Strukturtheoretisch-empirisches Modell der faschistischen Krisenlösung

Faschismus als Antwort auf die kapitalistische Strukturkrise

Detlef Endeward (04/2026)

Der Faschismus lässt sich politisch-ökonomisch nicht adäquat als rein ideologische Bewegung oder als Ergebnis individueller Entscheidungsmacht erklären, sondern als spezifische Krisenform kapitalistischer Herrschaftsreproduktion. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die kapitalistische Produktionsweise durch wiederkehrende Krisendynamiken gekennzeichnet ist, in denen die Stabilität von Akkumulation, sozialer Integration und politischer Legitimation unter Druck gerät.

In dieser Perspektive erscheint der Faschismus als eine historisch kontingente, aber strukturell ermöglichte Form autoritärer Krisenlösung, die auf die Reorganisation gesellschaftlicher Machtverhältnisse unter Bedingungen verschärfter Klassenantagonismen und politischer Instabilität zielt. Entscheidend ist dabei, dass diese Struktur nicht außerhalb des Handelns existiert: Gesellschaftliche Strukturen werden ausschließlich durch das konkrete Handeln sozialer Akteure innerhalb historisch vorgegebener Möglichkeitsräume reproduziert und transformiert.

Damit verbindet sich eine doppelte Analyseperspektive:

  1. Strukturebene (politische Ökonomie des Kapitalismus):
    Der Faschismus entsteht im Kontext einer Krise der kapitalistischen Reproduktion, in der die bestehenden politischen Institutionen (parlamentarische Demokratie, Parteienpluralismus, Gewerkschaftssystem) ihre Fähigkeit zur Konfliktintegration verlieren. In dieser Situation wird der Staat als Verdichtungsform gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse (im Sinne einer strukturellen Materialisierung von Klassen- und Fraktionsinteressen) zum zentralen Austragungsort der Krisenbearbeitung.
  2. Akteursebene (Netzwerke und Entscheidungen):
    Die Durchsetzung faschistischer Herrschaft erfolgt nicht automatisch aus Strukturzwängen, sondern über konkrete Akteurskonstellationen, insbesondere politische Eliten, wirtschaftliche Interessenverbände und staatliche Entscheidungsträger. Diese handeln innerhalb eines durch die Krise verengten Möglichkeitsraums, in dem autoritäre Optionen zunehmend als funktional erscheinen. Empirisch lassen sich diese Prozesse über Netzwerkstrukturen, Interessenorganisationen und wirtschaftspolitische Maßnahmen rekonstruieren.

Die zentrale analytische Einsicht liegt in der Verschränkung beider Ebenen: Strukturen sind nicht unabhängig von Handlung, sondern nur als reproduzierte Handlungsmuster unter stabilisierten Rahmenbedingungen kapitalistischer Vergesellschaftung zu begreifen. Umgekehrt sind Akteure nicht frei, sondern bewegen sich innerhalb historisch sedimentierter Macht- und Produktionsverhältnisse.

In dieser Perspektive ist der Faschismus weder bloßer Ausdruck ökonomischer „Steuerung“ durch einzelne Kapitalfraktionen noch autonome Massenbewegung, sondern das Ergebnis einer konjunkturellen Konvergenz von Strukturkrise, staatlicher Reorganisation und akteursvermittelten Machtentscheidungen.


 

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