liebeneiner aus dem Fundus des Borchertschen Stückes geschöpft, wobei er einiges veränderte. Dazu gehört sowohl die Reihenfolge der Ereignisse als auch das Verhältnis von Realität und Traum. (Vgl. Film und literarische Vorlage ) Die Rückkehr jenes Obergefreiten Bauer, dessen Verstümmelung Beckmann zu verantworten hat und der ihm seine Frau Anna wieder nehmen möchte, wird in „Liebe 47“ lediglich geträumt. (Vgl. Sequenz 29a ) In „Draußen vor der Tür“ vertreibt der Einbeinige Beckmann von „einem“ Mädchen. „Der Andere“, eine Figur in Borcherts Schauspiel, die gewissermaßen das lebensbejahende Alter Ego Beckmanns darstellt und der gegenüber Beckmann seine existentialistische Verzweiflung äußert, fehlt in „Liebe 47“. Den Part des „Anderen“ übernimmt in gewisser Weise Anna, zumindest im letzten Teil des Films.

Was bei Liebeneiner in der Charakterisierung des Beckmann bleibt, ist, wenn auch nicht in der Schärfe der Vorlage, das den Kriegsheimkehrer plagende Gewissen, insbesondere die Frage der Verantwortlichkeit gegenüber Befehlen, die den Tod bzw. die Verstümmelung der eigenen Soldaten zur Folge hatten. In diesem Zusammenhang übernimmt Liebeneiner die bekannte Szene bei dem Oberst, dem Beckmann die Verantwortung für die Toten zurückgeben möchte. Für einen Einsatz mit zwanzig Soldaten hatte der Unteroffizier Beckmann die Verantwortung übertragen bekommen. Elf Soldaten kehrten von dem Einsatz nicht zurück. Die Sequenz im Haus des Oberst gehört ohne Zweifel zu den beeindruckendsten des Films. Aber auch hier glättet Liebeneiner (man vergleiche die Kommentare der Nebenpersonen bei Borchert). Die filmische Darstellung von Beckmanns Alptraum in dieser Szene galt seinerzeit als bemerkenswert; eine nähere Betrachtung lässt sie jedoch als zweifelhaft erscheinen. In einer aufwendigen Montage, mittels Negativbildern und Mehrfachbelichtungen, verschobenen Perspektiven, schrägen Bauten, Schlaglichtern und -schatten sowie verfremdetem Ton entsteht ein Bild des Krieges. Beckmanns alptraumhafte Visionen – die Filmtechnik macht sie sichtbar, doch sie bleiben letztlich leer. Das metaphorische „Aufzeigen“ der – vielleicht wirklich nicht darstellbaren – Schrecken des Krieges und der psychischen Deformationen Beckmanns gerät hier zu einer manierierten Bilderorgie, die einen extrem abstrakten, synthetischen Charakter besitzt. Diese Künstlichkeit schafft auf der einen Seite Ohnmacht (durch die vielfältigen Bildmetaphern, die regelrecht „erschlagen“), auf der anderen Seite Distanz: Konkrete Auseinandersetzung mit der Realität des Krieges – und schon gar nicht mit den gesellschaftlichen Ursachen – ermöglicht diese Inszenierung nicht. Traumatische Erlebnisse im 2. Weltkrieg in Russland werden allgemein und abstrakt – am deutlichsten in dem Aufmarsch des Soldatengemischs aus allen Jahrzehnten, das die Vorstellung der Ewigkeit und Schicksalhaftigkeit des Krieges evoziert. Auffallend ist, dass es weder in diesem Traum noch an anderer Stelle „reale“ Bilder über das Handeln Beckmanns oder überhaupt eines deutschen Soldaten im Krieg gibt. Das Verantwortungsproblem bleibt somit in den Filmbildern irreal. (Vgl. Sequenz 20–22 )

Diesen Inszenierungsstil rechtfertigte Liebeneiner 1949 als filmischen Expressionismus, der in der besten deutschen Filmtradition – und Kunsttradition überhaupt – stünde. Eine in diesem Zusammenhang geäußerte Kritik wischte Liebeneiner vom Tisch, indem er sie mit Goebbelschen Positionen gleichsetzte.

Doch auch bei Liebeneiner quält die Verantwortung für den Tod von Menschen den Heimkehrer Beckmann – jedenfalls bis kurz vor Schluss. Die Wende wird auch hier wieder von der Frau eingeleitet. Während bei Anna im letzten Teil des Films schon die fürsorgliche pragmatische Seite triumphiert – sie überlässt ihm ihr Bett und bereitet ein Abendessen für ihn –, wird er noch im Schlaf von Alpträumen geplagt. Im Traum zieht er die Konsequenz und springt ins Wasser, das ihn jedoch nicht haben will. Während er mit dem Aufschrei „Lasst mich doch nicht allein“ erwacht, stürzt Anna mit dem Abendbrot herein. Und hier in der letzten Sequenz lösen sich dann noch die unbewältigten Probleme. Beckmann und Anna binden ihre Leben aneinander: Falls einer der beiden das Leben wegwerfe, ginge der bzw. die andere hinterher. Sie geben sich gegenseitig die Verantwortung! „Wir haben jetzt jemand“, sagt Anna, „Was brauchen wir die Welt zu verbessern, fangen wir jetzt lieber bei uns an.“ Und Beckmanns letzte Worte: „Ach, so war das gemeint.“ Die kleinfamiliäre Harmonie zeichnet sich auch bildlich ab, es wird konventionell gefilmt, denn der Zuschauer soll sich wiederfinden, schließlich wird jetzt die Zukunftsperspektive aufgebaut. Während Anna in der Schlusseinstellung eine Kerze anzündet, isst er gemächlich sein Abendbrot, von beruhigender Musik begleitet. Gänzlich anders als bei Borchert, wo Beckmann die Verantwortung nicht los wird, mit seinem Rufen und Fragen allein bleibt, wird in „Liebe 47“ die individuelle Verantwortung für den Tod anderer Menschen umgemünzt in die Verantwortung kleinfamiliären Neuanfangs. Durch den beschlossenen Lebensbund ist das Verantwortungsproblem bei Liebeneiner gelöst. (Vgl. Sequenz 29 und 30 )

Szenenfoto aus Liebe 47
Szenenfoto aus LIEBE 47 (Filminstitut Hannover)

Auf den ersten Blick nicht von dieser Welt ist eine kleine, aber entscheidende Szene in „Liebe 47“: die Gottesallegorie. Bei Borchert erscheint Gott am Anfang und Ende des Stückes und zwar stets gleich – weinerlich, von Beckmann sarkastisch behandelt („schlaf weiter so gut… die alten Leute haben es am schwersten, die sich nicht mehr auf die neuen Verhältnisse umstellen können.“). In „Liebe 47“ wird Gott zwar in ähnlicher Weise eingeführt, gegen Ende hat er sich jedoch wieder zum übermächtigen Herrscher entwickelt, zu dem der daniederliegende Beckmann in der entsprechenden Einstellung auch physisch aufblicken muss. So mahnt Gott: „… es hat mich schon einmal gereut, ich erinnere euch an Noah, ich warne dich, wenn du mich begreifst, wirst du mir danken.“ Dabei schreitet die Gottesfigur an einer Menge offensichtlich frisch hergestellter Glocken entlang. Am Anfang des Films sah man am Elbufer einige zerstörte bzw. umgefallene Glocken in düsteren Bildern liegen. Demgegenüber symbolisieren die zahlreichen hellen und geordneten Glocken zum Schluss: Das Himmelreich ist wieder intakt und Gott kann in tradierter Strenge den Menschen auf sein Weiterleben und sein Schicksal verpflichten. So wird aus der negativ-blasphemischen Theodizee bei Borchert die Reinstallation der Gottesautorität jenseits aller Erfahrung in „Liebe 47“. Der Neuanfang von Anna und Beckmann wird hier sozusagen auf „höchster Ebene“ vorweggenommen. (Vgl. Sequenz 29b ) Die Tendenz zur letztlich abgerundeten Liebesgeschichte zeigt sich auch in der Darstellung der „realen“ Nebenfiguren. Diese sind bei Liebeneiner ungleich zahlreicher und bilden mehr oder weniger eine Staffage im Sinne des großen Ufa-Films – besonders deutlich in der Figur der ewig nörgelnden Zimmerwirtin Annas (Grethe Weiser), die beim Anblick des Russlandheimkehrers freilich doch noch läutert und sich fortan von ihrer besten Seite zeigt.

So erweist sich „Liebe 47“ bis in viele Details hinein als versöhnlich, ja zum Schluss optimistisch und hoffnungsvoll. Die mehr oder weniger deutlich angerissenen Zeitprobleme – Zerstörung, Verlust von Menschen, Flucht, Fronterlebnisse, Gefangenschaft etc. – werden, sofern überhaupt „real“ gezeigt, nur aufgehäuft, als Belastung deutscher Opfer genannt, keine kritische Diskussion, kein Versuch einer „Vergangenheitsbewältigung“.[1] Stattdessen die Verdrängung der Vergangenheit durch die neue persönliche Verantwortung in der Paarbindung. Der Aufschrei einer geistig-moralischen Obdachlosigkeit in „Draußen vor der Tür“ weicht so dem optimistischen Neuanfang in „Liebe 47“, wobei sich die Konturen einer neuen kleinfamiliären Identität abzeichnen, die, gekennzeichnet durch ein unpolitisches Selbstverständnis und den Rückzug ins heimelige Interieur, ein Stück Mentalität der späten vierziger Jahre wiedergeben. Man beginnt, sich wieder häuslich einzurichten.


[1] Wie politisch unreflektiert die Vergangenheit teilweise dargestellt wird, zeigt nicht zuletzt die unkommentiert bleibende Äußerung des bereits erwähnten, durchweg sympathisch dargestellten ostelbischen Adligen, der das nahende Ende des Krieges kommentiert: „Wir waren die Herren … jetzt kommt die Masse“, was man jenem „Gefreiten aus Braunau zu verdanken“ habe.

Quelle:
Autorengruppe Nachkriegsspielfilme (1993).

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