Wenn die alte Erzählung nicht mehr trägt
Sachsen-Anhalt als Moment einer hegemonialen Verschiebung – eine vorläufige Deutung mit Negt und Freire
Detlef Endeward (07.09.2026)*
Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist kein Einzelereignis.
Man kann sie als außergewöhnliches Wahlergebnis betrachten, nach Besonderheiten des Landes fragen, nach Ost und West, Stadt und Land, Alter, Geschlecht, Migration, Kandidaten und Wählerwanderungen. Das alles ist notwendig.
Aber möglicherweise sieht man gerade deshalb zu wenig, wenn man zu nahe an Sachsen-Anhalt bleibt.
Denn das Ergebnis lässt sich in eine längere Entwicklung einordnen: zurückliegende Landtagswahlen, Bundestags- und Europawahlen, wachsende Bindungsschwäche der traditionellen Parteien, Vertrauensverluste gegenüber politischen Institutionen und Medien und die zunehmende Stärke rechter und autoritärer Deutungsangebote.
Vielleicht erleben wir nicht einfach eine Serie ungewöhnlicher Wahlergebnisse.
Vielleicht werden Risse in einer bisher hegemonialen gesellschaftlichen Erzählung sichtbar.
Eine Erzählung verliert ihre Überzeugungskraft
Über Jahrzehnte konnte eine bestimmte Erzählung gesellschaftliche Hegemonie beanspruchen.
Marktwirtschaft schafft Wohlstand. Wirtschaftswachstum ermöglicht sozialen Ausgleich. Internationale Wettbewerbsfähigkeit sichert Arbeitsplätze. Unternehmen müssen erfolgreich sein, damit es den Beschäftigten gut gehen kann. Globalisierung schafft Chancen. Wenn Reformen schmerzhaft sind, sind sie dennoch notwendig. Der Staat kann nicht alles finanzieren. Jeder muss mehr Eigenverantwortung übernehmen. Politik besteht wesentlich darin, unter gegebenen Bedingungen das Machbare zu tun.
Man könnte diese Erzählung als Verbindung von neoliberaler Gesellschaftsdeutung und realpolitischem Pragmatismus bezeichnen.
Sie war gerade deshalb hegemonial, weil sie weit über diejenigen hinausreichte, die sich selbst als neoliberal verstanden. Ihre Grundannahmen wanderten tief in die politische Mitte und teilweise auch in sozialdemokratische, grüne und gewerkschaftliche Argumentationen ein.
Bestimmte Entscheidungen erschienen dadurch irgendwann kaum noch als politische Entscheidungen.
Sie erschienen als Sachzwänge.
Aber die Erfahrungen passen immer weniger zur Erzählung
Genau hier könnte etwas ins Rutschen geraten sein.
Wenn Menschen über Jahrzehnte hören, wirtschaftlicher Erfolg sichere ihren Wohlstand, zugleich aber trotz hoher Produktivität und Unternehmensgewinnen um ihre Arbeitsplätze fürchten, entsteht ein Widerspruch.
Wenn ihnen gesagt wird, Deutschland sei eines der reichsten Länder der Welt, sie gleichzeitig aber marode Schulen, fehlende Ärzte, Pflegenotstand, unbezahlbare Wohnungen und eine unzuverlässige Bahn erleben, entsteht ein Widerspruch.
Wenn längeres Arbeiten notwendig sein soll, während Beschäftigte gleichzeitig vorzeitig aus Unternehmen gedrängt werden, entsteht ein Widerspruch.
Wenn Politik ständig Handlungsfähigkeit verspricht, aber bei Werksschließungen, Mietentwicklungen oder Unternehmensentscheidungen regelmäßig auf Märkte, internationale Konkurrenz und wirtschaftliche Sachzwänge verweist, entsteht ein Widerspruch.
Vielleicht liegt hier eine tiefere Ursache des Vertrauensverlustes.
Nicht weil die Menschen die Erzählung nicht mehr verstehen.
Sondern weil Erzählung und Erfahrung zunehmend auseinanderfallen.
Hier kommt der Eigensinn ins Spiel
An diesem Punkt wird Oskar Negt interessant.
Menschen sind keine leeren Gefäße, in die Politik und Medien beliebige Deutungen hineingießen können. Sie machen Erfahrungen. Sie vergleichen das Gesagte mit dem Erlebten. Sie entwickeln daraus ihren eigenen Sinn.
Dieser Eigensinn kann lange unsichtbar bleiben.
Menschen funktionieren weiter, gehen arbeiten, bezahlen ihre Rechnungen, wählen die gewohnten Parteien und arrangieren sich mit Verhältnissen, die sie gleichzeitig als widersprüchlich erleben.
Aber irgendwann kann der Punkt erreicht sein, an dem die hegemoniale Erklärung nicht mehr ausreicht.
Dann entstehen Risse.
Das bedeutet noch keine Emanzipation.
Es bedeutet zunächst nur:
Die alte Geschichte wird nicht mehr geglaubt.
Genau hier entsteht ein offener Raum
Und nun wird die Frage entscheidend:
Wer füllt diesen Raum mit einer neuen Erzählung?
Theoretisch könnten aus der Erfahrung gesellschaftlicher Widersprüche emanzipatorische Fragen entstehen:
- Warum können wir über einen Bürgermeister abstimmen, aber nicht darüber, ob unser größter Arbeitgeber den Standort schließt?
- Warum ist gesellschaftlicher Reichtum vorhanden, während öffentliche Infrastruktur verfällt?
- Wer entscheidet über Investitionen?
- Wem gehören Wohnungen, Betriebe und Boden?
- Warum werden Unternehmensinteressen regelmäßig als „Standortinteressen“ zu Interessen der gesamten Gesellschaft erklärt?
- Warum können gesellschaftlich produzierte Möglichkeiten nicht gesellschaftlich kontrolliert werden?
Das wären Fragen, die den bestehenden hegemonialen Rahmen verlassen.
Und genau deshalb sind sie schwierig.
Die rechte Erzählung hat es leichter
Die neue rechte Erzählung muss diesen Bruch nämlich gar nicht vollständig vollziehen.
Das könnte einer der entscheidenden Gründe für ihre gegenwärtige Stärke sein.
Sie kann unmittelbar an vorhandene hegemoniale Vorstellungen anschließen.
Wenn jahrzehntelang von internationaler Konkurrenz gesprochen wurde, muss daraus nur schärfer werden:
Deutschland zuerst.
Wenn Wettbewerbsfähigkeit zum zentralen Maßstab geworden ist, muss man nicht nach der Logik des Wettbewerbs fragen. Man kann fordern:
Wir müssen uns gegen die anderen durchsetzen.
Wenn Migration schon innerhalb der politischen Mitte zunehmend als Belastungs-, Begrenzungs- und Sicherheitsproblem diskutiert wird, muss die Rechte keinen völlig neuen Frame schaffen.
Sie muss den vorhandenen nur verschieben und radikalisieren.
Wenn Sozialpolitik bereits unter dem Gesichtspunkt betrachtet wird, was „wir uns noch leisten können“, ist der Schritt zu:
Warum bezahlen wir für die anderen?
nicht besonders groß.
Wenn Politik immer häufiger Sicherheit, Kontrolle, Abschiebung, Grenzschutz, Wettbewerbsfähigkeit und nationale Interessen ins Zentrum stellt, existiert ein Teil des sprachlichen und gedanklichen Materials der rechten Erzählung bereits innerhalb des hegemonialen Diskurses.
Die Rechte muss dann nicht unbedingt eine völlig neue Geschichte erfinden.
Sie kann die vorhandene Geschichte nationalisieren, ethnisieren, autoritär zuspitzen und radikalisieren.
Die Übernahme rechter Positionen besitzt deshalb eine paradoxe Wirkung
Wenn etablierte Parteien auf den Aufstieg rechter Parteien reagieren, indem sie Teile ihrer Forderungen übernehmen, hoffen sie, ihnen Wähler zu entziehen.
Möglicherweise geschieht aber zugleich etwas anderes.
Sie normalisieren den zugrunde liegenden Deutungsrahmen.
Wenn beispielsweise immer mehr Parteien Migration primär als Sicherheits- und Begrenzungsproblem behandeln, lautet der politische Konflikt irgendwann nicht mehr:
Ist Migration tatsächlich die zentrale Ursache dieser gesellschaftlichen Probleme?
Sondern nur noch:
Wer begrenzt Migration konsequenter?
Dann hat sich der Frame bereits verschoben.
Die radikalere Partei besitzt darin einen strukturellen Vorteil.
Denn wenn das Problem tatsächlich so definiert wird, warum sollte man die gemäßigte Variante wählen?
Die emanzipatorische Erzählung hat es ungleich schwerer
Eine emanzipatorische Alternative kann dagegen nicht einfach dieselbe Geschichte etwas stärker erzählen.
Sie müsste mit wesentlichen Teilen der hegemonialen Deutung brechen.
Sie müsste sagen:
Nicht alles, was als Sachzwang erscheint, ist ein Sachzwang.
Wirtschaft ist kein von Gesellschaft und Demokratie unabhängiger Bereich.
Eigentum ist eine gesellschaftliche Machtbeziehung.
Die Verteilung gesellschaftlichen Reichtums ist politisch.
Demokratie darf nicht am Werkstor enden.
Menschen sind nicht lediglich Arbeitskräfte, Konsumenten, Steuerzahler und Wähler, sondern mögliche Subjekte gesellschaftlicher Gestaltung.
Das ist eine erheblich größere Zumutung.
Denn damit verschwinden die einfachen Antworten.
Und hier greift Freire
Paulo Freires Denken hilft zu verstehen, warum aus dem Zerbrechen einer alten Hegemonie keineswegs automatisch Emanzipation folgt.
Freiheit ist nicht einfach angenehm.
Freiheit bedeutet Verantwortung.
Sie bedeutet, dass die Welt nicht fertig ist.
Sie bedeutet, dass niemand garantieren kann, wie eine andere Gesellschaft genau aussehen wird.
Eine emanzipatorische Politik kann deshalb ehrlicherweise kein fertiges Bild liefern.
Sie kann sagen:
Wir müssen gemeinsam herausfinden, wie wir leben wollen.
Das klingt wesentlich unsicherer als:
Wir stellen die Ordnung wieder her.
Sicherheit und Ordnung haben ein fertiges Bild
Genau darin könnte die enorme psychologische und politische Stärke autoritärer Angebote liegen.
Sie behaupten zu wissen, wie die Welt aussehen soll.
Grenzen sind wieder Grenzen.
Männer sind Männer.
Frauen sind Frauen.
Deutschland ist Deutschland.
Der Staat ist stark.
Die Polizei sorgt für Ordnung.
Wer dazugehört, ist eindeutig.
Wer nicht dazugehört, ebenfalls.
Die Vergangenheit erscheint übersichtlich, die Zukunft als Wiederherstellung einer vermeintlich verlorenen Normalität.
Das ist ein fertiges Bild.
Eine emanzipatorische Zukunft besitzt dieses fertige Bild nicht.
Sie kann es nicht besitzen, weil eine demokratisch hervorgebrachte Zukunft erst durch die Menschen entstehen müsste, die sie gestalten.
Die Furcht vor der Freiheit
Damit erhält Freires Gedanke eine besondere Aktualität.
Menschen können sich aus einer hegemonialen Deutung lösen, ohne deshalb nach größerer Freiheit zu verlangen.
Der Eigensinn macht sich bemerkbar:
So wie bisher stimmt es nicht mehr.
Aber daraus folgt noch nicht:
Dann gestalten wir gemeinsam etwas Neues.
Dazwischen liegt Unsicherheit.
Und genau dort wartet das autoritäre Angebot:
Ihr müsst nichts Neues erfinden. Wir geben euch zurück, was euch genommen wurde.
Ordnung.
Sicherheit.
Nation.
Identität.
Kontrolle.
Eine vermeintlich bekannte Welt.
Vielleicht erleben wir deshalb keine einfache Verschiebung von links nach rechts
Möglicherweise ist das, was wir beobachten, komplizierter.
Eine alte hegemoniale Erzählung verliert an Bindekraft.
Menschen merken, dass ihre Erfahrungen nicht mehr zu ihr passen.
Damit entsteht ein offener Deutungsraum.
Die Rechte kann diesen Raum vergleichsweise leicht besetzen, weil sie an zahlreiche Bestandteile der bisherigen Hegemonie anschließen und sie radikalisieren kann.
Eine emanzipatorische Alternative müsste dagegen einen wirklichen Perspektivwechsel anbieten.
Sie müsste nicht nur andere Antworten geben.
Sie müsste andere Fragen stellen.
Nicht:
Wie werden wir wieder wettbewerbsfähiger?
Sondern:
Wer entscheidet eigentlich darüber, was, wie und für wen produziert wird?
Nicht:
Wie können wir uns den Sozialstaat noch leisten?
Sondern:
Wie wird der gesellschaftlich produzierte Reichtum verteilt?
Nicht:
Wie gewinnen wir das Vertrauen in die Politik zurück?
Sondern:
Über welche Bereiche ihres Lebens können Menschen tatsächlich demokratisch verfügen?
Sachsen-Anhalt wäre dann nicht die Erklärung, sondern ein Signal
Unter dieser Perspektive wäre die Wahl in Sachsen-Anhalt weder ostdeutsche Anomalie noch isolierter Rechtsruck.
Sie wäre ein besonders deutliches Signal für einen Prozess, der weit über Sachsen-Anhalt hinausreicht.
Die entscheidende Frage wäre dann nicht nur, warum so viele Menschen AfD gewählt haben.
Sie würde lauten:
Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn ihre bisher hegemoniale Erzählung immer weniger mit den Erfahrungen ihrer Mitglieder übereinstimmt – und keine glaubwürdige emanzipatorische Erzählung bereitsteht, die diesen Widerspruch aufnimmt?
Vielleicht erleben wir gerade den Kampf um die Antwort.
Der Ausgang ist offen.
Und gerade deshalb wäre es falsch, die Menschen lediglich zurück in die alte Erzählung holen zu wollen.
Denn möglicherweise haben sie einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit nicht verloren, weil sie ihnen schlecht vermittelt wurde.
Vielleicht glauben die Menschen sie nicht mehr, weil ihre eigenen Erfahrungen gegen sie sprechen.
Dann wäre „besser erklären“ tatsächlich keine Lösung.
Es müsste etwas anderes hinzukommen:
die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern, aus denen diese Erfahrungen entstehen – und den Menschen zutrauen, an dieser Veränderung selbst beteiligt zu sein.
*Für die Visualisierung, Recherche, Strukturierung und sprachliche Überarbeitung wurde ChatGPT von OpenAI unter Verwendung des Modells GPT-5.6 Sol eingesetzt (Zugriff: 07. September 2026).
*Für die Visualisierung, Recherche, Strukturierung und sprachliche Überarbeitung wurde ChatGPT von OpenAI unter Verwendung des Modells GPT-5.6 Sol eingesetzt (Zugriff: 07. September 2026).
