Die geschichtliche Organisation der Arbeitsvermögen

Arbeit, Natur, gesellschaftliche Trennung und Eigensinn bei Marx, Sohn-Rethel und Negt/Kluge

Detlef Endeward (04/2026, überarbeitet 08/2026)

Der Begriff der „geschichtlichen Organisation der Arbeitsvermögen“ bildet einen zentralen theoretischen Zugang im Werk von Oskar Negt und Alexander Kluge. Er zielt darauf, Arbeit nicht als isolierte ökonomische Tätigkeit zu begreifen, sondern als umfassenden gesellschaftlichen Prozess der Formierung menschlicher Fähigkeiten. Geschichte und Eigensinn setzt deshalb programmatisch bei der „Entstehung der Arbeitsvermögen aus der Trennung“ an (Negt/Kluge 1981, S. 27 ff.). Arbeitsvermögen umfassen dabei weit mehr als die klassische marxistische Kategorie der „Arbeitskraft“. Gemeint sind komplexe Dispositionen wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Affekte, Imagination, körperliche Fähigkeiten sowie soziale Vermögen wie Kooperation, Vertrauen und Konfliktfähigkeit. Negt und Kluge beziehen ausdrücklich so unterschiedliche Vermögen wie Kraft- und Feingriffe, List, Gehirn, Selbstregulierung und „Hautnähe“ ein. Auch Eigensinn und widerständige Potenziale gehören dazu. Diese Vermögen sind nicht einfach naturgegeben, sondern Resultat natur- und gesellschaftsgeschichtlicher Prozesse (Negt/Kluge 1981, insbesondere S. 27 ff., 45 ff.).

Mit dem Ausdruck „geschichtliche Organisation“ machen Negt und Kluge deutlich, dass diese Fähigkeiten in spezifischen gesellschaftlichen Konstellationen hervorgebracht, geformt, miteinander verbunden, voneinander getrennt und selektiert werden. Erziehungssysteme, Produktionsweisen und Arbeitsorganisation, technische Entwicklungen, Familienstrukturen, Geschlechterverhältnisse, Kriege, Migration, Kultur und Medien wirken dabei zusammen. Jede Epoche bringt eigene Formen dieser Organisation hervor: Handwerkliche Produktion verlangt und entwickelt andere Fähigkeiten als industrielle Massenarbeit oder digitalisierte und automatisierte Produktionsprozesse. Entsprechend verändern sich Wahrnehmungsweisen, Zeitstrukturen und soziale Beziehungen. Arbeitsvermögen sind somit historisch sedimentierte Ergebnisse gesellschaftlicher Praxis.

Damit knüpft der Ansatz an Marx an, erweitert jedoch die Perspektive. Marx bestimmt Arbeit als einen Prozess zwischen Mensch und Natur, in dem der Mensch seinen „Stoffwechsel mit der Natur“ vermittelt und durch die Veränderung der äußeren Natur zugleich seine eigene Natur verändert (Das Kapital, Bd. I, MEW 23, S. 192). Arbeit produziert daher nicht nur Gegenstände. Im Arbeitsprozess entwickeln und verändern Menschen zugleich ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Die Geschichte der Arbeit ist insofern immer auch Geschichte der Bildung und Veränderung menschlicher Arbeitsvermögen. Dieser Zusammenhang wird in den Beiträgen Naturverständnis bei Marx und Arbeit als Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur ausführlicher entwickelt.

Die geschichtliche Organisation der Arbeitsvermögen bedeutet allerdings nicht nur deren Entwicklung, sondern ebenso ihre Trennung und Hierarchisierung. Hier lässt sich die Argumentation von Negt und Kluge mit Alfred Sohn-Rethels Untersuchung Geistige und körperliche Arbeit verbinden. Sohn-Rethel begreift die Trennung von „Kopf und Hand“, von geistiger und körperlicher Arbeit, nicht als naturgegebene Differenz menschlicher Fähigkeiten, sondern als historisch entstandenes gesellschaftliches Verhältnis (Sohn-Rethel 1970). Die gesellschaftliche Arbeitsteilung verteilt unterschiedliche Arbeitsvermögen auf verschiedene Tätigkeiten und gesellschaftliche Gruppen und trennt insbesondere Konzeption und Ausführung, Wissen und unmittelbare praktische Tätigkeit voneinander. Die kapitalistische Produktionsweise entwickelt diese Trennung mit Manufaktur, Maschinerie, wissenschaftlich-technischer Produktionsorganisation und schließlich dem Taylorismus weiter. Geistige und körperliche Vermögen bleiben Bestandteile eines gesellschaftlichen Gesamtarbeitsprozesses, werden aber institutionell getrennt und mit unterschiedlicher Verfügungsmacht ausgestattet.

Sohn-Rethels Analyse präzisiert damit einen wichtigen Aspekt der „geschichtlichen Organisation der Arbeitsvermögen“: Gesellschaft produziert Fähigkeiten nicht lediglich, sondern ordnet, trennt und hierarchisiert sie. Produktivkraftentwicklung bedeutet deshalb keineswegs notwendig eine gleichmäßige Entfaltung der Fähigkeiten der einzelnen Produzenten. Gesellschaftliches Wissen kann wachsen, während die Verfügung des einzelnen Arbeitenden über den Gesamtprozess abnimmt. Die Entwicklung gesellschaftlicher Produktivkräfte kann insofern mit der Enteignung der Produzenten von Wissen, Erfahrung, Planung und Entscheidung einhergehen. Die Trennung geistiger und körperlicher Arbeit ist damit zugleich eine Trennung gesellschaftlicher Erkenntnis- und Verfügungsmöglichkeiten. Sohn-Rethels spätere Auseinandersetzung mit dem Taylorismus führt diesen Zusammenhang ausdrücklich auf die Organisation des modernen Produktionsprozesses zurück.

Diese Organisation ist deshalb kein neutraler Prozess. Sie ist immer auch mit Macht und Herrschaft verbunden. Bestimmte Fähigkeiten werden gefördert, andere marginalisiert, abgespalten oder unterdrückt. Disziplin, Anpassung und funktionale Spezialisierung können an die Stelle umfassender Erfahrung und Verfügung über den eigenen Arbeitsprozess treten. Die lebendigen Potenziale der Menschen werden in gesellschaftliche Produktions- und Verwertungszusammenhänge eingespeist, in denen ihre eigene Vorgeschichte und ihre Bedeutung für den Gesamtprozess weitgehend unsichtbar werden. Die politische Ökonomie der Arbeitskraft verschwindet damit hinter der scheinbar autonomen Bewegung des Kapitals.

Negt und Kluge setzen genau an diesem Problem an. Die Logik des Kapitals erklärt nicht, wie Menschen ihre Lebendigkeit und ihre Arbeitsvermögen hervorbringen. Deshalb entwickeln sie Elemente einer „politischen Ökonomie der Arbeitskraft“. In einer späteren Erläuterung beschreibt Negt das methodische Vorgehen in Analogie zu Marx: So wie Marx von der Ware ausgehe und aus deren innerem Widerspruch gesellschaftliche Totalität rekonstruiere, werde in Geschichte und Eigensinn von den einzelnen Arbeitsvermögen ausgegangen. Entscheidend sei dabei gerade die Frage, wie sich Arbeitskraft zusammensetzt (Negt, in: Schulte/Stollmann 2005).

Der theoretische Gewinn dieses Ansatzes liegt darin, den Fokus von der bloßen Analyse des Arbeitsprozesses auf die gesellschaftliche Produktion des Menschen selbst zu verschieben. Die Geschichte der Arbeit erscheint als Geschichte der Formierung, Entwicklung, Trennung und Reorganisation menschlicher Fähigkeiten. Diese Perspektive erweitert die Marxsche Analyse, indem sie nicht nur die Ware Arbeitskraft und deren Verwertung, sondern auch die Entstehung und Eigenlogik der ihr vorausgesetzten körperlichen, geistigen, emotionalen und sozialen Vermögen in den Blick nimmt. Arbeit wird zu einem umfassenden gesellschaftlichen Zusammenhang, in dem Menschen zugleich produzieren, gesellschaftlich geformt werden und sich selbst verändern.

Zugleich gehen die menschlichen Arbeitsvermögen nicht vollständig in ihrer gesellschaftlichen Verwendung auf. Hier erhält der Begriff des Eigensinns seine zentrale Bedeutung. Eigensinn bezeichnet nicht lediglich individuellen Starrsinn oder bewussten Widerstand. Gemeint ist vielmehr die Eigenlogik historisch entstandener menschlicher Eigenschaften gegenüber ihrer vollständigen Funktionalisierung. Gesellschaftliche Verhältnisse können Arbeitsvermögen formen, voneinander trennen, unterdrücken oder für bestimmte Zwecke nutzen; sie können ihre Entstehungsbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten jedoch nicht vollständig kontrollieren. Gerade deshalb sind für Negt und Kluge Geschichtsprozesse ohne den Eigensinn menschlicher Eigenschaften nicht zu verstehen.

Die geschichtliche Organisation der Arbeitsvermögen bleibt damit ein konflikthaftes Feld. Spannungen entstehen zwischen lebendiger und toter Arbeit, zwischen gesellschaftlichem Wissen und individueller Verfügung darüber, zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, zwischen individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlicher Verwertungslogik sowie zwischen Anpassung und Eigensinn. Die Entwicklung der Produktivkräfte erzeugt neue Fähigkeiten und Möglichkeiten und kann gleichzeitig bestehende Fähigkeiten entwerten, fragmentieren oder fremden Zwecken unterordnen.

Diese Perspektive lässt sich zugleich auf das gesellschaftliche Naturverhältnis erweitern. Wenn Arbeit mit Marx als Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur verstanden wird, dann betrifft die kapitalistische Organisation des Arbeitsprozesses immer beide Seiten: die Aneignung menschlicher Arbeitsvermögen und die Aneignung außermenschlicher Natur. Menschliche Arbeitskraft, gesellschaftliches Wissen, Rohstoffe und Energie werden in denselben Produktions- und Verwertungsprozess einbezogen. Die im Beitrag Arbeitsprozess, Hegemonie und ökologische Extraktion entwickelte Perspektive macht sichtbar, dass die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und die extensive Aneignung natürlicher Ressourcen keine voneinander isolierten Vorgänge sind.

Auch Sohn-Rethels Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit erhält in diesem Zusammenhang eine zusätzliche Bedeutung. Werden Planung und Entscheidung von der unmittelbaren praktischen Tätigkeit getrennt, können sich abstrakte ökonomische Kalküle gegenüber den konkreten Erfahrungen von Arbeitenden und gegenüber den materiellen und ökologischen Folgen der Produktion verselbständigen. Diejenigen, die über Investition, Produktion und Ressourceneinsatz verfügen, müssen deren körperliche, lokale und ökologische Konsequenzen nicht unmittelbar erfahren. Die gesellschaftliche Trennung der Arbeitsvermögen betrifft deshalb nicht nur die Herrschaft über Menschen, sondern vermittelt zugleich die gesellschaftlich organisierte Herrschaft über Natur.

Damit lässt sich der Zusammenhang als eine Bewegung fassen:

Naturverhältnis ↔ Arbeitsprozess ↔ Entwicklung und Trennung der Arbeitsvermögen ↔ gesellschaftliche Arbeitsteilung ↔ Herrschaft und Hegemonie ↔ Kapitalverwertung.

In diesen Zusammenhängen sehen Negt und Kluge zugleich Möglichkeiten politischer Intervention. Eigensinn und Gegenöffentlichkeit markieren Räume, in denen Erfahrungen artikuliert und alternative Formen gesellschaftlicher Organisation entwickelt werden können. Emanzipation betrifft daher nicht allein die Verteilung gesellschaftlich erzeugter Produkte. Sie stellt auch die Frage, wer über die gesellschaftlich produzierten Fähigkeiten, über Wissen, Planung und Entscheidung verfügt und zu welchen Zwecken diese eingesetzt werden.

Hier liegt zugleich eine Verbindung zur Entwicklung von Gesellschaftskompetenzen. Kompetenzen wären aus dieser Perspektive nicht primär individuell verfügbare und für wechselnde gesellschaftliche Anforderungen mobilisierbare „Skills“. Sie beruhen selbst auf geschichtlich entstandenen Arbeits-, Erfahrungs-, Beziehungs- und Orientierungsvermögen. Gesellschaftskompetenz kann deshalb nicht darin bestehen, Menschen lediglich für ihre jeweilige gesellschaftliche Teilfunktion kompetenter zu machen. Sie muss dazu beitragen, gesellschaftlich erzeugte Trennungen erkenntnismäßig zu überschreiten: den eigenen Teilprozess im gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang zu begreifen, getrennte Wissens- und Erfahrungsbestände wieder aufeinander zu beziehen und die Trennung zwischen Ausführung, Wissen und gesellschaftlicher Verfügung kritisch reflektieren zu können.

Zusammenfassend bezeichnet die „geschichtliche Organisation der Arbeitsvermögen“ die historisch variable, gesellschaftlich strukturierte und konflikthafte Hervorbringung menschlicher Fähigkeiten. Mit Sohn-Rethel lässt sich präzisieren, dass diese Organisation immer auch Trennung, gesellschaftliche Verteilung und Hierarchisierung von Arbeitsvermögen einschließen kann. Marx‘ Verständnis der Arbeit als Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur bildet dafür eine grundlegende theoretische Voraussetzung: Menschen verändern durch Arbeit die Natur und zugleich sich selbst. Unter kapitalistischen Produktionsbedingungen erfolgt diese Selbst- und Naturveränderung jedoch innerhalb spezifischer Eigentums-, Herrschafts- und Verwertungsverhältnisse.

Negt und Kluge erweitern diese Perspektive, indem sie die Vorgeschichte, Zusammensetzung und Eigenlogik der menschlichen Arbeitsvermögen selbst zum Gegenstand machen. Diese Vermögen werden gesellschaftlich hervorgebracht, organisiert, getrennt und funktionalisiert, gehen darin jedoch nicht vollständig auf. Ihr Eigensinn verweist auf nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten menschlicher und gesellschaftlicher Entwicklung. Die Geschichte der Arbeit ist deshalb nicht nur Geschichte wechselnder Produktionsweisen und Arbeitsorganisationen, sondern zugleich Geschichte der gesellschaftlichen Organisation menschlicher Möglichkeiten.


Literatur

  • Marx, Karl (1867): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. MEW 23. Berlin: Dietz, insbesondere S. 192 ff.
  • Negt, Oskar/Kluge, Alexander (1972): Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Negt, Oskar/Kluge, Alexander (1981): Geschichte und Eigensinn. Geschichtliche Organisation der Arbeitsvermögen – Deutschland als Produktionsöffentlichkeit – Gewalt des Zusammenhangs. Frankfurt am Main: Zweitausendeins, insbesondere S. 27 ff. und 45 ff.
  • Schulte, Christian/Stollmann, Rainer (Hg.) (2005): Der Maulwurf kennt kein System. Beiträge zur gemeinsamen Philosophie von Oskar Negt und Alexander Kluge. Bielefeld: transcript.
  • Sohn-Rethel, Alfred (1970): Geistige und körperliche Arbeit. Zur Theorie der gesellschaftlichen Synthesis. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Braverman, Harry (1977): Die Arbeit im modernen Produktionsprozeß. Frankfurt am Main/New York: Campus.
  • Gramsci, Antonio: Gefängnishefte. Hamburg: Argument.
  • Krahl, Hans-Jürgen (1971): Konstitution und Klassenkampf. Frankfurt am Main: Neue Kritik.
Weiterführende Beiträge in der Lernwerkstatt Film und Geschichte

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