Neoliberalismus als ideologisches Element kultureller Hegemonie

Wie wird eine ökonomische Doktrin zu einem kulturellen Common Sense, der soziale Realität strukturiert, ohne sich als Ideologie auszugeben.

Detlef Endeward (02/2026)

Der Neoliberalismus wird häufig als ökonomisches oder wirtschaftspolitisches Projekt verstanden: als Bündel von Maßnahmen wie Deregulierung, Privatisierung, Marktöffnung und Abbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme. Eine solches Verständnis greift jedoch zu kurz. Seit den 1970er Jahren hat sich der Neoliberalismus nicht nur als wirtschaftspolitische Doktrin etabliert, sondern als umfassende gesellschaftliche Rationalität, die Wahrnehmungen, Selbstbilder, moralische Kategorien und Alltagspraktiken prägt. Seine besondere Wirkmacht entfaltet er dadurch, dass er hegemonial im Sinne Antonio Gramscis geworden ist: Er erscheint nicht als eine unter mehreren möglichen Weltdeutungen, sondern als selbstverständlicher „gesunder Menschenverstand“ (Gramsci 1991).

Grundmechanismus:
Vom ökonomischen Programm zum kulturellen „Normalverstand“

Den Übergang von einem ökonomischen Programm zu einem kulturellen „Normalverstand“ gestalten vier miteinander verschränkte Mechanismen: die Naturalisierung von Marktlogiken, die Individualisierung sozialer Probleme, die moralische Aufladung von Effizienz und Wettbewerb sowie die Delegitimierung kollektiver Akteure. Zusammengenommen erklären sie, warum neoliberale Denkweisen auch dort fortwirken, wo ihre materiellen Folgen zunehmend kritisch erlebt werden.

Kulturelle Hegemonie und neoliberale Rationalität

Gramsci verstand Hegemonie als die Fähigkeit einer gesellschaftlichen Gruppe, ihre Weltsicht als allgemein gültig durchzusetzen, sodass sie nicht mehr als partikular, sondern als selbstverständlich erscheint (Gramsci 1991). Herrschaft stabilisiert sich demnach nicht primär durch Zwang, sondern durch Zustimmung. Neoliberalismus kann aus dieser Perspektive als hegemoniales Projekt begriffen werden, das ökonomische Prinzipien in kulturelle Selbstverständlichkeiten übersetzt.

Michel Foucault hat diesen Gedanken in seinen Vorlesungen zur Gouvernementalität weitergeführt. Für ihn ist der Neoliberalismus weniger eine Ideologie als eine spezifische „Regierungsrationalität“, die das Verhältnis von Staat, Markt und Subjekt neu ordnet (Foucault 2004). Nicht der Rückzug des Staates, sondern dessen aktive Rolle bei der Durchsetzung marktförmiger Logiken ist entscheidend. Neoliberale Macht wirkt dabei vor allem, indem sie Subjekte dazu anhält, sich selbst als Unternehmen zu führen.

Naturalisierung von Marktlogiken

Ein zentraler Mechanismus neoliberaler Hegemonie ist die Naturalisierung des Marktes. Marktmechanismen erscheinen nicht als historisch gewachsene, politisch regulierte Arrangements, sondern als naturähnliche Ordnung: Angebot und Nachfrage wirken wie physikalische Gesetze, denen sich Gesellschaften notgedrungen anpassen müssen. Politische Entscheidungen werden so als bloße Reaktionen auf „Sachzwänge“ dargestellt (Blyth 2013).

David Harvey beschreibt diesen Prozess als „Entpolitisierung“ ökonomischer Fragen. Wenn Märkte als naturgegeben gelten, werden Alternativen – etwa Formen demokratischer Wirtschaftssteuerung – von vornherein als unrealistisch oder gefährlich diskreditiert (Harvey 2005). Diese Naturalisierung verschleiert zugleich Machtverhältnisse: Ungleichheit erscheint als Ergebnis neutraler Marktprozesse, nicht als Folge politischer Entscheidungen.

Pierre Bourdieu hat diese Logik als „ökonomischen Fatalismus“ kritisiert. Der Neoliberalismus, so Bourdieu, produziert eine symbolische Ordnung, in der wirtschaftliche Zwänge als unvermeidlich akzeptiert werden, während ihre sozialen Kosten unsichtbar bleiben (Bourdieu 1998). Der Markt wird damit zur obersten Instanz gesellschaftlicher Rationalität.

Individualisierung sozialer Probleme

Eng verbunden mit der Naturalisierung von Marktlogiken ist die Individualisierung sozialer Probleme. Arbeitslosigkeit, Armut oder Bildungsungleichheit werden im neoliberalen Diskurs primär als Resultat individueller Entscheidungen, mangelnder Anstrengung oder fehlender Anpassungsfähigkeit interpretiert. Strukturelle Faktoren wie Klassenlage, Diskriminierung oder makroökonomische Bedingungen treten in den Hintergrund.

Diese Verschiebung hat weitreichende Folgen für das Selbstverständnis der Subjekte. Wie Ulrich Bröckling zeigt, entsteht das Leitbild des „unternehmerischen Selbst“, das für Erfolg wie Scheitern gleichermaßen verantwortlich gemacht wird (Bröckling 2007). Soziale Risiken werden privatisiert, während gesellschaftliche Verantwortung erodiert.

Wendy Brown argumentiert, dass diese Individualisierung demokratische Kategorien untergräbt. Bürger:innen werden nicht mehr als Träger kollektiver Rechte verstanden, sondern als Humankapital, das in Konkurrenz zu anderen steht (Brown 2015). Soziale Ungleichheit verliert ihren politischen Charakter und wird zur moralischen Bewertung individueller Lebensführung.

Moralische Aufladung von Effizienz und Wettbewerb

Ein weiterer zentraler Mechanismus neoliberaler Hegemonie ist die moralische Aufladung ökonomischer Kategorien. Begriffe wie „Leistung“, „Effizienz“, „Flexibilität“ oder „Wettbewerbsfähigkeit“ fungieren nicht nur als beschreibende Konzepte, sondern als normative Maßstäbe. Wer effizient ist, gilt als tugendhaft; wer scheitert, als moralisch defizitär.

Luc Boltanski und Ève Chiapello haben gezeigt, wie der Kapitalismus seine Legitimität immer wieder erneuert, indem er moralische Rechtfertigungen integriert (Boltanski/Chiapello 2003). Im neoliberalen Diskurs wird Wettbewerb zur Quelle von Innovation, Freiheit und Gerechtigkeit stilisiert, während Solidarität und Umverteilung als ineffizient oder leistungsfeindlich erscheinen.

Diese Moralisierung stabilisiert neoliberale Machtverhältnisse, indem sie Kritik delegitimiert. Wer soziale Absicherung fordert, gilt schnell als verantwortungslos oder rückwärtsgewandt. Ökonomische Effizienz wird so zum höchsten ethischen Prinzip erhoben – mit der Folge, dass soziale und demokratische Werte nachrangig werden.

Delegitimierung kollektiver Akteure

Die genannten Mechanismen kulminieren in der Delegitimierung kollektiver Akteure und Institutionen. Gewerkschaften, Wohlfahrtsstaaten oder öffentliche Dienstleistungen erscheinen im neoliberalen Diskurs als ineffiziente „Bremser“, die individuelle Entfaltung und wirtschaftliches Wachstum behindern. Kollektive Lösungen gelten als Relikte einer überholten Epoche.

Philip Mirowski betont, dass diese Anti-Kollektivität paradox ist: Während der Markt rhetorisch als Ort individueller Freiheit gefeiert wird, benötigt der Neoliberalismus starke institutionelle Arrangements, um sich durchzusetzen (Mirowski 2013). Dennoch wird der Staat vor allem dann legitimiert, wenn er marktkonforme Rahmenbedingungen schafft oder soziale Ansprüche diszipliniert.

Die Folge ist eine schleichende Erosion solidarischer Strukturen. Wenn kollektive Akteure an Legitimität verlieren, wird Widerstand fragmentiert und individualisiert. Gesellschaftliche Konflikte erscheinen nicht mehr als politische Auseinandersetzungen, sondern als persönliche Anpassungsprobleme.

Neoliberaler „Normalverstand“ und das Ende der Alternativen

In der Zusammenschau wird deutlich, dass neoliberale Hegemonie nicht auf der Überzeugungskraft einzelner Argumente beruht, sondern auf der tiefen Verankerung einer bestimmten Weltsicht. Diese Weltsicht definiert, was als rational, realistisch und moralisch gilt – und was nicht. Alternativen erscheinen als irrational, nostalgisch oder utopisch.

Mark Fisher hat diesen Zustand als „kapitalistischen Realismus“ beschrieben: die weit verbreitete Vorstellung, dass es keine Alternative zum bestehenden System gibt (Fisher 2009). Gerade diese Alternativlosigkeit ist jedoch kein Naturzustand, sondern das Resultat kultureller Hegemonie.

Der Neoliberalismus wirkt hegemonial, weil er ökonomische Prinzipien in kulturelle Selbstverständlichkeiten übersetzt. Durch die Naturalisierung von Marktlogiken, die Individualisierung sozialer Probleme, die moralische Aufladung von Effizienz und Wettbewerb sowie die Delegitimierung kollektiver Akteure wird eine spezifische Sicht auf die Welt verankert, die politische Alternativen entwertet. Eine kritische Analyse dieser Mechanismen ist daher Voraussetzung für jede ernsthafte Debatte über gesellschaftliche Alternativen. Denn erst wenn das vermeintlich Selbstverständliche als historisch und politisch kontingent erkannt wird, öffnet sich der Raum für andere Formen des Denkens, Wirtschaftens und Zusammenlebens.


KI-Unterstützung bei der Textüberarbeitung, Recherche nach Belegstellen und Literatur


 

Kulturelle Hegemonie im Kapitalismus

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