Karl Liebknecht und die Internationale der Rüstungsindustrie

Militarismus, Kapital  und transnationale Verflechtung

Detlef Endeward (04/2025 – überarbeitet 04/2026)

Die Analyse des Militarismus bei Karl Liebknecht gehört zu den konsequentesten Versuchen innerhalb der klassischen sozialistischen Theorie des frühen 20. Jahrhunderts, Krieg und Aufrüstung nicht als außenpolitische Ausnahmephänomene, sondern als strukturimmanente Bestandteile kapitalistischer Gesellschaftsformationen zu begreifen. In seinen Schriften Militarismus und Antimilitarismus, in seinen Reichstagsreden von 1913/14 sowie in den Fragmenten zur Rüstungsindustrie entwickelt er eine Perspektive, in der Militarismus als gesellschaftliches Verhältnis erscheint – vermittelt durch Staat, Ökonomie und Ideologie zugleich.

Dabei lässt sich eine deutliche Verschiebung seiner Argumentation feststellen: Während frühe Texte vor allem die innenpolitische Funktion des Militärs als Repressions- und Disziplinierungsapparat betonen, rückt in den späteren Analysen zunehmend die internationale ökonomische Verflechtung der Rüstungsproduktion in den Mittelpunkt. Diese Entwicklung kulminiert in den 1914 entstandenen Überlegungen zur internationalen Rüstungsindustrie.

Militarismus als Klassen- und Herrschaftsverhältnis

Ausgangspunkt von Liebknechts Analyse ist die These, dass Militarismus nicht auf Landesverteidigung reduzierbar ist, sondern ein „Werkzeug des Klassenkampfes“ darstellt. Damit wird das Militär aus dem Bereich bloßer Außenpolitik herausgelöst und in die Struktur gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse eingebettet. Es fungiert zugleich als Instrument nach außen (imperiale Machtpolitik) und nach innen (Repression und soziale Disziplinierung).

Diese Doppelstruktur verweist auf eine zentrale marxistische Grundannahme: Staatliche Gewaltapparate sind nicht neutral, sondern in gesellschaftliche Klassenverhältnisse eingelassen. Liebknecht radikalisiert diesen Gedanken, indem er das Militär explizit als Bestandteil kapitalistischer Herrschaftsorganisation interpretiert.

Die ökonomische Logik des Militarismus

Die Perspektive des „Werkzeugs im Klassenkampf“ wird darüber hinaus ökonomisch zugespitzt. Militarismus erscheint nicht nur als politisches, sondern als systematisch umverteilendes ökonomisches Verhältnis:

  • Er bindet staatliche Ressourcen in großem Umfang an Rüstungsausgaben,
  • entzieht dadurch soziale und infrastrukturelle Investitionen,
  • und belastet die arbeitende Bevölkerung durch Steuern und indirekte Kosten.

Liebknechts zentrale Diagnose lautet dabei auf eine „doppelte Ausplünderung“: Die Bevölkerung finanziert sowohl die Rüstung selbst als auch die sozialen Folgen ihrer Priorisierung. Gleichzeitig profitieren große Rüstungsunternehmen von einem staatlich garantierten, weitgehend krisenunabhängigen Nachfragefeld.

Militarismus ist damit nicht irrational, sondern innerhalb kapitalistischer Logik funktional: Er stabilisiert Profitmöglichkeiten in einem ansonsten schwankenden Konjunktursystem.

Die internationale Rüstungsindustrie als Strukturzusammenhang

Eine entscheidende Vertiefung erfährt diese Analyse in Liebknechts späteren Überlegungen zur Rüstungsindustrie, insbesondere in den 1914 entstandenen Fragmenten zur „Internationale der Rüstungsindustrie“ und seinen Reden in der unmittelbaren Vorkriegszeit.  Dort beschreibt Liebknecht ein hochgradig verflochtenes System der Waffenproduktion, das nationale Grenzen systematisch überschreitet.

Zentral ist dabei die Beobachtung, dass große Rüstungsunternehmen nicht auf einzelne Staaten beschränkt operieren, sondern gleichzeitig verschiedene – auch potenziell gegnerische – Armeen beliefern. Durch Exportgeschäfte, Lizenzsysteme, technische Kooperationen und Preisabsprachen entsteht ein ökonomisches Geflecht, das sich nicht mehr nationalstaatlich begrenzen lässt.

Diese Struktur lässt sich als faktische „Internationale der Rüstungsindustrie“ rekonstruieren – nicht im Sinne einer formalen Organisation, sondern als objektive Interessenverflechtung des Kapitals. Die in den Quellen von filmundgeschichte.com dokumentierten Beispiele zeigen genau diese Logik: Unternehmen agieren parallel in mehreren Staaten, teilen Technologien und sichern sich dadurch Absatzmärkte unabhängig von politischen Konstellationen.

Damit verschiebt sich der analytische Fokus entscheidend: Nicht mehr einzelne Staaten stehen im Zentrum, sondern ein transnational organisiertes Produktions- und Verwertungssystem militärischer Güter.

Strukturwiderspruch zwischen Kapital und Nation

Aus dieser Konstellation ergibt sich ein zentraler struktureller Widerspruch, der für Liebknechts Analyse konstitutiv ist: Während die ökonomischen Interessen der Rüstungsindustrie transnational organisiert sind, bleibt die politische Form weiterhin nationalstaatlich strukturiert.

Dies führt zu einer paradoxen Gleichzeitigkeit:

  • Ökonomisch besteht Kooperation über Grenzen hinweg,
  • politisch wird diese Kooperation durch nationale Feindbilder überlagert.

Die Folge ist keine Entschärfung, sondern eine potenzielle Eskalation internationaler Konflikte. Denn dieselben Produktionsstrukturen, die mehrere Staaten beliefern, profitieren gerade von wachsender politischer Spannung und Rüstungsdynamik.

Ideologische Verschleierung und nationale Mobilisierung

Diese strukturelle Verflechtung bleibt jedoch gesellschaftlich weitgehend unsichtbar. Genau hier setzt die ideologische Funktion des Militarismus ein. Das Militär und die ihm zugehörige politische Rhetorik erzeugen nationale Kohärenz, Loyalität und Feindbilder, die die tatsächlichen ökonomischen Verflechtungen verdecken.

Während Kapitalinteressen international operieren, wird gesellschaftliche Zustimmung national organisiert. Diese Asymmetrie zwischen ökonomischer Struktur und politischer Wahrnehmung ist ein zentraler Mechanismus stabilisierter Kriegsvorbereitung.

Militarismus als Vermittlungsform von Kapital und Staat

Liebknechts Analyse lässt sich insgesamt als frühe Theorie eines strukturellen Zusammenhangs von Kapitalakkumulation, Staatsmacht und Krieg interpretieren. Ihre Besonderheit liegt nicht in einer vollständigen Systematisierung, sondern in der präzisen Diagnose eines grundlegenden Widerspruchs moderner Gesellschaften:

  • Kapital ist in seiner Verwertung global vernetzt,
  • politische Herrschaft bleibt national organisiert,
  • und Militarismus vermittelt zwischen beiden Ebenen.

Die von filmundgeschichte.com dokumentierten Texte zur internationalen Rüstungsindustrie verdeutlichen dabei besonders klar, dass Liebknechts Analyse über eine rein nationale Kapitalismuskritik hinausgeht und bereits eine frühe Form der Theorie transnationaler Produktionsverflechtungen im Rüstungssektor darstellt.

Im Vergleich zu späteren Konzepten wie dem „militärisch-industriellen Komplex“ bleibt sein Ansatz politisch zugespitzter und weniger institutionell ausdifferenziert. Seine Stärke liegt jedoch gerade darin, den Militarismus nicht nur als Politikfeld, sondern als Strukturform kapitalistischer Gesellschaften zu begreifen.

Karl Liebknecht:
Militarismus und Antimilitarismus
unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung

„Der Militarismus ist nichts spezifisch Kapitalistisches. Er ist vielmehr allen Klassengesellschaftsordnungen, von denen die kapitalistische die letzte ist, eigen und wesentlich. Freilich entwickelt der Kapitalismus ebenso wie jede andere Klassengesellschaftsordnung seine besondere Sorte MilitarismusA; denn der Militarismus ist seinem Wesen nach Mittel zum Zweck oder zu mehreren Zwecken, die je nach der Art der Gesellschaftsordnung verschieden und je nach ihrer Verschiedenheit auf verschieden gearteten Wegen zu erreichen sind. Das tritt nicht nur im Heerwesen zutage, sondern auch im übrigen Inhalt des Militarismus, der sich aus der Erfüllung seiner Aufgaben ergibt.

Der kapitalistischen Entwicklungsstufe entspricht am besten das Heer der allgemeinen Wehrpflicht, das aber, obwohl ein Heer aus dem Volke, kein Heer des Volkes, sondern ein Heer gegen das Volk ist, oder mehr und mehr dazu umgearbeitet wird.“


Gesamtinhalt

Vorwort

Erster Teil: Militarismus

  1. Allgemeines
  2. Von Wesen und Bedeutung des Militarismus – 2. Entstehung und Grundlage der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse – 3. Einiges aus der Geschichte des Militarismus
  3. Der kapitalistische Militarismus

Vorbemerkung – 1. „Militarismus nach außen“, Marinismus und Kolonialmilitarismus – Kriegsmöglichkeiten und Abrüstung – 2. Proletariat und Krieg – 3. Grundzüge des „Militarismus nach innen“ und seine Aufgabe – 4. Heeresverfassung in einigen ausländischen Staaten – 5. Folgerungen – Russland

III. Mittel und Wirkungen des Militarismus

  1. Das unmittelbare Ziel – 2. Militaristische Pädagogik – Soldatenerziehung – Offiziös- und halbmilitärische Organisationen der Zivilbevölkerung – Sonstige militaristische Beeinflussung der Zivilbevölkerung – Der Militarismus als Machiavellismus und als politischer Regulator
  2. Besonderes von einigen Hauptsünden des Militarismus
  3. Die Soldatenmisshandlungen oder der Militarismus als reuiger und doch unverbesserlicher Sünder – Zwei Zwickmühlen – 2. Die Kosten des Militarismus oder La douloureuse – Noch eine Zwickmühle – 3. Die Armee als Werkzeug gegen das Proletariat im wirtschaftlichen Kampf – Vorbemerkung – Soldaten als Konkurrenten gegen freie Arbeiter – Armee und Streikbruch – 4. Säbels und Flintenrecht gegen Streiks – Vorbemerkung – Italien – Österreich-Ungarn – Belgien – Frankreich – Vereinigte Staaten – Kanada – Schweiz – Norwegen – Deutschland – 5. Kriegervereine und Streiks – 6. Die Armee als Werkzeug gegen das Proletariat im politischen Kampf oder das Recht der Kanonen – 7. Kriegervereine im politischen Kampfe – 8. Der Militarismus, eine Gefährdung des Friedens – 9. Die Schwierigkeiten der proletarischen Revolution

Zweiter Teil: Antimilitarismus

  1. Antimilitarismus der alten und neuen Internationale
  2. Der Antimilitarismus im Auslande unter besonderer Berücksichtigung der Jugendorganisationen

Belgien – Frankreich – Italien – Schweiz – Österreich – Ungarn – Holland – Schweden – Norwegen – Dänemark – Amerika – Spanien – Finnland – Russland – Internationale antimilitaristische Organisation

III. Die Gefahren des Antimilitarismus

  1. Antimilitaristische Taktik
  2. Taktik gegen den äußeren Militarismus – 2. Taktik gegen den inneren Militarismus – 3. Anarchistischer und sozialdemokratischer Antimilitarismus
  3. Die Notwendigkeit einer besonderen antimilitaristischen Propaganda
  4. Der Antimilitarismus in Deutschland und die deutsche Sozialdemokratie

VII. Die antimilitaristischen Aufgaben der deutschen Sozialdemokratie


Karl Liebknecht: Militarismus und Antimilitarismus, Leipzig 1907.
Nach Gesammelte Reden und Schriften, Band 1, S. 249-456,
Nachdruck Weltkreis-Verlag-GmbH, Dortmund 1971 und Militarismus und Antimilitarismus]

Das Kruppsche Unternehmen ist heute Aktiengesellschaft, aber nur der Form nach; in Wahrheit reiner Familienbesitz. Die Zusammenhänge eines solchen Unternehmens mit anderen kapitalistischen Unternehmungen und mit der Staats- und Militärverwaltung sind nicht so leicht an der Hand des Adressbuches der Direktoren und Aufsichtsräte und des Zahlstellenverzeichnisses, der Geschäftsberichte und Bilanzen erschöpfend zu erkennen. Die geschäftlichen Beziehungen greifen hier leichter ins Persönliche über und umgekehrt; Verwandtschaft und Freundschaft können eine ähnliche Rolle spielen wie in der Diplomatie zur Zeit des Feudalismus und Absolutismus, zur Zeit der Kabinettskriege. Es handelt sich ja schließlich um ein Stück wirtschaftlichen Despotismus, das eine derartige kapitalistische Organisation darstellt. Man ist natürlich mit Offizieren und Staatsbeamten in höheren Stellungen verwandt, sogar nahe verwandt, und befreundet, sogar eng befreundet. Natürlich gilt das gleiche wiederum von den Direktoren und Aufsichtsräten der Firma Krupp, die durch ungeheure Gehälter an der Firma und ihrem Wohlergehen stark interessiert sind. Auch sie, wie an anderer Stelle gezeigt, zum größten Teil dem höheren Beamten- und Offiziersstand entstammend, haben durch Verwandtschaft und Freundschaft und aus früherer Kameradschaft her allerhand Fäden. Zur Bürokratie und der Militärverwaltung kommen noch die intimsten Beziehungen zu den verschiedenen Souveränen und insbesondere zu dem deutschen Kaiser und dem ganzen Kaiserhause hinzu in diesem Falle Krupp; so kann man sich ausmalen, welch ein Grad jener von Herrn Witting so gesegneten und gepriesenen Symbiose zwischen dem Staat und einem solchen Unternehmen sich herausgebildet hat, und die geschäftlichen Beziehungen tragen ihre eigene Konsequenz in der gleichen Richtung in sich. So ist es natürlich kein Wunder, dass sich schließlich die Auffassung festsetzt, Krupp und das Reich sind eins, wenn nicht gar Krupp als ein geheimer Nebenkaiser oder gar Überkaiser empfunden wird. Dieser Zustand bedeutet an und für sich bereits eine schwere Gefahr für die Unabhängigkeit und Pflichtmäßigkeit der Staatsverwaltung. Da heißt es denn nach jenem primitiven Empfinden: Noblesse oblige! Die Stellung einer solchen Firma [ist] schon an und für sich so fabelhaft günstig, so unerhört bevorzugt, dass jeder Versuch, der Firma darüber hinaus noch besondere Erleichterungen im Konkurrenzkampf zu verschaffen, auf einen ganz elementaren Widerspruch allenthalben wird stoßen müssen. Wenn man erfahren musste, wie Krupp das Deutsche Reich im Verhältnis zu dem Ausland bei den Panzerplattenlieferungen überteuerte, auswucherte, so zeigt dies mit erschreckender Deutlichkeit die Gefahr einer solchen Monopolstellung. Als man aber erfuhr, dass sich Krupp nicht schämte, in schmutziger Weise, wie irgendein beliebiger Fabrikant, der ins Geschäft zu kommen sucht, durch Traktamente, Schmiergelder, Bestechungen unter grober Überschreitung des Strafgesetzes systematisch Jahre hindurch durch ganze Generationen von Zeugfeldwebeln und Militärbeamten in der Zentrale der Militärverwaltung Korruption sät, demoralisierend wühlt und bohrt, um sich noch besondere, ungesetzliche Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen, so musste dies allerdings, um das Wort einer liberalen Zeitung zu gebrauchen, dem Fass den Boden ausschlagen und eine stürmische Empörung hervorrufen. Kernfäule war es, was man hier entdeckte, Kernfäule in der Zentrale der Militärverwaltung, Kernfäule in der Zentrale des trotz alledem gewaltigsten industriellen Unternehmens und der unbedingt riesenhaftesten, in einer einzigartigen, unvergleichlichen Position dastehenden, selbst den Kern der deutschen Rüstungsindustrie, ja die berühmteste Rüstungsfabrik der Welt bildenden Firma Krupp. Nicht Hinz und Kunz ist Krupp, das gilt’s zu beachten! Die Kruppsche Korruption mit den geschäftlichen Schmierereien anderer Firmen auf die gleiche Stufe stellen geht um nichts in der Welt an. Hier handelt es sich nicht um die Kleinen von den Meinen, sondern um den Sturz eines Erzengels des Kapitalismus, ja des Abgotts der hochkapitalistischen Welt selbst in den Sündenpfuhl schmutzigen Alltagsgeschäftsgeistes. (…)


Vollständiger Text:

Aus einem unvollendeten Manuskript
[Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Zentrales Parteiarchiv, NL 1/22, Bl. 29-32; NL 1/30, Bl. 26-30, 46-51, 63/64,76-78, 96-101,140-144,169-172,173,174/175, 178/179,188-191
und Karl Liebknecht: Reden und Aufsätze. Hrsg. von Julian Gumperz, Hamburg 1921, S. 72-74.

Nach Karl Liebknecht, Gesammelte Reden und Schriften, Band 7, S. 3-33]
Sozialistische Klassiker 2.0

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