25 Jahre Bundesrepublik – 50 Jahre später wieder gelesen

Alexander von Brünnecks „25 Jahre Bundesrepublik – Grundstrukturen ihrer Geschichte“ als Dokument politischer Bildung

Ein Kommentar von Detlef Endeward (25.08.2026)

Alexander von Brünnecks „25 Jahre Bundesrepublik – Grundstrukturen ihrer Geschichte“ erschien im Juni 1974 bei der SOAK Druck- und Verlagskooperative in Wunstorf, herausgegeben von den Jungsozialisten im Bezirk Hannover. Peter von Oertzen stellte der Schrift ein Vorwort voran. Schon diese Entstehungs- und Publikationsbedingungen sind für eine heutige Lektüre bedeutsam. Der Text war weder eine akademische Monografie noch eine bloße parteipolitische Broschüre. Er war ausdrücklich Arbeitsmaterial politischer Bildungsarbeit und sollte zugleich in die politischen und theoretischen Auseinandersetzungen innerhalb und außerhalb der SPD eingreifen.

Fünfzig Jahre später sind deshalb mindestens zwei Ebenen voneinander zu unterscheiden: Was und wie erzählt von Brünneck über die ersten 25 Jahre der Bundesrepublik? Und wie rahmt Peter von Oertzen diese Erzählung? Erst aus dem Zusammenspiel beider Ebenen erschließt sich die Bedeutung der Schrift für eine heutige Beschäftigung mit politischer Bildung und Gesellschaftskompetenz.

1. Von Brünneck erzählt keine neutrale Geschichte der Bundesrepublik

Broschüren-Cover

Schon der Untertitel „Grundstrukturen ihrer Geschichte“ formuliert einen Anspruch, der über eine chronologische Darstellung hinausgeht. Von Brünneck will nicht in erster Linie Ereignisse aneinanderreihen. Er versucht, hinter den Ereignissen gesellschaftliche, politische und ökonomische Strukturen und Interessen sichtbar zu machen.

Seine Erzählung beginnt deshalb nicht 1949 mit der Verkündung des Grundgesetzes, sondern 1945 mit den Besatzungsmächten und den Bedingungen, unter denen sich die spätere Bundesrepublik herausbildete. Die USA erscheinen dabei als bestimmende Macht in den westlichen Besatzungszonen. Ihre Deutschlandpolitik wird in den Zusammenhang ihrer ökonomischen und weltpolitischen Interessen gestellt. Der Marshallplan, die Wiederherstellung privatkapitalistischer Eigentumsverhältnisse und die Westintegration werden nicht als voneinander unabhängige Entwicklungen behandelt, sondern als Bestandteile eines Zusammenhangs.

Damit ist bereits die Perspektive der gesamten Darstellung gesetzt: Die Bundesrepublik erscheint nicht einfach als Ergebnis eines erfolgreichen demokratischen Neubeginns. Ihre Geschichte wird als konflikthafter Prozess gesellschaftlicher Entscheidungen erzählt, in dem unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten bestanden.

Verlorene oder verhinderte Alternativen

Besonders deutlich wird dies im Abschnitt „Die sozialistischen Alternativen“. Von Brünneck rekonstruiert die unmittelbare Nachkriegszeit als eine historische Situation, in der die spätere kapitalistische Wirtschaftsordnung keineswegs selbstverständlich gewesen sei. Sozialistische und gemeinwirtschaftliche Vorstellungen hätten weit über SPD und KPD hinaus gesellschaftliche Resonanz besessen. Als Belege führt er unter anderem die hessische Verfassung, Sozialisierungsforderungen in Nordrhein-Westfalen, das Ahlener Programm der CDU sowie die damalige Programmatik von SPD und Gewerkschaften an.

Die Geschichte wird damit vom Ergebnis her wieder geöffnet. Was 1974 als etablierte Ordnung der Bundesrepublik erscheint, wird auf eine Situation zurückgeführt, in der auch andere Entwicklungen möglich schienen.

Das ist eine der interessantesten Eigenschaften des Textes. Von Brünneck erzählt Geschichte als Geschichte von Möglichkeiten, Entscheidungen, Machtverhältnissen und schließlich durchgesetzten Lösungen.

Allerdings ist auch diese Erzählung perspektivisch. Die Begriffe, mit denen sie arbeitet – „kapitalistische Restauration“, „sozialistische Alternative“, „CDU-Staat“, „Massen“, „kapitalistische Grundstruktur“ – gehören erkennbar zum marxistisch und linkssozialistisch geprägten politischen und wissenschaftlichen Diskurs der frühen 1970er Jahre. Sie strukturieren bereits, was als historisch bedeutsam wahrgenommen wird.

Gerade deshalb sollte man sie heute nicht einfach durch vermeintlich neutralere Begriffe ersetzen. Die Sprache selbst ist eine historische Spur.

2. Eine Geschichte in Phasen

Von Brünneck konstruiert die ersten 25 Jahre der Bundesrepublik als Entwicklungsprozess. Auf die zunächst noch offene Nachkriegssituation folgt die Phase des ökonomischen und politischen Wiederaufbaus. Die „soziale Marktwirtschaft“, Westintegration und parlamentarisch-rechtsstaatliche Ordnung stabilisieren die Bundesrepublik. Zugleich beschreibt er diese Stabilisierung als Zurückdrängung sozialistischer Alternativen.

Der Begriff des „CDU-Staates“ bündelt diese Interpretation. Gemeint ist damit nicht lediglich die lange Regierungszeit der CDU/CSU. Von Brünneck beschreibt ein gesellschaftliches System, in dem ökonomischer Wiederaufbau, Antikommunismus, Westbindung, bestimmte christlich-konservative Wertvorstellungen, politische Autorität und gesellschaftlicher Konformismus miteinander verbunden gewesen seien.

Die 1960er Jahre markieren dann einen erneuten Einschnitt. Wirtschaftliche Veränderungen, Rezession, Studentenbewegung, neue Formen gesellschaftlichen Protestes und die Entspannung des Ost-West-Konfliktes lassen nach seiner Interpretation die ideologischen und politischen Strukturen der Wiederaufbauphase erodieren.

Die sozialliberale Koalition bildet deshalb für ihn eine zweite Phase. Aber auch hier erzählt er keine einfache Fortschrittsgeschichte. SPD und FDP modernisieren nach seiner Interpretation die bestehende Gesellschaft und integrieren gesellschaftlichen Protest. Die grundlegenden ökonomischen und politischen Strukturen bleiben bestehen.

Gerade am Schluss wird der politische Standort des Textes besonders sichtbar. Von Brünneck sieht innerhalb von SPD und teilweise FDP zugleich politische Kräfte, die längerfristig gesellschaftliche Veränderungen ermöglichen könnten. Die Geschichte endet deshalb 1974 offen: Eine „dritte Phase“ der Bundesrepublik erscheint möglich, ist aber noch nicht entschieden.

Der Text ist damit historische Analyse und politische Intervention zugleich.

3. Peter von Oertzen rahmt den Text bemerkenswert offen

Für die heutige Lektüre ist das kurze Vorwort Peter von Oertzens fast ebenso interessant wie die Studie selbst.

Von Oertzen war zu diesem Zeitpunkt nicht irgendein sympathisierender Wissenschaftler. Er gehörte zu den profilierten Vertretern des linken Flügels der Sozialdemokratie, war seit 1970 Vorsitzender des SPD-Bezirks Hannover und seit 1973 Mitglied des SPD-Parteivorstandes. Bei Erscheinen der Broschüre im Juni 1974 endete gerade seine Amtszeit als niedersächsischer Kultusminister.

Damit erhält sein Vorwort zusätzliches Gewicht. Hier legitimiert ein führender sozialdemokratischer Politiker und Wissenschaftler eine Schrift der innerparteilichen Bildungsarbeit, deren Interpretation der Geschichte der Bundesrepublik erheblich über die damalige Regierungspolitik der SPD hinausgeht.

Bemerkenswert ist dabei, wie er dies tut.

Von Oertzen erklärt von Brünnecks Darstellung gerade nicht zur verbindlichen Interpretation. Er begrüßt vielmehr den Versuch, eine häufig mit „großen Schlagworten“, aber ohne ausreichende Sachkenntnis geführte Diskussion durch historische Arbeit zu qualifizieren. Zugleich stellt er ausdrücklich fest, dass auch diese Studie „der Kritik und der Ergänzung“ bedürfe. Er selbst werde als politisch Handelnder und Wissenschaftler keineswegs allen Thesen zustimmen.

Das ist mehr als eine höfliche Distanzierung.

Es formuliert ein bestimmtes Verständnis politischer Bildung: Der Text soll nicht die richtige Auffassung vermitteln, sondern Material für eine sachlich fundierte politische Auseinandersetzung bereitstellen.

Von Oertzen fordert die jüngeren Genossen ausdrücklich dazu auf, sich „selbständig und kritisch“ mit der Geschichte der Partei und den politischen Verhältnissen auseinanderzusetzen. Am Ende wünscht er der Schrift nicht möglichst viele überzeugte, sondern „viele aufmerksame und kritische Leser“.

Das ist der entscheidende Punkt seines Framings.

4. Innerparteiliche Bildung – aber nicht innerparteiliche Selbstbestätigung

Damit dokumentiert die Broschüre zugleich eine heute bemerkenswerte Form sozialdemokratischer Bildungsarbeit.

Parteiinterne Bildung bedeutete hier nicht, Beschlüsse der Parteiführung didaktisch aufzubereiten und an die Mitgliedschaft weiterzugeben. Sie sollte theoretische und historische Kenntnisse bereitstellen, mit deren Hilfe auch die Politik der eigenen Partei kritisiert werden konnte.

Gerade von Brünnecks Interpretation der sozialliberalen Regierung zeigt das. Die seit 1969 von der SPD geführte Bundesregierung erscheint keineswegs als Erfüllung sozialistischer Reformhoffnungen. Von Brünneck bezeichnet den neuen „SPD-Staat“ vielmehr zugespitzt als „Vollstrecker des alten CDU-Staates“ und sieht vielfach lediglich eine historisch modernisierte Fortsetzung bisheriger Politik.

Dass ein SPD-Bezirksvorsitzender und amtierender beziehungsweise gerade aus dem Amt scheidender Kultusminister einen solchen Text nicht abwehrt, sondern als Gegenstand kritischer Bildungsarbeit empfiehlt, ist aus heutiger Sicht vielleicht mindestens so bemerkenswert wie die historische Interpretation selbst.

Dabei darf diese Bildungspraxis nicht idealisiert werden. Auch sie besaß ihre theoretischen Gewissheiten, ihre Begriffe und ihre politischen Erwartungshorizonte. Die marxistisch beeinflusste Analyse liefert nicht nur Fragen, sondern strukturiert mögliche Antworten erheblich vor. Auch „kritische Bildung“ besitzt einen historischen Standort.

Aber genau deshalb ist die Broschüre heute so ergiebig.

5. Politische Bildung sollte über die Organisation hinauswirken

Die SOAK-Publikation verweist zugleich auf ein Verständnis von Bildungsarbeit, das die Grenze zwischen innerparteilicher Schulung und gesellschaftlicher Öffentlichkeit durchlässig machte. Die Mitglieder sollten befähigt werden, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge zu analysieren; diese Analysefähigkeit sollte aber nicht innerhalb der Organisation verbleiben.

Das entsprach einer Zeit, in der politische Bildung, theoretische Diskussion und politische Praxis enger miteinander verbunden gedacht wurden. Die Auseinandersetzung über Geschichte war zugleich eine Auseinandersetzung über gegenwärtige und zukünftige Handlungsmöglichkeiten.

Von Brünnecks Schrift fragt deshalb letztlich nicht nur: Wie ist die Bundesrepublik geworden, was sie 1974 ist? Sie fragt zugleich: Welche Alternativen bestanden, warum setzten sie sich nicht durch, welche gesellschaftlichen Kräfte verhinderten oder ermöglichten Veränderungen – und welche Möglichkeiten bestehen weiterhin?

Damit wird historische Erkenntnis unmittelbar politisch.

6. Fünfzig Jahre später: Die Antworten sind historisch – die Fragen erstaunlich aktuell

Aus heutiger Sicht müssen zahlreiche Einzelinterpretationen von Brünnecks anhand der inzwischen sehr viel breiteren Forschung zur Besatzungszeit, zum Kalten Krieg, zur Geschichte der Bundesrepublik, zur DDR, zur Sozialgeschichte und zur internationalen Politik überprüft und teilweise erheblich differenziert werden.

Das mindert den Wert des Textes nicht. Denn für eine heutige Lektüre ist vielleicht gerade die Unterscheidung wichtig:

Seine Antworten gehören in das Jahr 1974. Viele seiner Fragen reichen darüber hinaus.

Wer bestimmt, welche gesellschaftlichen Entwicklungen als alternativlos erscheinen? Welche nicht verwirklichten Möglichkeiten verschwinden aus der historischen Erinnerung? Wie hängen politische Entscheidungen, ökonomische Interessen und internationale Machtverhältnisse zusammen? Wie entsteht gesellschaftliche Zustimmung? Welche Bedeutung besitzen Medien, politische Sprache und Feindbilder? Wann stabilisieren Reformen bestehende Verhältnisse, wann verändern sie deren Struktur? Und unter welchen Bedingungen kann aus gesellschaftlichen Widersprüchen politisches Handeln entstehen?

Das sind keine ausschließlich marxistischen Fragen. Es sind Fragen nach gesellschaftlichen Zusammenhängen.

7. Bedeutung für Gesellschaftskompetenz heute

Gerade darin lässt sich die Broschüre heute neu lesen.

Gesellschaftskompetenz würde nicht bedeuten, von Brünnecks Interpretation zu übernehmen. Ebenso wenig bestünde sie darin, sie mit dem heutigen Forschungsstand einfach zu widerlegen. Produktiver wäre es, den Text selbst als historische Spur gesellschaftlicher Selbstverständigung zu behandeln.

Dann entstehen mehrere Ebenen gleichzeitig:

Wir untersuchen die Bundesrepublik von 1945 bis 1974. Wir untersuchen, wie ein linkssozialistischer Autor 1974 diese Geschichte deutete. Wir untersuchen, welche theoretischen Kategorien seine Wahrnehmung strukturierten. Wir fragen, welche Alternativen er sichtbar machte und welche möglicherweise außerhalb seines Blickfeldes blieben. Und wir untersuchen mit von Oertzens Vorwort ein Verständnis politischer Bildung, das Kritik nicht als Störung, sondern als Voraussetzung politischer Urteilsbildung betrachtete.

Damit verschiebt sich auch die Frage nach der „Aktualität“ des Textes.

Aktuell ist nicht die Aufforderung, seine Interpretation der Bundesrepublik fünfzig Jahre später zu übernehmen. Aktuell ist eine Bildungspraxis, die Menschen dazu auffordert, gesellschaftliche Wirklichkeit historisch zu erschließen, Interessen und Machtverhältnisse sichtbar zu machen, konkurrierende Deutungen zu prüfen, die eigenen theoretischen Voraussetzungen zu reflektieren und trotz unabgeschlossener Erkenntnis politisch urteils- und handlungsfähig zu werden.

Von Oertzens Aufforderung zu einer „selbständigen und kritischen“ Beschäftigung bekommt unter dieser Perspektive eine überraschend gegenwärtige Bedeutung.

Die Broschüre von 1974 liefert uns deshalb heute keine Gebrauchsanweisung für die Bundesrepublik des Jahres 2026. Sie zeigt etwas anderes: Politische Bildung kann einen Raum schaffen, in dem Geschichte nicht zur Legitimation der Gegenwart erzählt wird, sondern dazu dient, deren Gewordenheit, Widersprüche und Veränderbarkeit überhaupt erst wieder sichtbar zu machen.

Gerade darin liegt – fünfzig Jahre später wieder gelesen – ihre bleibende Bedeutung.

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