Der Holocaust im deutschen Nachkriegsspielfilm
Filmszene aus LANG IST DER WEG
Formen der Darstellung, erinnerungskulturelle Funktionen und zeitgenössische Rezeption
Detlef Endeward (02/2022, aktualisiert 03/2026)
Die filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland stellt ein komplexes Spannungsfeld zwischen künstlerischer Darstellung, politischer Rahmung und gesellschaftlicher Verdrängung dar. Zwischen 1945 und 1949 entstanden in den vier Besatzungszonen insgesamt 84 Spielfilme, von denen 10 Filme Motive der Verfolgung, des Antisemitismus und der jüdischen Erfahrung aufgriffen. Die verbreitete Annahme, die deutsche Nachkriegsgesellschaft habe die NS-Verbrechen zunächst vollständig verdrängt, wird durch diese Filme zumindest teilweise relativiert. Zugleich zeigen die Produktionen, wie begrenzt die Bereitschaft des Publikums war, sich mit Schuld und Verantwortung auseinanderzusetzen. Die Nachkriegsfilme bilden damit ein frühes, ambivalentes Kapitel deutscher Erinnerungskultur.
Historischer Kontext: Zwischen Zusammenbruch, Besatzung und Neuorientierung
Die Jahre 1945 bis 1949 waren geprägt von politischer Neuordnung, materieller Not und moralischer Orientierungslosigkeit. Die Filmproduktion lag zunächst brach, wurde aber bald von den Alliierten als Medium der Demokratisierung und Reeducation gefördert. Besonders die sowjetische Besatzungsmacht unterstützte Filme, die sich kritisch mit Faschismus und Antisemitismus auseinandersetzten. Gleichzeitig entstanden im Westen Produktionen, die stärker auf individuelle Schicksale und moralische Konflikte fokussierten.
Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust fand in dieser Zeit „in sehr unterschiedlicher Form“ stattfand – sowohl in DEFA-Filmen als auch in westdeutschen Produktionen.
Thematische Zugänge: Jüdische Erfahrung, Verfolgung und Nachwirkungen
- Jüdische Perspektiven und Überlebensgeschichten
Drei Filme der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählen explizit aus jüdischer Perspektive und damit ein Panorama von Exil, Verfolgung und Überleben eröffneten:
- LANG IST DER WEG (1947/48, R.: Herbert B. Fredersdorf/Marek Goldstein) beschreibt den weg jüdischer Überlebender von der Verfolgung, Fluch und dem im Transit eines DP-Camps
- MORITURI (1948, R.: Eugen York) erzählt von einer Gruppe jüdischer Verfolgter im Waldversteck am Kriegsende
- DER RUF (1949, R.: Josef von Baky) erzählt von Remigration eines jüdischen Professors und Antisemitismus der Nachkriegszeit
Diese Filme entstanden häufig auf Initiative jüdischer Überlebender wie Israel Becker, Artur Brauner oder Fritz Kortner, die ihre Erfahrungen filmisch verarbeiten wollten. Martina Thiele betont, dass ohne diese Impulse viele dieser Produktionen nicht realisiert worden wären.
- Verfolgung und Selbsttötung als Konsequenz des NS-Terrors
Ein weiteres Motiv ist der Suizid als letzter Ausweg vor Deportation und Ermordung. Besonders eindrücklich zeigt dies der Film EHE IM SCHATTEN (Kurt Maetzig, 1947), der an die reale Geschichte des Schauspielerpaares Joachim und Meta Gottschalk anknüpft. Das Paar sah nur den Weg, sich der Deportation der jüdischen Ehefrau durch den gemeinsamen Suizid zu entziehen.
Auch IN JENEN TAGEN (Episode 3) und ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN greifen dieses Motiv auf und deuten die existenzielle Ausweglosigkeit der Verfolgten an.
- Gesellschaftliche Ursachen: Antisemitismus, Nationalismus, Kapitalismus
Einige Filme analysieren die beschäftigen sich auch mit strukturellen Ursachen des Holocaust:
- AFFAIRE BLUM thematisiert deutschnationalen und antidemokratischen Antisemitismus bereits ind er Zeit der Weimarer Republik
- RAT DER GÖTTER verknüpft faschistische Gewalt mit kapitalistischen Produktionsverhältnissen.
- DIE BUNTKARRIERTEN und ROTATION zeigen die ideologische Verführungskraft des Faschismus.
Narrative Strategien und Darstellungsgrenzen
Holocaust als Teil einer „Gesamtkatastrophe“
Ein zentrales Problem vieler Filme ist die Tendenz, die spezifische Vernichtung der europäischen Juden in eine allgemeine Katastrophenerzählung einzubetten:
„Das, was wir heute Holocaust nennen […] wird in diesen Filmen zwar erwähnt, allerdings nicht erklärt und nicht dargestellt.“ (Thiele, S. 92)
Stattdessen erscheinen NS-Diktatur, Krieg und Holocaust eher als ein und dieselbe „Gesamtkatastrophe“, wodurch die Unterschiede zwischen Tätern, Opfern und Mitläufern verschwimmen.
Flucht ins Private
Viele Filme verlagern die Handlung in private Räume und individuelle Konflikte. Dadurch wird zwar das Leid der Verfolgten sichtbar, aber die politische Dimension der Vernichtung bleibt oft unscharf. Die „Fluchtbewegung ins Private“, verhindert gleichwohl nicht, dass Krieg und Massenmord thematisiert werden.
Identifikationsangebote und moralische Entlastung
Thiele weist darauf hin, dass Filme besonders erfolgreich waren, wenn sie „eindeutige Identifikationsangebote mit den unschuldigen Opfern oder heldenhaft Widerstand Leistenden“ boten. Fragen nach Schuld und Verantwortung hingegen stießen eher auf Ablehnung.
Rezeption: Ablehnung, Boykott und Verdrängung
Die zeitgenössische Reaktion des Publikums war überwiegend negativ. Viele Filme wurden „schlicht ignoriert“, einige sogar „offen boykottiert“.
Die Gründe dafür sind vielfältig:
- Überforderung angesichts der eigenen Verstrickung in NS-Strukturen
- Wunsch nach Normalisierung und Ablenkung vom Kriegsalltag
- Abwehr von Schuldzuschreibungen
- Antisemitische Kontinuitäten in Teilen der Bevölkerung
Besonders Filme, die explizit Schuldfragen stellten – etwa MORITURI – stießen auf Widerstand. Fragen nach Verantwortung führten dazu, dass die Aufführung gestört wurden oder dass Zuschauer „gar nicht erst ins Kino“ gingen. (siehe dazu insbesondere Thiele am Beispiel des Films MORITURI)
Erinnerungskulturelle Bedeutung heute
Die Auseinandersetzung mit diesen Filmen ist heute in mehrfacher Hinsicht lohnend“:
Als filmische Geschichtserzählung
Sie dokumentieren Perspektiven von Menschen, die die Verbrechen gerade erst erlebt oder überlebt hatten. Damit sind sie unmittelbare Zeugnisse der frühen Auseinandersetzung mit dem Holocaust.
Als Spiegel der zeitgenössischen Mentalität
Die Reaktionen des Publikums geben Aufschluss über die Bereitschaft – oder das Unvermögen – der Deutschen, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Die Filme fungieren somit als historische Quellen zweiter Ordnung: Sie erzählen nicht nur über den Holocaust, sondern auch über die frühen Formen des Vergessens, Verdrängens und Aushandelns von Erinnerung. Sie sind damit:
Ambivalente Zeugnisse einer frühen Erinnerungskultur
Die deutschen Nachkriegsspielfilme der Jahre 1945–1949 zeigen, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust keineswegs erst in den 1960er Jahren begann. Vielmehr existierte unmittelbar nach Kriegsende ein bemerkenswertes filmisches Interesse an jüdischen Erfahrungen, Verfolgung und Überleben. Gleichzeitig offenbaren die Filme deutliche Grenzen: die Tendenz zur Entpolitisierung, die Vermeidung klarer Schuldzuweisungen und die Einbettung des Holocaust in eine allgemeine Katastrophenerzählung.
Die ablehnende Rezeption zeigt, wie schwer sich die deutsche Gesellschaft mit der Anerkennung der eigenen Verantwortung tat. Gerade deshalb sind diese Filme heute wertvolle Quellen – nicht nur über den Holocaust, sondern über die frühen Mechanismen des Vergessens und die mühsame Entstehung einer kritischen Erinnerungskultur.
Und sie sind Filme gegen das Vergessen
Dazu zwei Einschätzungen:
Vielfach besteht der Eindruck, die Nachkriegszeit sei vor allem durch das Beschweigen der jüngsten Vergangenheit geprägt gewesen.
Doch in den Jahren unmittelbar nach Ende des 2. Weltkriegs sind in Deutschland einige Filme entstanden, die sich mit der Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Europa befassten und in diesem Kontext von jüdischer Erfahrung erzählten: Der von Fritz Kortner geschriebene Film DER RUF (1949, Regie: Josef von Baky) über die Remigration eines Professors, der sich mit dem Antisemitismus der Nachkriegszeit auseinandersetzen muss und daran letztlich stirbt, zeigt nicht nur ein Panorama der Perspektiven von Exilant*innen und die Mehrsprachigkeit des Exils, sondern auch die Schattierungen von Täter*innen- und Mitläufer*innenschaft in Deutschland – wobei sich das tragische Ende im internationalen Verleihtitel THE LAST ILLUSION weitaus stärker andeutet; auch der von Artur Brauner produzierte Film MORITURI (1948, Regie: Eugen York) über eine Gruppe im Wald Versteckter am Ende des 2. Weltkriegs sei hier erwähnt; ebenfalls der DEFA-Film EHE IM SCHATTEN (1947, Regie: Kurt Maetzig), in dem angelehnt an die Geschichte Joachim und Meta Gottschalks von einem Schauspieler*innenehepaar erzählt wird, das sich der fortschreitenden Verfolgung und drohenden Deportation der jüdischen Frau nur durch den gemeinsamen Suizid entziehen kann; oder schließlich die jiddischsprachige Produktion LANG IST DER WEG (1947/48, REGIE: Herbert B. Fredersdorf, Marek Goldstein), die jüdische Überlebende im Transit eines DP-Camps zeigt – um nur einige Beispiele zu nennen.
Das, was wir heute Holocaust nennen (…) wird in diesen Filmen zwar erwähnt, allerdings nicht erklärt und nicht dargestellt.
Nationalsozialismus, Krieg und Massenmord werden trotz der Fluchtbewegungen ins Private thematisiert, doch vermitteln die Filme vor allem ein Bild von den Deutschen als Schicksalsgemeinschaft. Das, was wir heute Holocaust nennen, also der staatlich organisierte und von Deutschen ausgeführte bzw. akzeptierte Mord an den Juden, wird in diesen Filmen zwar erwähnt, allerdings nicht erklärt und nicht dargestellt. In manchen Filmen erscheinen Nazi-Diktatur, Krieg und Holocaust als Gesamtkatastrophe, die über die Menschheit gekommen ist. Die Unterschiede zwischen Tätern, Opfern und Mitläufern verschwimmen. (S. 92)
(..)
In immerhin neun Nachkriegsfilmen von insgesamt siebenundvierzig zwischen Mai 1945 und Dezember 1948 entstandenen Produktionen gibt es jüdische Figuren und werden Antisemitismus und Verfolgung thematisiert. Zu einem großen Teil ist das auf die Initiative jüdischer Überlebender wie Israel Becker, Artur Brauner oder Fritz Kortner zurückzuführen oder auf die besondere Förderung dieser Projekte durch engagierte Filmpolitiker unter den Alliierten. Erfolgreich waren diese Filme um so mehr, als sie eindeutige Identifikationsangebote mit den unschuldigen Opfern oder heldenhaft Widerstand Leistenden anboten. Die noch so vorsichtig gestellten Fragen nach Schuld und Verantwortung aber wollten die meisten Zuschauer nicht hören. Sie störten wie im Fall von MORITURI die Aufführung – oder gingen gar nicht erst ins Kino. (S. 94)
aus: Martina Thiele: Publizistische Kontroversen über den Holocaust im Film. Dissertation an der Georg-August-Universität zu Göttingen, Göttingen 2001, S. 94
Literatur
NS-Vergangenheit und Holocaust in den Medien. Eine Auswahlbibliographie, zusammengestellt von Jan-Holger Kirsch, Jens Müller-Bauseneik, Robert Skwirblies)
Aschenbach, Michael: Holocaust und Film. Die Rezeption populärer Spielfilme über die Shoah in der Bundesrepublik Deutschland und ihr Einfluss auf die Erinnerungskultur. Magisterarbeit am Historischen Seminar der Universität Hannover 2004
Autorengruppe Nachkriegsspielfilme: Spielfilme der Nachkriegszeit als Quelle ihrer Gegenwart. (unveröffentl. Manuscript 1992)
Die Vergangenheit in der Gegenwart. Konfrontationen mit den Folgen des
Holocaust im deutschen Nachkriegsfilm. Hrsg. vom Deutschen Filminstitut-DIF e.V., Frankfurt am Main 2001
Frieß, Jörg: Martina Thiele: Publizistische Kontroversen über den Holocaust im Film. In: MEDIENwissenschaft: Rezensionen | Reviews, Jg. 19 (2002), Nr. 4, S. 521–524. DOI: https://doi.org/10.17192/ep2002.4.2079.
Kugelmann, Cilly (1996): „Lang ist der Weg“. Eine jüdisch-deutsche Film-Kooperation. In: Auschwitz. Geschichte, Rezeption und Wirkung. Jahrbuch 1996 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, herausgegeben von Fritz Bauer Institut, Campus, Frankfurt am Main 1996.
Thiele, Martina (2001): Publizistische Kontroversen über den Holocaust im Film. Dissertation an der Georg-August-Universität zu Göttingen, Göttingen 2001
Wagener, Sybil (2022) Der Holocaust im deutschen Nachkriegsfilm, Das literarische Drehbuch, 16. März 2022
Inszenierung des Alltags im Faschismus
Der Krieg: Schicksal und menschliches Leid
Der Holocaust im deutschen Nachkriegsspielfilm
Politische Verfolgung und Widerstand
Aus der Geschichte lernen









