Wer bestimmt, was als wirtschaftlich vernünftig gilt?

Wirtschaftspolitische Deutungsmuster in Medien und Politik

Ergebnisse einer Langzeitstudie zur deutschen Arbeitsmarktpolitik 1997–2017

Wenn Wirtschaftstheorien zu Selbstverständlichkeiten werden

Wirtschaftspolitische Entscheidungen werden gewöhnlich mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten begründet. Unternehmen müssten wettbewerbsfähiger werden, Arbeitsmärkte flexibler, Beschäftigte leistungsbereiter. Hohe Lohnkosten gefährdeten Arbeitsplätze, zu hohe Steuern behinderten Investitionen, staatliche Regulierung erschwere wirtschaftliche Anpassungen. Solche Aussagen erscheinen in politischen Debatten und in der Wirtschaftsberichterstattung häufig als sachliche Feststellungen. Tatsächlich beruhen sie auf bestimmten Vorstellungen darüber, wie eine Wirtschaft funktioniert, wodurch wirtschaftliche Probleme entstehen und welche Maßnahmen geeignet sind, sie zu lösen.

Diese Vorstellungen entstammen wirtschaftswissenschaftlichen Theorien und historisch gewachsenen politischen Auseinandersetzungen. Ihre gesellschaftliche Wirksamkeit hängt jedoch nicht allein davon ab, ob sie wissenschaftlich begründet werden können. Entscheidend ist auch, welche Erklärungen sich im öffentlichen Diskurs durchsetzen, welche politischen Handlungsmöglichkeiten dadurch plausibel erscheinen und welche Alternativen weniger Aufmerksamkeit erhalten.

Genau diesen Zusammenhang untersucht die Forschungsarbeit Wirtschaftspolitische Paradigmen als Deutungsmuster im öffentlichen Diskurs über Arbeitsmarktpolitik von Kim Otto, Victoria Sophie Teschendorf, Peter Kowalczyk, Vanessa Möller und Marwin Kruß. Sie analysiert die deutsche Arbeitsmarktpolitik zwischen 1997 und 2017 und untersucht, welche Bedeutung neoklassische und keynesianische Deutungsmuster in den Massenmedien, im Bundestag und in der Bundesregierung besitzen.[1]

Die Autoren gelangen zu einem eindeutigen, zugleich historisch differenzierten Ergebnis: Angebotsorientierte beziehungsweise neoklassische Deutungsmuster dominieren insgesamt den untersuchten Diskurs. Allerdings verändert sich ihre Bedeutung zwischen den Regierungsperioden. Während der Finanz- und Wirtschaftskrise gewinnen nachfrageorientierte Erklärungen und Maßnahmen deutlich an Aufmerksamkeit. Die Untersuchung zeigt außerdem, dass wirtschaftspolitische Themen häufig von der Regierungsagenda ausgehen und anschließend von den Medien aufgegriffen werden. Umgekehrt lassen sich auch Einflüsse der medialen auf die politische Agenda nachweisen.[2]

Die Studie ergänzt damit drei Untersuchungen der Otto Brenner Stiftung zum Wirtschaftsjournalismus. Diese beschäftigen sich mit der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung, den Deutungsrahmen konkreter wirtschaftspolitischer Konflikte und der Wirtschaftsberichterstattung von ARD und ZDF. Die Langzeitstudie untersucht dagegen das Verhältnis zwischen wirtschaftstheoretischen Paradigmen, öffentlicher Debatte und politischer Agenda.


Wirtschaftspolitische Paradigmen: Was gilt als Ursache von Arbeitslosigkeit?

Die Untersuchung beginnt mit der Unterscheidung zwischen angebots- und nachfrageorientierten wirtschaftspolitischen Paradigmen. Die Autoren beschreiben die Angebotspolitik als grundsätzlich marktoptimistisch: Märkte gelten als anpassungsfähig, und länger anhaltende Arbeitslosigkeit wird insbesondere mit Störungen ihrer Funktionsweise erklärt. Nachfrageorientierte Ansätze berücksichtigen dagegen die Möglichkeit dauerhafter Unterbeschäftigung, die auch bei flexiblen Preisen bestehen kann und staatliche Interventionen erforderlich macht.[3]

Für die Arbeitsmarktpolitik ergeben sich daraus unterschiedliche Problemdefinitionen. In der neoklassischen Perspektive stehen hohe Lohnkosten, Lohnnebenkosten, Steuern und eine als übermäßig betrachtete Regulierung des Arbeitsmarktes im Mittelpunkt. Als Lösungen erscheinen Lohnkostensenkungen, steuerliche Entlastungen und Deregulierung.

Die keynesianische Perspektive betont dagegen niedrige Einkommen, unzureichendes Wachstum und ungleiche Einkommensverteilung als mögliche Ursachen wirtschaftlicher Probleme. Entsprechend werden Lohnerhöhungen, Sozialleistungen und antizyklische Finanzpolitik als mögliche Maßnahmen betrachtet.

Die Autoren unterscheiden dabei zwischen wirtschaftspolitischen Grundüberzeugungen und konkreten Instrumenten. Ihre Untersuchung knüpft an politikwissenschaftliche Arbeiten über die Bildung politischer Agenden und sogenannte Belief-Systeme an. Die zugrunde liegende Annahme lautet, dass politische Akteure ihre Instrumente leichter verändern als ihre grundlegenden wirtschaftspolitischen Überzeugungen.[4]

Für den Wirtschaftsjournalismus folgt daraus eine grundlegende Frage. Wenn Arbeitslosigkeit vor allem als Folge zu hoher Lohnkosten beschrieben wird, erscheinen Lohnsenkungen oder eine Verringerung der Lohnnebenkosten als naheliegende Maßnahmen. Wird Arbeitslosigkeit dagegen mit unzureichender gesamtwirtschaftlicher Nachfrage erklärt, verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf Einkommen, Investitionen und öffentliche Ausgaben.

Die theoretische Perspektive bestimmt damit bereits wesentlich, was überhaupt als erklärungsbedürftig gilt. Sie beeinflusst nicht nur die Antworten auf wirtschaftspolitische Fragen, sondern auch die Fragen selbst.


Die empirische Untersuchung: Drei Öffentlichkeiten und zwanzig Jahre Arbeitsmarktpolitik

Die Autoren untersuchen die Entwicklung wirtschaftspolitischer Deutungsmuster in drei Teilöffentlichkeiten: den Massenmedien, dem Deutschen Bundestag und der formellen Regierungsagenda. Die Datenbasis umfasst unter anderem 101.240 Zeitungsartikel aus dem Zeitraum 1997 bis 2017. Hinzu kommen parlamentarische Dokumente und Regierungsdokumente, die mit jeweils angepassten Verfahren ausgewertet werden.[5]

Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Problemursachen, Lösungsvorschläge und wirtschaftspolitischen Instrumente thematisiert werden. Dabei werden die untersuchten Aussagen bestimmten theoretischen Deutungsmustern zugeordnet.

Eine methodische Einschränkung ist für die Interpretation der Befunde entscheidend: Die Thematisierung einer wirtschaftspolitischen Forderung ist nicht mit ihrer Zustimmung gleichzusetzen. Wenn eine Zeitung über die Forderung nach niedrigeren Lohnkosten berichtet, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass sie diese Forderung unterstützt. Die Studie untersucht zunächst, welche Deutungsmuster öffentliche Aufmerksamkeit erhalten und wie sich deren Bedeutung zwischen den drei Teilöffentlichkeiten verändert.[6]

Die Ergebnisse erlauben deshalb Aussagen über die Präsenz und Verteilung wirtschaftspolitischer Problemdefinitionen. Sie erlauben aber nicht ohne zusätzliche Untersuchungen den Schluss, sämtliche Journalisten oder Redaktionen teilten die entsprechenden wirtschaftspolitischen Überzeugungen.


Der zentrale Befund: Angebotsorientierte Problemdefinitionen dominieren

Die empirischen Ergebnisse zeigen eine deutliche Ungleichverteilung der untersuchten Problemursachen. Die vier neoklassischen Kategorien „Lohnkosten hoch“, „Hohe Lohnnebenkosten“, „Steuern hoch“ und „Überregulierung am Arbeitsmarkt“ werden in insgesamt 21.310 Zeitungsartikeln thematisiert. Das entspricht ungefähr einem Fünftel des untersuchten Medienkorpus.

Besonders häufig erscheinen die beiden Problemursachen hohe Lohnkosten und hohe Lohnnebenkosten. Die Autoren stellen fest, dass diese über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg stärker thematisiert werden als hohe Steuern und eine Überregulierung des Arbeitsmarktes.[7]

Die entsprechenden neoklassischen Lösungsvorschläge – Lohnkosten senken, Lohnnebenkosten senken, Steuern senken und den Arbeitsmarkt deregulieren – werden in 14.178 Zeitungsartikeln behandelt. Unter diesen Vorschlägen besitzen die Senkung der Lohnkosten und der Steuern eine besonders große mediale Bedeutung.[8]

Demgegenüber werden die drei untersuchten keynesianischen Problemursachen – niedrige Einkommen, geringes Wachstum und ungleiche Einkommensverteilung – in 12.524 Zeitungsartikeln thematisiert. Unter diesen Kategorien erhält das geringe Wirtschaftswachstum die größte Aufmerksamkeit, während niedrige Einkommen und ungleiche Einkommensverteilung weniger häufig erscheinen.[9]

Interessanterweise ergibt sich bei den Lösungsvorschlägen ein anderes Zahlenverhältnis: Keynesianisch zugeordnete Lösungen wie antizyklische Finanzpolitik, höhere Löhne, höhere Sozialleistungen und höhere Steuern werden in 17.793 Artikeln thematisiert. Ihre Häufigkeit liegt damit über derjenigen der vier neoklassischen Lösungskategorien.[10]

Gerade diese Differenz ist wichtig. Die Dominanz neoklassischer Deutungsmuster bedeutet nicht, dass nachfrageorientierte Maßnahmen im öffentlichen Diskurs kaum vorkommen. Vielmehr unterscheiden sich die Häufigkeiten der Problemursachen und Lösungsvorschläge erheblich. Zudem können Artikel mehrere Kategorien enthalten. Die Zahlen dürfen deshalb nicht als unmittelbare Zustimmung zu zwei einander gegenüberstehenden wirtschaftspolitischen Lagern gelesen werden.

Die Autoren gelangen unter Berücksichtigung ihrer weiteren Analysen dennoch zu dem Gesamtbefund einer neoklassischen Dominanz. Sie halten auf S. 136 ausdrücklich fest, dass die „Dominanz auf Seiten der Neoklassik“ deutlich werde. Die anschließende Erläuterung differenziert diesen Befund nach Regierungsperioden, wirtschaftlichen Krisen und konkreten politischen Instrumenten.[11]

Damit ist ein zentraler Zusammenhang empirisch beschrieben: Bestimmte wirtschaftspolitische Problemursachen erhalten über einen langen Zeitraum hinweg erheblich mehr Aufmerksamkeit als andere. Welche Ursachen besonders häufig genannt werden, ist für die Wahrnehmung politischer Handlungsmöglichkeiten keineswegs nebensächlich.


Die historische Entwicklung: Schröders Reformpolitik und die Regierungszeiten Merkels

Die Langzeitperspektive erlaubt es, Veränderungen zwischen unterschiedlichen Regierungsperioden zu untersuchen. Dabei ergibt sich ein differenzierteres Bild als bei einer bloßen Gegenüberstellung von Neoklassik und Keynesianismus.

Die Autoren zeigen, dass neoklassische Problemursachen wie hohe Steuern und Überregulierung besonders häufig während der Regierungszeiten Gerhard Schröders diskutiert wurden. Auch die angebotsorientierten Lösungsvorschläge erhielten unter Schröder I und II besonders große mediale Aufmerksamkeit.

Die Instrumente der Arbeitsmarktflexibilisierung – darunter Hartz IV, Minijobs, Ich-AG, Leiharbeit und befristete Beschäftigung – erreichten insbesondere während der zweiten Regierung Schröder einen hohen Stellenwert in der Berichterstattung.[12]

Die Untersuchung zeigt damit eine deutliche Übereinstimmung zwischen der öffentlichen Thematisierung angebotsorientierter Deutungsmuster und der arbeitsmarktpolitischen Reformphase der rot-grünen Bundesregierung. Daraus folgt nicht, dass die Reformpolitik allein durch Medien oder Wirtschaftstheorien verursacht wurde. Die Ergebnisse zeigen aber, welche wirtschaftspolitischen Erklärungen und Instrumente in dieser Zeit den öffentlichen Diskurs bestimmten.

Eine weiterführende Untersuchung von Stephan Pühringer und Markus Griesser vergleicht die arbeitsmarktpolitischen Rationalitäten der späten 1960er Jahre mit denen der frühen 2000er Jahre. Sie beschreibt den Wandel von einer stärker aktiven Beschäftigungspolitik zu einem aktivierenden arbeitsmarktpolitischen Ansatz und untersucht die Rolle wirtschaftswissenschaftlicher Diskurse in diesem Veränderungsprozess. Damit eröffnet sie eine historische Perspektive, die über den Beobachtungszeitraum der Studie von Otto u. a. hinausreicht.[13]

In den Regierungszeiten Merkels verändert sich das Bild. Keynesianische Problemursachen und Lösungsvorschläge werden häufiger thematisiert. Besonders während der Finanz- und Wirtschaftskrise gewinnen antizyklische Maßnahmen wie Konjunkturprogramme, Infrastrukturinvestitionen, die Umweltprämie und die Ausweitung des Kurzarbeitergeldes an Bedeutung.[14]

Auch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns erhält zunehmende Aufmerksamkeit. Die Studie dokumentiert, dass das Thema besonders 2007 und erneut ab 2013 in den Medien diskutiert wurde. Insgesamt wurde das Instrument Mindestlohn in 2.874 der untersuchten Presseartikel thematisiert.[15]

Der Befund lautet also nicht, dass alle Regierungen dieselbe Wirtschaftspolitik betrieben hätten. Die Studie zeigt vielmehr eine übergreifende Dominanz neoklassischer Deutungsmuster bei zugleich erheblichen Veränderungen der politischen Instrumente und der öffentlichen Aufmerksamkeit für nachfrageorientierte Maßnahmen.

Die Autoren unterscheiden deshalb zwischen relativ stabilen wirtschaftspolitischen Grundüberzeugungen und veränderlicheren politischen Instrumenten. Im Fazit stellen sie fest, dass Veränderungen bei den konkreten Policy-Optionen leichter erfolgen als bei den Grundüberzeugungen. Besonders der Regierungswechsel 2005 und die anschließenden Krisenmaßnahmen veranschaulichen diesen Zusammenhang.[16]


Die Krise als Ausnahme – und die Frage nach einem Paradigmenwechsel

Wirtschaftliche Krisen können etablierte Deutungsmuster erschüttern. Wenn Unternehmen ihre Produktion einschränken, Investitionen ausbleiben und Arbeitslosigkeit zunimmt, geraten Erklärungen unter Druck, die vor allem auf individuelle Anreize und die Anpassungsfähigkeit von Märkten setzen.

Während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 gewannen staatliche Konjunkturprogramme und nachfrageorientierte Maßnahmen deutlich an Bedeutung. Die Langzeitstudie dokumentiert ihre verstärkte Thematisierung in Medien, Bundestag und Regierung, insbesondere während Merkel I.[17]

Doch die zeitweilige Anerkennung staatlicher Stabilisierungspolitik bedeutete nicht automatisch eine dauerhafte Veränderung wirtschaftspolitischer Grundüberzeugungen. Gerade diese Unterscheidung zwischen Kriseninstrumenten und grundlegender Orientierung ist für die Interpretation der Ergebnisse entscheidend.

Das gilt auch für die wirtschaftswissenschaftliche Politikberatung. Die von Otto u. a. referierte Untersuchung von Jens-Ole Köhrsen (2011) analysiert die Empfehlungen des Sachverständigenrats und der Gemeinschaftsdiagnosen zwischen 1990 und 2009. Sie zeigt, dass in wirtschaftlichen Schwächephasen zwar expansivere geld- und finanzpolitische Maßnahmen empfohlen wurden, die längerfristige Orientierung an Angebots- und Wachstumspolitik jedoch weitgehend bestehen blieb. Köhrsen gelangt deshalb zu dem Ergebnis, dass die Finanzkrise keinen grundlegenden Paradigmenwechsel in der untersuchten Politikberatung bewirkte.[18]

Die wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen nach 2017 lassen sich unter diesem Gesichtspunkt weiter untersuchen. Die Corona-Pandemie erforderte umfangreiche staatliche Interventionen. Die Energiekrise, die industrielle Transformation und die Auseinandersetzungen über öffentliche Investitionen führten erneut zu Debatten über die Aufgaben des Staates.

Ob diese Entwicklungen einen dauerhaften Wandel der wirtschaftspolitischen Grundüberzeugungen anzeigen, kann die Langzeitstudie nicht beantworten. Eine stärkere staatliche Intervention während wirtschaftlicher Krisen beweist für sich genommen noch keinen solchen Wandel.


Wer beeinflusst wen? Medien, Bundestag und Bundesregierung

Ein besonders wichtiger Teil der Untersuchung betrifft die Beziehungen zwischen den drei untersuchten Öffentlichkeiten. Die Autoren fragen, ob wirtschaftspolitische Themen zunächst in den Medien aufgegriffen werden und anschließend die politische Agenda beeinflussen oder ob die Medien überwiegend bereits bestehende politische Debatten vermitteln.

Die Ergebnisse zeigen unterschiedliche Einflussrichtungen, die sich im Zeitverlauf verändern. Die Medien können wirtschaftspolitische Problemdefinitionen verstärken und Themen anderer gesellschaftlicher Akteure vermitteln. Die Studie verweist hier insbesondere auf die Diskussion über den flächendeckenden Mindestlohn.

Gleichzeitig gelangen die Autoren zu dem Ergebnis, dass die Medien in wichtigen Phasen einen überwiegend repräsentierenden Charakter besitzen. Insbesondere während der Regierungen Merkel I bis III wurden arbeitsmarktpolitische Themen häufig zunächst auf der Regierungsagenda behandelt und anschließend von den Medien aufgegriffen. Für mehrere Phasen ergibt sich deshalb ein stärkerer Einfluss der Regierungsagenda auf die Medienagenda.[19]

Dieser Befund ist für die Kritik des Wirtschaftsjournalismus besonders wichtig. Er widerspricht einer einfachen Vorstellung, nach der Medien wirtschaftspolitische Deutungen eigenständig entwickeln und anschließend der Politik vorgeben. Häufig werden wirtschaftspolitische Problemdefinitionen bereits im politischen Raum formuliert und durch die Medien verbreitet, verstärkt oder verändert.

Die Autoren stellen allerdings auch fest, dass die Medien in einzelnen Phasen erheblichen Einfluss auf die politische Aufmerksamkeit gewinnen können. Im Zusammenhang mit dem Mindestlohn beschreiben sie für 2014/2015 einen Verstärkereffekt, durch den die mediale Debatte zur politischen Behandlung des Themas beitrug.[20]

Die Untersuchung zeigt somit keine einseitige Steuerung, sondern ein wechselndes Verhältnis zwischen politischer und medialer Agenda. Die jeweiligen Befunde hängen von den untersuchten Themen und Regierungsperioden ab. Zudem weist die Studie darauf hin, dass ihre jährlichen Analyseintervalle kurzfristige Wechselwirkungen nur eingeschränkt erfassen können.[21]

Damit erhält auch der Beitrag „Wenn sich Wirtschaftsredaktionen und Experten gegenseitig bestätigen“ einen zusätzlichen empirischen Bezug.

Dort wird beschrieben, wie eine Bestätigungsschleife entstehen kann: Eine Redaktion formuliert eine Frage innerhalb eines vertrauten wirtschaftspolitischen Rahmens, ausgewählte Experten beantworten sie mit den Begriffen und Modellen dieses Rahmens, und ihre Aussagen erscheinen anschließend als unabhängige Bestätigung der ursprünglichen Problemdefinition.

Die Langzeitstudie zeigt eine vorgelagerte Ebene dieses Problems. Bereits die politische Agenda beeinflusst, welche Themen und Lösungsinstrumente in der Öffentlichkeit besondere Aufmerksamkeit erhalten. Die redaktionelle Frage entsteht daher nicht unabhängig von den vorherrschenden wirtschaftspolitischen Deutungsmustern.

Die Studie beweist allerdings keine konkrete Bestätigungsschleife zwischen einzelnen Wirtschaftsredaktionen und ihren Experten. Dazu müssten Expertenauswahl, Interviews, redaktionelle Entscheidungsprozesse und die Verwendung von Expertenaussagen gesondert untersucht werden. Der Zusammenhang ist deshalb eine weiterführende Forschungsfrage, kein bereits abgeschlossener Kausalnachweis.


Wirtschaftsforschungsinstitute und Sachverständigenrat: Die institutionelle Autorität ökonomischer Erklärungen

Wirtschaftliche Entwicklungen werden in der Öffentlichkeit regelmäßig durch Vertreter wissenschaftlicher Einrichtungen erklärt. Dazu gehören der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die großen Wirtschaftsforschungsinstitute und weitere wirtschaftspolitische Beratungseinrichtungen.

Ihre Aussagen besitzen eine besondere öffentliche Autorität. Sie werden nicht lediglich als politische Meinungen wahrgenommen, sondern als wissenschaftlich begründete Einschätzungen. Diese Autorität ist nicht grundsätzlich unberechtigt: Wissenschaftliche Forschung kann Zusammenhänge aufklären, Daten prüfen, Modelle entwickeln und politische Behauptungen kritisch untersuchen.

Problematisch wird die Expertenrolle jedoch dann, wenn unterschiedliche wirtschaftswissenschaftliche Positionen nicht als theoretisch bestimmte Erklärungen erkennbar sind, sondern als unmittelbare Aussagen über wirtschaftliche Notwendigkeiten erscheinen.

Die Studie behandelt im Forschungsstand ausdrücklich die Stellung wirtschaftspolitischer Paradigmen innerhalb der Wissenschaft. Besonders aufschlussreich ist ihre Darstellung der Untersuchung von Arne Heise, Henrike Sander und Sebastian Thieme: Das Ende der Heterodoxie? Die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften in Deutschland (2017).[22]

Unter Rückgriff auf die Feldtheorie Pierre Bourdieus untersuchen diese Autoren die Bedeutung wissenschaftlicher Netzwerke, beruflicher Karrierebedingungen, Forschungsförderung und institutioneller Anerkennung. Die von Otto u. a. referierten Ergebnisse zeigen, wie sich ein etablierter wissenschaftlicher Mainstream durch seine Stellung innerhalb des akademischen Feldes reproduzieren kann.[23]

Damit wird eine Frage berührt, die weit über die Unterscheidung einzelner Wirtschaftstheorien hinausgeht: Wer verfügt über die institutionellen Möglichkeiten, wirtschaftswissenschaftliche Standards zu setzen? Welche Ansätze erhalten Forschungsstellen, Fördermittel und wissenschaftliche Anerkennung? Und welche Perspektiven bleiben trotz ihres möglichen Erkenntnisgewinns randständig?

Die Studie verweist außerdem auf die bereits erwähnte Untersuchung von Köhrsen (2011) über den Sachverständigenrat und die Gemeinschaftsdiagnosen. Deren Ergebnisse zeigen, dass die wirtschaftspolitischen Empfehlungen nicht vollständig einheitlich sind. Allerdings nehmen angebotsorientierte Vorstellungen auch dort eine langfristig bedeutsame Stellung ein, während nachfragepolitische Maßnahmen häufig unter dem Vorzeichen wirtschaftlicher Ausnahmesituationen diskutiert werden.[24]

Hier liegt eine Verbindung zum Wirtschaftsjournalismus: Wenn wissenschaftliche Autorität selbst innerhalb ungleich strukturierter akademischer und politischer Beratungsfelder entsteht, ist eine Vielzahl befragter Experten noch kein ausreichender Beleg für theoretische Pluralität.

Eine Redaktion kann mehrere Vertreter unterschiedlicher Institute zu Wort kommen lassen und dennoch wesentliche wirtschaftstheoretische Perspektiven ausblenden. Um dies empirisch zu überprüfen, müsste allerdings untersucht werden, welche Institute in welchen Medien auftreten, welche Positionen sie vertreten und wie ihre Aussagen journalistisch eingeordnet werden. Eine solche vollständige Untersuchung der gegenwärtigen Expertenlandschaft liefert die Langzeitstudie nicht.


Vier Studien – unterschiedliche Zugänge zu einem gemeinsamen Problem

Die Ergebnisse der Langzeitstudie gewinnen zusätzlich an Bedeutung, wenn sie mit den drei Untersuchungen der Otto Brenner Stiftung zum Wirtschaftsjournalismus verglichen werden. Die Studien behandeln unterschiedliche Gegenstände, berühren aber ein gemeinsames Problem: den Einfluss wirtschaftstheoretischer Deutungsmuster auf die öffentliche Erklärung wirtschaftlicher Vorgänge.

Die Ausbildung: Welche Wirtschaftstheorien lernen Journalisten?

Valentin Sagvosdkin untersucht in Qualifiziert für die Zukunft? (2021) die theoretische Vielfalt der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung in Deutschland. Die Untersuchung wertet mehr als 300 Modulbeschreibungen aus 17 Studienprogrammen an sechs Universitäten und drei Hochschulen aus. Sie zeigt eine starke Stellung orthodoxer beziehungsweise neoklassisch geprägter wirtschaftswissenschaftlicher Lehrinhalte und eine vergleichsweise geringe Berücksichtigung alternativer theoretischer Ansätze.[25]

Der Zusammenhang zur Langzeitstudie ist unmittelbar erkennbar: Otto und seine Mitautoren untersuchen die gesellschaftliche Präsenz bestimmter wirtschaftspolitischer Deutungsmuster. Sagvosdkin fragt nach den theoretischen Voraussetzungen, mit denen angehende Wirtschaftsjournalisten ihre spätere Arbeit aufnehmen.

Eine solche Ausbildung muss nicht zwangsläufig zu einer bestimmten Berichterstattung führen. Sie beeinflusst aber, welche ökonomischen Begriffe, Modelle und Erklärungsmuster den Journalisten vertraut sind. Wenn bereits die Ausbildung theoretische Alternativen wenig berücksichtigt, entsteht ein Problem für die spätere journalistische Fähigkeit, Expertenaussagen kritisch einzuordnen.

Das Framing: Wie verändert sich die Erklärung wirtschaftlicher Krisen?

Victoria Sophie Teschendorf und Kim Otto untersuchen in Framing in der Wirtschaftsberichterstattung (2022) zwei konkrete Konflikte: den Haushaltsstreit zwischen Italien und der Europäischen Union 2018 und die Auseinandersetzungen über europäische Corona-Hilfen 2020.[26]

Beim italienischen Haushaltsstreit 2018 griffen 95 Prozent der untersuchten Artikel, die eine Problemdefinition enthielten, auf die neoklassische Deutung zurück, dass die Verletzung europäischer Defizitregeln das zentrale Problem darstelle. Keynesianische Problemdefinitionen, die beispielsweise die verlangte Sparpolitik kritisch betrachteten, waren erheblich seltener vertreten.[27]

Bei den europäischen Corona-Hilfen 2020 änderte sich das Bild deutlich. In knapp 74 Prozent der untersuchten Artikel mit Problemdefinitionen kamen keynesianische Perspektiven vor; etwa 36 Prozent enthielten auch neoklassische Deutungen. Rund zehn Prozent verbanden beide Perspektiven. Die Werte überschneiden sich deshalb und sind nicht zu einer Verteilung von insgesamt 100 Prozent zu addieren.[28]

Damit ergänzt die Untersuchung den historischen Befund der Langzeitstudie: Die Bedeutung wirtschaftspolitischer Deutungsmuster verändert sich mit dem Gegenstand der Berichterstattung und mit wirtschaftlichen Krisensituationen. Eine kurzfristige Verschiebung der öffentlichen Problemdefinition beweist jedoch noch keinen dauerhaften Paradigmenwechsel.

Besonders wichtig ist die methodische Differenz zwischen beiden Untersuchungen. Die Framing-Studie analysiert konkrete Problemdefinitionen, Verantwortungszuschreibungen und Handlungsempfehlungen innerhalb zweier Konflikte. Die Langzeitstudie untersucht dagegen über zwanzig Jahre hinweg die Verteilung wirtschaftspolitischer Kategorien und ihre Beziehungen zu den politischen Agenden. Die Ergebnisse sind deshalb aufeinander beziehbar, aber nicht unmittelbar gleichzusetzen.[29]

Die journalistische Praxis: Viel Wirtschaftsberichterstattung – aber welche Perspektiven?

Henrik Müller und Gerret von Nordheim untersuchen in Viel Kraft – wenig Biss (2024) die Wirtschaftsberichterstattung von ARD und ZDF. Ihre Studie behandelt die Frage, welche Themen und Perspektiven in der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung vertreten sind und in welchem Umfang größere wirtschaftliche Zusammenhänge erklärt werden.[30]

In den untersuchten Wirtschaftsmagazinen entfallen 65,1 Prozent des erfassten Programmanteils auf Verbraucherthemen, 20,7 Prozent auf Unternehmen und 14,2 Prozent auf Wirtschaftspolitik. Grundlage dieser Teilanalyse sind 248 Sendungen mit einer Gesamtdauer von 102 Stunden zwischen September 2022 und Februar 2023.[31]

Die Ergebnisse beziehen sich auf diese untersuchten Formate und dürfen nicht auf sämtliche Wirtschaftssendungen von ARD und ZDF übertragen werden. Sie zeigen aber, wie stark die journalistische Themenwahl davon abhängt, welcher Zugang zur Wirtschaft bevorzugt wird.

Die Langzeitstudie untersucht vor allem die Deutungsmuster wirtschaftspolitischer Debatten. Müller und von Nordheim fragen stärker danach, welche wirtschaftlichen Themen und Zusammenhänge überhaupt Gegenstand der Berichterstattung werden. Beides gehört zusammen: Die Auswahl von Themen begrenzt bereits die Möglichkeiten, bestimmte gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Die vier Untersuchungen ergeben damit keine empirisch bewiesene Wirkungskette von wirtschaftswissenschaftlicher Ausbildung über Expertenauswahl und Berichterstattung bis zu Regierungsentscheidungen. Sie eröffnen jedoch unterschiedliche Zugänge zu einer gemeinsamen Frage: Wie entsteht die öffentliche Autorität bestimmter ökonomischer Erklärungen, und weshalb bleiben andere Perspektiven vergleichsweise randständig?


Wenn wirtschaftspolitische Deutungsmuster selbstverständlich werden

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Langzeitstudie liegt über ihren unmittelbaren Gegenstand hinaus. Wirtschaftspolitische Deutungsmuster gewinnen nicht nur dadurch Einfluss, dass ihre Vertreter öffentlich für sie argumentieren. Sie können sich so weit verfestigen, dass ihre Voraussetzungen kaum noch ausgesprochen werden müssen.

Dann wird nicht mehr gefragt, ob die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens der geeignete Maßstab für gesellschaftlichen Wohlstand ist. Es wird darüber diskutiert, welche Maßnahmen zur Verbesserung dieser Wettbewerbsfähigkeit erforderlich seien.

Dann wird nicht mehr grundsätzlich gefragt, wie der gesellschaftlich produzierte Reichtum verteilt wird. Stattdessen wird darüber gestritten, welche Sozialleistungen angesichts wirtschaftlicher Belastungen noch finanzierbar seien.

Und dann erscheint die Rendite eines Unternehmens nicht mehr als eine betriebswirtschaftliche Kennziffer, die aus bestimmten Eigentums- und Verwertungsverhältnissen hervorgeht, sondern als scheinbar objektiver Maßstab für die wirtschaftliche Vernünftigkeit von Investitionen, Beschäftigung und Produktion.

Die theoretische Perspektive wird unsichtbar, während ihre Kategorien die öffentliche Wahrnehmung strukturieren.

Hier lässt sich eine Verbindung zu Antonio Gramscis Begriff der kulturellen Hegemonie herstellen. Herrschaft beruht nicht allein auf staatlichen Entscheidungen oder wirtschaftlicher Macht. Sie wird auch dadurch stabilisiert, dass bestimmte gesellschaftliche Vorstellungen als selbstverständlich, vernünftig und alternativlos anerkannt werden.

Die Studie selbst untersucht kulturelle Hegemonie nicht im umfassenden Sinne Gramscis. Allerdings bezieht sie im Forschungsstand ausdrücklich Untersuchungen zur möglichen hegemonialen Vorherrschaft neoliberaler Deutungsmuster in der politischen Öffentlichkeit ein.[32]

Die Ergebnisse lassen sich deshalb für eine weitergehende hegemonietheoretische Interpretation nutzen: Sie zeigen, dass bestimmte wirtschaftspolitische Deutungsmuster über längere Zeiträume hinweg verschiedene Bereiche der politischen Öffentlichkeit prägen. Die Untersuchung beweist damit nicht, dass diese Vorstellungen von allen Menschen geteilt werden. Sie macht jedoch die Stabilität und die ungleiche Präsenz wirtschaftspolitischer Problemdefinitionen sichtbar.

Das betrifft unmittelbar die im Beitrag „Wenn sich Wirtschaftsredaktionen und Experten gegenseitig bestätigen“ beschriebene journalistische Praxis. Dort lautet die Frage, weshalb bestimmte Problemdefinitionen bereits vor dem Experteninterview feststehen können. Die Langzeitstudie verdeutlicht, dass diese Vorauswahl selbst Teil eines umfassenderen öffentlichen und politischen Deutungszusammenhangs ist.


Die Grenzen der Untersuchung – und die weiterführende politisch-ökonomische Frage

Die Studie liefert eine umfangreiche empirische Analyse des arbeitsmarktpolitischen Diskurses zwischen 1997 und 2017. Sie belegt die Dominanz bestimmter Deutungsmuster und untersucht Beziehungen zwischen medialen und politischen Agenden. Damit geht sie über eine bloße Beschreibung einzelner wirtschaftspolitischer Meinungen hinaus.

Die Autoren benennen auch Grenzen ihrer Untersuchung. Das verwendete Kategoriensystem kann nicht den Anspruch erheben, sämtliche möglichen Problemursachen, Lösungsvorschläge und politischen Instrumente vollständig zu erfassen. Weitere Untersuchungen könnten zusätzliche Akteure und Kategorien einbeziehen oder andere Politikfelder untersuchen.[33]

Eine weitere theoretische Begrenzung ergibt sich aus der Konzentration auf neoklassische und keynesianische Paradigmen. Beide unterscheiden sich erheblich hinsichtlich ihrer Erklärungen von Beschäftigung, Konjunktur und staatlicher Wirtschaftspolitik. Dennoch behandeln sie die kapitalistische Wirtschaftsordnung in wesentlichen Teilen als gegebenen gesellschaftlichen Rahmen.

Eine marxistische Kritik der politischen Ökonomie stellt darüber hinaus Fragen nach Eigentum, Klassenverhältnissen, Kapitalverwertung und der gesellschaftlichen Organisation der Produktion.

Arbeitslosigkeit erscheint dann nicht allein als Folge unzureichender Nachfrage oder mangelnder Marktanpassung. Zu untersuchen ist auch, wie Konkurrenz, Rationalisierung, Akkumulation und die Verfügung über Produktionsmittel die Beschäftigungsbedingungen verändern. Ebenso stellt sich die Frage, weshalb die Reproduktion der Arbeitskraft gesellschaftlich notwendig ist, ihre Kosten aber zwischen Unternehmen, Staat, Beschäftigten und privaten Haushalten unterschiedlich verteilt werden.

Damit erweitert sich die Perspektive von der Arbeitsmarktpolitik zur gesellschaftlichen Organisation der Arbeit insgesamt.

Auch die Stabilität wirtschaftspolitischer Deutungsmuster bedarf einer weitergehenden Erklärung. Wissenschaftliche Theorien setzen sich nicht allein aufgrund ihrer inneren Überzeugungskraft durch. Ihre gesellschaftliche Wirksamkeit hängt ebenso mit institutionellen Ressourcen, politischer Unterstützung, wissenschaftlicher Anerkennung und der Stellung gesellschaftlicher Interessen zusammen.

Die empirische Untersuchung der Deutungsmuster ist deshalb ein wichtiger Ausgangspunkt. Sie ersetzt jedoch keine Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, innerhalb derer bestimmte wirtschaftliche Erklärungen Autorität gewinnen.[34]


Was folgt daraus für den Wirtschaftsjournalismus?

Die Konsequenz kann nicht darin bestehen, wirtschaftswissenschaftliche Experten grundsätzlich infrage zu stellen oder jede ökonomische Aussage lediglich als Ausdruck eines Interesses zu behandeln. Wissenschaftliche Forschung ist unverzichtbar, um wirtschaftliche Zusammenhänge zu erklären.

Gerade deshalb muss der Wirtschaftsjournalismus zwischen empirischen Befunden, theoretischen Erklärungen und wirtschaftspolitischen Bewertungen unterscheiden.

Wenn ein Experte erklärt, höhere Löhne gefährdeten Arbeitsplätze, ist zu fragen, unter welchen Bedingungen diese Aussage zutrifft. Welche Rolle spielen Nachfrage, Produktivität, Marktstellung und Gewinnentwicklung? Werden einzelwirtschaftliche Zusammenhänge auf die Gesamtwirtschaft übertragen? Welche empirischen Belege liegen vor?

Wenn ein anderer Experte höhere Staatsausgaben fordert, ist ebenso zu fragen, welche wirtschaftlichen Wirkungen erwartet werden, wie die Finanzierung erfolgt und welche gesellschaftlichen Interessen berührt sind.

Journalistische Unabhängigkeit besteht nicht darin, zwei gegensätzliche Expertenmeinungen nebeneinanderzustellen und die Entscheidung dem Publikum zu überlassen. Sie verlangt, die Voraussetzungen der Aussagen zu erkennen, die entscheidenden Fragen zu stellen und die gesellschaftlichen Zusammenhänge verständlich zu machen.

Das setzt wirtschaftliches Grundwissen voraus, das über die Kenntnis einzelner Kennziffern und wirtschaftspolitischer Schlagworte hinausgeht. Dazu gehört auch ein Bewusstsein für die Geschichte ökonomischer Theorien, ihre unterschiedlichen Erkenntnisinteressen und ihre jeweilige Erklärungsreichweite.

Hier treffen sich die Ergebnisse der Langzeitstudie mit den drei Untersuchungen der Otto Brenner Stiftung: Wirtschaftspolitische Problemdefinitionen prägen öffentliche Debatten; die wirtschaftsjournalistische Ausbildung vermittelt wirtschaftstheoretische Perspektiven nicht gleichermaßen; konkrete Konflikte werden unterschiedlich gerahmt; und die Auswahl journalistischer Themen entscheidet darüber mit, welche wirtschaftlichen Zusammenhänge sichtbar werden.


Fazit: Die Macht des ökonomisch Selbstverständlichen

Die Studie von Otto und seinen Mitautoren zeigt, wie dauerhaft wirtschaftspolitische Deutungsmuster den öffentlichen Diskurs prägen können. Ihre Ergebnisse betreffen die Jahre 1997 bis 2017. Dass sich die grundlegenden institutionellen und theoretischen Verhältnisse seither vollständig verändert hätten, ist wenig wahrscheinlich. Für eine empirisch gesicherte Aussage über die Gegenwart wären allerdings entsprechende Anschlussuntersuchungen erforderlich.

Die spätere Framing-Studie von Teschendorf und Otto (2022) macht zugleich deutlich, dass sich wirtschaftspolitische Problemdefinitionen in Krisensituationen erheblich verschieben können. Die Langzeitstudie zeigt aber, dass Veränderungen einzelner Instrumente und kurzfristige Verschiebungen in der öffentlichen Aufmerksamkeit nicht mit einem grundlegenden Paradigmenwechsel gleichzusetzen sind.[35]

Die weiterführende These lautet: Die gesellschaftliche Wirksamkeit dominierender ökonomischer Vorstellungen zeigt sich nicht nur darin, dass sie öffentlich vertreten werden. Sie zeigt sich vor allem dann, wenn sie als selbstverständliche Voraussetzungen wirtschaftspolitischer Debatten gelten.

Wer Wirtschaft erklären will, muss deshalb nicht nur wirtschaftliche Daten kennen. Er muss auch fragen, durch welche theoretischen Begriffe, gesellschaftlichen Interessen und institutionellen Bedingungen diese Daten ihre Bedeutung erhalten.

Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wer erklärt uns die Wirtschaft? Sondern auch: Wer bestimmt, was an ihr überhaupt erklärungsbedürftig ist?


Anmerkungen und Vertiefungen

[1] Otto u. a., Zusammenfassung, S. 4–5 ↩ Zur Textstelle

[2] Otto u. a., Kap. 6.3, S. 287–290 ↩ Zur Textstelle

[3] Otto u. a., Kap. 2.1, S. 8–13 ↩ Zur Textstelle

[4] Otto u. a., S. 4; Kap. 3.3, S. 42–65 ↩ Zur Textstelle

[5] Otto u. a., Kap. 5, S. 75–93; zur Zahl der Presseartikel S. 98 ↩ Zur Textstelle

[6] Otto u. a., Kap. 5.3, S. 80 ff.

Die Studie verwendet ein Kategoriensystem zur Erfassung wirtschaftspolitischer Problemursachen, Lösungen und Instrumente. Eine Kategorie kann in einem Artikel vorkommen, ohne dass die Redaktion ihr zustimmt. Deshalb sind die Häufigkeitsangaben weder eine Meinungsumfrage unter Journalisten noch ein unmittelbarer Nachweis redaktioneller Parteinahme.

Für die Frage, ob ein Deutungsmuster im journalistischen Text bestätigt, relativiert oder kritisiert wird, sind zusätzliche Analysen des argumentativen Zusammenhangs erforderlich. Genau hier setzt die spätere Framing-Studie von Teschendorf und Otto mit ihrer Untersuchung von Problemdefinitionen, Verantwortungszuschreibungen und Handlungsempfehlungen an.

Vgl. Otto u. a., Kap. 5.3, S. 80 ff.; Teschendorf/Otto 2022, Methodenkapitel.

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[7] Otto u. a., Kap. 6.1, S. 98–101, Abb. 11 ↩ Zur Textstelle

[8] Otto u. a., S. 101–105, Abb. 12 ↩ Zur Textstelle

[9] Otto u. a., S. 123–125, Abb. 18 ↩ Zur Textstelle

[10] Otto u. a., S. 125–127, Abb. 19 ↩ Zur Textstelle

[11] Otto u. a., S. 136–138 ↩ Zur Textstelle

[12] Otto u. a., Kap. 6.1, S. 115–121; zusammenfassend S. 288 ↩ Zur Textstelle

[13] Pühringer/Griesser 2020, S. 476–493; frei zugängliche Vorfassung von 2017, PDF; weiterführende Untersuchung von Stephan Pühringer und Markus Griesser ↩ Zur Textstelle

[14] Otto u. a., Kap. 6.1, S. 127–129 ↩ Zur Textstelle

[15] Otto u. a., S. 136, Abb. 23 ↩ Zur Textstelle

[16] Otto u. a., Kap. 7, S. 292–293 ↩ Zur Textstelle

[17] Otto u. a., S. 288–289 ↩ Zur Textstelle

[18] Köhrsen 2011, Fazit, S. 70–71; vgl. Otto u. a., Kap. 3.1, S. 33–35; Untersuchung von Jens-Ole Köhrsen (2011) ↩ Zur Textstelle

[19] Otto u. a., Kap. 6.3, S. 289–290 ↩ Zur Textstelle

[20] Otto u. a., Kap. 7, S. 293–294 ↩ Zur Textstelle

[21] Otto u. a., S. 294

Die Analyse der Wechselwirkungen zwischen Medien, Parlament und Regierung arbeitet mit zeitlich aggregierten Daten. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass Ereignisse innerhalb eines Jahres mit dieser Methode nicht im Detail aufgelöst werden können. Politische Initiativen, parlamentarische Beratungen und mediale Reaktionen können aber innerhalb weniger Tage oder Wochen erfolgen.

Die Ergebnisse geben deshalb wichtige Hinweise auf unterschiedliche Einflussrichtungen der Agenden. Sie erlauben jedoch keine vollständige Rekonstruktion der konkreten Entscheidungsvorgänge und Kommunikationsbeziehungen. Für diese wären kürzere Untersuchungsintervalle und zusätzliche qualitative Analysen erforderlich.

Vgl. Otto u. a., Kap. 7, S. 293–294.

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[22] Arne Heise, Henrike Sander und Sebastian Thieme: Das Ende der Heterodoxie? Die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften in Deutschland (2017) ↩ Zur Textstelle

[23] Otto u. a., Kap. 3.1, S. 30–33; Heise/Sander/Thieme 2017, digitale Buchausgabe ↩ Zur Textstelle

[24] Otto u. a., S. 33–36; Köhrsen (2011) ↩ Zur Textstelle

[25] Sagvosdkin 2021, Kap. 7, S. 103–105; Valentin Sagvosdkin untersucht in Qualifiziert für die Zukunft? (2021) ↩ Zur Textstelle

[26] Victoria Sophie Teschendorf und Kim Otto untersuchen in Framing in der Wirtschaftsberichterstattung (2022) ↩ Zur Textstelle

[27] Teschendorf/Otto 2022, Kap. 5.1.1, S. 37, Abbildung 2 ↩ Zur Textstelle

[28] Teschendorf/Otto 2022, Kap. 6.1.1, S. 68, Abbildung 20 ↩ Zur Textstelle

[29] Ein wirtschaftspolitisches Paradigma bezeichnet grundlegende theoretische Vorstellungen über die Funktionsweise einer Wirtschaft. Ein Deutungsmuster strukturiert die Wahrnehmung und Erklärung eines gesellschaftlichen Problems. Ein Medien-Frame bezeichnet eine konkrete journalistische Rahmung, in der beispielsweise Problemdefinitionen, Ursachen, Verantwortlichkeiten und Handlungsempfehlungen miteinander verbunden werden.

Die Begriffe stehen in einem Zusammenhang, sind aber nicht austauschbar. Deshalb können Häufigkeitswerte aus der Langzeitstudie von Otto u. a. und der späteren Framing-Studie von Teschendorf/Otto nicht unmittelbar addiert oder statistisch gleichgesetzt werden. Ihr Vergleich ist in erster Linie theoretisch und historisch aufschlussreich.

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[30] Henrik Müller und Gerret von Nordheim untersuchen in Viel Kraft – wenig Biss (2024) ↩ Zur Textstelle

[31] Müller/von Nordheim 2024, S. 39, Abbildung 13 ↩ Zur Textstelle

[32] Otto u. a., Kap. 3.2, ab S. 36 ↩ Zur Textstelle

[33] Otto u. a., Kap. 7, S. 295 ↩ Zur Textstelle

[34] Die Langzeitstudie untersucht wirtschaftspolitische Paradigmen und ihren Einfluss auf öffentliche und politische Agenden. Sie stellt nicht systematisch die Frage, wie Eigentumsverhältnisse, Klassenbeziehungen und die Verwertung von Kapital die Problemdefinitionen selbst prägen.

Eine marxistische Perspektive erweitert deshalb den Untersuchungsgegenstand. Beispielsweise ist die Frage nach hohen Lohnkosten nicht nur eine Frage der arbeitsmarktpolitischen Wirkung von Löhnen. Sie betrifft zugleich den Gegensatz zwischen Lohn als Kostenbestandteil des Kapitals und Lohn als Einkommen der Arbeitskräfte, die Verteilung des gesellschaftlich erzeugten Mehrwerts sowie die Verfügung über Produktion und Investitionen.

Die Verbindung zu Gramscis Begriff der kulturellen Hegemonie betrifft eine weitere Ebene: Unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen erhalten bestimmte Erklärungen den Charakter selbstverständlicher Vernunft? Das ist eine eigenständige theoretische Interpretation und kein unmittelbar aus der Inhaltsanalyse abgeleiteter Befund.

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[35] Framing-Studie von Teschendorf und Otto (2022) ↩ Zur Textstelle


Untersuchte Studie

Otto, Kim; Teschendorf, Victoria Sophie; Kowalczyk, Peter; Möller, Vanessa; Kruß, Marwin: Wirtschaftspolitische Paradigmen als Deutungsmuster im öffentlichen Diskurs über Arbeitsmarktpolitik. Eine Analyse der deutschen Arbeitsmarktpolitik von 1997 bis 2017. Forschungsbericht, Hans-Böckler-Stiftung, 383 Seiten. Vollständige Studie (PDF).

Weitere empirische Studien

Müller, Henrik; von Nordheim, Gerret (2024): Viel Kraft – wenig Biss. Wirtschaftsberichterstattung in ARD und ZDF. OBS-Arbeitspapier 67. Frankfurt am Main: Otto Brenner Stiftung. Volltext (PDF).

Sagvosdkin, Valentin (2021): Qualifiziert für die Zukunft? Zur Pluralität der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung in Deutschland. OBS-Arbeitsheft 104. Frankfurt am Main: Otto Brenner Stiftung. Volltext (PDF).

Teschendorf, Victoria Sophie; Otto, Kim (2022): Framing in der Wirtschaftsberichterstattung. Der EU-Italien-Streit 2018 und die Verhandlungen über Corona-Hilfen 2020 im Vergleich. OBS-Arbeitsheft 108. Frankfurt am Main: Otto Brenner Stiftung. Volltext (PDF).

Weiterführende Literatur

Dullien, Sebastian; Bauermann, Tom; Herzog-Stein, Alexander; Paetz, Christoph; Rietzler, Katja; Stein, Ulrike; Stephan, Sabine; Tober, Silke; Watzka, Sebastian (2025): Modell Deutschland neu justieren – Nachfrage und Innovationen stärken. Wirtschaftspolitische Herausforderungen 2025. IMK Report Nr. 194. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung. Vollständiger Originaltext (PDF).

Gramsci, Antonio (1991–2002): Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe in zehn Bänden. Hamburg: Argument.

Heise, Arne; Sander, Henrike; Thieme, Sebastian (2017): Das Ende der Heterodoxie? Die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften in Deutschland. Wiesbaden: Springer VS. Digitale Verlagsausgabe und Kapitelübersicht (vollständiger Zugriff gegebenenfalls lizenzpflichtig).

Köhrsen, Jens-Ole (2011): Paradigmenwechsel in der wirtschaftswissenschaftlichen Politikberatung? Der Wandel wirtschaftspolitischer Diskurse in Deutschland zwischen 1990 und 2009. IMK Study 2/2011. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung. Vollständiger Originaltext (PDF).

Marx, Karl (1867): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. In: Marx-Engels-Werke, Band 23. Berlin: Dietz. Digitalisierte Textfassung (MEW 23).

Negt, Oskar (2010): Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Göttingen: Steidl.

Pühringer, Stephan; Griesser, Markus (2020): From the ‘planning euphoria’ to the ‘bitter economic truth’: The transmission of economic ideas into German labour market policies in the 1960s and 2000s. In: Critical Discourse Studies, 17(5), S. 476–493. Originalaufsatz (DOI); frei zugängliche Vorfassung von 2017 (PDF).

Spreen, Dominik; Ullrich, Carsten G.; Vukoman, Marina; Rottgardt, Nils (2023): Deutungsmuster von Arbeitslosigkeit im Wandel der Zeit. In: Polarisierte Welten. Verhandlungen des 41. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Vollständiger Originaltext (PDF).

Bezugsbeiträge in der Lernwerkstatt Film und Geschichte

Wenn sich Wirtschaftsredaktionen und Experten gegenseitig bestätigen – wiederkehrende Deutungsmuster in der Berichterstattung über Rente, Gesundheit und Industrie.

Neoliberalismus als ideologisches Element kultureller Hegemonie – zur gesellschaftlichen Durchsetzung wirtschaftspolitischer Vorstellungen.

„Das können wir uns nicht mehr leisten“ – wie Zustimmung organisiert wird – zur politischen Wirksamkeit scheinbar selbstverständlicher ökonomischer Aussagen.

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